Montag, 1. Mai 2017

Elmar Altvater, Der Doppelcharakter der Arbeit im kapitalistischen Ant(h)ropozän, in: Mathias Greffrath (Hg.), Re: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert, München 2017, S.53-69

(Antje Kunstmann, gebunden, 240 S., 22,-- € )

Der Politikwissenschaftler Elmar Altvater fokussiert seinen Beitrag „Der Doppelcharakter der Arbeit im kapitalistischen Ant(h)ropozän“ (2017), wie es schon im Titel zum Ausdruck kommt, auf den Doppelcharakter der Arbeit. Dieser Doppelcharakter besteht Altvater zufolge darin, Waren zu produzieren, die gleichzeitig einen Gebrauchswert und einen Tauschwert besitzen. (Vgl. Altvater 2017, S.53) Das wäre an sich noch nicht weiter erwähnenswert, denn natürlich hat jeder Gebrauchswert, also jeder Aspekt von Waren, der spezifische Bedürfnisse von Verbrauchern befriedigt, immer auch Tauschwert. Materielle Dinge wie Werkzeuge und Lebensmittel können also getauscht werden, wenn Verbraucher untereinander in Kontakt treten und wechselseitig etwas besitzen, was der andere gerade braucht.

In besonderer Weise kapitalistisch wird die Situation, wenn sich der Tauschwert in ‚Kapital‘ verwandelt. (Vgl. Altvater 2017, S.58) Mit anderen Worten: wenn durch diesen Handel ‚mehr Wert‘ entsteht; also Mehrwert. Und der spezifische ‚Handel‘, der solcherlei vermag, besteht im Verkauf der Arbeitskraft gegen Lohn. Altvater verweist nur kurz auf diesen Zusammenhang hin, ohne auf den besonderen Betrugscharakter von bezahlter Arbeit und unbezahlter Mehrarbeit einzugehen. Stattdessen hebt er den Zwangscharakter der Mehrwertbildung hervor, der auch dem Arbeiter keinen individuellen Bewegungsraum zugesteht:
„Gefangen in den Produktionsverhältnissen, kann er gar nicht anders als dem Doppelcharakter der Arbeit Rechnung zu tragen und mit der Natur und Gesellschaft auch sich selbst und die Art und Weise der Bedürfnisbefriedigung, d.h. seine Kultur in der Spannung zwischen diesen beiden Bestimmungen der Arbeit zu gestalten – im Kapitalverhältnis Mehrwert zu schaffen und gleichzeitig die Naturbedingungen des Lebens auf Erden zu untergraben.“ (Altvater 2017, S.59)
Genau in dieser Untergrabung der Lebensverhältnisse im planetaren Maßstab besteht die letztendliche Perspektive kapitalistischer Gesellschaftsformationen, und dafür steht auch das kürzlich von der Internationalen Geologischen Vereinigung ausgerufene „Anthropozän“ (vgl. Altvater 2017, S.58), von dem Altvater meint, daß es eigentlich als „Kapitalozän“ bezeichnet werden müßte (vgl. Altvater 2017, S.60):
„Das Anthropozän ist eine Ausgeburt des Kapitalismus.()“ (Altvater 2017, S.59)
Mit Anthropozän ist nämlich nichts anderes gemeint, als daß das ständige Wachstum, also der Vermehrungszwang der Mehrwertbildung, Spuren planetarischer Zerstörung hinterlassen hat, die diesen Planeten über geologische Zeiträume hinweg, also auch über die Frist des Menschen hinweg, prägen werden:
„Das Wachstum hat uns zusammen mit der Globalisierung den Eintritt ins Anthropozän beschert.“ (Altvater 2017, S.67)
Das entscheidende Mittel dieser kapitalistischen Globalisierung ist der Fortschritt der Technik. Deshalb ist es gleichermaßen konsequent wie absurd, wenn die Verfechter dieser Produktionsweise ihr Heil im Geo-Engineering suchen. Dieses Geo-Engineering dient nur dazu, das „Akkumulationsregime und damit das wirtschaftliche Wachstum auf Dauer zu stellen“ (Altvater 2017, S.67), mit dem zynischen Kalkül, so die weitere Ausbeutung auch noch der letzten Rohstoffe des Planeten sicherzustellen, bevor es in diesem Sinne ‚zu spät‘ ist; bevor uns also der durch Geo-Engineering nach hinten verschobene planetare Kollaps endgültig alle Mittel dazu aus der Hand nimmt.

Altvater weist mit aller wünschenswerten Klarheit darauf hin, daß es so etwas wie einen „ökologisch effizientere(n) Kapitalismus“ (Altvater 2017, S.67) und ein „grünes Wachstum()“ (Altvater 2017, S.63)  nicht geben kann. Es ist weder eine effizientere Technologie denkbar, die sparsamer mit den Ressourcen umgeht und so die Vernichtung der Lebensgrundlagen verhindert. Unter dem Zeichen des Wachstums wird lediglich die Frist für die lebenden Generationen auf Kosten der späteren Generationen verlängert. Noch kann es eine Entkopplung von „Werte(n) und Naturverbrauch“ geben, weil jede Mehrwertbildung an eine vermehrte Güterproduktion und damit auch an einen vermehrten Ressourcenverbrauch gebunden ist. (Vgl. Altvater 2017, S.62f.)

Altvater verweist auf die Einsichten einer „thermodynamisch orientierte(n) Bioökonomie“, wie sie von dem rumänischen Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Georgescu-Roegen (1906-1994) vertreten wurde. (Vgl. Altvater 2017, S.55) Georgescu-Roegen zufolge gibt es keine kapital-reversiblen Produktionsprozesse, also Prozesse, an deren Ende das investierte Geld als Mehrwert zu sich zurückkehren kann. Er geht vielmehr von der „Irreversibilität der Stoff- und Energietransformationen, also von steigender Entropie“ aus. (Vgl. Altvater 2017, S.59) Die „kapitalistische Produktionsweise“ hat sich also „ihrer inhärenten Logik entsprechend aus den Naturbedingungen allen Lebens“ völlig abgelöst: „Der Kapitalismus ist der Feind der Natur.“ (Vgl. Altvater 2017, S.59)

Altvater zufolge ist erst in einer „nicht- und dann auch post-kapitalistischen Produktionsweise ... eine Regulierung des gesellschaftlichen Naturverhältnisses im Einklang mit den Reproduktionsbedingungen der Natur vorstellbar“. (Vgl. Altvater 2017, S.59) Eine Produktionsweise, die sich im Einklang mit den begrenzten Ressourcen des Planeten befindet, kann es nur auf der Grundlage unserer „immer begrenzten Bedürfnisse nach den Produkten konkreter Arbeit“ geben, die auf einer „die Naturgesetze respektierende(n) Transformation von Stoffen und Energie“ beruht. (Vgl. ebenda)

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen