Sonntag, 5. März 2017

Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2196, Broschur, 227 S., 16,-- € )

1. Vorab: Kritik
2. Zusammenfassung
3. Methode
4. Begriffe und Logik
5. Gruppen
6. Exzentrizität

Es ist ungewöhnlich, daß ich eine Rezension mit der Kritik beginne, um dann erst in den folgenden Blogposts auf das betreffende Buch detaillierter einzugehen. Doch scheint mir an dieser Stelle vorab eine Klarstellung angebracht zu sein. Was mir an Fritz Breithaupts Buch „Die dunklen Seiten der Empathie“ (2017) vor allem aufgefallen ist, sind die vielen begrifflichen Ungenauigkeiten und logischen Widersprüchlichkeiten, von denen seine Analysen durchsetzt sind. Zunächst war ich von der Einleitung, in der der Autor eine Klärung des Empathiebegriffs unternimmt, begleitet von einer umfassenden Methodendiskussion, positiv beeindruckt gewesen, und ich hatte mich für meine weitere Lektüre auf ein insgesamt hohes Niveau eingestellt. Ich sah mich dann aber getäuscht.

Das liegt nicht nur an den genannten begrifflichen Schwächen, auf die ich im Verlauf meiner Lektüre immer häufiger stieß und auf die ich in meinen folgenden Blogposts noch zu sprechen kommen werde. Es gibt auch durchaus einige interessante Thesen, die eine logisch stringentere Diskussion verdient hätten, wie z.B. daß ‚empathische Sadisten‘ ihre Opfer nur quälen, um sie besser zu verstehen: „denn den Gequälten kann er verstehen und mit ihm leiden“. (Vgl. Breithaupt 2017, S.130) – Diese These zum Sadismus ist durchaus interessant. Aber zugleich sträuben sich mir beim Wort „empathischer Sadist“ die Nackenhaare: ein empathischer Sadist, was soll das sein?

Ein Sadist, der gerne mit seinem Opfer mitleidet: ist das nicht eigentlich eher ein Masochist?

Dennoch: das begriffliche Grundproblem liegt nicht in erster Linie beim Autor, sondern beim Begriff der ‚Empathie‘! Und es ist ein begriffshistorisches Problem. Denn die für den Rezensenten wichtigste Information gibt der Autor in einer Anmerkung in seiner Einleitung, und er wiederholt sie dann nochmal an verschiedenen Stellen in seinem Buch: „Das Wort ‚Einfühlung‘ wurde 1909 von Edward Titchener als ‚empathy‘ ins Englische übersetzt,() von wo aus es als ‚Empathie‘ ins Deutsche rückübersetzt wurde.“ (Breithaupt 2017, S.80f.; vgl. auch Anm. 56, S.39; S.44f. und S.150f.)

Das ist in der Tat auch für mich neu. Ich gebe zu, daß ich den Begriff der Empathie bislang für wesentlich älter gehalten habe und glaubte, daß er ursprünglich aus dem Griechischen ins Deutsche übernommen worden sei. Tatsächlich aber stand am Anfang der Begriffsgeschichte ein Buch von Theodor Lipps (1851-1914), „Vom Fühlen, Wollen und Denken“ (1902), in dem Lipps eine Theorie der Einfühlung entwickelt. Dieses Wort „Einfühlung“ hat Edward Titchener (1867-1927) 1909, wie Breithaupt schreibt, als „empathy“ ins Englische übersetzt, von wo es dann als „Empathie“ wieder zurück nach Deutschland kam.

Bedenklich an diesem Übersetzungsverlauf ist, daß an die Stelle einer im Deutschen eigentlich recht klaren Unterscheidung zwischen ästhetischer ‚Einfühlung‘ und spontanem ‚Mitleid‘ nun ein Wort getreten ist, das beide Bereiche miteinander vermengt, was weder der kulturell bedingten ästhetischen Einfühlung noch dem eng mit unserer animalischen Physiologie verbundenen Mitleid guttut.

Eine Konsequenz aus dieser Vermengung bildet Breithaupts Behauptung, daß die Empathie ein menschliches Monopol sei, das uns von den Tieren unterscheide. (Vgl. Breithaupt 2017, S.11 und S.76) Mit Bezug auf Frans de Waal behauptet Breithaupt, die Voraussetzung von Empathie liege in der „Trennung zwischen Ich und anderen“, die den Menschen vor der „emotionalen Ansteckung“ bewahre. (Vgl. Breithaupt 2017, Anm.2, S.9) Einfühlung bzw. Mitleid haben demnach nichts mit dem animalischen Erbe des Menschen gemein; und Gefühlsansteckung nichts mit Empathie.

Ich selbst habe Frans de Waals Buch „Das Prinzip Empathie“ (2011) vor einigen Jahren in diesem Blog besprochen. (Vgl. meine Posts vom 15.05. bis 21.05.2011) Frans de Waal besteht darauf, daß sich der Mensch hinsichtlich der Empathie überhaupt nicht von den anderen Säugetieren unterscheidet; und übrigens auch nicht von einigen Vogelarten. Allerdings gehört bei de Waal zur Empathie ganz selbstverständlich auch die Gefühlsansteckung dazu, also das spontane Mitleid. Wer den Schmerz eines anderen Lebewesens mitempfindet, empfindet diesen Schmerz als den eigenen: unmittelbar und körperlich. Von hier führt kein Weg zum Sadismus, und schon gar nicht zu einem empathischen Sadismus.

Breithaupt ist jedenfalls der Ansicht, daß die Gefühlsansteckung als „nicht willentliche Reaktion“ „eher problematisch“ sei (vgl. Breithaupt 2017, S.35), ohne sie allerdings ausdrücklich aus seinem Empathiebegriff völlig auszuschließen. Statt von Mit-Leiden spricht er lieber von Mit-Erleben: „Mit-Erleben beinhaltet zudem deutlicher als das Teilen von Gefühlen und Affekten“ – also die Gefühlsansteckung – „auch Aktionen und vor allem zahlreiche kognitive Prozesse wie das Vorausschauen, das Erwägen der Umstände und das Mitüberlegen, was zu tun ist.“ (Breithuapt 2017, S.16)

Hier wirft Breithaupt nun alles in einen Topf: Empathie ist irgendwie auch, aber auf eher problematische Weise Mitleid (Gefühlsansteckung), aktive Intervention (im Falle des Helfens oder seines Gegenteils: des Quälens) und außerdem noch Kognition. Empathie ist irgendwie alles zusammen, und insoweit umfaßt sie im Grunde das gesamte menschliche Bewußtsein. Wie Breithaupt an einer anderen Stelle selbstironisch schreibt: es ist wie mit dem Hammer, für den alles wie ein Nagel aussieht. (Vgl. Breithaupt 2017, S.188) Allerdings glaubt er ganz unbescheiden, er verwende seinen Empathie-Hammer zum Erschaffen einer Skulptur.

Wenn Breithaupt also von ‚empathischen Sadisten‘ spricht und es sogar für vorstellbar hält, daß Folterer empathisch sind (vgl. Breithaupt 2017, S.203), dann ignoriert er großzügig, daß viele Menschen, einschließlich dem Rezensenten und nicht zu vergessen Frans de Waal, sehr wohl Gefühlsansteckung für den Basisfall der Empathie halten. Und wer die Schmerzen eines anderen Lebewesens genießt, mag vielleicht eine ästhetische Einstellung zu diesem Lebewesen einnehmen; aber eins tut er gewiß nicht: mitleiden!
Der Hauptteil der Rezension ist für Anfang April geplant!
Download

1 Kommentar:

  1. Mit Verweis auf Wikipedia dachte ich, das die Emphatie eine grundsätzliche Eigenschaft des Menschen sei, die uns das Mitleiden und das Verstehen eines anderen ermöglicht und insofern auch das Genießen am Leiden eines anderen.

    Wenn ich aber daran denke, dass das Fällen eines Baumes schon Mitleid erregegen kann, dann kann ich mir vorstellen, dass wir die Welt Emphatie bezogen "annektieren" und es vordergründig nicht darum geht, uns einfühlen zu wollen. Wir sind es schon von vornherein.

    AntwortenLöschen