Zum Verhältnis von Gemeinschaft und Gesellschaft

Ich habe in diesem Blog inzwischen so viele Posts zu unterschiedlichen Gemeinschafts- und Gesellschaftsbegriffen geschrieben, daß es mir als sinnvoll erscheint, einen Überblick über diese Posts zusammenzustellen. Vielleicht wundert sich mancher, warum es in meinem Blog keinen Post zu Ferdinand Tönnies’ Buch „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (1887) gibt. Ich habe versucht Tönnies zu lesen. Aber es gefiel mir nicht, daß er den Begriff der Gemeinschaft, den er mit dem Begriff des „Wesenswillens“ verbindet, metaphysisch auflädt. Ich habe das Buch deshalb wieder aus der Hand gelegt.

08.06.2012; 04.09.2013
Bei Jean-Jacques Rousseau gibt es noch keinen Gegensatz zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft, sondern nur zwischen Individuum und Gesellschaft, ohne daß sich eine in sich abgeschlossene, wiederum als Kollektivindividuum auftretende Gemeinschaftsform dazwischen schieben würde. Der Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft ist ähnlich prinzipiell und sich gegenseitig ausschließend wie bei Tönnies und Plessner der Gegensatz zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Allerdings haben wir es hier nicht mit einer metaphysischen oder psychischen Antinomie zu tun, sondern mit einer ethischen. Das Individuum für sich selbst ist gut, in Gesellschaft mit anderen ist es böse bzw. schlecht. Diesen ethischen Gegensatz beschreibt Rousseau als Mensch-Bürger-Aporie: das Individuum kann nicht gleichzeitig Mensch und Bürger sein.
Wilhelm von Humboldt greift diese Verhältnisbestimmung von Mensch und Bürger auf, verwandelt sie aber in ein Bildungsverhältnis. Die Gesellschaft bildet jetzt keine Korruptionsform des Menschen mehr, sondern eine notwendige Ergänzung des Menschen, dem die Natur abhanden gekommen ist. Anstatt sich wie bei Rousseau den Naturgewalten gegenüber zu behaupten, muß er sich nun im geselligen Umgang mit seinen Mitmenschen, den Bürgern, bilden. An die Stelle der Mensch-Bürger-Aporie tritt bei Humboldt nun eine andere Aporie: die zwischen Untertan (Staatsbürger) und Bürger (Privatmensch).
Diese unterschiedlichen Fassungen der Mensch-Bürger-Aporie reflektieren sich auch in Michael Tomasellos problematischen Verhältnisbestimmung von Mutualismus und Altruismus. Je nach dem ob man diese beiden Sozialperspektiven aus der Perspektive des Individuums oder aus der Perspektive der Gruppe beschreibt, beinhalten sie widersprüchliche und einander ausschließende oder unterschiedliche und einander ergänzende Momente.

– 14.11., 15.11., 16.11., 17.11.2010; 06.03.2012; 01.06.2013
Helmuth Plessner unterscheidet prinzipiell zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Die Gemeinschaft wird durch die Blutsverwandtschaft konstituiert und beinhaltet die bedingungslose, individuellen Qualitäten gegenüber gleichgültige Zugehörigkeit der Individuen zur Gruppe. Alle, die nicht zur Blutsverwandtschaft gehören, sind ausgeschlossen.
Die Gesellschaft berücksichtigt ausschließlich das individuelle Verhalten der Individuen. Sie bildet eine öffentliche, jedermann zugängliche Bühne. Niemand ist ausgeschlossen, der fähig ist, an einem allgemeinen Maskenspiel teilzunehmen, in dem jeder nur eine Rolle darstellt und jedermann nur das ist, was er zu sein scheint, und nicht das, was er ist.
Die Sachgemeinschaft bildet eine Gemeinschaftsform, in der die (geistige) Liebe an die Stelle der Blutsverwandtschaft tritt. Sie bildet eine Übergangsform zwischen der Blutsgemeinschaft und der Gesellschaft. Die Sachgemeinschaft ist für jeden offen, der von seiner Individualität absieht und sich mit seiner ganzen Persönlichkeit der Liebe zu einer Sache widmet, die ihn mit seinesgleichen verbindet. In der Sachgemeinschaft unterscheiden sich die Individuen nur hinsichtlich ihrer ‚Leistung‘, d.h. ihrer Fähigkeit, der gemeinsamen Sache zu dienen.

– 04.02., 05.02., 07.02.2011; 09.12.2012

Jan Assmann hat beschrieben, wie die Schrift das Verhältnis des Menschen zu sich und seiner Gemeinschaft verändert hat. In der langen Phase der schriftlosen Mündlichkeit bildeten die Menschen Gemeinschaften, die vor allem durch die geographische Nähe zueinander gekennzeichnet waren. Das Gedächtnis dieser Gemeinschaft war vor allem an bestimmte, mit den Jahreszeiten sich wiederholende Riten gebunden, zu denen einzelne ‚Gedächtnisexperten‘ wie Geschichtenerzähler, Sänger und Priester das gemeinschaftliche Wissen um die eigene Identität auffrischten und aktualisierten. Die Menschen hatten noch keine Möglichkeit, ihre eigene an die Mythen und Riten gebundene Identität in Frage zu stellen.
Das änderte sich mit der Einführung der Schrift vor etwa 5000 Jahren. Plötzlich entwickelten die Menschen eine Abneigung dagegen, immer nur das Leben ihrer Vorfahren zu wiederholen. Die räumlichen und zeitlichen Grenzen der mündlichen Gemeinschaften wurden gesprengt. Es bildeten sich neue, auf schriftliche Texte bezogene Gemeinschaften. Zugleich ermöglichten diese Texte den Lesekundigen eine exzentrische Distanzierung zum kulturellen Bestand einer Gemeinschaft. Es entstanden zum ersten Mal Gesellschaften im eigentlichen Sinne, die sich mit Hilfe von Schriften selbst beobachten konnten, also sich zu sich selbst exzentrisch positionieren konnten. So entstand das Bedürfnis nach permanenter gesellschaftlicher Innovation und das, was wir heute als kulturelle Explosion bezeichnen.

– 15.01., 16.01., 19.01.2013
Habermas möchte nicht mehr von einem Gegensatz zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft sprechen. Sein Begriff der Kommunikationsgemeinschaft deckt sich weitgehend mit dem der Gesellschaft. Dennoch umfaßt die Gesellschaft Bereiche der materiellen Reproduktion (Ökonomie), die mit ihrer Funktionalität und Mittel-Zweck-Rationalität der Notwendigkeit einer symbolischen Reproduktion in der Kommunikationsgemeinschaft entgegenstehen, sie stören und sogar im Sinne ihrer (ökonomischen) Zweckrationalität transformieren (kolonialisieren). Wenn es also auch keinen direkten Gegensatz zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft gibt, wie bei Plessner, so doch einen Gegensatz zwischen der Kommunikationsgemeinschaft und der Ökonomie.

– 18.11., 28.11., 04.12., 16.12./16.12.2012
Christina von Braun spricht explizit von einem Gegensatz zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft, den sie am Geld festmacht. Die Gemeinschaft ist vor allem durch das Prinzip der Gabe gekennzeichnet. Unter Verwandten und Nachbarn läßt man sich nicht mit Geld bezahlen, sondern man hilft sich gegenseitig aus. Man gibt bzw. ‚leiht‘ einander, was man gerade braucht, und bekommt es in der einen oder anderen Form wieder zurück. Sobald jemand anfängt, Geld dafür zu nehmen, ist die Gemeinschaft beendet bzw. zerstört.
Geld gibt man nur Fremden, und die Gesellschaft bildet insofern eine Verkehrsform bzw. eine Gesellungsform von Fremden.

– 28.04.2013

Norbert Bolz unterscheidet ganz ähnlich wie Christina von Braun und Helmuth Plessner zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft dahingehend, daß die Gemeinschaften, etwa Familien, durch starke Bindungskräfte gekennzeichnet sind und Gesellschaften entsprechend durch fehlende Bindungskräfte. Außerdem kennt er noch eine durch schwache Bindungskräfte gekennzeichnete Mischungsform aus Gemeinschaft und Gesellschaft: die digitalen Netzwerke wie Facebook. In diesen digitalen Netzwerken sieht Bolz eine Rückkehr der Nachbarschaft auf globaler Ebene. Damit verbindet er die Vision eines Neuen Bundes zwischen Mensch und Technik.

– 21.08., 22.08.2013
Jan Masschelein und Maarten Simons zufolge bilden Gesellschaften heute eine globale Infrastruktur. Diese Infrastruktur dient als Marktumgebung, insofern sie es den verschiedenen, im Mittelfeld zwischen Gesellschaft und Individuum sich bewegenden Netzwerken ermöglicht, miteinander um begrenzte Mittel und Ressourcen zu konkurrieren. Die ‚Gerechtigkeit‘ dieser Infrastruktur, für die diese Gesellschaften bzw. die Staaten zu sorgen haben, besteht darin, allen unternehmerischen Subjekten (Individuen und Netzwerke) Zugang zu gewähren. Angestrebt wird also eine umfassende Inklusion. Dabei handelt es sich allerdings um eine Inklusion, die ständig mit einer Exklusion droht. Wer sich der Inklusion verweigert oder wer sich ihr nicht gewachsen zeigt, verliert sein Existenzrecht.
Im Gegensatz zu dieser globalen Marktumgebung steht die Weltgemeinschaft der Eltern und Kinder und jener Erwachsenen, die das Kind in sich nicht ignorieren können. Anstatt sich durch Inklusion immunisieren zu lassen, setzen sie sich dem Unrecht aus, das darin besteht, daß die Marktumgebung nicht zulassen will, daß sich das Kindliche manifestiert. Gerechtigkeit besteht hier darin, daß die Erwachsenen (Eltern) diese ‚Last‘ auf sich nehmen und eine Welt schaffen, in der sich das Kindliche manifestieren kann.

Es stellt sich wirklich die Frage, was auf globaler Ebene an die Stelle des Geldes und der Technik treten könnte. Es ist offensichtlich, daß das Geld die Kommunikation unter Fremden ermöglicht. Was aber tun diese Fremden, wenn sie nicht mehr mit Hilfe des Geldes kommunizieren können? Sie führen Krieg.

– 08.06.201215.04.2014
Michael Tomasello unterscheidet in „Warum wir kooperieren“ (2012) zwischen Altruismus und Mutualismus. Auch wenn seine diesbezüglichen Differenzierungen an begrifflicher Klarheit zu wünschen übrig lassen, kann man ihnen doch entnehmen, daß es einen individuellen Altruismus und einen sozialen Altruismus gibt, denen unterschiedliche Bedürfnisse zugrundeliegen. Der individuelle Altruismus besteht in einem universellen, biologisch verwurzelten Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen. Schon kleine Kinder im Alter von 14 bis 18 Monaten nehmen persönliche Nachteile in Kauf, wenn sie jemandem helfen wollen. Werden sie für diese Hilfsbereitschaft belohnt, wird sie korrumpiert, und bei künftigen Hilfsanlässen werden Belohnungen erwartet.
Mutualismus als eine Form des Egoismus korrumpiert also den individuellen Altruismus, so wie Geld generell den Effekt hat, Gemeinschaften, die von einem selbstlosen Geben ohne Nehmen leben, zu zerstören. Mit dem sozialen Altruismus verträgt sich der Mutualismus hingegen problemlos. Dieser besteht darin, sich für die Gruppe einzusetzen, z.B. einen Streit zu schlichten oder für bestimmte Werte und Normen einzutreten. Wenn solches Verhalten öffentliche Anerkennung durch andere Gruppenmitglieder findet, in Form von Belohnungen, so wird es, anders als der individuelle Altruismus, verstärkt. Mit dem sozialen Altruismus bewegen wir uns also im Bereich gesellschaftlicher Mechanismen, und mutualistische Strukturen befördern die individuelle Angepaßtheit.

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Kommentare:

  1. Hervorragende Grafik Diese Seite und Buchung erregte meine Aufmerksamkeit. Es ist schön, dass Blogs wie dieses existieren!

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