Sonntag, 5. Februar 2017

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, Berlin 2016

(Suhrkamp Verlag, gebunden, 282 Seiten, 32,00 €)

1. Zusammenfassende Kritik
2. Methode
3. Wir-Differenz
4. Moralität und Macht
5. Kleine und große Gruppen
6. Ontogenetisches Grundgesetz

Michael Tomasello bezieht sich in seinem Buch zur „Naturgeschichte der menschlichen Moral“ (2016) auf den Frühmenschen (homo heidelbergensis) vor etwa 400.000 Jahren (vgl. Tomasello 2016, S.73) und auf den modernen Menschen, den er zwischen 150.000 und 10.000 Jahren vor heute ansiedelt (vgl. Tomasello 2016, S.137). Erst am Ende des vierten Kapitels kommt Tomasello nochmal kurz auf den zeitgenössischen Menschen ab dem Neolithikum zu sprechen. (Vgl. Tomasello 2016, S.198ff.) Aufgrund dieser Beschränkung auf einen Zeitraum, in dem die Menschen vor allem in kleinen Wildbeutergemeinschaften lebten, ist Tomasellos Blick auf das Individuum als Teil dieser Gemeinschaften durch die Funktion geprägt, die es für den Erhalt und die Reproduktion dieser Gemeinschaften hat.

Ein Bruch mit diesen Gemeinschaften hatte für die Individuen, die keine Ausweichmöglichkeiten in andere Gemeinschaften hatten, die vor allem durch Exklusivität geprägt waren – „Eigengruppe/Fremdgruppe-Psychologie“ (vgl. Tomasello 2016, S.142) –, unweigerlich den Tod zur Folge. In diesem Zusammenhang kann das Individuum nur als ein Medium bzw. als ein Objekt des Gruppenerhalts und damit auch des Evolutionsprozesses erscheinen, der sich mit dem modernen Menschen vor allem als Gruppenevolution vollzieht. (Vgl. Tomasello 2016, S.17f. und S.138)

Dennoch hält auch Tomasello fest, daß der Unterschied zwischen „Kleingruppen“ (Gemeinschaften) und „Großgruppen“ (Gesellschaften) anthropologisch relevant ist, wenn er es an dieser Stelle auch versäumt, näher zu erläutern inwiefern. (Vgl. Tomasello 2016, S.207) Stattdessen hält er daran fest, daß der „entscheidende Punkt“ für ihn darin besteht, „daß die Frühmenschen eine neue Moralpsychologie für das dyadische Face-to-face-Engagement in gemeinschaftlichen Kontexten entwickelten“ (vgl. Tomasello 2016, S.207) und „daß die modernen Menschen eine neue, an der Gruppe ausgerichtete Moralpsychologie entwickelten“ (vgl. Tomasello 2016, S.208).

Hätte Tomasello sich gründlicher mit dem Unterschied zwischen kleinen und großen Gruppen befaßt, wäre ihm möglicherweise nicht die naive Feststellung unterlaufen, daß zeitgenössische Menschen „kollektive Schuld beziehungsweise kollektiven Stolz“ empfinden, „wenn jemand aus ihrer Gruppe etwas besonders Abscheuliches beziehungsweise Lobenswertes tut, auch wenn sie selbst nichts getan haben“. (Vgl. Tomasello 2016, S.141) Dieser Satz ist nur teilweise richtig, und zwar was den kollektiven Stolz betrifft. Menschen sind nur allzu bereit, sich mit den positiven Leistungen anderer Mitglieder ihrer Eigengruppe zu identifizieren.

Was die kollektive Schuld betrifft, ist der Satz falsch. Gruppen und Gemeinschaften empfinden niemals kollektive Schuld. Dazu müßten sich Gruppen schämen können. Scham ist aber ein individuelles Phänomen, so sehr, daß sie nicht nur individuell ist, sondern auch individualisierend wirkt. Wer sich schämt, fällt aus der Gruppe heraus und steht ihr als Individuum gegenüber. (Vgl. meine Posts vom 01.08. bis 05.08.2016)

Die Gruppe selbst hat mit Schuld und Scham kein Problem. Sie befreit sich davon, indem sie einen ‚Sündenbock‘ findet, den sie stellvertretend für die anderen aus der Gruppe davonjagen kann.

Helmuth Plessner macht die Differenz zwischen kleinen und großen Gruppen, zwischen Gemeinschaften und Gesellschaften an der Funktion bzw. an der Rolle des Individuums fest, die es für sie hat. (Vgl. meine Post vom 14.11. bis 17.11.2010) Im Grunde wird jetzt erst, in den zeitgenössischen Gesellschaften, die eigentliche anthropologische Qualität der individuellen Ontogenese deutlich. Das Individuum befindet sich auf der Grenze zwischen der Gemeinschaft und der Gesellschaft. Es ist sein aktives Handeln, nicht seine Medialität und seine Funktionalität für kleine oder große Gruppen, mit dem es Gesellschaften überhaupt erst möglich macht. Zwar ist es immer die Gemeinschaft, in der das Individuum aufwächst und von der es geformt wird, aber als Individuum verwirklicht es sich erst auf der gesellschaftlichen Bühne, wo es sich hinter Masken verbergen und Rollen spielen kann, ohne sich mit ihnen identifizieren zu müssen.

Auf gesellschaftlicher Ebene gibt es keine Eigengruppe/Fremdgruppe-Differenz mehr und folglich auch keine Eigengruppe/Fremdgruppe-Psychologie. Die Gesellschaft bildet vielmehr ein Forum für die Begegnung zwischen den unterschiedlichsten Kulturen und Existenzformen. Ohne Individuen, die das als Befreiung erleben, als Chance, sich neu zu erfinden, können solche Gesellschaften nicht funktionieren. Vielleicht bildet ja die ganze Kulturgeschichte der letzten 10.000 Jahre ein einziges Drama der Freisetzung des Individuums, wie sie in der europäischen Aufklärung der letzten dreihundert Jahre kulminiert?

Möglicherweise erleben wir gerade einen dritten evolutionären Schritt, der über die Gruppenpsychologie hinausführt. Möglicherweise bildet dieser Schritt einen Teil der Krise, die wir gegenwärtig erleben. Möglicherweise überleben wir diese Krise nicht. Aber vermeiden können wir sie auch nicht. Es gibt kein Zurück in die kuschlige Gruppenecke.

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