„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Mittwoch, 4. September 2013

Aporie contra Bildung: das Individuum in der Gesellschaft

Jean-Jacques Rousseaus Konzept der negativen Erziehung beruht auf einem negativen Gesellschaftskonzept. ‚Negative‘ Erziehung meint, daß in der Erziehung auf positive Einwirkungen auf das Kind verzichtet werden soll. Der Erzieher soll lediglich alle schädlichen Einflüsse vom Kind fernhalten, wobei diese schädlichen Einflüsse niemals von der Natur, sondern immer nur von der Gesellschaft kommen. In der Natur orientiert sich das Kind an seinen eigenen Bedürfnissen und Kräften, und es wird sich niemals gegen die Übermacht der Natur auflehnen, sondern sie akzeptieren und sich in der Auseinandersetzung mit ihr entwickeln.

Die Gesellschaft aber konfrontiert das Kind ständig mit fremden Bedürfnissen, die nicht aus ihm selbst kommen, und wenn ihm die Befriedigung dieser Bedürfnisse verweigert wird, wird es das als Ungerechtigkeit wahrnehmen und sich dagegen wehren. Die fremden Bedürfnisse, die vor allem darin gipfeln, von allem mehr haben zu wollen als die anderen, schwächen das Kind und behindern seine Entwicklung.

Rousseau zufolge ist der Mensch nur in der Natur ‚gut‘, weil er sich dort auf seine eigenen Stärken konzentriert. Er empfindet sich also als stark und hat es deshalb nicht nötig, andere als schwach erscheinen zu lassen, indem er sie unterdrückt. In der Gesellschaft ist der Mensch ‚böse‘, weil er sich im Vergleich mit anderen als schwach wahrnimmt. Deshalb bekämpft er seine Mitmenschen und versucht, sie seinem Willen zu unterwerfen. Rousseau spricht von einer Unvereinbarkeit (Aporie) von Menschlichkeit und Bürgerlichkeit. Der Mensch kann nicht gleichzeitig Mensch und Bürger sein.

Das Erziehungskonzept von Rousseau beruht also darauf, daß das Kind seine eigene Natur hat, die es in Auseinandersetzung mit der Natur entwickelt und zur Reife bringt. Hieran knüpft Wilhelm von Humboldt an, wobei er aber das Rousseausche Konzept auf spezifische Weise modifiziert. Auch Humboldt bewertet das Naturverhältnis des Menschen als prinzipiell gutartig. In der Auseinandersetzung mit der Natur bildet sich der Mensch unmittelbar, weil er sich hier als Handlungssubjekt wahrnimmt. Alle seine Entscheidungen wirken sich unmittelbar auf sein Überleben aus. Das verleiht allem, was er tut, Sinn. Er muß nicht mehr eigens nach dem Sinn seines Lebens fragen oder danach suchen.


Seit der Entstehung arbeitsteiliger Gesellschaften ist das anders. Der Mensch ist in seinem Wohlbefinden von vielen anderen Menschen abhängig. Kaum noch etwas, das er selbst tut, hat unmittelbar etwas mit ihm selbst zu tun. Deshalb muß an die Stelle eines unmittelbaren Naturverhältnisses ein mittelbares Selbstverhältnis treten: die Bildung. Die Bildung ermöglicht es dem Menschen, seine Situation in der modernen Gesellschaft zu verstehen und sich individuelle und kulturelle Freiräume zu verschaffen, in denen er sein Leben wieder als sinnhaft erleben kann.

Dabei spielt die Gesellschaft wieder eine besondere Rolle. Zwar ist sie einerseits der Grund, warum sich der Mensch von der Natur entfremdet hat; zugleich gibt sie ihm aber die Möglichkeit, sich im geselligen Zusammensein mit anderen Menschen zu bilden. Humboldt übersetzt ‚Gesellschaft‘ mit ‚Geselligkeit‘. Das Gesellschaftsbild von Humboldt ist so positiv, daß sich an dieser Stelle wieder eine neue Aporie eröffnet, die an die Stelle der Rousseauschen Aporie von Mensch und Bürger tritt: die Aporie zwischen Staat und Gesellschaft bzw. zwischen dem Untertanen und dem Privatmenschen. Staatliches Handeln führt Humboldt zufolge immer zur Uniformität und Einseitigkeit, während gesellschaftliche Aktivitäten Mannigfaltigkeit ermöglichen. Die gesellschaftliche ‚Bildung‘ – obwohl Bildung eigentlich immer nur die des Individuums meint – läßt sich daran messen, wieviel Vielfalt eine Gesellschaft zulassen kann, ohne auseinanderzubrechen.

Hatte Rousseau noch zwischen dem Kindesalter, der Jugend und dem jungen Erwachsenenalter unterschieden, unterscheidet Humboldt zunächst nicht zwischen Kindern und Erwachsenen. In seiner Schrift über die Grenzen des Staates (1792) strukturiert er die Bildung der Kinder auf der gleichen Ebene wie die Gesellschaft. Es reicht Humboldt zufolge, für eine größtmögliche, privat organisierte Vielfalt von Schulen und Ausbildungseinrichtungen zu sorgen, dann wird sich auch auf der individuellen Ebene der Schüler, die diese Einrichtungen besuchen, eine entsprechende Vielseitigkeit einstellen.

In seiner Zeit als preußischer Bildungsreformer (1809/10) bewertet er dann die staatlichen und gesellschaftlichen Bildungsmaßnahmen anders. Ihm wird bewußt, daß es eines starken gesellschaftlichen Akteurs bedarf, der den wild wuchernden Zugriff aller möglichen gesellschaftlichen Interessen auf das Kind in seine Grenzen verweist. Der einzige gesellschaftliche Akteur, der mächtig genug ist, alle anderen Interessengruppen zu kontrollieren, ist der Staat. Also ist der Staat, so Humboldt, verpflichtet, der Allgemeinbildung, d.h. der vollständigen Menschenbildung, eine Chance zu geben. Er muß dafür sorgen, daß die Menschenbildung von der beruflichen Bildung getrennt wird.

Hatte Humboldt 17 Jahre zuvor den Staat noch als Produzenten von Uniformität gesehen, so stellt er ihn nun in den Dienst der Mannigfaltigkeit. Denn die gesellschaftliche Vielfalt der Schulen bildet ja letztlich nur die Monotonie der Uniformität jeder einzelnen Interessengruppe ab, von der die jeweiligen Schulen betrieben werden. Statt der Menschenbildung eine Chance zu geben, führen diese Privatschulen zu genau der Uniformität, die für Humboldt das Gegenteil von Bildung ist.

Liegt Rousseaus und Humboldts Entgegensetzung von Mensch und Bürger und von Staat und Gesellschaft eine statische Synchronie zugrunde, so überführt Karl Marx diesen Gegensatz in eine historische Dynamik. Er setzt zwei gesellschatliche Modelle gegeneinander: das der Zünfte und das der großen Industrie. Zünfte stehen dabei für einen vormodernen, mittelalterlichen Schleier der Mysterien, die mit Initiationsriten und Geheimhaltungsschwüren verbunden sind, und die große Industrie ist Teil der Aufklärung und steht für einen mit der modernen Technologie verbundenen gesellschaftlichen Produktionsprozeß. Der technologische Fortschritt wird den Menschen letztlich aus der Sklaverei der Lohnarbeit befreien.

Während Humboldt zufolge also die Bildung den Menschen dazu befähigen soll, mit der zunehmenden Entfremdung von der Natur umgehen zu lernen, setzt Marx auf eine technologische Überwindung dieser Entfremdung. Wir haben es gewissermaßen mit einer durch Technologie ermöglichten Rückkehr zur Natur, dem Kommunismus, zu tun.

Der Humboldtschen gesellschaftlichen Mannigfaltigkeit entspricht bei Marx die „Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft“. Und so wie bei Humboldt dieser gesellschaftlichen Mannigfaltigkeit eine größtmögliche Vielseitigkeit der individuellen Bildung entsprechen soll, geht bei Marx die geschichtliche Tendenz hin zur großen Industrie mit einem „total entwickelten Individuum“ einher. Wie in der individuellen Bildung bei Humboldt begnügt sich auch bei Marx der Mensch nicht mehr mit einer einzelnen, lebenslangen Beschäftigung. Er sucht vielmehr seine Freiheit und seine Selbstbestätigung in seiner „absoluten Disponibilität“ – heute würden wir von „employability“ sprechen (vgl. meine Posts vom 17.08. und vom 20.08.2013) – für alle möglichen Tätigkeitsfelder. Marx bezeichnet diese Disponibilität auch als „allseitige Beweglichkeit des Arbeiters“, eine Formulierung, die sich nahtlos mit dem neuhumanistischen Bildungsbegriff, wie ihn Humboldt formuliert hat, deckt.

Bei aller Gleichheit der Bildungsziele gibt es aber doch einen grundsätzlichen Unterschied in der Organisation des gesellschaftlichen Bildungssystems. Bei Marx findet die Bildung des Arbeiters im Betrieb statt, in der unmittelbaren Konfrontation und Auseinandersetzung mit den neuen Technologien. Dabei unterscheidet er nicht zwischen Erwachsenen und Kindern. Die Schulen sind bei Marx Fabrikschulen: die Kinder gehen gleichzeitig arbeiten und in die Schule.

Humboldt hat aber nach seiner ersten großen bildungstheoretischen Schrift zu den Grenzen des Staates von 1792 begriffen, daß die Kinder vor dem Zugriff der Erwachsenengesellschaft geschützt werden müssen; notfalls eben auch durch den Staat, der eigentlich ganz andere Interessen verfolgt. Humboldt geht von einer strikten Trennung zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung aus. Marx spricht statt von einer allgemeinen von einer polytechnischen Bildung. Das ‚poly‘ in ‚polytechnisch‘ steht für die Allgemeinheit dieses Bildungsweges. Diese Allgemeinheit ist aber von vornherein verknüpft mit der beruflichen Ausbildung.

Zwar sollen auch hier die Kinder vor dem Zugriff der Erwachsenen geschützt werden; aber nur vor einer bestimmten ‚Klasse‘ von Erwachsenen, die Marx mit der traditionellen Familie gleichsetzt. Humboldt will die Kinder vor allen Erwachsenen geschützt wissen. Marx will sie nur vor überholten Gesellschafts- und Familienmodellen schützen. Dem Zugriff der fortschrittlichen Technologien sollen sie hingegen uneingeschränkt ausgesetzt werden. Diese technologische Freisetzung der Kindheit setzt sich bis heute in die aktuellen Kommunikationstechnologien und digitalen Netzwerke hinein ungebrochen fort.

Letztlich fällt Marx mit seinem Konzept einer polytechnischen Bildung hinter die Einsichten zurück, die Humboldt in seiner Zeit als preußischer Bildungsreformer gewonnen hatte. Polytechnik ist keineswegs mit individueller Vielseitigkeit gleichzusetzen. Im Gegenteil führt sie zu einer gesichtslosen, roboterhaften Uniformität.

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