Karl-Heinz Dammer zu Kommentaren von Detlef Zöllner

Auf meine Besprechung zu Karl-Heinz Dammers „Vermessene Bildungsforschung“ (2015), hat mir der Autor folgende e-mail (19.01.2016) geschickt (mit seiner Erlaubnis, mit Ausnahme des ersten Absatzes):

Sehr geehrter Herr Zöllner,

(...)

Im gerade erwähnten Sinne interpretiere ich Ihren Text auch als Diskussionsangebot, indem ich auf seine kritischen Bemerkungen eingehe, nämlich meine Sie überraschende Feststellung wachsenden Widerstands gegen PISA&Co. (S.4) und unsere unterschiedlichen Blicke auf die geisteswissenschaftliche Pädagogik (S.17ff.) und Popper (S.19ff.).

Zum „Widerstand“: Dass Herr Brügelmann und ich die ersten seien, die sich wissenschaftstheoretisch/methodologisch kritisch mit PISA auseinandersetzen, tut uns zuviel der Ehre an. Zwar ist Herr Brügelmann der Erste, der, ohne zu vereinfachen, allgemeinverständlich die wesentlichen methodischen Probleme dieser Bildungsforschung aufzeigt (das war zum letzten Mal in den methodologischen Debatten der 70er Jahre der Fall), und ich bin der Erste, der das wissenschaftsgeschichtlich aufarbeitet, um die zur unüberprüften Autorität aufgeblasene Wissenschaft zu entthronen, jenseits dessen sind aber schon vorher von mehreren anderen die diesbezüglichen Schwächen von PISA&Co. benannt worden (Wuttke, Meyerhöfer, Ladenthin). Auch der generelle Widerstand der Erziehungswissenschaftler-Zunft hat mit den „Frankfurter Einsprüchen“ bereits vor 10 Jahren begonnen, sich zu regen. Aus ihnen ist u.a. die „Gesellschaft für Bildung und Wissen“ hervorgegangen, auf deren Website Sie inzwischen über 300 Artikel zu verschiedenen Aspekten der laufenden Bildungsreformen finden. Die Gesellschaft veranstaltet mindestens einmal im Jahr eine Tagung zu einem zentralen Thema der Reformen und erfreut sich wachsenden Zulaufs und wachsenden Zuspruchs v.a. innerhalb der Lehrerschaft. Auch die mediale Berichterstattung, die bis zur letzten PISA-Studie „treu doof“ war (vgl. Kap. 5.1 meines Buches), beginnt inzwischen vereinzelt skeptisch zu werden.

Dies ist der Hintergrund meiner Feststellung des wachsenden Widerstandes, den man als verhaltenen Optimismus auslegen kann, aber nicht muss. Auf der letzten Tagung der Gesellschaft für Bildung und Wissen letzten November anlässlich des 10. „Jubiläums“ der „Frankfurter Einsprüche“ herrschte diesbezüglich eine eher skeptische Stimmung mit dem Tenor: Die Zustimmung zu unseren Aktivitäten wächst zwar, viel verändert hat sich aber in der Praxis angesichts der Herrschaftsverhältnisse nicht. Insofern kann ich also Ihre Wahrnehmung gut nachvollziehen.

Zur Geisteswissenschaftlichen Pädagogik (die in meinem Buch ja nur ein „Nebenschauplatz“ ist): Dass bereits sie die empirische Bildungsforschung ihrer Zeit mit guten Argumenten kritisiert hat und daher auch Ähnlichkeiten mit meiner Argumentation aufweist, ist natürlich richtig. Wie aber ist der Hinweis auf das von ihr legitimierte gegliederte Schulsystem zu verstehen, an dessen Bestehen auch die empirische Forschung nach Roth nichts geändert habe? Gibt der Fortbestand des Systems (der m.E. noch nie so sehr zur Disposition stand wie heute) dessen früherer Verteidigung seitens der GWP (mit obendrein schiefen begabungstypologischen Argumenten) Recht? Jenseits dessen würde ich den Empiriebegriff bzw. die Vorstellung des Stellenwerts empirischer Forschung in der EW, die Roth damals entfaltet hat, mit Nachdruck gegen die PISA-Messerei mit dem arroganten „State-of-the-Art“-Getue verteidigen wollen. Roth hatte da wissenschaftstheoretisch einen ganz anderen Horizont.

Ich teile Ihre Auffassung, dass der GWP Dimensionen der Pädagogik bewusst waren, die bei PISA&Co verloren gegangen sind (wenn sie denn die Messer je interessiert haben) und dass sie insofern mit ihren Fragen/Problemen durchaus noch oder wieder aktuell ist, an meiner Kritik der mangelnden Empirie und Geschichtlichkeit halte ich aber fest, auch wenn, wie sie ja richtig sagen, führende gw. Pädagogen Praxiserfahrungen hatten und selbst ja auch immer die Bedeutsamkeit der geschichtlich gewordenen Praxis im Munde führten, nur hat sie diese Praxis als konkret geschichtliche samt ihren politischen Implikationen doch kaum interessiert, was ja auch ein wesentlicher und berechtigter Vorwurf der sich in den 60er Jahren neu formierenden Erziehungswissenschaft war, unter anderem, weil eine pädagogische Theorie, die arglos mit dem Begriff des „Volks“ operierte, den abstrakten Wert der Tradition hochhielt und den pädagogischen Bezug in seiner „Eigentlichkeit“ zu bestimmen versuchte, um daraus die Autonomie der Pädagogik zu begründen, dem Faschismus nichts entgegenzusetzen hatte.

Zu Popper: Bei diesem Kapitel ist es mir ähnlich wie einem Romancier gegangen, dessen Figuren sich im Laufe des Schreibprozesses verselbständigen, d.h. die Auseinandersetzung mit ihm stellte sich komplexer dar, als ich es anfangs gedacht hatte und ist daher auch länger ausgefallen als geplant, da man m.E. den Wissenschaftstheoretiker Popper nicht losgelöst von dem politischen Denker (mit ähnlichen Wurzeln wie der Neoliberalismus) betrachten kann. So kam es dann zu der vielleicht irritierenden Pointe, dass ich mich gegen Popper wende, ihn aber zugleich als methodologische Kritikinstanz gegen PISA verwende.

Die „Idee der wahren Gesellschaft“, die Ihnen suspekt erscheint, ist natürlich ein heikler Begriff, weil er suggerieren mag, dass nach Weltgeists Pfeife getanzt werden soll. Damit ließe sich, so isoliert betrachtet, natürlich jeder Dogmatismus und sogar Totalitarismus rechtfertigen. Ich würde aber nicht so scharf zwischen dem Individuum als einzig materiellem Träger von Vernunft und der Gesellschaft, der dieses Attribut nicht zugeschrieben werden könne, trennen. Natürlich kann Vernunft im Sinne von kognitiven Fähigkeiten und Handlungsdispositionen, Urteilskraft etc. nur im Individuum wohnen, aber auch eine Gesellschaft kann doch danach beurteilt werden, inwieweit sie vernünftig eingerichtet ist oder nicht und dann in diesem Sinne „wahr“ oder „unwahr“ ist – ein wesentliches Kriterium dafür nennen Sie ja selbst, wenn Sie auf das Verhältnis der Gesellschaft zu den Individuen hinweisen. Zu mehr würde ich mich hier auch nicht versteigen wollen, wenn es um die „wahre Gesellschaft‘“ geht. In dem Zusammenhang, in dem ich den Begriff im Anschluss an Adorno verwende, geht es aber nicht um die moralische oder politische Bestimmung der Wahrheit, sondern um eine wissenschaftstheoretische Frage, die Adorno hier aufwirft, wenn er die These vertritt, dass in den Sozialwissenschaften wissenschaftliche Wahrheit nicht vom Begriff einer wahren Gesellschaft getrennt werden kann. Anders gesagt: Als Sozialwissenschaftler brauche ich auch eine Theorie von der Gesellschaft, wenn ich einen Bezugsrahmen haben will, innerhalb dessen ich über Wahr und Falsch von wissenschaftlichen Aussagen entscheiden kann und dies, das sollte die Pointe meiner Aussage sein, fehlt bei Popper und kann auch durch seine „Stückwerktechnologie“ nicht kompensiert werden.

Ich habe mich durch die rund 800 Seiten von „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ durchgequält (mit Ausnahme des relativ kurzen Hegel-Kapitels, dessen polemische Absicht nun doch zu deutlich war) und war dabei selbst überrascht, dass Popper sich zwar intensiv mit den Politik- und Gesellschaftstheorien Platons und Marx kritisch auseinandersetzt, sein Begriff der „offenen Gesellschaft“ aber theoretisch völlig unbestimmt bleibt und auch empirisch hinsichtlich seiner Geltung – zumindest soviel ich weiß – von Popper nie überprüft wurde, seine eigenen Grundforderungen an Wissenschaftlichkeit also für seinen tragenden politischen Begriff anscheinend nicht gelten. Angesichts seiner nachweisbaren Nähe zum Neoliberalismus (vgl. Nordmann) wäre dies aber wohl angebracht gewesen. Von da aus lässt sich wieder eine Brücke zu meiner Argumentationslinie schlagen: Selbst dort, wo sie sich politisch exponiert, legt diese Wissenschaftstradition sich keine Rechenschaft über die gesellschaftlichen und politischen Implikationen ihres Handelns ab und u.a. deswegen kann sie so hervorragend als Herrschaftsinstrument für globale Steuerungsabsichten fungieren (und ordentlich Forschungsgelder einstreichen).

Jenseits dieser theoretischen Erwägungen ist gegen „Stückwerktechnologie“ als Leitlinie politischen Handelns, wie Sie andeuten, angesichts der Endlichkeit des Menschen, seines begrenzten Wissens und der Unkalkulierbarkeit von Handlungsfolgen im gesellschaftlichen Kontext natürlich nichts einzuwenden. Helmut Schmidt ist ja relativ gut damit gefahren.

Mit freundlichen Grüßen
K.-H. Dammer

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