Sonntag, 12. März 2017

Mathias Greffrath, Der Mehrwert der Geschichte, in: Mathias Greffrath (Hg.), Re: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert, München 2017, S.12-27

(Antje Kunstmann, gebunden, 240 S., 22,-- € )

Mathias Greffrath versammelt in seinem im Verlag Antje Kunstmann erschienenen Herausgeberbuch „Re: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert“ (2017) 11 Essays von zehn Autoren und einer Autorin zum 150-jährigen Jubiläum des Erscheinens von „Das Kapital“ (1867). Ein Teil dieser Essays war schon zum Ende des letzten Jahres in einer Hörfunkreihe des DLF zum Vortrag gekommen, die ich mit großem Interesse und Gewinn verfolgt habe, so daß ich mir vornahm, nun auch das Buch in meinem Blog zu besprechen.

Die Essays bewegen sich Greffrath zufolge „auf ‚mittlerer Flughöhe‘“. (Vgl. Greffrath 2017, S.7) Es handelt sich bei ihnen keineswegs um „ausgepichte Marx-Philologie“. Es handelt sich um „eher tastende Versuche“, eben um Essays, in denen sich die Autorin und die Autoren jeweils ein Kapitel, einen Abschnitt oder einen Satz des „Kapitals“ vornehmen, um daran die Aktualität des Marxschen Werkes zu verdeutlichen. (Vgl. Greffrath 2017, S.8) Trotz des 150-jährigen Abstandes zur Ersterscheinung des „Kapitals“ wollen sie zeigen, „dass man mit der Marx’schen Brille immer noch etwas sehen kann, was man sonst nicht sieht ...“ (Greffrath 2017, S.12) – Wer „Das Kapital“ gelesen hat, kann bestimmte Worte nicht mehr ohne Anführungszeichen verwenden, wie Greffrath am Ende seines eigenen Beitrags schreibt, etwa „Humankapital“, wenn „lebendige Arbeitkraft“ gemeint ist:
„Immerhin, die Lektüre hilft dabei, wenigstens im Denken nicht unter unseren Möglichkeiten zu bleiben.“ (Greffrath 2017, S.26)
Mehr und Besseres kann man von einem Autor und seinem Buch eigentlich nicht sagen.

Greffraths Beitragstitel „Der Mehrwert der Geschichte“ (Greffrath (Hg.) 2017, S.12-27) klingt für den in Marxschem Denken ungeübten Leser vielleicht vergleichsweise harmlos. Doch wir haben es hier mit einem Knackpunkt des Marxschen Denkens zu tun, der sich zumindestens für den Rezensenten immer als eine harte Nuß erwiesen hat, die er erst mit der Lektüre von Frank Engsters „Das Geld als Maß, Mittel und Methode“ (2014), um im Bild zu bleiben, ‚geknackt‘ hatte. (Vgl. meine Posts vom 15.02. bis 25.03.2014) Das Problem ist dabei der Wert der Arbeitskraft, weil Marx den Mehrwert, den der Fabrikbesitzer für sich vereinnahmt, zunächst daran festmacht, daß dieser Mehrwert über die Reproduktionskosten der menschlichen Arbeitskraft, die der Fabrikbesitzer dem Arbeiter als ‚Lohn‘ erstattet, hinausgeht. Auch Greffrath hält noch einmal ausdrücklich fest, daß es dabei ‚gerecht‘ zugeht:
„Die Kapitalisten betrügen nicht, sie zahlen den Wert dessen, was sie gekauft haben: den Wert der Arbeitskraft.“ (Greffrath 2017, S.14f.)
Der Wert der Arbeitskraft besteht, wie Greffrath nochmal aufzählt, in den Kosten für „Lebensmittel, Wohnung, Hygiene, Familienerhalt usw.“. (Vgl. Greffrath 2017, S.15) Wenn diese Kosten also dem Arbeiter in Form von ‚Lohn‘ vom Fabrikbesitzer erstattet worden sind, kann alle Arbeit, die der Arbeiter darüber hinaus leistet, in den Mehrwert eingehen, den der Fabrikbesitzer für sich behält.

Das schreibt sich so leicht. Und es liest sich auch irgendwie gut. Aber irgendetwas stimmt an dieser Rechnung nicht. Ich habe lange gebraucht, bis ich der Ironie hinter dieser ganzen ‚Erzählung‘ auf die Spur gekommen bin. Zunächst mal hält Marx fest, daß dem Arbeiter bei diesem angeblich so fairen Handel ganz und gar nicht wohl in seiner ‚Haut‘ ist: tatsächlich läßt er sich nur „scheu, widerstrebsam, wie jemand, der seine eigene Haut zu Markt (trägt)“, auf diesen Handel ein. (Vgl. Greffrath 2017, S.14)

Warum so ängstlich? Weil es buchstäblich sein Körper ist, seine Muskeln, sein Blut, Haut und Knochen, die er mit seiner Arbeitskraft verkauft. (Vgl. Greffrath 2017, S.15) Die Arbeit des Arbeiters ist lebendige Arbeit, während das Kapital, über das der Fabrikbesitzer verfügt, nur tote Arbeit ist. Und tote Arbeit arbeitet nicht. (Vgl. Greffrath 2017, S.21) Wir haben es bei der Arbeitskraft also nicht einfach mit einer Ware zu tun, für die auf dem Arbeitsmarkt Äquivalente wie Lebensmittel, Wohnung, Hygiene und Familie oder eben einfach ‚Geld‘ eingetauscht werden können. Das zeigt sich mehr noch als an dem Begriff ‚Mehrwert‘ an dem Begriff ‚Mehrarbeit‘. (Vgl. Greffrath 2017, S.21) Wie bitte soll denn diese Mehrarbeit, die über die notwendige Arbeit, also über die Kosten für die Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft hinausgeht, berechnet werden?

An einer Stelle in seinem Essay erwähnt Greffrath, daß der Mehrwert „nicht messbar“ sei:
„Die Arbeitswert- und Mehrwerttheorie eignet sich nicht zur Bestimmung individueller Preise – Marx selbst liefert die Gründe dafür –, wohl aber kann man mit ihr gesamtgesellschaftliche Tendenzen und Mechanismen erklären ...“ (Greffrath 2017, S.20)
Für die Nicht-Meßbarkeit von Mehrwert gibt es zwei Gründe: zum einen geht die lebendige Arbeit laut Marx ungeschieden in den Produktionsprozeß ein. Das heißt, daß der lebendige Arbeiter kein Roboter ist, sondern immer ein ganzer Mensch, eben mit Haut und Knochen. Es gibt keinen berechenbaren Moment im Produktionsprozeß, an dem dieser Arbeiter aufhört, notwendige Arbeit zur Reproduktion seiner Arbeitskraft zu leisten, und dazu übergeht, überschüssige Arbeit zu leisten, die Mehrwert produziert. Mit anderen Worten: die Mehrarbeit, die er leistet, besteht schlicht und einfach darin, daß sie irgendwann einfach nicht mehr bezahlt wird. Wir haben es also mit einem Raub des Fabrikbesitzers an der Lebensleistung des Arbeiters zu tun!

Was nicht ungewöhnlich ist. Denn der ganze Kapitalismus ist ein Raub an den Lebensleistungen anderer Menschen. Dafür steht der Begriff der „ursprünglichen Akkumulation“, den ich auch lange Zeit nicht begriffen habe, weil ich wiedermal die Ironie hinter diesem Begriff nicht verstand. Der Kapitalismus entstand, als einzelne ‚Kapitalisten‘ – man denke hierbei an die Banditen in „Die glorreichen Sieben“, die regelmäßig ein kleines Bauerndorf überfallen – sich den bis dahin allen zur Verfügung stehenden „Gemeinbesitz“ aneigneten und zum Privatbesitz erklärten. (Vgl. Greffrath 2017, S.22) Genau das ist ‚ursprüngliche Akkumulation‘.

Auch die räuberische Aneignung der unbezahlten Mehrarbeit des lebendigen Arbeiters durch den Fabrikbesitzer setzt diese ursprüngliche Akkumulation fort. Denn so wenig, wie der Moment, an dem sich die notwendige Arbeit in unbezahlte Mehrarbeit verwandelt, ‚meßbar‘ ist, so wenig ist der Mehrwert, der sich aus dieser Mehrarbeit ergibt, berechenbar! Denn die Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft, und das ist der zweite Grund, geht weit über Essen und Trinken hinaus. Wir haben es hier mit einem geschichtlichen Prozeß im umfassenden Sinne des Wortes zu tun, der die unermeßlichen Zeiträume der Menschwerdung des Menschen umfaßt. Genau darum, und nicht um weniger, geht es bei dem „Mehrwert der Geschichte“.

Greffrath deutet diese menschheitsgeschichtliche Dimension des Mehrwerts an, wenn er von der Arbeitskraft und der Kreativität von Fabrikjungen in Manchester und von schwäbischen „Ingenieurinnen“ spricht, die von der „ganze(n) Geschichte eines Landes mitproduziert“ worden sind, so daß „die vollständige Liste der Mitwirkenden an neuen Geschäftsideen mindestens so lang ist wie der Abspann von hundert Hollywood-Filmen“. (Vgl. Greffrath 2017, S.23f.)

Genau aus diesem Grund ist der Mehrwert nicht berechenbar; denn was der Kapitalist als seinen Teil des Produktionsprozesses für sich behält, ist ein Raub an der „Erde, deren Nutznießer, nicht deren Eigentümer wir sind“. (Vgl. Greffrath 2017, S.25)

Als ‚Kapital‘, also als ‚tote‘ Geldmenge, hat dieses die verhängnisvolle Tendenz, Produktion nicht mehr um der Befriedigung der Bedürfnisse von Verbrauchern willen zu betreiben, sondern in Gestalt einer „Produktion um der Produktion willen“ (vgl. Greffrath 2017. S.17) sich fortwährend weiter zu akkumulieren, mit der ganzen damit verbundenen „ökologisch verheerende(n) Ausquetschung der letzten Ressourcen an Rohstoffen“. (Vgl. Greffrath 2017, S.24)

Im Klartext:
Der Kapitalismus ist eine Lebensgrundlagenvernichtungsökonomie.

Im großen und ganzen hat Greffrath in seinem lesenswerten Essay den Verhängniszusammenhang hinreichend deutlich gemacht. Allerdings hätte ich mir eine klarere Darstellung der Mehrwert/Mehrarbeit-Problematik gewünscht, also der Unangemessenheit des Handels zwischen dem Fabrikbesitzer und dem Arbeiter, bei dem es, anders als Greffrath meint, eben nicht „mit rechtlich korrekten und philosophisch unbedenklichen Dingen“ zugeht (vgl. Greffrath 2017, S.14); bei dem es sich vielmehr um einen großangelegten Betrug handelt.

An dieser Stelle bleibt mir nur noch festzuhalten: Mathias Greffrath hat als Herausgeber alles richtig gemacht. Er hat in seinem Buch interessante Autoren mit zumeist anspruchsvollen Beiträgen versammelt. Er hat jedem Beitrag eine anderthalbseitige Hinführung zum Thema vorangestellt und einzelne Autoren bei der Erstellung ihres Beitrags ausführlich beraten, wofür sich insbesondere John Holloway und Elmar Altvater ausdrücklich bedanken. (Vgl. Holloway 2017, S.49 und Altvater 2017, S.69) Und er hat am Ende seines Herausgeberbuchs kurze biographische Daten zu den Autoren beigefügt. (Vgl. Greffrath (Hg.) 2017, S.236ff.) Dieses vorbildliche Herausgeberverhalten findet man nicht mehr allzu häufig.
Weitere Rezensionen sind für April und Mai geplant!
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