Mittwoch, 23. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken
  4. Sprache und Individualsprache
  5. Zufallssinne
  6. Bewegung statt Verhalten
  7. Parallelismus
  8. Logik contra Selbstbeobachtung
  9. Expressivität
  10. Seele und Leib
  11. Worte statt Phänomene
  12. Anklänge
Ich habe schon in den vorangegangenen Posts mehrfach auf Parallelen in Mauthners Sprachkritik zu späteren Positionen anderer Denker hingewiesen. Zum Schluß möchte ich noch einmal auf diese ‚Anklänge‘ zurückkommen und sie in loser Folge vorstellen.

– Sheldrake (05.02.2013):
Mauthner spricht an verschiedenen Stellen von „Wellen“ und „Schwingungen“, die sich im Weltraum ins Unendliche ausdehnen, was an die nichtlokale Wirkungsweise der Sheldrakeschen morphogenetischen Felder erinnert. (Mauthner 2/1906, S.227, 282, 328f.) Aber noch interessanter finde ich seinen Vergleich des Aktionspotentials in den Nervenzellen mit der Gravitation: „Es muß die Bereitschaft in der Ganglienzelle, bevor durch eine Anregung Denken oder Sprechen ausgelöst wird, mit der latenten Gravitation des ruhenden Steines manche Ähnlichkeit haben.“ (Mauthner 2/1906, S.227) – Die ‚ruhende‘ Schwerkraft des Steines mit dem ‚ruhenden‘ Aktionspotential einer Nervenzelle zu vergleichen, hat, wie ich finde, etwas ungeheuer Anregendes. Auch Sheldrake verwendet die Gravitationsmetapher.

– Damasio (21.07.2011; 19.08.2012):
Mauthner spricht von einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne, einem „Nadelöhr“ des Bewußtseins, das immer nur wenige Wörter eines Textes gleichzeitig wahrnimmt. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.96, 514) Dieses Nadelöhr entspricht den „Pulsen“ des Kernselbst, wie sie Damasio beschrieben hat.

– Anders/Husserl (23.01.2011/05.05.2013):
Günther Anders kritisiert an den Fernsehnachrichten, daß die über die Monitore in die Wohnstuben abgestrahlten ‚Bilder‘ die Subjekt-Prädikat-Struktur der Nachrichten verbergen. Sätze mit ihrer Syntax bieten gegenüber den Bildern den Vorteil, daß wir es ihnen direkt ansehen bzw. anhören, daß wir es bei ihnen nicht mit der Wirklichkeit selbst zu tun haben, sondern nur mit Prädikaten. ‚Bilder‘ sind zwar auch nur Prädikate, nämlich bestimmte Blickwinkel, die nicht die ganze Wirklichkeit zeigen. Aber man sieht ihnen diese prädikative Struktur nicht an. Hier heißt ‚sehen‘ immer auch ‚glauben‘.
Husserl wiederum verweist auf die Subjekt-Prädikat-Struktur der Descartesschen Gewißheitsformel: der Gewißheit meiner selbst korrespondiert immer auch die Gewißheit einer Welt, einer Innenwelt wie auch einer Außenwelt. „Ich denke, also bin ich“, heißt deshalb vollständig: „ich denke eine Welt, also bin ich“. Erst diese Prädikatstruktur macht den Satz über die Selbstgewißheit vollständig.
Ganz ähnlich argumentiert Mauthner in seinem Kapitel zur Syntax. (Vgl. Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd.III: Zur Grammatik und Logik, 2/1913, S.185-223) Ihm zufolge bildet jeder Satz ein Prädikat. Das eigentliche Subjekt besteht in den Umständen, die das Aussprechen eines Satzes begleiten. Deshalb brauchen Sätze, wenn man die Umstände kennt, grammatisch auch nicht vollständig zu sein: „Für den, der mit den begleitenden Umständen Bescheid weiß, ist die flüchtigste Tagebuchnotiz ebenso inhaltreich und deutlich, wie der aus ihr entwickelte einfache Satz und wie die reichere Periode.“ (Mauthner 2/1913, S.191)
Fritz Mauthner zufolge ist die ganze Syntax auf diese Subjekt–Prädikat-Struktur reduzierbar. Das Satzsubjekt ist immer ein in eine Lebenswirklichkeit eingebettetes Ich bzw. Wir. (Vgl. Mauthner 2/1913, S.205) Im Gespräch haben zwei Menschen diese gemeinsame Lebenswirklichkeit unmittelbar vor Augen. Deshalb brauchen sie auch nicht in vollständigen, grammatisch wohlgeformten Sätzen zu sprechen, weil sie immer wissen, worauf sich ihre Worte beziehen. Alle Worte bilden Prädikate in Bezug auf die Situation, in der sich die Gesprächspartner während ihres Gesprächs befinden.

– Dux (10.09.2012)
Günter Dux spricht vom logischen Absolutismus, einer Selbsttäuschung des Menschen, die darin besteht, daß er allen Naturereignissen ein Handlungssubjekt zuzuordnen versucht. Ganz ähnlich kritisiert Mauthner die Übertragung des Verbums auf Naturprozesse: „Es gibt kein Verbum in der zwecklosen Natur; das Verbum ist eine Zusammenfassung unter menschlichen Zwecken.“ (Mauthner 2/1906, S.77)

– Wiesing (04.06.-05.06.2010)
Wiesing spricht in seinem Buch „Das Mich der Wahrnehmung“ (2009) davon, daß das Wahrnehmungssubjekt kein ‚Ich‘, sondern ein ‚Mich‘ bildet. Es konstruiert nicht seine Wahrnehmungserlebnisse, sondern es erleidet sie. Es ist wesentlich passiv. So sieht das auch Mauthner: „In der Wirklichkeit sind es immer die Sinne des Subjekts, welche einen Eindruck von außen erfahren, in der Wirklichkeit ist also das Beobachten, z.B. das Sehen, immer etwas Passives. Aus diesem letzten Grunde schon ist die Ursprünglichkeit der aktiven Verbalform verdächtig; aus diesem letzten Grunde schon wäre es vorstellbar, daß der Begriff ‚sehen‘ ursprünglich ‚scheinen‘ oder ‚glänzen‘ (beziehungsweise ‚beglänzt werden‘) bedeutet haben könnte. ...  Meine Empfindung ‚grün‘ ist ursprünglich die, daß ich begrünt werde, daß mich die Wiese begrünt ...“ (Mauthner 2/1906, S.298f.)

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Dienstag, 22. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken
  4. Sprache und Individualsprache
  5. Zufallssinne
  6. Bewegung statt Verhalten
  7. Parallelismus
  8. Logik contra Selbstbeobachtung
  9. Expressivität
  10. Seele und Leib
  11. Worte statt Phänomene 
  12. Anklänge
Mauthner hätte ein Phänomenologe sein können, der die Dinge als Erscheinungen, als Phänomene, ernstnimmt. Es gibt Stellen in seinem Buch, die den Kern des phänomenologischen Vorgehens auf den Punkt bringen. Wie Lambert Wiesing („Das Mich der Wahrnehmung“ (2009); vgl. meine Posts vom 04.06. bis 05.06.2010) hebt Mauthner die Passivität des Wahrnehmungserlebnisses hervor: „In der Wirklichkeit sind es immer die Sinne des Subjekts, welche einen Eindruck von außen erfahren, in der Wirklichkeit ist also das Beobachten, z.B. das Sehen, immer etwas Passives.“ (Mauthner 2/1906, S.298)

An anderer Stelle verweist Mauthner auf die biologische Universalität von Erlebnisqualitäten, in denen er auch wieder das passive Moment, das Erleiden von Außenwelteindrücken hervorhebt: „Es ist kein Zufall, daß ‚Empfindung‘ mit αίσυησις, παυος, passio, sensation (französisch und englisch), feeling übersetzt oder ausgedrückt worden ist. ‚Erlebnis‘ wäre ein gutes deutsches Wort dafür, wenn es nicht schon wieder durch Schulmißbrauch nichtssagend geworden wäre. ... Was irgend lebt, erlebt irgend etwas.“ (Mauthner 2/1906, S.312f.)

Mauthner geht sogar so weit von „Tatsachen des Bewußtseins“ (Mauthner 2/1906, S.472) bzw. von „Tatsachen unseres Seelenlebens“ (Mauthner 2/1906, S.236) zu sprechen, was sich zunächst wie eine contradictio in adjecto anhört, da Tatsachen immer als im engeren Sinne ‚empirische‘, d.h. physikalische Tatsachen verstanden werden. Nimmt man aber ‚Tatsachen‘ als eine Zusammenfügung aus ‚Tat‘ und ‚Sache‘, so haben wir es hier eher mit Erlebnisqualitäten zu tun, als mit Physik. Wie glücklich oder unglücklich so eine Formulierung auch immer sein mag, so spricht sie doch immerhin den Phänomenen des Seelenlebens eine objektive Qualität zu. Die Seele ist eben doch mehr als nur ein „leeres Wortgespenst“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.243)

An wieder anderer Stelle bezeichnet Mauthner „(p)sychische Ursachen“ als „alltäglichste Tatsachen“, was auf eine Verbindung seelischer Phänomene mit der Lebenswelt hinauslauft, die ich in diesem Blog immer wieder als ein Bewußtseinsphänomen dargestellt habe. (Vgl.u.a. meine Posts vom 23.01. und 05.02.2011 und vom 09.01.2012)

Mauthner ist sich auch durchaus über den phänomenalen Charakter dieser Bewußtseinstatsachen im Klaren, die man, so Mauthner, „seit zwei Jahrtausenden“ als „Bilder“ bezeichnet: „Von Platon bis Taine handelt alle Psychologie von diesen Bildern. Wir haben vergessen, daß ίδεα ein Bild, eine Gestalt bedeutete, und daß die Metapher des Bildes irgendwie mitverstanden wird, wenn wir es in allen philosophisch eingeschulten Sprachen, mehr oder weniger verblaßt, für die Urbilder der Dinge oder für ihre Urformen, dann für die Zielformen des Denkens oder Handelns, endlich (in der Umgangssprache) für allgemeine Erinnerungen gebrauchen.“ (Mauthner 2/1906, S.236f.)

Allerdings schränkt Mauthner die Erlebnisqualität dieser bildhaften Wahrnehmungen, ihre Gestaltqualität, gleich wieder ein, wenn er anmerkt, „daß wir uns überhaupt nichts mehr bei dem Begriffe Bild denken können, sobald von Wahrnehmungen des Geruchs, des Geschmacks u.s.w. die Rede ist.“ (Vgl. Mauthner 2/1906, S.237) – Anders als Plessner, der diese Sinneseindrücke auf ihre spezifische Bewußtseinsqualität hin befragt, verstummt Mauthner an dieser Stelle. Ihm fällt nichts weiter dazu ein.

Anstatt die Phänomene auf sich wirken zu lassen, sie gleichsam in die Hand zu nehmen und zu ertasten, sie in ihrer ganzen Dinghaftigkeit auf sich wirken zu lassen, beschränkt sich Mauthner darauf, die Unmöglichkeit zu konstatieren, genau das zu tun: „Wir können an die Gegenstände nicht unmittelbar heran, wir besitzen von ihnen nur unsere Ideen und Vorstellungen, können diese also immer nur mit sich selber, nie mit ihrem Ding-an-sich vergleichen. Bliebe also nichts übrig, als in der Wahrheit die Übereinstimmung unserer Ideen und Sätze miteinander zu sehen, die formale Wahrheit. ... die Übereinstimmung der Begriffe oder Worte mit sich selbst, d.h. mit ihrer Anwendung durch den objektiven Menschengeist ist – der Gebrauch der Sprache ...“ (Mauthner 2/1906, S.694)

Mauthner stößt niemals bis zu den Phänomenen vor, weil er immer an der Grenze bzw. im Filter der Sprache hängenbleibt. Anstatt wie Husserl eine Tasse im Geiste hin und her zu drehen, dreht Mauthner immer nur das Wort ‚Tasse‘ im Geiste hin und her und übt dabei mit den Sprechorganen die zugehörigen sprachmotorischen Nervenbahnen auf dieses Wort ein.

Die Phänomene werden von Mauthner letztlich nur als Worte ernstgenommen, als Verbaldinge: „Was sind das für Dinge? Keine Dinge. Hypostasen, Abstraktionen, von Verben gebildet. ... es gibt keine Verbaldinge in der Wirklichkeit.“ (Mauthner 2/1906, S.320) – Daß es Verbaldinge aber in der Wirklichkeit nicht gibt, sondern eben nur Phänomene, ist für ihn kein Grund, zu glauben, auf eine Grenze seiner Sprachkritik gestoßen zu sein.

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Montag, 21. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken
  4. Sprache und Individualsprache
  5. Zufallssinne
  6. Bewegung statt Verhalten
  7. Parallelismus
  8. Logik contra Selbstbeobachtung
  9. Expressivität
  10. Seele und Leib 
  11. Worte statt Phänomene
  12. Anklänge
Der Körper spielt bei Mauthner eine im Vergleich zur Sprache nur untergeordnete Rolle. Wenn Mauthner ihn thematisiert, so nur auf der Organebene, wenn er die menschliche und tierische Physiologie mit der Sprache gleichsetzt. Eine Vorsprachlichkeit des Körpers wird generell geleugnet, aber im Rahmen seiner insgesamt inkonsequenten und sprunghaften Argumentationsweise kommt Mauthner trotzdem immer mal wieder auf so eine Vorsprachlichkeit zurück. (Vgl.u.a. Mauthner 2/1906, S.213, 217) Damit will ich mich hier nicht weiter aufhalten.

Wirklich interessant sind andere Stellen, die an Plessners Körperleib erinnern. So erhebt Mauthner z.B. den Körper zum Wirklichkeitsprinzip: „Solange ein fallender Eisenhammer von hundert Zentnern nicht durch irgend eine wissenschaftliche List für unseren Tastsinn wirkungslos gemacht ist, solange wird die Menschheit materialistisch bleiben. Die Molekulartänze sind nicht im stande, die Körperlichkeit aus der Welt zu schaffen; denn die Körperlichkeit ist immer noch die widerspruchslosere Hypothese.“ (Mauthner 2/1906, S.412)

Die „wissenschaftliche List“, aufgrund deren ein fallender Eisenhammer auf unseren Tastsinn keinen ‚Eindruck‘ mehr macht, erinnert schon sehr an die Digitalisierung des Analogen. Schon ist man so weit, Materie über einen Tintenstahldrucker auszudrucken. Etwas anderes macht der Replikator in den Star-Trek-Filmen auch nicht. So ist auch der umgekehrte Weg nicht mehr denkunmöglich: die Umwandlung eines im freien Fall befindlichen hundert Zentner schweren Eisenhammers in eine digitale Illusion mit Hilfe irgendeines Materiekonverters, als Teil einer Sicherheitstechnologie in der industriellen Produktion.

Aber zurück zu Mauthner. Körperliche bzw. leibliche Funktionen werden bei Mauthner sonst eher abgewertet. Dann ist auch schon mal von „Hengstmenschen“ die Rede, und Mauthner beschreibt den Menschen als einen „Wagen“, vor den ein „Wildschwein“ und ein „geflügeltes Pferd“ gespannt sind. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.41)

Es ist wohl unnötig, eigens darauf hinzuweisen, welchen Aspekt des Menschen Mauthner mit dem Prädikat „Wildschwein“ versieht. An dieser Stelle verwandelt er sich von einem materialistischen Monisten plötzlich in einen moralischen Dualisten, dem zum Körper nur sexuelle Phantasien einfallen, während der ‚Seele‘ eine kindliche Unschuld zugesprochen wird: „Glänzend in der Hitze der Lust, sieht das Auge das glänzende andere Auge, langsam gattet sich Lippe zu Lippe, und in der letzten Vereinigung geschieht das Wunder, daß die beiden Leidenschaften sich fortpflanzen in ein neues Wesen, an dessen Deichsel kein ekelhaftes Tier gespannt ist ... Das ist unsere Rührung beim Anblick eines gesunden Kindes, das unsere Sehnsucht nach der Unschuld des Kindes.“ (Mauthner 2/1906, S.42) – Nebenbei bemerkt: Ich frage mich, ob eine solche Rührung durch kindliche Unschuld die Kehrseite der Pädophilie bildet?

Neben der Stelle zum Körper als Wirklichkeitsprinzip gibt es aber eine weitere Stelle, die auf Plessners Körperleib-Konzept vorausdeutet. So thematisiert Mauthner den ‚Leib‘ als ein Zeichen bzw. als ein Symbol des ‚Ich‘: „... das, was an meinem Leib mehreren Subjekten, den Mitmenschen erfahrbar ist, das ist ja gerade nicht mein Ich, sondern nur der Leib, den auch ich sehen kann.“ (Mauthner 2/1906, S.672)

An dieser Stelle thematisiert Mauthner den Körper-Leib als Doppelaspektivität, als Teil der Welt und der Welt gegenüber, als Zentrum und Peripherie: „Objektiv sehe ich mein Ich, wie ich die Welt sehe, und wie ich meinen Fingernagel sehe, wenn ich ihn schneide. ... Die Welt sieht mein Ich, mein objektives Ich, und rechnet damit und stößt es dahin und dorthin. Ich will (einerlei ob mein Wille Schein oder Wirklichkeit ist), ich will gar sehr. Aber ich kann nicht, wie ich will.“ (Mauthner 2/1906, S.673)

Von hier aus ist nur noch ein kleiner Schritt zu einer Expressivität, wie sie Plessner beschrieben hat, in der gerade dieses Nicht-können-wie-man-will zur Grundstruktur der menschlichen Seele und ihres Ausdrucksbedürfnisses wird. Mauthner spricht analog zu diesem Körperleib von einem Verhältnis zwischen Seele und Leib, bei der es letztlich nur noch eine Frage der „Richtung unserer Aufmerksamkeit“ ist, „ob wir uns auf der konkaven oder auf der konvexen Seite der Welt glauben. Das wahre Verhältnis zwischen Seele und Leib werden wir niemals erkennen, aber nur darum nicht, weil wir uns mit unserem Denken oder mit unserer Sprache niemals auf beide Seiten zugleich stellen können. .. Die Vorgänge, welche wir bald physiologisch, bald psychologisch betrachten, sind von diesen beiden Standpunkten aus unvergleichlich, weil sie in der sprachlosen Naturwirklichkeit identisch, weil sie in der Menschensprache disparat sind.“ (Vgl. Mauthner 2/1906, S.291)

Daß Mauthner der Konsequenz dieser Einsicht aufgrund seiner dogmatischen Fixiertheit auf die Außenweltlichkeit von Sprache letztlich nicht gewachsen ist, habe ich schon im letzten Post angemerkt und braucht hier nicht wiederholt zu werden. Ansonsten habe ich dieser Stelle nichts weiter hinzuzufügen.

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Sonntag, 20. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken
  4. Sprache und Individualsprache
  5. Zufallssinne
  6. Bewegung statt Verhalten
  7. Parallelismus
  8. Logik contra Selbstbeobachtung
  9. Expressivität 
  10. Seele und Leib
  11. Worte statt Phänomene
  12. Anklänge
Wie schon in meinem Post vom 14.10.2013 angemerkt, hebt Mauthner immer wieder die Mangelhaftigkeit der Sprache als Werkzeug der Außenwelterkenntnis hervor. Es ist nicht nachvollziehbar, wieso eine soziale Beziehungsstruktur wie die Sprache – denn darin allein billigt Mauthner ‚der‘ Sprache eine gewisse Wirklichkeit bzw. ‚Wirksamkeit‘ zu (vgl. Mauthner 2/1906, S.17f.) – ihr ursprüngliches und eigentliches ‚Wesen‘ in der Wirklichkeitserkenntnis haben soll, wenn sie doch genau dazu am wenigsten taugt.

Ist es nicht vielmehr so, daß ‚die‘ Sprache erst in der sozialen Beziehung, und auch hier nicht in der Mitteilung von Wissen, ihren eigentlichen Zweck erfüllt? Mauthner selbst kommt in einem Kapitel zur „Wortkunst“ (vgl. Mauthner 2/1906, S.91-151), das aus der argumentativen Tendenz des ganzen Buches herausfällt, zu diesem Schluß. Dort heißt es, daß ‚die‘ Sprache zwar ein „elendes Erkenntniswerkzeug“ sei, dafür aber ein „herrliches Kunstmittel“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.93) – Warum? Weil sie besonders dazu geeignet ist „Stimmungen“ mitzuteilen und eine „Seelensituation“ wiederzugeben. (Vgl. ebenda) An anderer Stelle wieder ist davon die Rede, daß ohne „gemeinsamen Sprachgebrauch“ keine „gemeinsame Seelensituation“ möglich ist (vgl. Mauthner 2/1906, S.191), womit wir wieder beim „sozialen Faktor“ wären (vgl. Mauthner 2/1906, S.17f.).

Tomasello kehrt dieses Begründungsverhältnis von „gemeinsamem Sprachgebrauch“ und „gemeinsamer Seelensituation“ übrigens im Sinne der Rekursivität noch einmal um: kein gemeinsamer Sprachgebrauch ohne gemeinsame Seelensituation. (Vgl. meine Posts vom 25.04.2010 und vom 06.06. und 07.06.2012)

Das Soziale ist also der eigentliche Zweck der Sprache, nicht Wirklichkeitserkenntnis. Und was im sozialen Umgang mitgeteilt wird, sind auch nicht in erster Linie Informationen, sondern Stimmungen, Seelensituationen. Der eigentliche Zweck der Sprache ist also Expression. Als Grund für diese besondere Qualität der Wortkunst verweist Mauthner auf den Gestaltcharakter: „Was der Stimmung zu Grunde liegt, das Wirklichkeitsbild, hält die Poesie nur zusammen, wie der Strick einen Rosenkranz. Mag auch (wie es immer wieder vorkommt) falsch aufgefaßt werden, nach der Seelensituation des Lesers oder Hörers übersetzt; schadet gar nicht viel. ... Anders in der wissenschaftlichen Untersuchung. Hier soll nichts Stimmung sein, hier ist nichts ein sinnfälliger Vorgang. Die Mehrdeutigkeit jedes einzelnen Wortes wird durch kein Ganzes vorher gemildert oder gedeutet, und so kann am Ende kein Ganzes entstehen.“ (Mauthner 2/1906, S.93f.)

Anstatt wie bei der Mitteilung von Erkenntnissen nur einzelne Wörter lose aneinanderzureihen, fügen sie sich bei der Mitteilung von Stimmungen zu Bildern. Als Teile eines Ganzen, eines ‚Wirklichkeitsbildes‘, werden sie von diesem Ganzen zusammengehalten wie die Perlen eines Rosenkranzes durch den „Strick“. Da macht es gar nichts, wenn jemand ein einzelnes Wort mißversteht. Die Seelensituation als solche bleibt von solchen kleinen Fehlern unberührt.

Ich habe in meinen Posts in diesem Zusammenhang immer mit Tomasello von der extravaganten Syntax gesprochen. (Vgl. meinen Post vom 26.04.2010) Sie fügt der ernsthaften Syntax ein narratives Bewegungsmoment hinzu, das es den Zuhörern erleichtert, auch kompliziertere Sachverhalte zu verstehen. Sie können beim Hören einer Geschichte ihre eigenen Sinnbezüge in die Geschichte eintragen. Auf diese Weise werden nun die Sinnlücken in der Geschichte und die damit verbundenen Mißverständnisse geradezu zu Einladungen an die verschiedenen Zuhörer, an einer gemeinsamen Geschichte („Seelensituation“) teilzuhaben. (Vgl. meine Posts vom 22.03. und 24.03.2011)

Eine ganz ähnliche Einsicht in die notwendige Lückenhaftigkeit gemeinsamen Sinnverstehens finden wir bei Mauthner: „Im Ernst, die ganze Begriffsbildung der Sprache wäre nicht möglich, wenn wir nicht unter lauter lückenhaften Bildern herumtappten, eben wegen der Lückenhaftigkeit die Ähnlichkeit überschätzten und so aus der Not eine Tugend machten. Je weniger wir von etwas wissen, desto leichter werden wir von Ähnlichkeiten ‚frappiert‘.“ (Mauthner 2/1906, S.437)

Das führt bei Mauthner zu einem Wahrheitskonzept, das sich von der ganzen sonst in seinem Buch vorherrschenden Fixierung auf die Gleichheit von Wirklichkeit und Wirklichkeitserkenntnis bzw. ‚Sprache‘ distanziert: „Wenn das menschliche Denken, oder das Gedächtnis, oder die Sprache, ungeeignet ist für das Zustandekommen oder für das Ausdrücken einer Welterkenntnis, so ist darunter selbstverständlich eine wahre Welterkenntnis gemeint. ... Doch die (in einem Brunnen lebende und hinauswollende – DZ) Wahrheit, der man auf die Finger klopft, ist nicht die objektive Wahrheit, sie ist nicht einmal die subjektive Wahrheit, sie ist einzig und allein ein dichterisches Bild der Ehrlichkeit oder Offenheit, hat also nur mit dem Charakter zu tun und nicht mit der Erkenntnis.“ (Mauthner 2/1906, S.693)

Das Bild vom „Brunnen“, aus dem die Wahrheit herauswill – und der Mauthner bezeichnenderweise „auf die Finger klopft“, um sie genau daran zu hindern (warum eigentlich?) –, steht jenseits der üblichen Subjekt-Objekt-Dichotomien. Möglicherweise ein weiterer Hinweis auf die Plessnersche Doppelaspektivität? (Vgl. meinen Post vom 18.10.2013) In ihr geht es vor allem um „Ehrlichkeit“ und „Offenheit“, nicht nur anderen, sondern auch sich selbst gegenüber. Wir haben es hier mit expressiven Qualitäten zu tun.

Ganz im Sinne der Plessnerschen ‚Seele‘ und ihrem noli me tangere will diese Wahrheit nicht dingfest (Gleichheit) gemacht werden. Sie begnügt sich mit ‚Ähnlichkeiten‘: „... denn unsere Sprachbegriffe beruhen auf Ähnlichkeit, die mathematischen Formeln auf Gleichheit.“ (Mauthner 2/1906, S.436) – Und diese Ähnlichkeit eröffnet ‚Lücken‘ in der mathematischen Geschlossenheit der Gleichheitsformeln: „Dabei möchte ich aber behaupten, daß diese bloße Ähnlichkeit, d.h. die wissenschaftliche oder mathematische Unvergleichlichkeit der Dinge erst unser Sprechen oder Denken möglich gemacht hat, daß also erst die Lücken unserer Vorstellungen, die Fehler unserer Sinneswerkzeuge unsere Sprache gebildet haben. ... würden wir von jedem Einzelding ein so scharfes Bild auffassen und im Gedächtnis behalten, dann wäre die begriffliche Sprache vielleicht unmöglich.“ (Mauthner 2/1906, S.437)

„Unvergleichlichkeit der Dinge“ meint, daß die Dinge nur auf mathematischer Ebene unvergleichlich sind: „ In der Wirklichkeitswelt gibt es nur Ähnlichkeit.“ (Mauthner 2/1906, S.469) – In der Wirklichkeitswelt gibt es also keine Gleichheit, sondern nur Ähnlichkeit. Was die Dinge vergleichbar macht, ist die Ungenauigkeit der Wahrnehmung, also die Unvollkommenheit unserer Sinnesorgane. So wird wieder die Ungenauigkeit der Wahrnehmung zur Grundlage für die exakte Mathematik. Denn was wir in der Wirklichkeit nur ungenau als ‚ähnlich‘ wahrnehmen, das wird in den mathematischen Formeln zur Gleichheit gebracht.

So kompliziert kann sich Mauthner manchmal ausdrücken. Und manchmal trifft er dabei sogar etwas Richtiges. Denn von Blumenberg wissen wir, daß allen Begriffen Metaphern zugrundeliegen, daß alle Begriffe irgendwann aus Metaphern hervorgegangen sind. (Vgl. meine Posts vom 06.09. bis 10.09.11)

Mauthner erweist sich geradezu als ein Vorläufer von Blumenberg, wenn auch er von der Funktion von Metaphern spricht. So bezeichnet er die Metapher z.B. „als Grundquelle aller Sprachentwicklung ...“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.36) Und er behauptet, relativ dreist wie ich finde, daß „es gut zu meiner Lehre (stimmt), daß nämlich die Sprache durch Metaphern entstanden ist und durch Metaphern wächst, wenn dichterische Phantasie die Worte immer ergänzen und beleben muß.“ (Mauthner 2/1906, S.113) – Wenn das wirklich so gut zu seiner „Lehre“ passen würde, wie er behauptet, wieso macht Mauthner dann ‚die‘ Sprache im Wesentlichen zu einem Werkzeug der Außenwelterkenntnis?

Aber bleiben wir an dieser Stelle beim Zustimmenswerten. Vor dem Hintergrund der notwendigen Lückenhaftigkeit des Sprachverstehens kommt Mauthner zu Einsichten, die an Plessners „Hiatus“ erinnern (vgl. „Stufen des Organischen“ (1975/1928), S.245): „Wir besitzen aber nur eine einzige arme Sprache und quälen uns umsonst, an ihren Krücken den Abgrund zwischen Physiologie und Psychologie zu überspringen. Nur Metaphern bietet uns die Sprache, nur Bilder, und eines dieser Bilder ist das wissenschaftliche Modewort: Parallelismus zwischen Seele und Leib.“ (Mauthner 2/1906, S.2887f.)

So kommt das Bild der Parallelen doch noch zu ihrem Recht. Gerade weil sie sich nur im Unendlichen berühren, stehen sie für die Unschließbarkeit der Lücke.

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Samstag, 19. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken
  4. Sprache und Individualsprache
  5. Zufallssinne
  6. Bewegung statt Verhalten
  7. Parallelismus
  8. Logik contra Selbstbeobachtung 
  9. Expressivität
  10. Seele und Leib
  11. Worte statt Phänomene
  12. Anklänge
Es gibt Stellen, an denen Mauthner zeigt, daß er verstanden hat, was Rekursivität ist. So ist Rekursivität für ihn – ähnlich wie bei Tomasello (vgl. meine Posts vom 25.04.2010 und vom 06.06. und 07.06.2012) – eine Grundvoraussetzung der menschlichen Sprache, die nur entstehen konnte, weil „jeder einzelne dem nächsten seine eigenen Wahrnehmungen und seine eigenen Willensakte zutraute.“ (Vgl. Mauthner 2/1906, S.36)

An anderer Stille kritisiert Mauthner die psychologischen Versuche mit ihren „Spekulationen über mikroskopische und chemische Nervenuntersuchungen“, die vergessen haben, daß sie bei allem Bemühen um „Präzisionsmechanik“ und empirische Objektivität letztlich immer von „uralten Selbstbeobachtung(en)“ ausgehen; Selbstbeobachtungen, die man auch den menschlichen Versuchspersonen zubilligen muß, bei denen der Experimentator nicht verhindern kann, daß sie mitdenken und so die Ergebnisse einerseits ermöglichen, aber zugleich subjektiv verfälschen: „Er (ein gewisser Hugo Münsterberg – DZ) braucht zu seinen Versuchen zwei Psychologen, einen experimentierenden und einen reagierenden Herrn; er sieht nicht, daß der experimentierende Herr gar nicht zur Sache gehört, daß der Versuch einzig und allein am reagierenden Herrn ausgeführt wird, und daß das Ergebnis völlig wertlos wäre, eine unbenannte Zahl, ohne die Selbstbeobachtung des reagierenden Herrn.“ (Mauthner 2/1906, S.242)

Mit dieser Einsicht in die rekursive Struktur psychologischer Experimente – die Versuchsperson hat Vermutungen darüber, was der Experimentator beabsichtigt, und der Experimentator ist andererseits davon abhängig, daß die Versuchsperson ihre subjektiven Erlebnisse sorgfältig registriert und zu Protokoll gibt (also sich selbst beobachtet), damit die gemessenen Daten einen Sinn erhalten – befindet sich Mauthner auf der Höhe der Problematik der aktuellen Neurophysiologie mit ihren hochartifiziellen Apparaturen.

Aber sein dogmatisches Festhalten an einer Sprachkritik, die die Sprache u.a. auch mit der Logik gleichsetzt, verleitet Mauthner dazu, das, was er hier als eine selbstverständliche Fähigkeit des Menschen konstatiert, nicht nur zur Welt, sondern auch zu sich selbst in ein Verhältnis zu treten, an anderer Stelle wieder rigoros in Abrede zu stellen.

Kommt Mauthner also immer wieder darauf zurück, daß wir schon aufgrund der Außenweltfixiertheit der Sinnesorgane bzw. der Sprache über unsere Innenwelt nichts sagen und damit auch nichts wissen können, so konstatiert er jetzt sogar eine logische Unmöglichkeit der Selbstthematisierung und damit eben auch der Selbstbeobachtung: „Zerfällen wir das Innenleben in ein vorstellendes Wesen und ein vorgestelltes, wo dann das vorstellende die Seelensubstanz wäre und das vorgestellte die seelischen Äußerungen, so ist das ein logisches Wortgefecht. Denn entweder ist das Vorgestellte und das Vorstellende ein und dasselbe oder nicht. Ist es ein und dasselbe, so ist die Zerfällung undurchführbar; ist es aber nicht dasselbe, so haben wir gar zweierlei Seelen anzunehmen, eine vorstellende, die doch nur eine sprachliche Zusammenfassung der seelischen Äußerungen ist, und eine vorgestellte, die weder in der Sprache, noch in der Vorstellung, noch sonst irgendwo ist. Diese Konstruktion müßte zur Aufstellung noch einer dritten Seele führen. Es kann nicht ein Ding zugleich Subjekt und Objekt sein ...“ (Mauthner 2/1906, S.322f.)

Eine logische Aufspaltung ein und desselben Subjekts in das Objekt seiner selbst ist aber nur dann unmöglich, wenn wir dieses Objekt als ein zweites ‚Ding‘ verstehen, das dem Subjektding gegenübersteht, die dann beide wiederum, um die Einheit des ursprünglichen Subjektdings sicherzustellen, von einem dritten Subjekt umfaßt werden müßten. Es gibt aber keinen logischen Grund, warum wir uns das Subjekt und das Objekt als zwei verschiedene und dennoch identische ‚Dinge‘ vorstellen sollten.

Mauthner selbst spricht in seinem dritten Band „Zur Grammatik und Logik“, in dem Kapitel zur Syntax (Stuttgart/Berlin 2/1913, S.185-223), nicht vom „Objekt“, sondern vom „Prädikat“. Was er also als logisch unmöglich bezeichnet, die Aufspaltung desselben Subjekts in Subjekt und Objekt, meint nichts anderes als das Verhältnis zwischen Subjekt und Prädikat. Mit dem Prädikat bezeichnen wir lediglich einen Aspekt, eine Eigenschaft des Subjekts. Die Subjekt-Prädikatstruktur von Sätzen ermöglicht genau das, was wir mit Mauthner zu Beginn des Posts als „Selbstbeobachtung“ beschrieben haben. Wir nehmen an uns selbst Eigenschaften wahr und machen darüber Aussagen. Das ist logisch einwandfrei und überhaupt nicht unmöglich. Das, was Mauthner als logische Aufspaltung zwischen Subjekt und Objekt bezeichnet, ist nichts anderes als eine simple Prädikation.

Wenn sich Mauthner an dieser Stelle so vehement gegen eine Aufspaltung von Subjekt und Objekt wendet, so hat das seinen Grund in seiner dogmatischen Fixierung auf die Außenwelt. Wenn Sinnesorgane und Sprache ausschließlich auf die Außenwelt gerichtet sind und deshalb auch keine sinnvollen Aussagen über die Innenwelt möglich sind, dann läuft natürlich jeder Versuch, etwas über ‚sich‘ auszusagen, auf eine Projektion in die Außenwelt hinaus. Jede Selbstbeobachtung und jede Selbstaussage wird sofort zu einem Außenweltding und auf diese Weise ‚objektiviert‘. In der Außenwelt können aber nicht zwei Dinge gleichzeitig dasselbe Ding sein.

Wenn man aber mit Plessner von einer Doppelaspektivität von Innen und Außen ausgeht, so ist dasselbe Subjekt (Innen) aus einer anderen Perspektive immer zugleich auch Objekt (Außen). Die logische Ur-Teilung ist keine an der Sache selbst, sondern besteht nur in der Perspektive auf diese Sache. Selbstbeobachtung ist also möglich. Und Rekursivität.

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Freitag, 18. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken
  4. Sprache und Individualsprache
  5. Zufallssinne
  6. Bewegung statt Verhalten
  7. Parallelismus 
  8. Logik contra Selbstbeobachtung
  9. Expressivität
  10. Seele und Leib
  11. Worte statt Phänomene
  12. Anklänge
Zwar ist Mauthner zufolge auch die Seele nur ein „leeres Wortgespenst“, aber „der Begriff bleibt dennoch wichtig für die Geschichte des menschlichen Denkens“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.243) Es gibt die unwägbare und nicht beobachtbare Stelle, den „letzten Punkt“, wo die „physische Molekularbewegung“ umschlägt in „psychische Empfindung“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.283) Allerdings handelt es sich auch hier um einen bloßen Umwandlungsprozeß, der letztlich auf der gleichen Ebene rätselhaft ist wie die „Umwandlung der Energie in Wärme“ oder wie das „Wachstum des Organismus aus dem Samen“. (Vgl. ebenda)

Mauthner vertritt also in der uralten Debatte zur Verhältnisbestimmung von Leib und Seele einen Monismus. Es ist besser, so Mauthner, „von Identität als von Parallelismus“ zu sprechen. (Vgl. ebenda) Bei der Diskussion zur Tauglichkeit des Parallelismus-Begriffes kommt Mauthner in die Nähe der Plessnerschen Doppelaspektivität. (Vgl. meine Posts vom 21.10., 22.10., 28.10.2010) Denn die mangelnde Tauglichkeit der Vorstellung zweier Parallelen, die sich im Unendlichen begegnen, für Leib und Seele liegt einfach darin, daß in ihnen die zwei Richtungen nach innen und nach außen nicht zur Darstellung kommen. Zwischen den beiden Parallelen gibt es keine Wechselwirkung: „Der gepriesene Parallelismus jedoch vernichtet die Wechselwirkung zwischen Seele und Leib, vernichtet die unklaren Vorstellungen der alten, immerhin beziehungsreichen Begriffsfolge und gibt uns dafür ein völlig unbrauchbares, beziehungsloses, unvorstellbares Schlagwort. ... er erkennt nicht, daß aller Streit um Leib und Seele nur ein Wortstreit ist, daß nur die arme Menschensprache ein identisches Wesen zweimal benennen muß.“ (Mauthner 2/1906, S.280)

An dieser Stelle bewegt sich Mauthner mit seiner Kritik des Parallelismus-Begriffs auf der Höhe der Plessnerschen Doppelaspektivität, bei dem es ja ebenfalls nicht darum geht, Leib und Seele als zwei verschiedene ‚Dinge‘ bzw. ‚Substanzen‘ einander gegenüber zu stellen, sondern nur um die Unterscheidung von Richtungen, nämlich von innen nach außen und von außen nach innen. Plessner ergänzt diese Doppelaspektivität noch mit der exzentrischen Positionalität, die wir auch als das Schwanken der Seele auf der Grenze dieser beiden Richtungen verstehen können.

So wenig also Leib und Seele auf verschiedene ‚Welten‘ oder ‚Substanzen‘ verweisen, so sehr macht doch der Richtungswechsel den Unterschied zweier Dimensionen. Die Perspektive der Innenwelt ist eine andere Dimension als die Perspektive der Außenwelt. Plessner hätte an dieser Stelle Mauthner ohne weiteres zustimmen können: „Es ist also irreführend und schädlich, am Bilde vom Parallelismus festzuhalten; es ist auch dann noch irreführend durch den unglücklichen Begriff parallel, wenn es nur die Wahrheit sagen will, daß die Außenansicht oder der physiologische Vorgang und die Innenansicht oder der psychische Vorgang in irgend einer Wirklichkeitswelt die gleiche Sache seien ...“ (Mauthner 2/1906, S.285)

Wie immer hat Mauthner auch ein einleuchtendes, prägnantes Bild für diese Doppelaspektivität: „Wenn ich mit dem Zirkel und mit dem Bleistift eine Kreislinie ziehe, so ist es für die praktischen Zwecke gleichgültig, ob ich den Kreis an der Innenseite oder an der Außenseite der dünnen Bleistiftlinie annehme; die beiden Kreise kann man aber auch, wie eben erst gesagt, parallel nennen. Und doch ist der Anblick ein entgegengesetzter, wenn wir uns den Beobachter in die Ebene des Kreises hineindenken, und zwar das eine Mal nach innen, das andere Mal nach außen. Für den erzeugenden Zirkel ist die Linie konkav, für die unendlich große Außenwelt ist Linie konvex. ... Dieses Außen und dieses Innen könnte man wieder parallel nennen. Aber die materialistische Sprache ist immer außen, niemals innen und kann darum den Parallelismus gar nicht beschreiben.“ (Mauthner 2/1906, S.287f.)

Ein anderes Mal nimmt Mauthner die Seiten eines Würfels, wieder ein anderes Mal verweist er auf den Meeresspiegel oder eine gefrorene Wasseroberfläche. Jedesmal geht es darum, daß sich unterhalb einer Oberfläche nichts anderes befindet als oberhalb der Oberfläche. Blumenberg hat denselben Sachverhalt am Beispiel eines Eisbergs verdeutlicht. (Vgl. meinen Post vom 26.09.2012) Es ist genau dieser Bezug auf die Oberfläche, auf das Phänomen, der den Phänomenologen ausmacht. Der Phänomenologe begnügt sich mit dieser Oberfläche und macht sich nicht auf die Suche nach einer verborgenen, wirklicheren Wirklichkeit als diese.

In Diskussionen um die Dimensionalität einer Innenwelt werde ich immer wieder auf die inneren Organe wie die Nieren oder die Leber hingewiesen, und ich werde gefragt, ob diese sich nun innen oder außen befinden. Die Antwort ist einfach: auch Nieren und Leber sind Phänomene. Sie gehören zu den Innenhorizonten des Körperleibs. Sie bilden gewissermaßen nicht sichtbare Rückseiten des Körpers, die aber sichtbar gemacht werden können. Als solche Organe gehören sie derselben Dimension an wie die Außenwelt.

Die Innenwelt bzw. die Seele befindet sich aber nicht auf diese Weise ‚innerhalb‘ des Körpers. Sie gehört zur ‚Haut‘, die eine Oberfläche besonderer Art bildet. Es ist nämlich die Haut, die, wie Plessner sich ausdrückt, gegenüber Innen und Außen psychophysisch neutral ist. (Vgl. „Stufen des Organischen“ (1975/1928), S.59) Auf der Grenze der Haut ändern die Innen- und Außenperspektiven ihre dimensionale Qualität. Was mir auf diese Weise ‚unter die Haut geht‘, berührt meine Seele.

Mauthner kommt sehr nah an diese Einsicht heran, wenn er den Parallelismus-Begriff kritisiert. Allerdings macht er diese Einsicht gleich wieder mit der Bemerkung zunichte, daß „die materialistische Sprache ... immer außen (ist), niemals innen und ... darum den Parallelismus gar nicht beschreiben (kann)“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.288) – Wobei an dieser Stelle mit „Parallelismus“ die Perspektiven auf Innen und auf Außen gemeint sind.

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Donnerstag, 17. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken
  4. Sprache und Individualsprache
  5. Zufallssinne
  6. Bewegung statt Verhalten 
  7. Parallelismus
  8. Logik contra Selbstbeobachtung
  9. Expressivität
  10. Seele und Leib
  11. Worte statt Phänomene
  12. Anklänge
Wenn Mauthner an einer ernsthaften Anthropologie interessiert wäre, würde der Tier-Mensch-Vergleich immer auch die Frage beinhalten, inwiefern sich der Mensch trotz der gemeinsamen biologischen Evolution vom Tier unterscheidet. Mauthner interessiert sich aber mehr für die Gleichheit zwischen Mensch und Tier, wobei er sich auch gerne mal auf seinen eigenen Hund bezieht. Während es für die meisten Zoologen und Anthropologen vor allem die Sprache ist, durch die sich der Mensch vom Tier unterscheidet, fällt es besonders auf, wenn Mauthner sogar dem Hund ein Begriffsvermögen zuerkennt.

Am Beispiel des räumlichen Vorstellungsvermögens verweist Mauthner darauf, daß beide, Mensch und Hund, beim Versuch, über einen Graben zu springen, dieselben Sinnesleistungen in Anspruch nehmen müssen: „Sieht der Mensch oder der Hund jenseits des Grabens eine Erdbeere oder einen Hasen, das, was ihn lockt, so hat er doch nur die Veränderung auf seiner Netzhaut gedeutet und über den Graben hinüber projiziert, was aber wieder Verstandesarbeit war. Auf diese letzte Art von Verstandesarbeit, auf das Ausdeuten der Sinneseindrücke (auch das einfachste Sehen, Hören u.s.w. ist, wie wir jetzt wissen, Verstandesarbeit, ein Ausdeuten von Reizen, die erst durch Verstand zu Empfindungen werden) läuft alle Denktätigkeit des Verstandes hinaus. ... Ohne Begriffe oder Worte kommt auch da kein Mensch und kein Hund aus.“ (Mauthner 2/1906, S.181)

Ein weiteres Argument für das Begriffsvermögen des Hundes ist Mauthner zufolge, daß Hunde „offenbar einen Menschen von anderen Dingen, eine Katze von anderen Tieren“ unterscheiden können: „Angenommen nun auch, daß der Begriff Mensch, Katze, Rebhuhn sich an Geruchserinnerungen knüpfe, so ist doch ein deutlicher Begriff vorhanden.“ (Mauthner 2/1906, S.458)

Artbegriffe (Mensch, Katze, Rebhuhn etc.) und Raumvorstellungen weisen also auf eine Verstandestätigkeit hin, und Verstandestätigkeit ist Sprache. Da aber ein Hund, wenn er erfolgreich über einen Graben springen will, eine realistische Raumvorstellung haben muß und insofern er zwischen einem Hasen und einer Erdbeere zu unterscheiden weiß, weil er niemals für eine Erdbeere über den Graben springen würde, muß er auch – salopp formuliert – ‚sprechen‘ können. Irgendwie fühlt man sich an eine Szene von Loriot erinnert, der es sich etwas einfacher macht: weil sein Hund auf alle seine Fragen mit „Wuff!“ antwortet, schlußfolgert der Hundebesitzer, daß sein Hund sprechen kann.

Wie das Beispiel mit dem Hund zeigt, identifiziert Mauthner nicht nur Vernunft, Verstand, Gedächtnis und Bewußtsein mit Sprache, sondern auch die Sinnesphysiologie: „Gehören nicht schon die Sinne ... zu den normalen Täuschungen, zur Sprache?“ (Mauthner 2/1906, S.406)

Zwar handelt es sich bei den Zufallssinnen um eine bloß evolutionäre Wahrnehmungsform, dennoch beinhalten sie eine wiederum durch Sprache (im engeren Sinne) verstärkte Allgemeingültigkeit: „Wir werden aber einsehen, daß die Allgemeingültigkeit der Gesetze, welche wir unseren Sinnesorganen verdanken, also die Allgemeingültigkeit aller wissenschaftlichen Gesetze, sich verstehen läßt, sobald unsere fünf oder sechs Zufallssinne durch Vererbung bei allen Menschen die gleichen Zufallssinne sind. Die Gesetze der Natur- und Geisteswissenschaften werden dann zu einer sozialen Erscheinung. ... ist es die Spielregel der Menschheit, den Stoff Zucker und die Empfindung süß zu nennen, aber es ist über das Sprachliche hinaus eine Spielregel des menschlichen Organismus, nach Berührung des Stoffes mit Zunge oder Gaumen die und die besonders differenzierte angenehme Empfindung zu spüren.“ (Mauthner 2/1906, S.35f.)

Diese enge Verknüpfung von sinnesorganischen und sprachlichen „Spielregeln“ genügt Mauthner aber noch nicht. Es müssen noch andere Bewegungsformen hinzukommen: die „Bewegung des Sprechorgans“, und hier insbesondere der „letzte mikroskopische Bestandteil dieser Bewegung“ (vgl. Mauthner 2/1906, S.200), und ein konkreter Erinnerungsakt: „Der jedoch irgend eine Bewegung sein muß, wie auch an ‚der‘ Sprache wirklich nur ist die momentane Bewegung mit ihren beiden Seiten: der innerlichen Bewegungsvorstellung und der äußerlichen Schallerregung.“ (Mauthner 2/1906, S.2001)

Mit der konkreten Bewegung des Sprechorgans muß also eine Erinnerung in Form einer konkreten Nervenbewegung einhergehen (vgl. Mauthner 2/1906, S.217, 221, 257, 308 u.ö.), damit ein konkreter Akt des Sprechens zustande kommen kann. Aus der Perspektive ‚der‘ Sprache, als Sprachgedächtnis, spielen also Sinnesphysiologie (durch Außenweltbewegungen veranlaßte sinnesspezifische Nervenbewegungen), Sprechorganbewegungen (mit den damit verbundenen sprachmotorischen Nervenbewegungen) und assoziative Nervenbewegungen des Gedächtnisses als jeweils konkrete Akte zusammen und machen uns glauben, wir hätten etwas zu sagen, nur weil wir sprechen (vgl. Mauthner 2/1906, S.2).

Sprache als konkretes Sprechen ist für Mauthner deshalb nur ein weiterer Beleg für die Gültigkeit des Satzes von der Erhaltung der Energie (wobei man unwillkürlich an Billardkugeln denkt): „... wenn die einwirkende Energie der äußeren Molekülbewegungen zur Ruhe, zur Kräfteausgleichung in dem kommt, was in unserem Gehirn vorgeht und veranlaßt wird, auch dann müßte man aus dem Gesetze der Erhaltung der Energie schließen, daß keine einzige neue oder irgendwie differenzierte Wahrnehmung ohne folgendes Denken bleibt, daß dieses Denken unmöglich ohne gewisse psychologische Änderungen vor sich geht, daß – da diese neue Wahrnehmung im Gedächtnis haftet – sie sich mit der Summe der früheren Wahrnehmungen assoziiert, das heißt dem Gedächtnis oder Sprachschatz einverleibt wird, daß also auch der einfachste wirkliche Denkprozeß gar nicht möglich ist ohne Sprache, ja eigentlich identisch ist mit der Sprachbewegung, welche immer zugleich Sprachübung oder Wachstum ist. Vielleicht wäre es fruchtbar, das Gesetz von der Erhaltung der Energie nicht nur auf die Wortsprache, sondern auch auf die so verständliche Zeichensprache der Tränen und des Lachens anzuwenden.“ (Mauthner 2/1906, S.228)

Mit dieser Darstellung des Sprechakts als einer dem Gesetz der Erhaltung der Energie unterliegenden Bewegungsform gelangt Mauthner sogar zu Einsichten, die an Shledrakes nicht lokal gebundene morphogenetische Felder erinnern: „Was wir sprechen, kommt erst durch Bewegungsgefühle zu stande; was wir denken, hat unbeschriebene Molekularbewegungen im Gehirn zum Korrelat. Warum sollte unser Denken oder Sprechen mehr sein als ein Ausklingen der Bewegungen im Weltall.“ (Mauthner 2/1906, S.227) – Oder an anderer Stelle: „(N)achschwingen müßte bis ins Unendliche jeder Ton, jede Farbe, jede Erwärmung und jede elektrische Entladung, die jemals irgen(d)wo auf der Erde oder irgendwo auf der Milchstraße ihre unvergänglichen Wellenkreise begonnen haben.“ (Mauthner 2/1906, S.329)

Mauthner ist sehr bemüht, ‚die‘ Sprache bzw. den konkreten Akt des Sprechens nicht als ein spezifisch menschliches Verhalten, sondern als molekulare Bewegung, „Welle“ oder „Schwingung“ darzustellen. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.48, 282, 696) Würde er statt der (Molekular-)Bewegung das Verhalten als anthropologische Bezugsgröße nehmen, so würde er sich auf eine Phänomenebene begeben, wo er sich nicht mit „Teilaspekten“, wie Plessner sagt, also mit einzelnen Akten des Sprechens und Denkens begnügen könnte: „Menschliches Verhalten in der Fülle seiner Möglichkeiten läßt sich nicht unter einem Teilaspekt begreifen.“ („Stufen des Organischen“ (1975/1928), S.XVIII)

Sprache wäre dann nicht einfach mehr ein aus lauter Abstraktionen zusammengesetztes Metaphysikum bzw. ein Religionsersatz, sondern in ihr würde sich das Verhalten des Menschen als Mensch-Welt-Verhältnis widerspiegeln. Dazu müßten aber die Phänomene, also die Wahrnehmungserlebnisse, als Qualitäten ernstgenommen werden. Stattdessen nur die Frequenzen von Schwingungen und die „ziffernmäßige Bewegung unendlich kleiner Teile“ hervorzuheben – wogegen sich Mauthner verwahrt (vgl. Mauthner 2/1906, S.226), was mich aber nicht daran hindert, ihm genau diesen Vorwurf zu machen –, führt nur zu einer bedenklichen Phänomenvergessenheit.

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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken
  4. Sprache und Individualsprache
  5. Zufallssinne 
  6. Bewegung statt Verhalten
  7. Parallelismus
  8. Logik contra Selbstbeobachtung
  9. Expressivität
  10. Seele und Leib
  11. Worte statt Phänomene
  12. Anklänge
Es sind vor allem zwei begriffliche Entscheidungen, die Mauthners obsessive Sprachkritik prägen: bei der einen Entscheidung handelt es sich darum, der Beschreibung der Sinnesphysiologie den Begriff der Zufallssinne zugrundezulegen, und bei der anderen Entscheidung handelt es sich darum, bei der Erklärung des menschlichen Verhaltens nicht auf Augenhöhe der menschlichen Phänomene zu bleiben, sondern alles auf atomare bzw. molekulare Bewegungen und Schwingungen zurückzuführen. Mit dieser begrifflichen Vorentscheidung werde ich mich im nächsten Post befassen.

Beide Begriffsentscheidungen – so viel will ich hier schon mal vorwegnehmen – machen Mauthners Sprachkritik prinzipiell unverträglich mit einer ästhesiologischen Sichtweise auf den Menschen, wie sie Plessner mit seiner „Einheit der Sinne“ (1923) systematisch entwickelt hat. (Vgl. meine Posts vom 13.07.2010 bis 15.07.2010) Es fällt direkt ins Auge, daß Mauthners Interesse an den ‚Zufallssinnen‘ zu keiner geistigen Einheit der Sinnesphysiologie führen kann; so wenig wie sein Interesse an atomaren Bewegungen das Ganze des menschlichen Verhaltens in den Blick zu bekommen vermag.

Mauthner führt das einheitliche Wahrnehmungserlebnis der Außenwelt zwar letztlich auf das Gedächtnis und seine assoziativen Mechanismen zurück (vgl. Mauthner 2/1906, S.273, 455, 463 u.ö.), aber auch hier bezeichnet er das Wort „Gedächtnis“ vor allem als ein „Gespenst“, weil die einzige Wirklichkeit des Gedächtnisses auch hier nur in den jeweiligen konkreten Erinnerungsakten besteht. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.221) Immerhin haben wir es hier mit einem Gespenst zu tun, das wir „nicht entbehren“ können, „wie anderswo nicht das Gespenst ‚Wille‘, nicht das Gespenst ‚Vorstellung‘.“ (Vgl. ebenda)

So ist für Mauthner jede Anthropologie vor allem des Anthropomorphismus verdächtig. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.36, 121, 176, 336) Jedes Mensch-Weltverhältnis, das nicht auf die zugehörigen atomaren Bewegungen zurückgeführt wird, sondern auf Verstehen und auf Intentionalität basiert, ist ihm bloß anthropomorphistisch. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.36) Und da wiederum alles vermeintliche Verstehen mit dem Wortaberglauben des Sprechens verbunden ist, bezeichnet Mauthner das Sprechen sogar als „Anthropotoxin“, als „Menschengift“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.176) Was immer Mauthner also mit seiner Sprachkritik beabsichtigt haben mag: eine Anthropologie, also ein besseres Verständnis des Menschen gehört nicht dazu.

„Zufallssinne“ nennt Mauthner die fünf klassischen Sinnesorgane, weil sie nur auf einen beschränkten Bereich der Außenweltmaterie ansprechen und weil sie dabei nicht nach einem rationalen Plan entstanden sind, sondern aus den Zufällen der biologischen Evolution hervorgegangen sind: „Der Begriff der Zufallssinne ist nichts weiter als der vorläufige Ausdruck für die trübe Gewißheit, daß unsere Sinne sich entwickelt haben, allmählich entstanden sind und zufällig entstanden sind, daß also ganz sicher Kräfte in der Wirklichkeitswelt wirken, die niemals Sinneseindrücke bei uns hervorrufen können, und daß darum – weil nichts im Denken sein kann, was nicht vorher in den Sinnen war – unser Denken schon deshalb allein niemals auch nur zu einem ähnlichen Bilde von der Wirklichkeitswelt gelangen kann. Der Begriff der Zufallssinne ist der vorläufig letzte Ausdruck der Resignation.“ (Mauthner 2/1906, S.360)

Mauthner bezeichnet die Zufallssinne auch als Sinnestore, durch die die Wirklichkeit bzw. nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit eindringt. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.74, 236, 248, 273, 276, 322, 325ff., 345, 349f., 352, 448 u.ö.) Die fünf ‚Löcher‘ der Zufallssinne bilden ein „Sieb“, und den Teil der Wirklichkeit, der durch dieses Sieb hindurchgelangt, bezeichnet Mauthner auch als „Durchfall“. (S.343ff.)

Hauptkennzeichen dieser Sinnestore ist es, daß sie ausschließlich nach außen gerichtet sind. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.235f., 248f., 252f., 295, 321f. 324ff., 345, 349f., 352, 448 u.ö.) Da aber in unserem „Verstand“, „Intellekt“, „Gedächtnis“ etc. – was sowieso alles dasselbe ist, nämlich Sprache – nichts sein kann, was nicht vorher in unseren Sinnen gewesen ist (vgl. Mauthner 2/1906, S.248, 273f., 276, 324, 336, 342, 360, 409, 448, 451f.u.ö.), können wir von unserer Innenwelt bzw. von unserer Seele, für die wir keine Sinnesorgane haben, auch nichts wissen. Es macht also keinen Sinn, über diese Innenwelt bzw. Seele irgendetwas sagen zu wollen: „Weil sich aber unsere Sinnesorgane nicht nach innen wenden lassen, weil wir keine Sinnesorgane für unsere ‚Seele‘ haben, darum wird es niemals eine Wissenschaft von der Seele geben können, darum bestrebt sich die neuere Psychologie physiologisch zu werden. Physiologie kann aber niemals Psychologie sein.“ (Mauthner 2/1906, S.235)  – Unsere Worte enthalten ausschließlich über die fünf Sinnestore vermitteltes Außenweltwissen.

Mauthner wäre nicht Mauthner, wenn er nicht trotz dieser weitgehenden Festlegung auf den Außenweltcharakter unserer Sinnesorgane an verschiedenen Stellen auch wieder das Gegenteil behaupten würde. So ‚erinnert‘ er uns z.B. daran, daß unsere Nerven ja nicht nur das Gehirn und die klassischen fünf Sinnesorgane Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Getast miteinander verbinden, sondern auch nach innen, zu den Eingeweiden hinführen: „Man braucht sich nur zu erinnern, daß es außer den Nerven, welche von äußeren Organen ausgehend, die sogenannten fünf Sinne im Gehirn bedienen, noch andere Nervenkomplexe gibt, welche das Herz und die Blutgefäße, den Magen und die Eingeweide und die Lungen bedienen und welche mitunter wirre, mitunter entzifferbare Mitteilungen ins Gehirn senden. Es ist nicht zu zweifeln, daß der ‚Seelenzustand Furcht‘ zuerst in diesem inneren Sinne sehr körperlich war, bevor er ein uns wohl erinnerliches Gefühl wurde und als solches in das Denken oder die Sprache überging.“ (Mauthner 2/1906, S.325)

Nun könnte man diese Stelle auch so auslegen, als gehörten die inneren Organe für Mauthner noch zur Außenwelt, während die eigentliche Innenwelt das Gehirn selbst wäre, für das wir tatsächlich keine Sinnesorgane haben. Dann wäre es aber schön gewesen, wenn Mauthner seine Leser auch auf diese Differenzierung der Außenwelt hinweisen würde. Mit einer Formulierung an einer ganz anderen Stelle scheint Mauthner tatsächlich so eine Differenzierung anzudeuten. Er spricht dort vom Unterschied „zwischen dem Empfinden oder der Einwirkung der Außenwelt und dem Wollen oder der Reaktion auf die Außenwelt“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.253) An dieser Stelle deutet Mauthner sogar an, daß die menschliche Seele auf der Grenze zwischen diesen beiden Richtungen, nach innen und nach außen, anzusiedeln sei.

Aber alles das muß sich der Leser mühsam zusammenlesen und zusammendenken, weil die betreffenden Stellen irgendwo im Buch verstreut sind. An anderen Stellen kommt Mauthner plötzlich durch „genaueste() Selbstbeobachtung“ zu der Einsicht, daß sogar die klassischen fünf Sinnestore nicht alle ausschließlich nach außen gerichtet sind: „Beim Geruchssinn z.B. ist es äußerst merkwürdig, daß wir den wahrgenommenen Geruch nach außen verlegen. Denn es ist zweifellos, daß nur die unmittelbare Einwirkung riechender Stoffteilchen auf die Nasenschleimhaut dort einen Geruch erzeugen kann. ... Bei genauester Selbstbeobachtung bin ich aber endlich doch zu der vollen Sicherheit gekommen, daß wir Gestank und Geruch innerhalb unseres Körpers, auf unserer Nasenschleimhaut empfinden, daß wir die Eindrücke nicht nach außen projizieren. Und ich behaupte, es ist nur eine sprachliche Gewohnheit, wenn wir von riechenden oder stinkenden Gegenständen reden. ... Habe ich damit recht, so ist es nicht wahr, daß unsere Sinne die Eindrücke nach außen werfen, daß sie uns eine Außenwelt schaffen ...“ (Mauthner 2/1906, S.349f.)

Wenn man diese Stelle liest, erzeugt sie natürlich eine gewisse Erwartungshaltung. Nimmt Mauthner jetzt alle seine bisherigen Behauptungen zurück? – Aber nein! Das hat er nicht nötig. Seine Methode, die von ihm verwendeten Begriffe mal enger mal weiter zu fassen und ganz nach Belieben dem jeweiligen Gedankengang im Buch anzupassen, erlaubt es ihm, die Außenweltfixiertheit der Sinnesorgane in die Tätigkeit des Verstandes bzw. der Sprache zu verlegen. Die „Raumvorstellung“, so Mauthner munter, „entsteht nicht durch die Sinne selbst, sondern durch unseren Verstand, durch die Sprache“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.350)

Es bleibt also alles beim Alten mit der Außenweltfixiertheit. Daß die Lage bei den Sinnesorganen vielleicht doch etwas differenzierter ist, als bisher behauptet, ändert für Mauthner nichts am Sachverhalt: über die Innenwelt können wir nichts wissen. Daß aber angeblich nichts im Verstand und in der Sprache sein könne, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen sei und es nun nach seinen eigenen Worten auch aus dem Inneren stammende Sinneseindrücke geben muß, wird von Mauthner nicht weiter reflektiert. Es wird eben gleich wieder alles nach außen projiziert. Ein Innenweltraum kann sich nicht eröffnen, weil Verstand und Sprache ihm dazu gar keine Zeit lassen.

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Dienstag, 15. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken
  4. Sprache und Individualsprache 
  5. Zufallssinne
  6. Bewegung statt Verhalten
  7. Parallelismus
  8. Logik contra Selbstbeobachtung
  9. Expressivität
  10. Seele und Leib
  11. Worte statt Phänomene
  12. Anklänge
‚Die‘ Sprache gibt es Mauthner zufolge als konkrete Wirklichkeit nicht. Sie ist nur ein „leeres“ bzw. „ausgeblasenes“ „Abstraktum“ wie „Sein“ oder „Wesen“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.11, 165) Konkret ist immer nur der Akt des Sprechens selbst als eine „wirkliche Art des menschlichen Handelns“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.11)

Zwar verweist Mauthner auf eine gewisse reale ‚Wirksamkeit‘ (vgl. Mauthner 2/1906, S.49) ‚der‘ Sprache als Sozialform: „Als sozialer Faktor erst wird die Sprache, die vor Erfindung der Buchdruckerkunst noch nicht einmal in einem Wörterbuch beisammen war, etwas Wirkliches.“ (Mauthner 2/1906, S.17f.) – Aber letztlich will Mauthner nicht einmal den nationalen Einzelsprachen eine reale Eigenständigkeit zubilligen. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.5f., 11) Auch wenn er zunächst vor allem den Individualsprachen, also dem individuellen Gebrauch der Sprache eine gewisse Wirklichkeitshaltigkeit zugestehen will (vgl. Mauthner 2/1906, S.29f., 151), bleiben auch diese letztlich nicht vom Abstraktionsvorwurf verschont (vgl. Mauthner 2/1906, S.199). Mauthner gelangt bei seinen verschiedenen Versuchen, die Sprache auf eine letzte Realität zurückzuführen, schließlich zur „momentanen Bewegung des Sprechorgans“; und von dieser Bewegung will Mauthner wiederum nur den „letzte(n) mikroskopische(n) Bestandteil“ als die eigentliche, zugrundeliegende Wirklichkeit von Sprache akzeptieren. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.200) Alles andere ist unwirklich und abstrakt.

Alles, was mit Worten bezeichnet werden kann, allem voran Bewußtseinsphänomene wie Denken, Vernunft, Verstand, Gedächtnis, Seele etc., hat keine andere Realität als die Bewegung der Sprechorgane, die Erschütterung der Luft (vgl. Mauthner 2/1906, S.191) und die den einzelnen Worten zuzuordnenden Bewegungen in den Nervenbahnen (vgl. Mauthner 2/1906, S.186). Als Beispiel für das von ihm gemeinte Konkrete verweist Mauthner auf die Eisenbahnschienen, denen er als menschlichen Konstruktionen eine gewisse Unwirklichkeit attestiert. Es liegt ihnen ein geistiger Konstruktionsplan zugrunde, und dieser Konstruktionsplan besteht aus Worten, so daß die Eisenbahnschienen also auf Worte rückführbar und infolgedessen nicht real sind: „Die Eisenbahn ist ein Abstraktum. Der Umstand z.B., daß von Königsberg bis Marseille die Schienen gleich weit auseinander stehen, ist erfreulich, weil er die Eisenbahn erst fahrbar macht. Aber relativ wirklich ist nur jedes Kilo Eisen der Schienen; nicht einmal die einzelne Eisenschiene ist ganz real, weil zweckmäßige Form an ihr ist.“ (Mauthner 2/1906, S.185f.)

Weil aber der Mensch, „solange er lebt“, „glaubt, er habe etwas zu sagen, weil er spricht“ (vgl. Mauthner 2/1906, S.2), personifiziert er abstrakte Worte wie „Gerechtigkeit und Gewissen“ (vgl. Mauthner 2/1906, S.341). So kommt er zu einer Religion: „Denn Götter sind Worte, Worte sind Götter, und die griechische Religion ist nicht die einzige, die in den Worten der Sprache den ewigen Kreislauf zurücklegt, der von Metapher zu Metapher führt, vom Scheine einer Anschauung zu einem anderen Scheine, um in banalen Redensarten zu verblassen, die durch Eroberung neuer Stimmungen wieder neue Gefühlswerte erringen.“ (Mauthner 2/1906, S.125)

Sogar die aufgeklärte Gegenwart ist diesem „Wortaberglauben“ (vgl. Mauthner 2/1906, S.33, 449 u.ö.) verfallen, solange sie noch mit Abstrakta wie „Natur“ (vgl. Mauthner 2/1906, S.317) oder „Kraft“ (vgl. Mauthner 2/1906, S.449) arbeitet: „Unsere gegenwärtige Weltanschauung, unsere Weise, Gott zu erkennen und zu verehren, d.h.: uns die Welt aus Ursachen zu erklären, ist uns nur darum keine Religion, weil diese Weltanschauung die unsere, die gegenwärtige ist. ... Es kommen vielmehr neue Weltanschauungen und Sprachen über ein Volk, wie die neue Behaarung über ein Tier. ... Denn die neue Weltanschauung oder Sprache kann nur unmerklich die Bedeutung und den Laut der älteren Weltanschauung oder Sprache umformen. ... Da ist nie ein Wort in der neuen Sprache oder Weltanschauung, welches nicht seine unverwischbare Geschichte hätte, welches nicht einen konservativen, einen veralteten, einen religiösen Sinn hätte. Darum kann nur die Kritik der Sprache uns zu einiger Klarheit über unsere eigene Weltanschauung verhelfen.“ (Mauthner 2/1906, S.173)

Mit dieser Beschreibung der Sprache als Glaubenssystem nähert sich Mauthner nun allerdings einem Zusammenhang, wie er seitdem mit Begriffen wie „shifting baselines“ und „Lebenswelt“ beschrieben worden ist. (Vgl. meine Posts vom 05.08. bis 08.08.2010 und vom 31.03.2011) Wäre Mauthner mit seiner Sprachkritik auf dieser Phänomenebene geblieben, hätte er zweifellos eine für die spätere Theorieentwicklung wertvolle Vorarbeit leisten können. Durch die maßlose Ausdehnung seines sprachkritischen Steckenpferds bis hinab zu molekularen Bewegungen hat er sich aber selbst leider ins theoriegeschichtliche Abseits begeben.

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Montag, 14. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken 
  4. Sprache und Individualsprache
  5. Zufallssinne
  6. Bewegung statt Verhalten
  7. Parallelismus
  8. Logik contra Selbstbeobachtung
  9. Expressivität
  10. Seele und Leib
  11. Worte statt Phänomene
  12. Anklänge
Die Grundgedanken der Sprachkritik beinhalten hauptsächlich zwei Aspekte: die Sprache (a) als Werkzeug der Welterkenntnis und (b) als Mittel des Denkens. In der einen Hinsicht (a) – so die These – ist die Sprache völlig ungeeignet, weil sie die Welterkenntnis niemals als solche, sondern immer nur in sprachlich vermittelter Form ermöglicht – eine der vielen Tautologien, auf die Mauthner immer wieder gerne zurückkommt – und in der anderen Hinsicht (b) haben wir es mit einer Selbsttäuschung zu tun, weil die Sprache gar kein ‚Mittel‘ des Denkens ist, sondern das Denken selbst. Das beinhaltet aber wiederum ein bezeichnendes Paradox: gerade die Mitteilung von Gedanken, die ja nichts anders sind als zu Sätzen geronnene Worte, scheitert wiederum, da Mauthner zufolge Sprache Verständigung nicht etwa ermöglicht, sondern verhindert:  „Ein Hauptmittel des Nichtverstehens ist die Sprache. Wir wissen voneinander bei den einfachsten Begriffen nicht, ob wir bei einem gleichen Worte die gleiche Vorstellung haben.“ (Mauthner 2/1906, S.56).

Daß es einerseits „kein Denken ohne Sprechen, das heißt ohne Worte“ geben kann (vgl. Mauthner 2/1906, S.176), das Aussprechen dieser Worte aber beim Zuhörer nicht reflexartig zum Aufrufen der ihnen zugehörigen Gedanken führt, erklärt Mauthner damit, daß es ‚die‘ Sprache als „Abstraktum“ gar nicht gibt; wie übrigens auch die Einzelsprachen nicht. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.11) Als Wirklichkeit gibt es vielmehr nur die Individualsprachen, wie sie jedes Individuum für sich spricht, also die jeweiligen konkreten Akte des Sprechens: „... dabei bleibt es, daß die Individualsprache einer möglichen Wirklichkeit noch am nächsten kommt.“ (S.29)

Wenn also jeder Mensch von der Sprache einen individuellen, einzigartigen, letztlich unvergleichlichen Gebrauch macht, so wird auch das Aussprechen seiner Gedanken, die aber nichts anderes sind als die ausgesprochenen Worte, beim Zuhörer zu einem wiederum individuellen Gebrauch führen, so daß das, was der Zuhörer versteht, niemals identisch sein wird mit dem, was der Sprecher meinte.

Ungeachtet dessen, daß wir also alle beim Sprechen einen einzigartigen Gebrauch von ‚der‘ Sprache machen, gibt es aber dennoch ‚die‘ Sprache, die sich uns beim Sprechenlernen in unseren Gehirnbahnen und Sprechorganen eingeschliffen hat: „Der einzelne Mensch lernt mit der Sprache in wenigen Jahren die Erfahrungen von Jahrhunderten oder Jahrtausenden. ... Heutzutage lernt jedes Kind, wenn erst Knochen und Muskeln die nötige Kraft haben, gehen; es kürzt die jahrtausendelange Entwicklung so sehr ab, daß es oft binnen wenigen Tagen laufen lernt. Es scheint, als ob einzig und allein in der Möglichkeit dieser Abkürzung der Fortschritt der Menschheit bestehe.“ (Mauthner 2/1906, S.71f.)

Da also in der Anatomie des gehen lernenden Kindes der aufrechte Gang gewissermaßen ‚gespeichert‘ ist, braucht dieses Kind den aufrechten Gang nicht neu zu erfinden. Es lernt nur, die vorhanden Gehwerkzeuge zunehmend besser zu nutzen. Wie das biologische Gedächtnis dient auch das Sprachgedächtnis der Menschheit beim Sprechenlernen als eine Art Abkürzung. Das sprechen lernende Kind kann sich dieser vorangegangen Sprecharbeit seiner Vorfahren als einer Art „Realkatalog der Welt“ bedienen und nach diesem Vorbild seine eigene Welt ordnen. (Mauthner 2/1906, S.76)

Auf diese Art gewinnt aber ‚die‘ Sprache nun doch Macht über den Menschen. Dort, wo er selbst zu denken glaubt, bewegt er sich doch immer nur in den vorgegebenen Strukturen und im vorgegebenen Lexikon ‚der‘ Sprache. Wenn also Denken niemals ohne Worte funktionieren kann, so sind es letztlich diese Worte, die in uns denken, wo wir selbst zu denken glauben: „Was in uns denkt, das ist die Sprache; was in uns dichtet, das ist die Sprache. ... ‚Nicht ich denke; es denkt in mir –‘“ (Mauthner 2/1906, S.42)

Selbst dort, wo wir einen individuellen Gebrauch von der Sprache machen und uns deshalb durchaus als Subjekte des Denkens empfinden dürften, zerrinnt dieses subjektive Surplus angesichts des erwähnten prinzipiellen, wechselseitigen Nichtverstehens beim Aussprechen der Gedanken. Von hinten manipuliert durch ‚die‘ Sprache, von vorne konfrontiert mit dem Nichtverstehen der Gesprächspartner stehen „alle Menschen ... gegenseitig im Verhältnisse von Hypnotiseur und Hypnotisierten, alle Menschen lassen sich gegenseitig durch ausgesprochene Worte Zwangsvorstellungen suggerieren“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.43) – Mauthner stellt fest, „daß der ganze geistige Verkehr der Menschen untereinander nichts weiter ist als allgemeine ununterbrochene milliardenhaft durchkreuzte Hypnotisierungsversuche und gelungene Hypnosen, welche von der ererbten Fähigkeit der Assoziationsflucht Gebrauch machen, und wobei der menschlichen Sprache die traurige Rolle zufällt, Erreger und alleiniges Ausdrucksmittel dieses künstlichen Wahnsinns zu sein.“ (Ebenda)

Was die Sprache als Werkzeug der Welterkenntnis betrifft, differenziert Mauthner den Werkzeugbegriff zwischendurch dahingehend, daß ‚die‘ Sprache, im Unterschied zu Worten, gar kein Werkzeug sei, sondern etwas, das durch Gebrauch nicht verbraucht wird, sondern immer besser wird bzw. ‚gesteigert‘ wird: „Nur Worte werden aber verbraucht, verschlissen, entwertet. ... Die Sprache ist aber kein Gegenstand des Gebrauchs, auch kein Werkzeug, sie ist überhaupt kein Gegenstand, sie ist gar nichts anderes als ihr Gebrauch. Sprache ist Sprachgebrauch. Da ist es doch kein Wunder mehr, wenn der Gebrauch mit dem Gebrauch sich steigert.“ (Mauthner 2/1906, S.24) – Ob nun ‚Werkzeug‘ oder nicht: ‚die‘ Sprache ist es nicht nur „nebenbei und zufällig“, „sie ist vielmehr wesentlich eine nützliche Erfindung.“ (Vgl. Mauthner 2/1906, S.78f.) 

Es liegt also gewissermaßen im ‚Wesen‘ ‚der‘ Sprache, daß sie gebraucht wird und daß sie nur im Akt des Sprechens wirklich ist. Zugleich ist sie aber nicht einfach nur als diese Sprechakte wirklich, was auch immer wir in diesen Sprechakten zum Ausdruck bringen wollen. Es liegt vielmehr im „Wesen der Sprache“, ein Werkzeug „zum Verstehen der Außenwelt“ zu sein, „und darum ungeeignet zu Urteilen über die Innenwelt.“ (Vgl. Mauthner 2/1906, S.235)

Mauthners Sprachkritik wendet sich also gegen ‚die‘ Sprache vor allem in ihrer Außenweltgerichtetheit: in ihrer Verständigungsfunktion und in ihrer Erkenntnisfunktion. Ihre Ausdrucksfunktion, also als Ausdruck einer subjektiven Innenwelt, ist für seine Sprachkritik nicht relevant. Sprache ist wesentlich außenweltfixiert. In dieser Hinsicht setzt Mauthner die Sprache übrigens mit dem Verstand gleich – wie auch mit vielen anderen Begriffen wie Vernunft, Gedächtnis, Seele, Sinnes- und Neurophysiologie etc.: alles ‚Sprache‘ –, und er schreibt es der Wirkungsweise der Sprache zu, daß wir alle unsere „Sinneseindrücke“ „nach außen verlegen“: die „Raumvorstellung“ „entsteht nicht durch die Sinne selbst, sondern durch unseren Verstand, durch die Sprache“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.350)

Es gibt also keine Innenweltphänomene, weil es sie nur als Sprachphänomene gibt, und als Sprachphänomene gehören sie schon nicht mehr der Innenwelt, sondern der Außenwelt an.

Bei dieser entschiedenen Einordnung ‚der‘ Sprache als einem Werkzeug der Außenwelterkenntnis und der Zwischenweltverständigung (vgl. Mauthner 2/1906, S.19, 28f.) verwundert es doch, daß diese Sprache für ihren eigentlichen Zweck so wenig brauchbar sein soll. Nicht nur daß sie Verständigung eher verhindert als ermöglicht; auch als Erkenntniswerkzeug ist sie völlig untauglich. Immer wieder bezeichnet Mauthner ‚die‘ Sprache als „schlechtes Werkzeug für Erkenntnis“ (vgl. Mauthner 2/1906, S.84); er spricht von ihrer „Impotenz“ als Erkenntniswerkzeug (vgl. Mauthner 2/1906, S.94); dann heißt es wieder, sie sei ein  „untaugliches“ oder „elendes Werkzeug der Erkenntnis“ (vgl. Mauthner 2/1906, S.XI, 136, 369).

In einem späteren Post werde ich noch auf die Expressivität zu sprechen kommen, also auf die Funktion der Sprache für das Ausdrücken von Stimmungen und Gefühlen. Dabei wird sich herausstellen, daß Mauthner hier die Eignung der Sprache wesentlich besser beurteilt, als bei der Vermittlung von Außenwelterkenntnis. Natürlich befinden wir uns hier sowieso schon in einem Widerspruch zu seiner Behauptung, daß es eine Innenwelt bzw. Seele – und für was sonst sollten Stimmungen und Gefühle stehen? – gar nicht geben könne. Aber wenn wir das für den Moment mal beiseite lassen, so überrascht es doch, wie günstig Mauthner die sprachlichen Möglichkeiten hier beurteilt.

Mauthner hält die Sprache also zwar für ein „elendes Erkenntniswerkzeug“, dafür aber für ein „herrliches Kunstmittel“: „Denn der Dichter will immer nur eine Stimmung mitteilen. Seine Seelensituation. Was der Stimmung zu Grunde liegt, das Wirklichkeitsbild, hält die Poesie nur zusammen, wie der Strick einen Rosenkranz. Mag auch (wie es immer wieder vorkommt) falsch aufgefaßt werden, nach der Seelensituation des Lesers oder Hörers übersetzt; schadet gar nicht viel. ... Anders in der wissenschaftlichen Untersuchung. Hier soll nichts Stimmung sein, hier ist nichts ein sinnfälliger Vorgang. Die Mehrdeutigkeit jedes einzelnen Wortes wird durch kein Ganzes vorher gemildert oder gedeutet, und so kann am Ende kein Ganzes entstehen.“ (Mauthner 2/1906, S.93f.)

Mit anderen Worten: obwohl (oder gerade weil ?) die Sprache uns über die Weltwahrnehmung und in ihrer Mitteilungsfunktion immer nur täuscht, geht es doch bei der Darstellung einer „Seelensituation“ niemals nur um die Mitteilung einzelner Informationen, sondern um Stimmungen und Bilder, die als Ganzes wirken, als Gestalt, und nicht en detail. Über die Falschheit oder Verworrenheit einzelner Informationen hinweg erzeugt ein sprachliches Kunstwerk von diesen einzelnen Informationen unabhängige Stimmungsbilder, die diese Informationen zusammenhalten wie der „Strick“ die einzelnen Perlen eines Rosenkranzes zusammenhält.

Wie auch immer man Mauthners Beschreibung der „Wortkunst“ beurteilen mag, so bleibt hier doch bemerkenswert, daß er ‚die‘ Sprache hier so positiv darstellt. Und man fragt sich irritiert, wieso er ihr eigentliches Wesen an einer Funktion festmacht, für die sie offensichtlich so wenig taugt. Richtet er da nicht seine Sprachkritik auf einen Popanz, der schon beim ersten Anwehen eines Atemhauches umfallen muß? Wozu bitte 2100 Seiten Sprachkritik, wenn schon 60 Seiten zum Thema „Wortkunst“ (vgl. Mauthner 2/1906, S.91-151) zeigen, daß es in der Sprache um etwas ganz anderes geht als um Erkenntnis?

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Sonntag, 13. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken
  4. Sprache und Individualsprache
  5. Zufallssinne
  6. Bewegung statt Verhalten
  7. Parallelismus
  8. Logik contra Selbstbeobachtung
  9. Expressivität
  10. Seele und Leib
  11. Worte statt Phänomene
  12. Anklänge
Alle großen Denker haben einen zentralen Gedanken, eine Ausgangsabstraktion, auf der sie ihre Gedankengebäude errichten. Bei Heidegger ist diese Ausgangsabstraktion das Sein, bei Husserl ist es das Phänomen, bei Schopenhauer ist es der Wille, bei Marx ist es die Ware, bei Hegel ist es der Geist, bei Kant ist es das Ding an sich. Bei Mauthner ist diese Ausgangsabstraktion, dieser allen seinen Überlegungen zugrundeliegende Gedanke die Sprachkritik. Ausgehend von dem Axiom, daß alles, was wir über die Welt wissen können, sprachlich vermittelt ist, soll die Sprachkritik diese sprachliche Vermitteltheit von Welt in allen Lebens- und Bewußtseinsbereichen des Menschen offenlegen.

Den Erkenntnisgewinn schätzt Mauthner dabei als eher gering ein: „... die Untersuchung, die ein meinschliches, ein sprachliches System in der Welt nicht zu erblicken vermag, kann kein System der Welterkenntnis bieten, kann darum vielleicht nicht einmal von der Darstellung des Verhältnisses Systematik verlangen. ... Wer Sprachkritik treiben will, ernsthaft und radikal, den führen seine Studien unerbittlich zum Nichtwissen.“ (Mauthner 2/1906, S.XIV)

Mauthner bietet also nicht nur keine neue inhaltliche und auch keine neue systematische Perspektive auf die Wirklichkeit, sondern er verweigert sich sogar einer systematischen Darstellung seiner Kritik an jeder sprachlichen Wirklichkeitsvermittlung. Denn jede Systematik bedeutet für ihn einen Rückfall in den falschen Schein einer objektiven Ordnung, die doch immer nur wieder eine aufs Neue sprachlich vermittelte Ordnung sein kann. Jeder von ihm gewählte „Ordnungsgrund“ könnte ihm, so befürchtet Mauthner, „von der ererbten Sprache souffliert“ worden sein und müßte ihm als ein letzter „Fetischismus“ ausgelegt werden. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.167) – So hat also auch sein willkürliches Vorgehen, die hohe Bilderdichte seiner Darstellung, der intuitive Metapherngebrauch durchaus Methode.

Allerdings bleibt auch dieses Vorgehen angesichts des Anspruchs, den Mauthner mit seiner Sprachkritik erhebt, zweifelhaft: „Will ich emporklimmen in der Sprachkritik, die das wichtigste Geschäft der denkenden Menschheit ist, so muß ich die Sprache hinter mir und vor mir in mir vernichten, von Schritt zu Schritt, so muß ich jede Sprosse der Leiter zertrümmern, indem ich sie betrete.“ (Mauthner 2/1906, S.1f.)

Auch dies begründet natürlich die fehlende Systematik des ganzen ca. 2100 Seiten umfassenden Werkes. Wenn ich bei jedem Schritt die zurückgelegten ‚Sprossen‘ zertrümmere, also vollständig vergesse, kann kein vergewissernder Rückblick auf den zurückgelegten Weg einen Eindruck von der Richtung vermitteln, auf die das ganze Projekt abzielt.

Bleiben wir beim von Mauthner gewählten Bild einer Leiter, so ist es natürlich klar, daß es trotzdem irgendwie ‚aufwärts‘ geht, allerdings, wie Mauthner nicht müde wird zu betonen, aufwärts in die leere Luft hinein bzw. „ein Klettern in die leere Luft hinauf“ (Mauthner 2/1906, S.323). Erkenntnismäßig hat man damit am Ende nichts gewonnen, als daß man „in der Luft“ hängt, „wie die Erde seit Kopernikus“. (Vgl. Mauthner 2/1906, S.320)

Mauthner verweist immer wieder auf dieses Manko seiner Sprachkritik. Wo am Anfang Aufklärung steht, Aufklärung über die umfassenden Selbsttäuschungen des sprechenden Menschen, der mit jedem neuen Wort der Wirklichkeit näher zu kommen glaubt, sich aber tatsächlich nur immer weiter von ihr entfernt, steht am Ende der ‚Selbstmord‘, eben jenes Nichtwissen, von dem schon die Rede war: „Sprachkritik ist selbstmörderisch, weil Kritik aus der Vernunft, also aus der Sprache stammt.“ (Mauthner 2/1906, S.177)

Das ist übrigens ein weiteres Manko der Mauthnerschen Sprachkritik: Obwohl sie eigentlich zur Aufklärung über die umfassenden Täuschungsmechanismen der Sprache dienen sollte, hat Mauthner diese Sprachkritik so umfassend angelegt, daß alle Unterschiede zwischen Sprache und Vernunft, Sprache und Denken, Sprache und Gedächtnis, Sprache und Physiologie, Sprache und Wirklichkeit verschwinden. Alles ist Sprache, also auch die Sprachkritik, und so holt die Übermacht der Sprache den Sprachkritiker gerade dort wieder ein, wo er sich gegen sie zu wenden glaubt: „Zum Hasse, zum höhnischen Lachen bringt uns die Sprache durch die ihr innewohnende Frechheit. Sie hat uns frech verraten; jetzt kennen wir sie. Und in den lichten Augenblicken dieser furchtbaren Einsicht toben wir gegen die Sprache wie gegen den nächsten Menschen, der uns um unseren Glauben, um unsere Liebe, um unsere Hoffnung betrogen hat.“ (Mauthner 2/1906, S.86)

Anstatt auf der Grundlage seiner Sprachkritik zu neuen Definitionen grundlegender Begrifflichkeiten vorzustoßen, werden sie einfach alle gleichgesetzt. Im Grunde ist alle Sprache – und mit ihr die Sprachkritik – Tautologie. Das Definieren selbst verdächtigt Mauthner der Tautologie: „Nun, ich dagegen behaupte, daß jede Definition mit diesem Fehler behaftet ist; oder vielmehr: daß die Definition gar nichts Anderes ist als eine tautologische Auseinanderlegung ihres Begriffs.“ (Bd.III: Zur Grammatik und Logik, Stuttgart/Berlin, 2/1913, S.297)

Anstatt also die analytische Kraft seiner Sprachkritik an trennscharfen Definitionen zu erproben, erweitert und verengt Mauthner den Begriff der Sprache oder auch des Denkens ganz nach Belieben, wie es gerade zum jeweiligen Gedankengang paßt: „Und weil es nur dem allgemeinen Sprachgebrauch widerspricht, Atmen, Bewegung, Nahrungsaufnahme Denkakte zu nennen, weil wirklich eine fortschreitende Entwicklung besteht zwischen den Lebenserscheinungen der niedersten Tiere und den angestrengten Denkprozessen eines Philosophen, weil das Denken auch etwas wie eine Lebensäußerung ist, darum müssen wir uns hüten, den Begriff ‚Denken‘ als einen klar definierten Begriff anzusehen. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Sprechen und Denken wird so zu einem Wortstreit, wird abhängig von der Definition des Begriffs ‚Denken‘, die wir uns freilich bemühen müssen dem Sprachgebrauch anzupassen.“ (Mauthner 2/1906, S.191)

Einziges Kriterium, was Sprache bzw. Denken im jeweiligen Zusammenhang bedeuten soll, ist also der Gebrauch, den ‚wir‘ – bzw. Mauthner – gerade davon machen wollen.

Angesichts so starker Worte wie ‚Haß‘, ‚Hohn‘, ‚Frechheit‘ fragt man sich, warum Mauthner überhaupt den Mund aufmacht, um irgendetwas zu sagen? Seine Antwort lautet: „Eine neue kleine Veränderung will auch diese Sprachkritik dem Gesellschaftsspiel des Wissens hinzufügen, eine neue kleine Spielregel. Sie ist das Nichtigste von allem Nichtigen, sie ist der dem Spiele entfremdete Traum eines schlechten Mitspielers, solange sie mein Eigentum bleibt. Ein wenig wirklich kann sie nur werden, wenn andere Mitspieler die kleine Regel annehmen, wenn andere sich die Gedankengänge dieser Sprachkritik aneignen.“ (Mauthner 2/1906, S.39)

Mauthner will nicht, daß seine Enttäuschung angesichts des frechen Blendwerks der Sprache sein privates „Eigentum“ bleibt. Er will diese Enttäuschung mit anderen teilen, weil sie nur so zur Erkenntnis wird. So wenig Sprache Privatsprache ist, sondern nur als Mitteilung zwischen Menschen funktioniert, so sehr drängt es Mauthner aus seiner „Seelensituation“ hinaus zur Mitteilung an andere: „... ohne den Versuch eines gemeinsamen Sprachgebrauchs, wenigstens eines Gebrauchs zwischen Autor und Leser, ist keine gemeinsame Seelensituation, ist keine Mitteilung möglich.“ (Mauthner 2/1906, S.191)

Aber auch hier gibt es wieder eine sprachkritische Einschränkung: „Ein Hauptmittel des Nichtverstehens ist die Sprache. Wir wissen voneinander bei den einfachsten Begriffen nicht, ob wir bei einem gleichen Worte die gleiche Vorstellung haben.“ (Mauthner 2/1906, S.56)

Dennoch nehmen wir Mauthners Bedürfnis zur Kenntnis, wenigstens jenes ‚Nichts‘ einer neuen Spielregel zum allgemeinen Erkenntnisbetrieb der Wissenschaften beizutragen. Um so schmerzhafter war es für ihn, daß diese bescheidene Anerkennung – getreu seiner eigenen These, daß Nichtverstehen ein Hauptmittel der Sprache sei – ihm versagt geblieben ist, wie Mauthner in seiner Zwischenbilanz selbst beklagt: „In dem großen Haufen von Besprechungen meines Werkes finde ich nur fünf oder sechs Aufsätze, deren Verfasser eine Beziehung zu meinen Gedanken hergestellt haben. Ganz abgesehen natürlich davon, ob diese Beziehung freundlich oder unfreundlich war. Die Hauptmasse der Besprechungen ging an den Grundgedanken des Werkes vorüber.“ (Mauthner 2/1906, S.VIII)

Ich werde versuchen, es besser zu machen und nicht an seinen Grundgedanken vorüberzugehen. Ich bezweifle aber, daß Mauthner mit meinen Besprechungen zufriedener gewesen sein würde als mit den Reaktionen seiner Zeitgenossen.

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Samstag, 12. Oktober 2013

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Stuttgart/Berlin 2/1906

  1. Prolog
  2. Methode
  3. Grundgedanken
  4. Sprache und Individualsprache
  5. Zufallssinne
  6. Bewegung statt Verhalten
  7. Parallelismus
  8. Logik contra Selbstbeobachtung
  9. Expressivität
  10. Seele und Leib
  11. Worte statt Phänomene
  12. Anklänge

„Wohl wird er dann in seinem geistigen Spieltrieb geneigt sein, seine ganze Weltanschauung an dieses sein neues Wort zu knüpfen ....“ (Mauthner, Bd.I, S.701)


Mauthners Hinweis auf den „Spieltrieb“ von Menschen, die ein neues Wort bzw. einen neuen Gedanken entwickelt haben und nun in ihrer Entdeckerfreude eine ganze Weltanschauung auf diesem einen neuen Gedanken aufbauen, entspricht seiner eigenen Vorgehensweise. Im Grunde besteht sein ganzes Denken in nichts anderem als im ständigen Auffinden neuer Beispiele, an denen er immer neue Anwendungen seines eigenen zentralen Gedankens, der „Sprachkritik“, erprobt. Daraus wird nun zwar keine neue Weltanschauung – denn die Zweifelhaftigkeit aller möglichen Weltanschauungen ist ja gerade ein zentrales Thema seiner „Sprachkritik“ –, aber dafür treibt ihn sein „Spieltrieb“ nun durch alle Welt- und Wissensbereiche, auf der Suche nach eventuell noch vorhandenen Weltanschhauungsresten, um ihnen dann – ich bitte um Entschuldigung für den Kalauer – den Rest zu geben.

Der vielfältige Metapherngebrauch in Mauthners „Sprachkritik“ ist zugleich eine Schwäche und eine Stärke. Die Stärke besteht sicherlich darin, daß diese Metaphern ungeheuer anregend sind und einen auf neue Gedanken bringen. Ihre Schwäche besteht aber darin, daß sie gerade aufgrund ihrer bunten Farbigkeit und Unterhaltsamkeit verschleiern, daß sich Mauthner in seinen drei dicken Bänden zu je ca. 700 Seiten gedanklich immer nur auf der Stelle bewegt; daß er in seinem Denken nicht weiterkommt.

Mauthner kommt mir vor wie eine meiner beiden Katzen – um nun selbst zu einem Bild zu greifen –, wenn sie mit einem Wollknäuel spielt. Mauthners Wollknäuel ist seine „Sprachkritik“. An diesem genialen Einfall hält er fest und wiederholt den damit verbundenen Grundgedanken immer wieder. Anstatt aber nun den Faden in die Hand zu nehmen und das Knäuel abzurollen, um einen Pullover daraus zu stricken, wirft und stößt Kater Mauthner es hin und her und jagt es durch die ganze Wohnung, bis es zuletzt unter irgendeinem Schrank oder hinter irgendeiner Truhe verschwindet und wir uns vom Zusehen verwirrt die Augen reiben und uns fragen: War da was?

Für meine folgenden Kommentare werde ich deshalb ähnlich vorgehen. Ähnlich unsystematisch und willkürlich, wie Mauthner sein Thema behandelt, werde ich mir mehr oder weniger willkürlich einzelne Sätze und Thesen vor allem aus dem ersten Band herausgreifen und sie in ihrem logischen Zusammenhang prüfen. Wenn ich dabei auf die zahlreich auftretenden Widersprüche und Einseitigkeiten hinweise, kümmert es mich wenig, wenn möglicherweise andere Leser dieses ersten Bandes oder gar aller drei Bände wiederum mich darauf hinweisen, daß Mauthner an anderen Stellen in diesen drei Bänden die betreffenden Aussagen in einen anderen Zusammenhang stellt und unter einem anderen Gesichtspunkt behandelt, so daß sich die angeblichen Einseitigkeiten wieder auflösen.

Das Hin und Her, das Mal so und Dann wieder anders in Mauthners Gedankengängen ist vor allem dem dauernden Herumspringen des Wollknäuels geschuldet, in dessem Verlauf alle möglichen Aspekte seines Themas irgendwo angestoßen werden. Wenn sich Mauthner auf seiner Fensterbank von der Herumjagerei ausruht und auf die in der Stube verteilten Scherben der umgestoßenen Blumenvasen und heruntergefallenen Porzellanfiguren hinabschaut, kann er zufrieden schnurrend darauf hinweisen, nichts ausgelassen zu haben.

Mir geht es letztlich vor allem darum, das verflixte Wollknäuel selbst in die Hand zu nehmen und daraufhin zu prüfen, ob es zu mehr taugt, als eine wohlgeordnete Welt durcheinander zu wirbeln.

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