Sonntag, 7. Mai 2017

Robert Misik, Miteinander gegeneinander arbeiten, in: Mathias Greffrath (Hg.), Re: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert, München 2017, S.171-183

(Antje Kunstmann, gebunden, 240 S., 22,-- € )

Die Arbeitsteilung ist immer schon auch eine Form der Kooperation, nicht erst seitdem die Menschen in Fabriken gesperrt wurden, um dort am Fließband in kleinsten Schritten mit einfachsten Handgriffen im Minutentakt Produkte herzustellen, für die zuvor ein einzelner Handwerker Tage und Wochen gebraucht hatte. Robert Misik hebt in seinem Beitrag „Miteinander gegeneinander arbeiten“ (2017) den Doppelcharakter dieser Kooperation im Kapitalismus hervor:
„Es ist ein Miteinander, das zugleich ein Gegeneinander ist. So gebiert gerade der Kapitalismus auf vielen Ebenen die Kooperation, hemmt sie aber zugleich. Sie ist ambivalent ... sie hat einen Doppelcharakter.“ (Misik 2017, S.171f.)
Dieser Doppelcharakter besteht zum einen in der „Geist- und Willenlosigkeit“ der „Arbeiterheere“, die in einem „Zwangsregime der Fabrik zusammengespannt“ werden (vgl. Misik 2017, S.172), und zum anderen in der „Solidarität“, die die Arbeiter in diesen Fabriken dennoch füreinander an den Tag legten:
„So wurde es üblich, dass kräftigere Arbeiter schwächere unterstützten. Arbeiter konnten sich in einem Eck ausschlafen – etwa jene, die gerade ein Haus für die Familie bauten und entsprechend erschöpft zur Arbeit kamen –, dafür arbeiteten die Kollegen eben einen Zahn schneller. ... aus dieser instinktiven Solidarität unter den Arbeitern wuchs etwas, das später Klassenbewusstsein heißen sollte.“ (Misik 2017, S.175)
Diese Solidarität der Arbeiter untereinander ist im Kontext des Fabriksystems etwas besonderes. Sie zeugt von einem „Eigensinn“ (Misik 2017, S.176), der in der die Fabrik kennzeichnenden „Planung, Kontrolle, Überwachung“ (Misik 2017, S.173) nicht vorgesehen gewesen war:
„Die scheinbare Despotie des Fabriksystems wurde so durch Eigensinn immer unterlaufen, und die gewohnheitsmäßigen Praxen (der Solidarität – DZ) waren die Ergebnisse von etwas, was man heute ‚Aushandlungsprozesse‘ nennt – im einzelnen Betrieb, oder, von Gewerkschaften und Sozialpolitikern durchgesetzt, auf gesellschaftlicher Ebene.“ (Misik 2017, S.176)
Wodurch wurde dieser Eigensinn der Fabrikarbeiterschaft möglich? Welches Menschenbild müssen wir diesem Eigensinn zugrundelegen? – Hier ergibt sich die Notwendigkeit einer anthropologischen Klärung. Misik macht sie sich einfach. Der vom Fabrikbesitzer nicht beabsichtigte Doppelcharakter der Kooperation widerfährt ihm und den Arbeitern einfach, ohne daß sie es wollen:
„Aber wie so oft in der Welt entsteht auch in der Fabrik etwas, was kein Fabrikant so je geplant hat, genauso wie im Kapitalismus überhaupt Prozesse wirksam werden, die aus dem Zusammenspiel verschiedener Aktivitäten entstehen ... Das, was rauskommt, gestaltet sich hinter dem Rücken der Einzelnen.“ (Misik 2017, S.174; Hervorhebung: DZ)
An dieser Feststellung ist durchaus etwas dran. Misik beschreibt hier die Lebenswelt, in die wir hineingeboren und hineingewachsen sind und die hinter unserem Rücken fungiert. Aber im Endeffekt führt Misik die Eigensinnigkeit der Fabrikarbeiterschaft nicht auf die Arbeiter zurück, sondern auf die Lebenswelt: es ist vor allem die Lebenswelt, die sich „hinter dem Rücken der Einzelnen“ ‚gestaltet‘ und die sich ‚eigensinnig‘ der Planung und Kontrolle des Fabriksystems entzieht.

Da stellt sich dann aber wieder ein Problem: welche Lebenswelt? – Ist nicht für die Arbeiter längst das Fabriksystem zur Lebenswelt geworden? Woher nehmen die Arbeiter also die Solidarität, auf die dieses Fabriksystem eben nicht angelegt ist?

Das Problem stellt sich noch schärfer, wenn wir nochmal auf das zugrundeliegende Menschenbild zurückkommen; der Autor stellt in Übereinstimmung mit Marxens Definition des Menschen als Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse fest:
„... das Wesen des Menschen ist nichts Essentielles, Vorgängiges, etwas was immer schon da ist jenseits seiner konkreten gesellschaftlichen Gemachtheit.“ (Misik 2017, S.181f.)
Auch wenn dem Autor dahingehend zugestimmt werden kann, daß es so etwas wie ein menschliches Wesen nicht gibt, bedeutet das noch lange nicht, daß sich alles Menschliche auf sein gesellschaftliches Gemachtsein reduziert. Denn daraus ergäbe sich keine Eigensinnigkeit, wie sie Misik der Fabrikarbeiterschaft zubilligt. Im Rahmen eines solchen Menschenbildes kann es keinen Doppelcharakter der Kooperation geben, der die Despotie des Fabriksystems unterläuft.

Ein vollständiges Menschenbild muß immer drei Entwicklungsprozesse zusammendenken: die biologischen, die gesellschaftlichen und die individuellen. Und es sind immer die Individuen, die die beiden anderen Entwicklungsprozesse auf je neue Weise konkretisieren. Es gibt eine Stelle, wo Marx selbst den Menschen in diesen umfassenden Zusammenhang der Erdgeschichte stellt:
„Damit der ‚Mensch‘ zum Gegenstand des sinnlichen Bewusstseins und das Bedürfnis des ‚Menschen als Menschen‘ zum Bedürfnis werde, dazu ist die ganze Geschichte die Vorbereitungs/Entwicklungsgeschichte. Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen. ...“ (Ökonomisch-philosophische Manuskripte (MEW 40:543); in Greffrath (Hg.) 2017, S.131)
Dieses bemerkenswerte Zitat muß dann aber noch dahingehend ergänzt werden, daß diese ‚Naturgeschichte‘ einen Anachronismus zwischen den verschiedenen Entwicklungsprozessen beinhaltet, aus denen sie zusammengesetzt ist. Und genau dieser Anachronismus führt zu der von Misik beschriebenen Eigensinnigkeit der Fabrikarbeiterschaft.

Wie sehr Misik die tatsächliche ‚Eigensinnigkeit‘ verfehlt, zeigt sich daran, wie er Fortschritt und Automatisierung zusammendenkt: Automatisation ist für ihn nichts anderes als das ‚Hinüberwandern‘ der Kooperation – und damit auch der Solidarität? – in die Maschine. (Vgl. Misik 2017, S.179) – Dem können nur diejenigen zustimmen, die mit Misik der Meinung sind, daß die Solidarität der Arbeiterschaft etwas gewesen ist, das „hinter ihrem Rücken“ zustandegekommen war. Dann kann sie natürlich auch genauso gut Teil eines „automatischen System(s)“ sein. (Vgl. ebenda)

Misik übernimmt in diesem Zusammenhang auch den Fortschrittsgedanken, wie ihn auch schon Marx vertreten hatte, daß nämlich der Kapitalismus zu seiner Zeit „eine fortschrittliche Gesellschaftsordnung“ gewesen sei, „jedenfalls in Relation zu allen bisherigen Gesellschaften“. (Vgl. Misik 2017, S.176) Er hat nämlich effektiver als die anderen Gesellschaftsordnungen die natürlichen Ressourcen der menschlichen Gesellschaft und des Planeten ausgeplündert:
„Er entwickelt die Produktivkräfte, modernisiert die Gesellschaft, hebt den Wohlstand(), verfeinert die Sitten, verbreitet Bildung und Zivilisation, wenngleich er durch brutale Ausbeutung ganze Völker oder Bevölkerungsgruppen ins Elend stößt. Berühmt sind die Passagen des Kommunistischen Manifestes etwa, wonach die Bourgeoisie ‚durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation‘ (Kommunistisches Manifest, MEW 4:466) reiße. Durch die Entwicklung der Produktivität schaffe der Kapitalismus die Voraussetzungen dafür, das ökonomische Problem, nämlich den Mangel, endgültig zu überwinden und durch eine Gesellschaft des Überflusses zu ersetzen, kurzum, durch einen weltlichen Garten Eden, wenn man das etwas romantisch ausdrücken mag.“ (Misik 2017, S.176f.)
Man ersetze einfach ‚Ausplünderung‘, ‚Raub‘ und ‚Vernichtung‘ durch ‚Modernisierung‘, ‚Verfeinerung‘ und ‚Entwicklung‘, und schon ist alles Elend, das über die ‚barbarischen‘ Völker verhängt wird, gerechtfertigt.

Letztlich bleibt hier völlig unreflektiert, was Begriffe wie „Wohlstand“ und „Überfluss“ eigentlich mit der Natur des Menschen zu tun haben. Inwiefern haben diese Begriffe etwas mit seinen Bedürfnissen zu tun? Wo ist die Grenze zum Müll, zur Degeneration? Was, bitte, ist überhaupt Bildung? – Hätte sich Misik ernsthaft insbesondere dieser letzten Frage gestellt, wäre ihm kaum die Peinlichkeit unterlaufen, davon zu schwärmen, wie die Menschen, u.a. dank der kapitalistischen Wirtschaftsform, „neue gesellschaftliche Leitbilder“ entwickelt haben, zu denen auch die „Wertvorstellung“ gehört, „dass man aus seine(m) Leben etwas machen soll, dass es darum geht, seine Talente zu entwickeln, sich selbst zu verwirklichen“ und „kreativ zu sein“. (Vgl. Misik 2017, S.181) – Willkommen im Prekariat!

Leider ist es tatsächlich so, daß Marx selbst von der bildenden Kraft der Industriearbeit überzeugt gewesen war, weshalb er glaubte, daß Kinderarbeit ihre positiven Seiten hat, da sie Gelegenheit bietet, unmittelbar in Kontakt mit den neuesten technologischen Erzeugnissen der Ingenieurskunst, den Maschinen, zu treten. (Vgl. meinen Post vom 04.09.2013) Letztlich führt Marxens Begriff der Politechnischen Bildung direkt zum heutigen ‚Humankapital‘: jedes Individuum ‚entwickelt‘ sein eigenes Potential, um wie ein Unternehmer den größtmöglichen ‚Profit‘ daraus zu ziehen. (Vgl. meine Posts vom 16.08. bis zum 18.08.2013 und vom 19.08. bis zum 23.08.2013)

Alles, was Misik zum „dritten Sektor“ zu schreiben weiß, zur „solidarischen Ökonomie“, zu „kleine(n) Steinchen, die man ins Wasser wirft“ und die „konzentrische Kreise ziehen können“, als Ausblick auf eine postkapitalistische Zukunft, krankt an dieser Naivität, mit der er den kapitalistischen Fortschrittsgedanken einfach übernimmt und auf unsere Zukunft überträgt.

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