Montag, 6. Februar 2017

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, Berlin 2016

(Suhrkamp Verlag, gebunden, 282 Seiten, 32,00 €)

1. Zusammenfassende Kritik
2. Methode
3. Wir-Differenz
4. Moralität und Macht
5. Kleine und große Gruppen
6. Ontogenetisches Grundgesetz

Mit der Verlagerung des Evolutionsprozesses vom Individuum (Darwin) auf die Kulturgruppe – zwischen den Kulturen, die um die begrenzten Ressourcen konkurrieren, und innerhalb der Kulturgruppen, in denen sich die Individuen mit der Gruppe identifizieren (vgl. Tomasello 2016, S.206) – wurde das Individuum als Medium des Evolutionsprozesses auch noch zum Objekt des Evolutionsprozesses, „da die Mitglieder der Kulturen diejenigen Individuen sozial selektierten, mit denen sie ihr Kulturleben teilen wollten“ (vgl. Tomasello 2016, S.184).

Die Individuen werden nach Tomasellos Ansicht nicht etwa geboren, womit Günter Dux (2000/2005) zufolge auf ontogenetischer Ebene ein kultureller Nullpunkt gesetzt ist, so daß sich zwischen den Generationen ein Hiatus öffnet, ähnlich dem Hiatus, den Helmuth Plessner im Inneren des Individuums selbst verortet. (Vgl. meinen Post vom 10.09.2012) Tomasello betont stattdessen, daß die Individuen in die jeweiligen Kulturgruppen hineingeboren werden:
„Im Unterschied zu den Frühmenschen mußten die modernen Menschen ihre größten und bedeutendsten sozialen Verpflichtungen nicht erst schaffen; sie wurden vielmehr in sie hineingeboren. ... Mitglieder von Kulturgruppen fühlten sich daher dazu verpflichtet, soziale Normen als Teil ihrer moralischen Identität sowohl zu befolgen als auch durchzusetzen: um zu bleiben, wer man war – in den Augen der moralischen Gemeinschaft und somit auch in den eigenen –, war man gehalten, sich mit den Urteilen über die richtigen und falschen Weisen, die Dinge zu tun, zu identifizieren ().“ (Tomasello 2016, S.18)
An dieser Stelle zeigt sich die Problematik von Tomasellos Entscheidung, sich auf Wildbeutergesellschaften zu konzentrieren, und auf den zeitgenössischen Menschen, den Tomasello den letzten 10.000 Jahren seit Beginn des Neolithikums zuordnet, nur kurz auf den letzten neun Seiten des vierten Kapitels einzugehen. (Vgl. Tomasello 2016, S.198ff.) Ihm entgeht die aktive Rolle, die das Individuum und seine Ontogenese seitdem auf der Grenze zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft, verschärft noch durch die Erfindung der Schrift vor 5.000 Jahren, spielt.

Dabei weist Tomasello selbst auf den entscheidenden Umstand hin:
„Aber natürlich hatte das Individuum immer die Möglichkeit, gegen den Strich der Gruppennormen zu entscheiden, welche der verschiedenen beteiligten Kräfte für seine Entscheidung bestimmend sein sollten. Die moralischen Entscheidungen moderner Menschen waren also immer von vielen verschiedenen ‚Stimmen‘ bevölkert, und um sich zwischen ihnen zu entscheiden, gab es einzig und allein den individuellen Akteur.“ (Tomasello 2016, S.193)
Der entscheidende individuelle Part, mit dem die individuelle Kreativität bei der Interpretation von Situationen und Werten ins Spiel kommt und dabei den evolutionären Prozeß unterminiert, besteht in der Güterabwägung. Es ist einzig und allein das Individuum, das darüber entscheidet, welche Werte in einer konkreten Situation Berücksichtigung finden sollen und welche Normen zur Anwendung kommen. Das entscheidende Moment bildet hier die individuelle Urteilskraft.

Schon in seinem Buch zur „Kulturellen Entwicklung des menschlichen Denkens“ (2002/1999) hatte Tomasello auf die kreativen Sprünge des Individuums hingewiesen, das die kulturellen Überlieferungen durch individuelles Lernen transformiert. (Vgl. meinen zweiten Post vom 24.05.2011) Auch in seinem aktuellen Buch zur „Naturgeschichte der menschlichen Moral“ hält Tomasello fest, daß Kinder lernen können, „wie sich moralische Konflikte durch die kreative Anwendung ihrer sich natürlich entwickelnden moralischen Einstellungen von Mitgefühl und Fairneß auflösen lassen, und wie sie dadurch für sich selbst eine persönliche moralische Identität schaffen können“. (Vgl. Tomasello 2016, S.237)

Die Auflösung von Dilemmata durch individuelle Urteilskraft – die Güterabwägung – führt also zu einer eigenständigen „moralische(n) Identität“. Wir haben es hier nicht mehr mit einer bloßen Identifikation mit der kulturellen Objektivität von Werten und Normen zu tun, sondern mit einem persönlichen Gewissen, das diesen Werten und Normen gegenüber autonom ist, einfach deshalb, weil es immer eines Anwendungsbezugs bedarf, um Werte und Normen verwirklichen zu können. Die Rolle des Individuums wird also immer wichtiger, je komplexer die Gemeinschaften und schließlich die Gesellschaften werden.

Tomasello weiß das alles sehr gut. An einer Stelle deutet er sogar an, daß die „Vorstellung“ über die Äquivalenz des anderen Menschen (Drittpersonalität), anders als das „Mitgefühl“ (Zweitpersonalität), kein „Motiv“ bildet, weder auf ontogenetischer noch auf phylogenetischer Ebene. (Vgl. Tomasello 2016, S.127) Zur Vorstellung über die Äquivalenz des anderen Menschen und zur Ausbildung einer Fairneß-Moral gehört eine individuelle Urteilskraft, die die situativen Umstände, die mit auf Äquivalenz beruhender Fairneß zu tun haben, interpretiert. Fairneß ist anders als das schlichte Mitgefühl kein Vollzug, kein einfacher performativer Akt. Die mit ihr verbundenen interpretativen Leistungen (Vorstellungen) können „überhaupt nicht direkt auf der Ebene der Evolution selektiert“ werden. (Vgl. ebenda)

Dennoch beschränkt sich Tomasello darauf, seine Evolutionsgeschichte mit der kulturellen Kontinuität individueller Sozialisierungsprozesse zu begründen. Er geht sogar so weit, eine Entsprechung zwischen der moralischen Entwicklung von Kindern und der (biologischen) Phylogenese zu behaupten. (Vgl. Tomasello 2016, S.235) Das erinnert an das biogenetische Grundgesetz von Ernst Haeckel (1834-1919), demzufolge sich die biologische Evolution auf der Ebene der Embryogenese wiederholt. Ich finde solche Vergleiche tatsächlich hochinteressant, so spekulativ sie auch sein mögen. Aber was eine Naturgeschichte der menschlichen Moral betrifft, geht mir das doch zu weit.

Deshalb möchte ich Tomasellos Kontinuitätsthese ein ontogenetisches Grundgesetz entgegensetzen: Ontogenetische Phänomene bilden weder Faktoren des Evolutionsprozesses, noch wiederholt sich dieser Evolutionsprozeß in ihnen. Das hat zwei Gründe: (1) Aufgrund der Geburtlichkeit des Menschen stellen sich ontogenetische Entwicklungsprobleme mit jeder Generation neu und können nicht durch Selektion und Mutation aus dem Evolutionsprozeß wegselektiert werden. (2) Das Bewußtsein (kreative Sprünge, kreative Interpretationen) führt bei jedem Individuum zu denselben Brüchen in der Persönlichkeit und zwischen den Generationen.

Letztlich ist es das Bewußtsein, insbesondere das Selbstbewußtsein, das den Menschen definiert. Und es ist auch dieses Selbstbewußtsein, also das Gewissen, das jeder echten Moral zugrundeliegt. Deshalb mag es vielleicht eine Naturgeschichte des Denkens geben. Was aber dieses Denken selbst bewirkt, nämlich u.a. auch die Moralität, ist dem naturgeschichtlichen Zugriff entzogen.

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