Freitag, 3. Februar 2017

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, Berlin 2016

(Suhrkamp Verlag, gebunden, 282 Seiten, 32,00 €)

1. Zusammenfassende Kritik
2. Methode
3. Wir-Differenz
4. Moralität und Macht
5. Kleine und große Gruppen
6. Ontogenetisches Grundgesetz

Während Michael Tomasello bei der Beschreibung eines Experiments mit einem kleinen Affen sehr präzise zwischen den Gefühlszuständen „Groll“, „Wut“ und „soziale Wut“ unterscheidet (vgl. Tomasello 2016, S.57f.), nimmt er es bei den zentralen Begriffen seines Buches, dem ‚Wir‘ der zweitpersonalen Beziehung zwischen Ich und Du und dem Gruppen-Wir, weniger genau. So setzt er an den entscheidenden Stellen beide Wir-Formen einfach gleich: beide sind Tomasello zufolge mit einer objektiven, unparteiischen Autorität ausgestattet, die die Zusammenarbeit von zweien oder mehreren Akteuren reguliert.

Schon die zweitpersonale Zusammenarbeit setzt nach Tomasellos Ansicht eine gemeinsame Verpflichtung voraus, die jedem der beiden Akteure arbeitsteilig ein „Rollenideal“ zuweist, wie etwa bei der Hirschjagd – die Jagd ist Tomasellos bevorzugtes Beispiel für die zweitpersonale Zusammenarbeit der Frühmenschen –, wenn einer die Rolle des Treibers übernimmt und der andere die Rolle des Schützen:
„Der Inhalt einer gemeinsamen Verpflichtung bestand darin, daß jeder Partner sein Rollenideal erfüllen werde und daß beide Partner die legitime Autorität besitzen, den anderen darüber hinaus zurechtzuweisen, falls seine Leistung hinter dem Ideal zurückbleiben sollte.“ (Tomasello 2016, S.15f.)
Schon die zweitpersonale Zusammenarbeit wird von Tomasello als die Frühform eines Vertragsverhältnisses dargestellt, in dem sich die beteiligten Individuen auf Regeln einigen, wie sie dann später auf Gruppenebene in vielfältigen Konventionen und Ritualen institutionalisiert werden:
„Das Nonplusultra in diesem Prozeß der absichtlichen Schaffung von Regeln sind Institutionen.“ (Tomasello 2016, S.161)
Andererseits weist Tomasello darauf hin, daß die Face-to-face-Dyade eine besondere anthropologische Qualität besitzt:
„Im Hinblick auf den ersten Schritt“ – d.h. bezogen auf die Zweitpersonalität – „glauben wir, daß der entscheidende Punkt nicht nur darin bestand, daß die Gruppen klein waren – obwohl sie es waren und diese Tatsache auch eine Rolle zu spielen hatte –, sondern daß die Frühmenschen eine neue Moralpsychologie für das dyadische Face-to-face-Engagement in gemeinschaftlichen Kontexten entwickelten. Es gibt eine Menge Belege dafür, daß dyadische Interaktionen einzigartige Qualitäten haben, die solche Dinge wie Augenkontakt, Richtung der Stimme und Anpassungen der Körperhaltung während der Kommunikation beinhalten, so daß manche Anthropologen einen menschlichen ‚Interaktionsmotor‘, der an dyadische Face-to-face-Interaktionen angepaßt ist, als Erklärung für nahezu alle Formen der einzigartigen Sozialität postuliert haben ().“ (Tomasello 2016, S.207f.)
Die dyadische Struktur nimmt keinen Umweg über eine dritte Position, wie sie das Gruppen-Wir hinsichtlich der Beziehung zwischen Ich und Du beansprucht. Sie ist, wie Tomasello schreibt „direkt und zweitpersonal“. Die Dynamik der Beziehung zwischen Ich und Du schließt nur beteiligte, also parteiische Akteure ein. Bei einer Hirschjagd gibt es nur Beteiligte, keinen Schiedsrichter, der von außen das Geschehen beobachtet und hinterher Bewertungen abgibt. Tomasello weist ausdrücklich darauf hin, wenn er festhält, daß Frühmenschen „sich nicht in die sozialen Interaktionen von Dritten“ einmischten, „die sie nicht mehr oder weniger direkt betrafen“. (Vgl. Tomasello 2016, S.132)

Beim Gruppen-Wir ist das ganz anders. Hier ist jedes Gruppenmitglied dazu berechtigt, die dritte Position einzunehmen und ‚unparteiische‘ Urteile über das Verhalten anderer abzugeben:
„Im Prinzip kann jedes Mitglied der Kultur ihre Stimme sein, als Stellvertreter der Gruppe und ihrer Werte.“ (Tomasello 2016, S.159)
Aus diesem Grund bezeichnet Tomasello die Struktur des Gruppen-Wir auch als ‚Drittpersonalität‘. (Vgl. Tomasello 2016, S.173)

Die Zweitpersonalität ist durch die dyadische Dynamik so sehr geprägt, daß der gegenseitige Respekt eines ihrer wesentlichen Merkmale bildet:
„Diese Art von Respekt beruhte im Grunde auf der Anerkennung der Äquivalenz von Selbst und anderen durch das Individuum, eine Anerkennung, die nichts mit Strategie, sondern nur mit der Wirklichkeit zu tun hatte.“ (Tomasello 2016, S.129)
Indem Tomasello hier zwischen „Strategie“ und „Wirklichkeit“ unterscheidet, hebt er die Dynamik eines performativen Akts hervor, der keinen Umweg über ein auch noch so vage formuliertes Vertragsverhältnis nimmt. Die Performativität wird an so fundamentalen Vorgängen wie der „zweitpersonalen Ansprache“ und dem „zweitpersonalen Protest“ deutlich. (Vgl. Tomasello 2016, S.101ff. und S.109ff.) Bei der zweitpersonalen Ansprache bittet jemand einen anderen um Hilfe. Dabei kann es sich um eine Information handeln, die man braucht, oder eben um die Teilnahme an einer Hirschjagd. Das Vertrauen in den anderen Menschen ist grundlegend:
„Vor dem Hintergrund dieser zweitpersonalen Ansprache und ihrer Bestätigung vertrauten sowohl der Kommunizierende als auch der Empfänger einander.“ (Tomasello 2016, S.102)
Schon in seinem Buch über „Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation“ (2009) hatte Tomasello festgehalten, daß dieses Vertrauen auf die kooperative Einstellung des anderen Menschen grundlegender ist als die Lüge. (Vgl. meinen Post vom 25.04.2010) Nur auf der Basis dieses Vertrauens ist Kommunikation überhaupt möglich. Das gilt auch für Vertragsverhältnisse. Erst das Vertrauen, dann der Vertrag. Der Vertrag bildet nur eine zusätzliche Absicherung des Vertrauens, das zweitpersonale Beziehungen ermöglicht. Der Vertrag wird nur nötig, weil auf Gruppenebene, insbesondere von größeren Gruppen wie Stammesgesellschaften, dieses Vertrauen sich nicht mehr über Face-to-face-Dynamiken reproduzieren kann.

Dennoch beschreibt Tomasello dieses durch die zweitpersonale Ansprache demonstrierte Vertrauen und den dadurch bekundeten Respekt vor dem Anderen als einem gleichartigen Ich schon als eine objektive Verpflichtung im Sinne eines Vertrags. Dabei beruft sich Tomasello auf den „zweitpersonalen Protest“:
„Jeder an einer gemeinsamen Verpflichtung Beteiligte gewährt also dem anderen, was Darwall (2013) als die ‚repräsentative Autorität‘ (die unser ‚wir‘ repräsentiert) bezeichnet, um den anderen mit Blick auf irgendwelche Abweichungen von ihren auf den gemeinsamen Hintergrund bezogenen Rollenidealen zurechtzuweisen. Als Teil dieses Prozesses der gemeinsamen Selbstregulation schmiedeten die Frühmenschen eine kreative Synthese aus Partnerwahl und Partnerkontrolle – auch unter Einsatz von kooperativer Kommunikation –, die wir zweitpersonalen Protest nennen können ...“ (Tomasello 2016, S.108f.)
Die Frühmenschen bilden jetzt in dieser Darstellung nicht mehr einfach nur zweitpersonale Beziehungen aus, sondern sie ‚schaffen‘ kreativ, wie bei einem Vertragsverhältnis, die Bedingungen, unter denen das zweitpersonale beteiligte Wir zu einem Gruppen-Wir mit „repräsentative(r) Autorität“ umgewandelt wird. Bei der Beschreibung dieses Umwandlungsprozesses unterscheidet Tomasello nicht mehr zwischen dem zweitpersonalen Wir und dem Gruppen-Wir. Das wird insbesondere an der Graphik auf Seite 120 deutlich, mit der er die Struktur der zweitpersonalen Beziehung darstellt und die ich hier mit einigen Ergänzungen wiedergebe.


Das Wesentliche an dieser Graphik ist, daß Tomasello den beiden zweitpersonalen Akteuren ein „Wir“ überordnet, das anhand einer gemeinsamen Verpflichtung auf Rollenideale die Beziehung zwischen Ich und Du reguliert. Mit dem repräsentativen und unparteiischen Wir an der Spitze des Dreiecks ist die zweitpersonale Beziehung nicht länger direkt und einzigartig, sondern auf eine Verpflichtung bezogen, die die beteiligten Akteure über die Rollen, die sie im Rahmen dieser Verpflichtung einnehmen, repräsentieren.

Die Struktur dieser Graphik unterscheidet sich überhaupt nicht von jener anderen Graphik, mit der Tomasello die Struktur der Drittpersonalität veranschaulicht. (Vgl. Tomasello 2016, S.170) Auch dort wird den nunmehr nicht ‚zweitpersonalen‘, sondern ‚kulturellen‘ Akteuren ein „kulturelles Wir“ übergeordnet, das die Beziehungen zwischen den kulturellen Akteuren reguliert. Es ist dieselbe Struktur, mit dem kleinen Unterschied, daß Tomasello die Zahl der Akteure in seiner Darstellung um einen weiteren Akteur erhöht, was die Graphik jetzt insgesamt als komplizierter erscheinen läßt.

Dabei ist der Punkt nicht der, daß die dyadische Beziehung keine triadische Struktur bilden könnte. Das kann sie durchaus! Schon in seinem Buch „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens“ hatte Tomasello auf die triadische Struktur der zweitpersonalen Beziehung hingewiesen. Tomasello spricht in diesem Buch vom „referentiellen Dreieck“. (Vgl. meinen zweiten Post vom 24.05.2011) Die Dynamik der zweitpersonalen Beziehung spielt sich nicht im luftleeren Raum ab; sie ist situiert: zum Beispiel als Hirschjagd. Alles, was die zweitpersonalen Akteure tun, ist orientiert am Erfolg ihres gemeinsamen Vorhabens: das Erlegen der Beute. Dabei geht es nicht um das Einhalten von Vertragsbedingungen! Wir haben es mit einem gemeinsamen sachbezogenen Interesse zu tun. Das Wir der beiden Akteure ist ein beteiligtes Wir, weder unparteiisch noch repräsentativ. Es ist die Beute, nicht der Vertrag, die die zweitpersonale Beziehung reguliert, so wie es in der Orgelwerkstatt, wie sie Matthew B. Crawford beschreibt, die Orgel ist, die den Perfektionsdrang der Mitarbeiter inspiriert, und nicht Rollenideale. (Vgl. meinen Post vom 20.01.2017)

Das zeigt sich auch am zweitpersonalen Protest, wenn der Partner bei der gemeinsamen Jagd nicht das tut, was die Situation von ihm erfordert oder wenn er sich am Ende beim Verteilen der Beute unfair verhält. Tomasello beschreibt diesen Protest folgendermaßen:
„Es ist bezeichnend, daß der zweitpersonale Protest als Kommunikationsakt in referentieller Hinsicht völlig leer sein kann; ein simples ‚Hey!‘ oder ein Quäken genügt. Komplexe Sprache ist nicht notwendig, weil es im gemeinsamen Hintergrundverständnis der Partner liegt, daß Menschen nicht auf diese Weise respektlos behandelt werden sollten ...“ (Tomasello 2016, S.111)
Tatsächlich geht es nicht einfach um irgendeinen gemeinsamen Hintergrund, ‚daß man so etwas nicht tut‘. In referentieller Hinsicht sind die Kommunikationsakte keineswegs ‚leer‘. Komplexe Sätze mit S/P-Struktur, die zusätzlich durch Vertragsbedingungen präzisiert werden müßten, sind gerade deshalb nicht nötig, weil der referentielle Bezug durch die Einbettung in die Situation, deren Kenntnis zum Verständnis des geäußerten Protests völlig ausreicht, gewährleistet ist. Der Angesprochene weiß, was mit dem „Hey!“ gemeint ist, weil er beteiligt ist. Es muß nichts zusätzlich erläutert werden. Tatsächlich vertraut der Protestierende auf dieses unmittelbare Verständnis, weil er immer noch Respekt für den Missetäter empfindet, so daß er sich taktvoll davor hütet, seinen Protest genauer auszuformulieren:
„Dadurch, daß ich nicht präzisiere, was du tun sollst, sondern nur Protest anmelde, behandle ich dich als einen kooperativen Akteur, der lediglich an das erinnert zu werden braucht, von dem er ohnehin schon weiß, daß er es tun sollte. Aufgrund seiner Forderung nach Gleichbehandlung kann zweitpersonaler Protest als die expliziteste Manifestation der Anerkennung aller Kooperationspartner als gleichermaßen verdienstvolle Individuen, das heißt als zweitpersonaler Akteure mit dem erforderlichen Status zum Eingehen gemeinsamer Verpflichtungen, verstanden werden.“ (Tomasello 2016, S.111)
In dem Moment, wo sich einer der beiden Akteure nicht mehr direkt an den anderen Akteur richtet, sondern sich auf Regeln beruft, ihn gewissermaßen vor einem unparteiischen Richter anklagt, ist die zweitpersonale Beziehung beendet. Das ist das Wesen der Freundschaft. Freundschaft ist selten explizit. Sich gegenseitig die Freundschaft versichern zu wollen, bedeutet schon, daß man nicht mehr an sie glaubt. Der Begriff der Zweitpersonalität beinhaltet notwendigerweise, daß es keine dritte Personenperspektive zwischen, hinter oder über der Beziehung zwischen Ich und Du gibt. Eine triadische Struktur ergibt sich einzig und allein aus dem gemeinsamen Bezug auf einen Gegenstand bzw. auf eine Sache.

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