Mittwoch, 1. Februar 2017

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, Berlin 2016

(Suhrkamp Verlag, gebunden, 282 Seiten, 32,00 €)

1. Zusammenfassende Kritik
2. Methode
3. Wir-Differenz
4. Moralität und Macht
5. Kleine und große Gruppen
6. Ontogenetisches Grundgesetz

Ich verfolge Michael Tomasellos Publikationen schon seit längerem, angefangen von seinem ersten ins Deutsche übersetzten Buch „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition“ (2002/1999); und auch nach der Lektüre seines gerade gleichzeitig in englischer und deutscher Sprache erschienenen Buches „Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral“ (2016) kann ich nur wiederholen, was ich schon bei seinem letzten Buch festgestellt habe (vgl. meinen Post vom 28.10.2014): Es lohnt sich immer, Michael Tomasello zu lesen, denn auch wenn man nicht mit allem einverstanden ist, was er schreibt, sind seine Überlegungen doch immer anregend und weiterführend.

Michael Tomasello zufolge bildet sein neuestes Buch die Fortsetzung zu „Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ (2014): „Die parallelen Titel sind deshalb sachgerecht, weil ich in beiden Bänden dieselbe zweistufige Abfolge der Evolution des menschlichen Soziallebens vorschlage ...“ (Tomasello 2016, S.9) – Mit ‚zweistufig‘ meint Tomasello die Zweitpersonalität, also das Mitgefühl, und die Drittpersonalität, also die Fairneß. Sein Ziel sei es, „eine evolutionäre Erklärung für die Entstehung der menschlichen Moral zu liefern, und zwar sowohl in puncto Mitgefühl als auch in puncto Fairneß“. (Vgl. Tomasello 2016, S.13)

I: Individuelle Vorstellungen und biologische Motive

Damit wird aber auch schon die ganze Problematik einer Evolutionsgeschichte – ich möchte hier besonders den narrativen Impetus von Tomasellos Darstellungen hervorheben – deutlich. Zwar korrigiert Tomasello mit Bezug auf die Moral seine Bewertung der Zweitpersonalität in der „Naturgeschichte des menschlichen Denkens“: Tomasello hatte die Zweitpersonalität im Rahmen eines auf eine objektive Rationalität (Drittpersonalität) gerichteten Evolutionsprozesses den gesellschaftlich-kulturellen Normen und Werten untergeordnet. (Vgl. meine Kritik vom 04.11.2014) In seinem aktuellen Buch wertet er die Zweitpersonalität gegenüber der Drittpersonalität wieder auf, indem er sie, und nicht die Drittpersonalität, zur eigentlichen Quelle moralischer Motivationen erklärt. (Vgl. Tomasello 2016, S.196) Aber mehr noch als in Tomasellos „Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ wird in seiner „Naturgeschichte der menschlichen Moral“ deutlich, wie problematisch es ist, individuelle Bewußtseinszustände auf evolutionäre Prozesse zu beziehen und umgekehrt.

Tomasello verweist selbst auf das Problem, wenn er schreibt, daß ‚Vorstellungen‘ keine Motive seien und „auch überhaupt nicht direkt auf der Ebene der Evolution selektiert“ werden. (Vgl. Tomasello 2016, S.127) Vorstellungen sind etwas gleichermaßen Individuelles wie Kulturelles, und allein schon deshalb bilden sie keinen Faktor auf der „Ebene der Evolution“, so wenig wie sich umgekehrt die phylogenetische Ebene in der Entwicklung von Kindern widerspiegelt (vgl. Tomasello 2016, S.235). Sie bilden eine innere Realität, die die äußere Realität nur repräsentiert, und zwar – das ist der Punkt! – niemals 1:1. Über diese Grenze hinweg, Plessners Hiatus, kann sich die Evolution nicht auswirken. Ihre Selektionsmechanismen gehen ins Leere.

Außerdem gilt: Wenn Vorstellungen keine Motive sind, dann haben auch die Vorstellungen über die Äquivalenz der anderen Menschen, also über die Gleichheit ihrer Intentionalität (vgl. Tomasello 2016, S.90ff. und S.96), eine andere Qualität. Die Erfahrung dieser Äquivalenzbeziehung bildet keinen Effekt einer exquisiten Vorstellung, über die wir eigens zur Anerkennung der Gleichheit motiviert werden müßten, sondern sie ist, wie Tomasello schreibt, „Teil der kognitiven Struktur gemeinsamer Intentionalität“ (vgl. Tomasello 2016, S.127), und zwar, wie ich ergänzen möchte, als performativer Akt wechselseitiger Perspektivenübernahmen. In seinen früheren Büchern bezeichnete Tomasello das noch als Rekursivität. Diesen Begriff benutzt er in seinem aktuellen Buch nicht mehr.

Wir vollziehen die Perspektivenübernahme also auch dann, wenn wir keine exquisite Vorstellung davon haben. Das biologische Motiv zur Perspektivenübernahme besteht ausschließlich in dem Bedürfnis nach Gemeinsamkeit oder in irgendeinem anderen Bedürfnis, das man nur gemeinsam mit anderen Akteuren befriedigen kann. Welche bewußten Vorstellungen die beteiligten Individuen dabei entwickeln, ist unabhängig von der biologischen Bedürftigkeit und gleichermaßen individuell wie situationsbezogen.

Das Problem eines evolutionären Erklärungsansatzes besteht darin, daß ein solcher die individuellen Bewußtseinsprozesse zwangsläufig in einen überindividuellen, auf die biologische Gattung bezogenen Prozeß einordnen muß. Zwischen beidem, der Ontogenese, nämlich der individuellen Bewußtseinsentwicklung, und der Phylogenese gibt es aber keinen kontinuierlichen (‚kausalen‘) Zusammenhang. Das bedeutet nicht, daß es überhaupt keinen Zusammenhang gibt. Aber kontinuierlich ist er nicht! Bewußtseinsprozesse interpretieren reale Situationen des Überlebens und des Zusammenlebens auf kreative Weise:
„Ebenso wie Wissenschaftler an ihren zentralen theoretischen Überzeugungen festhalten, indem sie empirische Belege auf bestimmte Weise interpretieren ..., können auch Individuen das Gefühl einer zentralen moralischen Identität aufrechterhalten, obwohl sie Akte begehen, die von anderen für unmoralisch gehalten werden, indem sie die Situation kreativ interpretieren.“ (Tomasello 2016, S.175)
Damit ist aber jede Evolutionstheorie zur Moralentwicklung unmöglich: wenn die kreative Interpretation (also das Bewußtsein) des Individuums ein wesentliches Moment moralischen Handelns bildet, kann seine individuelle Entwicklung kein kausaler Faktor des Evolutionsprozesses sein. Dieselbe Entscheidung kann mal als moralisch und mal als unmoralisch gewertet werden: „(M)enschliche Individuen“, schreibt Tomasello, „müssen ihre moralischen Entscheidungen wohl oder übel selbst treffen“. (Vgl: Tomasello 2016, S.239) – Das individuelle Bewußtsein unterminiert die evolutionäre Kausalität.

Übrigens ist Tomasellos eigenes Buch ein Musterbeispiel für kreative Interpretationen! Er selbst hebt auf die Spekulativität seiner Evolutions-‚Geschichte‘ ab. (Vgl. Tomasello 2016, S.219)

II: Urteile, Handlungen und Entwicklungsebenen

Sicherlich argumentiert Tomasello weniger mit Bezug auf konkret-inhaltliche moralische Urteile, also mit Bezug auf bestimmte materiale Werte und Normen, die einer individuellen Güterabwägung unterliegen, sondern es geht ihm vor allem um die moralische Haltung, wenn er z.B. die Tatsache hervorhebt, daß Menschen dazu neigen, ihr Handeln gegenüber anderen Menschen zu rechtfertigen:
„Der entscheidende Punkt ist, daß die moralische Rechtfertigung darauf abzielt, geteilte Werte zu finden, die die eigene fortgesetzte Identifikation mit der moralischen Gemeinschaft demonstrieren, obwohl sie nicht unbedingt zum Ziel hat, moralische Handlungen hervorzubringen oder empirische Richtigkeit zu erreichen.()“ (Tomasello 2016, S.176)
Es geht also nicht um die konkreten Handlungen, sondern um die Tatsache des moralischen Urteilens selbst, gleichgültig zu welchen Entscheidungen es führen mag. Die Entstehung einer solchen Haltung könnte tatsächlich evolutionär begünstigt worden sein; allerdings nur als Potential, deren Verwirklichung (und Verfehlung) der Ontogenese überlassen bleibt. Die Möglichkeit der individuellen Verfehlung läßt sich nicht wegselektieren. Kant hat das mit dem Begriff des „radikal Bösen“ auf den Punkt gebracht. (Vgl. meine Posts vom 15.11. bis 21.11.2016)

Wir haben es hier also mit dem Problem einer Verhältnisbestimmung von verschiedenen Entwicklungsebenen zu tun. Tomasello ist sich dieses Problems bewußt. Er verweist darauf, daß wir es bei der Moralentwicklung mit einer „komplexe(n) und nicht ganz einheitliche(n) Naturgeschichte“ zu tun haben. (Vgl. Tomasello 2016, S.20) Er verweist auf den Begriff einer „Multilevel-Selektion“, der zwischen der „Ebene der Gene“, der „Ebene der sozialen Gruppe“ und der „Ebene des einzelnen Organismus“ unterscheidet. (Vgl. Tomasello 2016, S.24f.) Tomasello selbst spricht von „drei entscheidenden“ Hinsichten (vgl. Tomasello 2016, S.217f.): von der Zweistufigkeit der Moralentwicklung, die mit der Zweitpersonalität der Frühmenschen beginnt und dann zur Drittpersonalität des modernen Menschen führt; von den mit dieser Moralentwicklung verbundenen „Veränderungen der menschlichen Sozioökologie“; und von der „menschliche Moralpsychologie“, womit Tomasello die Ebene des Individuums meint, das seine eigenen subjektiven Vorstellungen von dem hat, was gerade um ihn herum passiert. (Vgl. Tomasello 2016, S.218)

Der narrative Ansatz einer Evolutions-‚Geschichte‘, wie sie Tomasello mit seinem aktuellen Buch vorlegt, bevorzugt ein kontinuierliches Szenario der zweistufigen Moralentwicklung des Menschen. Tomasello verweist zwar darauf, daß die menschliche Moralentwicklung, die im Rahmen des jeder Evolutionstheorie eigenen Ökonomieprinzips, demzufolge auf einem biologischen „Markt“ Eigenschaften durch Konkurrenz selektiert werden (vgl. Tomasello 2016, S.37 u.ö.), als ein „Kaninchen“ erscheint, das jemand aus einem „Zylinder“ hervorzaubert. Aber Tomasello zufolge „zaubert“ die Evolution ständig Kaninchen aus Zylindern hervor: „... in dem Sinne, daß sie ständig evolutionär Neues hervorbringt.“ (Vgl. Tomasello 2016, S.225)

Die „Herausforderung“, so Tomasello, bestehe nur darin, „anzugeben, wie sie es in diesem Fall gemacht hat“. (Vgl. Tomasello 2016, S.225) – Was letztlich bedeutet, daß es sich bei der menschlichen Moralentwicklung doch nicht um etwas Besonderes, sondern aus evolutionärer Perspektive um etwas ganz Natürliches handelt: Man kann es ja ‚erklären‘, indem man, wie Tomasello es macht, ‚kreativ‘ die verschiedenen Lebensumstände von Frühmenschen und modernen Menschen vor dem Beginn des Neolithikums mal pauschalisierend im geschichtlichen Zeitraffer, mal kleinteilig auf Jagd und Sozialleben  fokussierend, bis ins Innere individueller Befindlichkeiten und Entscheidungsprozesse hinein, zu einem zusammenhängenden Prozeßverlauf zusammenfügt, wie es gerade für die Veranschaulichung einer zweistufigen Moralentwicklung, wie sie Tomasello vorschlägt, als dienlich erscheint. So diskutiert Tomasello detailliert, inwiefern ein kleiner Affe in einem Labor-Experiment Wut oder vielleicht doch eher Groll empfindet, und extrapoliert dann seine Argumente auf die entsprechenden Emotionen von Frühmenschen und von modernen Menschen. (Vgl. Tomasello 2016, S.57f.)

III: Interdependenz und Verdienstlichkeit

Dreh- und Angelpunkt der Tomaselloschen Argumentation bildet die „Interdependenzhypothese“ (Tomasello 2016, S.14), mit der er das ökonomistische Konkurrenzprinzip, das bislang die Evolutionstheorie dominiert, außer Kraft setzt. Beide Prinzipien, das der Interdependenz und das der Konkurrenz, sind letztlich ökonomisch begründet. Jede Evolutionstheorie versteht die Natur, wie schon erwähnt, als einen „biologischen Markt“. Darwin zufolge sind die Individuen die eigentlichen Träger des Evolutionsprozesses, was Dawkins mit seiner These vom „egoistischen Gen“ noch einmal radikalisiert. Dem Ökonomismus zufolge sind alle diese Individuen auf dem biologischen Markt wechselseitig voneinander abhängig:
„Die Hauptsache ist, daß kognitiv und sozial komplexe Organismen in vielfältige soziale Beziehungen und Interdependenzen mit anderen verstrickt sind; und das bedeutet – unter der Annahme, daß diese Beziehungen und Interdependenzen für ihre Fitness wichtig sind –, daß die Hilfe für diese anderen und die Kooperation mit ihnen, ob sie nun reziprok oder anders geschieht, kein Opfer, sondern eine Investition ist.“ (Tomasello 2016, S.30)
Die „klassische Darstellung“ dieser wechselseitigen Abhängigkeit „erkennt“ allerdings Tomasello zufolge „nicht die Wichtigkeit sozialer Beziehungen für kooperative Interaktionen“. (Vgl. Tomasello 2016, S.31) Die Beziehungen zwischen den Individuen beruhen der klassischen Auffassung zufolge vielmehr auf einer detaillierten „Buchführung“ (vgl. Tomasello 2016, S.95), wo niemand was für andere tut, ohne eine „Rückzahlung“ zu erwarten (vgl. Tomasello 2016, S.54 u.ö.). Die Selektionsmechanismen des biologischen Marktes sorgen dafür, daß die Rechnung immer aufgeht, ein Umstand der von den Wirtschaftswissenschaften auch als „rational choice“ bezeichnet wird: Jeder weiß jederzeit, was wieviel kostet.

Dieses Rückzahlungsprinzip der klassischen Evolutionstheorie wird Tomasello zufolge durch die Interdependenzhypothese überwunden. Individuen können ihre biologische Fitneß auch dadurch erhöhen, daß sie mit ihrem prosozialen Verhalten in die gemeinsame Zukunft zweier Individuen (zweitpersonal) oder einer Gemeinschaft (drittpersonal) ‚investieren‘. (Vgl. Tomasello 2016, S.30 und S.226) Flapsig formuliert: die Individuen sind nun keine Händler mehr, sondern Unternehmer. Allerdings nicht im kapitalistischen Sinne, denn es geht nicht um das egoistische Interesse, sondern um die gemeinsame Zukunft, wodurch die Fitneß aller beteiligten Individuen erhöht wird.

Tomasello schlägt vor, diese Interdependenz als eine Form von „Symbiose“ zu verstehen. (Vgl. Tomasello 2016, S.34 und S.225) Innerhalb einer symbiotischen Beziehung zwischen Zweien (Zweitpersonalität) oder innerhalb einer größeren Gruppe (Drittpersonalität) spielen die „objektiven Kosten und de(r) Nutzen für die Beteiligten“ keine Rolle. (Vgl. Tomasello 2016, S.225) Sie selbst haben oftmals kein individuelles Bewußtsein davon, daß ihnen ihr persönliches Handeln auch persönlich zugute kommen wird. Auf der „psychologischen Ebene“ ist Tomasello zufolge die „Fürsorge“, die die Individuen füreinander an den Tag legen, „in vielen Fällen vollkommen echt“ (vgl. Tomasello 2016, S.226), „ohne daß es auf der psychologischen Ebene irgendwelche strategischen Berechnungen gibt“ (vgl. Tomasello 2016, S.227).

Die Interdependenzhypothese kann also die Entstehung von Fürsorge und letztlich auch von Moralität erklären, ohne die marktwirtschaftlichen Mechanismen des evolutionsbiologischen Erklärungsmodells außer Kraft zu setzen. An die Stelle des individuellen Leistungsprinzips, demzufolge jeder nur genau das bekommt, was er ‚verdient‘, tritt die „Verdienstlichkeit“. (Vgl. Tomasello 2016, S.229f. u.ö.) Diese Verdienstlichkeit ist nicht länger konkurrenzorientiert. Jeder, der zu einer Gemeinschaft bzw. zu einer Gruppe gehört, hat es auf der Basis der Gleichheit, der „Äquivalenz von Selbst und anderen“ (Tomasello 2016, S.91, 68, 129 u.ö.) verdient, am Leben erhalten und versorgt zu werden.

Tomasello bezeichnet den Begriff der Verdienstlichkeit als „moralisch-strukturell“:
„Der Begriff strukturell deutet darauf hin, daß diese Dimension der menschlichen Moral ursprünglich nicht selektiert wurde, um in dieser Funktion zu dienen; sie entstand im Dienste anderer Funktionen.“ (Vgl. Tomasello 2016, S.229f.)
Wir haben es also bei der Verdienstlichkeit nicht direkt mit einem Moment des Evolutionsprozesses zu tun. Vielmehr wurden verschiedene Faktoren der Evolution, die die Kooperation in Großgruppen ermöglichten – geteilte Intentionalität, gemeinsame Verpflichtung auf bestimmte Zwecke des täglichen Überlebenskampfes etc. – neu kombiniert, so daß eine neue moralische Struktur entstand, die die persönlichen Interessen der beteiligten Individuen ‚domestizierte‘. Tomasello spricht hier von einer „Art von Selbstdomestizierung“. (Vgl. Tomasello 2016, S.70)

Dennoch macht die Begriffsbestimmung ‚moralisch-strukturell‘ deutlich, daß wir es hier mit einem Strukturalismus zu tun haben. Interdependenz und Verdienstlichkeit führten dazu, daß sich das individuelle Handeln vom individuellen Bewußtsein ablöste. An die Stelle des individuellen Akteurs trat ein „pluraler Akteur“ (vgl. Tomasello 2016, S.15 und S.64), „ein interdependentes, im Plural handelndes ‚wir‘“ (vgl. Tomasello 2016, S.15), das das individuelle Verhalten reguliert. Die entscheidenden Prozesse fanden nun nicht mehr „face-to-face“ (Tomasello 2016, S.207) statt, sondern hinterm Rücken der beteiligten Individuen, unter einem „Schleier des Nichtwissens“ (Tomasello 2016, S.150 und S.230). Obwohl also die Verdienstlichkeit „ursprünglich nicht selektiert wurde“, also kein Moment des biologischen Evolutionsprozesses bildet, haben wir es doch mit einer hinter dem Rücken der Individuen verlaufenden kulturellen Evolution zu tun. Im Grunde gleicht diese hinterrücks stattfindende Moralentwicklung der „unsichtbaren Hand“ von Adam Smith, demzufolge die Marktmechanismen trotz des egoistischen Konkurrenzmotivs der Individuen letztlich doch nur Gutes hervorbringen, mit dem Unterschied, daß die Individuen bei Tomasello nicht mehr konkurrenzorientiert, sondern kooperativ sind.

Aus evolutionstheoretischer Perspektive besteht der Vorteil dieser strukturell angelegten Verdienstlichkeit darin, daß das individuelle Bewußtsein dem Evolutionsprozeß nicht mehr in die Quere kommen kann. Auf diese Weise gelingt es Tomasello, die menschliche Moralentwicklung als eine kulturelle Fortsetzung der biologischen Evolution zu beschreiben. Das Individuum wird nun auch auf kultureller Ebene zum Medium und Objekt eines durch ihn hindurch und über ihn hinweg verlaufenden Entwicklungsprozesses. Die entscheidenden Prozesse finden nicht mehr auf individueller Ebene statt, sondern sie verlagern sich auf die Ebene der Kulturgruppe, die zum eigentlichen Träger der Evolution wird, sowohl innerhalb der Kulturgruppe, insofern sich die Individuen an die Konventionen ihrer Gruppe anpassen, wie auch zwischen den Kulturgruppen, die miteinander um die begrenzten Ressourcen konkurrieren. (Vgl. Tomasello 2016, S.17f., 142 und S.164)

Es ist angesichts der vielen phantasievoll interpretierten Details und sorgfältig ausgemalten Szenarios sehr verständlich, wenn Tomasello seine Naturgeschichte der menschlichen Moral mit der Feststellung beendet: „Nein, es ist ein Wunder, daß wir moralisch sind, und es hätte nicht so kommen müssen.“ (Tomasello 2016, S.246)

In der Tat: es hätte nicht so kommen müssen. Und möglicherweise ist ja auch alles ganz anders.

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