Donnerstag, 2. Februar 2017

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, Berlin 2016

(Suhrkamp Verlag, gebunden, 282 Seiten, 32,00 €)

1. Zusammenfassende Kritik
2. Methode
3. Wir-Differenz
4. Moralität und Macht
5. Kleine und große Gruppen
6. Ontogenetisches Grundgesetz

Ich bin in früheren Posts immer wieder auf Tomasellos Methode eingegangen. (Vgl. meine beiden Posts vom 24.05.2016, und die Posts vom 06.06.2012 und vom 06.10.2015) Auch diesmal möchte ich auf diese Problematik zu sprechen kommen. In dem ersten Buch, das von Tomasello auf deutsch erschienen ist, „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens“ (2002/1999), hatte er noch selbst in seine Methode eingeführt. Dort hatte er zwischen Natur- und Geisteswissenschaften unterschieden und den Naturwissenschaften das Labor und das Experiment und den Geisteswissenschaften das Feld und die Beobachtung zugeordnet. Seitdem hat es keine weitere Erläuterung von Tomasellos Seite zu dieser Thematik gegeben, die eine detaillierte Analyse im Hinblick auf seinen Gegenstand, das menschliche Bewußtsein und seine Evolution, durchaus verdient hätte.

Schon in seinem gerade genannten Buch hatte Tomasello eine deutliche Affinität für das Labor und das Experiment gezeigt. Seiner Ansicht nach sind Experimente mit ihren Kontrollbedingungen weniger vieldeutig, weniger interpretationsbedürftig als Freilandbeobachtungen. Tomasello zeigt sich dabei als ein Meister der Kritik von Freilandbeobachtungen, in denen seiner Auffassung nach oft voreilig Verhaltensweisen von Menschenaffen mit entsprechenden Befindlichkeiten der menschlichen Beobachter identifiziert werden. Auch in seinem aktuellen Buch zur Naturgeschichte der menschlichen Moral erweist sich Tomasello als subtiler Kritiker solcher naiven Deutungen.

Allerdings finden solche Fehldeutungen nicht nur im ‚Feld‘ statt, sondern auch im Labor, wie Tomasello an einem Experiment zeigt, in dem ein kleiner Affe von ihm „abgelehnte Nahrung wütend aus seinem Käfig wirft“, angeblich weil seine Artgenossen bessere Nahrung bekommen haben als er und er jetzt „Groll“ empfindet über die unfaire Behandlung. Tomasello wendet gegen diese Deutung ein:
„Vor dem Hintergrund unserer Analyse dieser Untersuchungen ist es äußerst unwahrscheinlich, daß dieser emotionale Ausdruck einen Groll darüber darstellt, daß ein Artgenosse unfairerweise ein besseres Stück Nahrung erhält. Er könnte auch seine Wut über die menschliche Experimentatorin ausdrücken, weil sie ein schlechtes Stück Nahrung ausgegeben hat, wo sie doch ein gutes Stück hätte ausgeben können.“ (Tomasello 2016, S.57)
Tomasello schlägt vor, statt von ‚Groll‘ besser von „sozialer Wut“ zu sprechen, also von Wut gegenüber der ‚Experimentatorin‘, von der sich der kleine Affe eine bessere Behandlung erwartet hätte. (Vgl. Tomasello 2016, S.58) Den Begriff ‚Groll‘ hingegen möchte Tomasello lieber für Vergleichssituationen reservieren, in denen wir im Vergleich mit anderen schlechter abschneiden und uns deshalb ungerecht behandelt fühlen.

An diesem kleinen Ausschnitt möchte ich vor allem drei Aspekte der Evolutions-‚Geschichte‘, die Tomasello erzählt, verdeutlichen. Zunächst ist es in meinen Augen merkwürdig, daß Michael Tomasello mit keinem Wort auf Frans de Waals Beispiel mit der Bonobodame und den Rosinen eingeht. Tomasello bezieht sich in seinem Buch mehrfach auf de Waals Publikationen, aber auf dieses Experiment geht er nicht ein. In diesem Experiment verweigert ein weiblicher Bonobo Rosinen, weil seine Artgenossen nur Gurkenscheiben bekommen. Die Bonobodame sieht, daß ihre Artgenossen sehen, daß sie Rosinen bekommt (Rekursivität!), erkennt deren ‚Groll‘ und verweigert die Annahme der Rosinen, weil sie die bevorstehenden Vergeltungsaktionen ihrer Artgenossen, wenn sie wieder unter sich sind, antizipiert. (Vgl. Frans de Waal, Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote, Stuttgart 2015 (2013), S.311f.; vgl. auch Frans de Waal, „Das Prinzip Empathie“ (2011), S.246)

Hier geht es eindeutig um Gerechtigkeit, eine Moralstufe, die Tomasello erst dem modernen Menschen zubilligt. Da aber Bonobos ‚nur‘ Menschenaffen sind, können sie Tomasello zufolge auch zu keinen Empfindungen wie Groll fähig sein. Statt zu dem von de Waal beschriebenen Experiment Stellung zu nehmen, beschränkt sich Tomasello auf jenen besagten „kleinen Affen“, dessen Spezies er nicht angibt. Er sucht sich also seine Experimente, die er im Sinne seiner Evolutionsgeschichte interpretiert, willkürlich zusammen, und dabei unterläßt er es auch, die verschiedenen Spezies genauer zu differenzieren. So spricht er immer pauschal von „Schimpansen und Bonobos“ (vgl. Tomasello 2016, S.38, 41, 42, 46, 48), ohne auf ihr unterschiedlich konkurrenzorientiertes bzw. kooperatives Verhalten einzugehen. Stattdessen klassifiziert er beide Spezies als gleichermaßen konkurrenzorientiert. De Waal hingegen hat dieser Differenz im Verhalten zwischen Schimpansen und Bonobos ein ganzes Buch gewidmet. (Vgl. Frans de Waal, „Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote“, 2015 (2013))

Was aber das Beispiel mit dem kleinen Affen tatsächlich zeigt, ist die Vieldeutigkeit auch von Experimenten unter Kontrollbedingungen. Nicht nur die Beobachtung im Feld ist interpretationsbedürftig, auch das Experiment. Und ich würde sogar noch weiter gehen und sogar die Objektivität von sogenannten Kontrollbedingungen in Frage stellen. Alles was mit dem Bewußtsein von empfindungsfähigen Lebewesen zu tun hat, muß notwendigerweise interpretiert werden. Es gibt hier keine Fakten im naturwissenschaftlichen Sinne. Deshalb ist Tomasellos Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften nicht ausreichend. Sie geht an der Problematik seines eigenen wissenschaftlichen Vorgehens vorbei.

Diese Problematik betrifft nicht nur den anekdotischen Charakter von de Waals Beobachtungen, auf den Tomasello in seinem aktuellen Buch noch einmal eigens in einer Klammer  hinweist:
„Es gibt keine experimentellen Untersuchungen an Menschenaffen im Hinblick auf die sogenannte Vergeltungsgerechtigkeit, bei der ein Individuum danach strebt, sein Konto gegenüber dem eines anderen durch Vergeltung à la ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘ auszugleichen (obwohl de Waal (z.B. 1982) über einige Anekdoten mit Bezug darauf berichtet, was er ‚Vergeltung‘ nennt).“ (Tomasello 2016, S.55)
Ohne auf de Waals Beispiel mit der Bonobodame einzugehen, unterstellt Tomasello auf subtile Weise seinem Kollegen, daß seine anekdotischen Beobachtungen begrifflich nicht präzise genug seien („was er ‚Vergeltung‘ nennt“), als daß man sie wissenschaftlich ernst nehmen könnte. Er selbst aber präsentiert mit seiner spekulativen Evolutionsgeschichte einen Mix aus solchen mal hyperpräzisen Unterscheidungen (zwischen ‚Groll‘, ‚Wut‘ und ‚sozialer Wut‘) und mal diffusen begrifflichen Überschneidungen, etwa zwischen Zweitpersonalität und Drittpersonalität, worauf ich in im nächsten Post nochmal detaillierter eingehen werde.

Alles das, und das ist der dritte Aspekt, um den es mir bei dem Kleiner-Affe-Beispiel geht, steht im Dienste einer die ganze menschliche Moralentwicklung umfassenden Kontinuitätsthese. So bildet Tomasello zufolge die ‚soziale Wut‘ des kleinen Affen einen „Schritt auf dem Weg“ zum „Groll“ moderner Menschen (vgl. Tomasello 2016, S.58), wenn sie sich bei der Verteilung von Beute im Vergleich zu ihren Jagdgenossen hintergangen fühlen. Es gibt also einen kontinuierlichen Übergang von den Befindlichkeiten des kleinen Affen zu echten moralischen Empfindungen moderner Menschen, so wie es auch innerhalb der menschlichen Moralentwicklung einen kontinuierlichen Übergang zwischen der zweitpersonalen und der drittpersonalen Moral gibt. Mit ‚drittpersonal‘ meine ich an dieser Stelle alles, was die ‚Moral‘ einer Gruppe ausmacht, im Unterschied zur zweitpersonalen Face-to-Face-Moral zwischen einzelnen Individuen.

Dieses Primat der Kontinuität in Tomasellos Evolutionserzählung wird an der Verwendung von Begriffen wie ‚Verwandlung‘, ‚Umwandlung‘, ‚Übergang‘ und ‚Vergrößerung‘ deutlich. (Vgl. Tomasello 2016, S.19, 68, 135, 144ff., 188ff., 225, 231) Im Verlauf der Evolution der menschlichen Moral wird Tomasello zufolge die zweitpersonale Moral des Frühmenschen mal transformiert, mal einfach vergrößert bzw. die Drittmoralität des modernen Menschen ‚baut‘ auf der Zweitmoralität ‚auf‘: „Dieser Teil des Übergangs von der Zusammenarbeit zur Kultur war relativ unkompliziert: Alles bewegte sich vom Dyadischen und Lokalen zum Universalen und ‚Objektiven‘.“ (Tomasello 2016, S.135)

Nur gelegentlich wird deutlich, daß auch Tomasello das Konfliktpotential zwischen der Zweitpersonalität und der Drittpersonalität nicht völlig ignorieren kann. Nach einer Zusammenfassung der verschiedenen ‚Moralen‘ von Menschenaffen („kooperative Neigungen“), Frühmenschen (zweitpersonale „Zusammenarbeit“ ) und modernen Menschen („kollektive Moral“) hält Tomasello fest:
„Die Koexistenz dieser drei verschiedenen Arten von Moral – moralischen Orientierungen oder Haltungen – ist natürlich alles andere als friedlich. Konflikte zwischen ihnen sind die Quelle vieler der verwirrendsten moralischen Dilemmata, mit denen Menschen konfrontiert sind ...“ (Tomasello 2016, S.20)
An dieser Stelle geht Tomasello nicht von einem evolutionären ‚Übergang‘ von den Menschenaffen zu den Frühmenschen zu den modernen Menschen aus, was beinhalten würde, daß bei jedem Übergang eine grundlegende Transformation stattfindet, in der ein bestimmtes Organ, wie etwa die Fischflosse, in einem anderen Organ, etwa einer Hand oder einer Klaue oder einem Huf, nahezu spurlos verschwindet und in seiner früheren Funktion fortan keine Rolle mehr spielt. Stattdessen spricht Tomasello von einer „Koexistenz“ verschiedener Moralen, die also jede für sich erhalten und in ihrer Funktionalität intakt bleiben! Nur so kann es zu Konflikten zwischen den verschiedenen Moralen kommen, die in den „verwirrendsten moralischen Dilemmata“ münden. Wir sind nicht einfach Menschen aus einem Stück bzw. aus einem Guß. Wir sind Menschen, die zugleich auch Menschenaffen und Säugetiere sind.

Das ist der Grund, warum ich von einem Anachronismus der verschiedenen Evolutionslogiken spreche. Und das Schlachtfeld, auf dem sich diese verschiedenen Evolutionslogiken gegenseitig in die Quere kommen, ist das menschliche Individuum. Es gibt keine Naturgeschichte der menschlichen Moral, die um das Individuum herumkommt, wie auch Tomasello sehr wohl weiß. (Vgl. Tomasello 2016, S.246) Dabei ist die Rolle des Individuums weder die eines Mediums noch die eines Objekts des Evolutionsprozesses. Darauf wird in den folgenden Posts noch detaillierter eingegangen werden.

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