„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Sonntag, 19. Februar 2017

J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe (1954/1955)

Diesen Blogpost hatte ich schon mal in meinem anderen Blog, „Auf der Grenze“, gepostet.
Für die dunkle Zeit zum Jahreswechsel hatte ich mir vor einiger Zeit wieder einmal den „Herrn der Ringe“ vorgenommen, in einer luxuriösen Lederausgabe (2008) in der Übersetzung von Margaret Carroux, die ich der Übersetzung von Wolfgang Krege vorziehe; nicht zuletzt wegen dessen unmöglichem „Chef“ anstelle des „Herr“, mit dem Krege Sam seinen Herrn anreden läßt. Diese anbiedernde Aktualisierung des Textes zeigt, daß Krege nicht begriffen hat, daß das altertümelnde Englisch, in dem Tolkien seinen Lord of the Rings geschrieben hat, ein bewußtes Stilmittel bildet, das der ganzen Erzählung eine authentische Patina verleiht. Was übrigens für deutsche Muttersprachler einen erfreulichen Nebeneffekt hat. Das Buch läßt sich für sie auch gut im Englischen lesen, weil dieses alte Englisch dem deutschen Sprachgefühl sehr nahe steht. Ich hatte beim Lesen des englischen Originals jedenfalls ständig das Gefühl, auf ‚Germanismen‘ zu stoßen – „There comes one to the other!“, wie ein deutscher Fußballtrainer sagte –, so als hätte ein deutscher Muttersprachler versucht, das Buch auf Englisch zu schreiben.

Die teure Lederausgabe ist leider schadhaft: die Seiten 71 bis 74 haben sich aus der Fadenheftung gelöst und bilden nun ein lose beigefügtes Doppelblatt, auf dem Gandalf gerade die wahre Geschichte des Ringfundes erzählt.

Da es in diesem Post um meine ganz persönliche Deutung des „Herrn der Ringe“ gehen soll, komme ich nicht umhin, kurz auf Tolkiens Aversion gegen eine allegorisierende Auslegung des Herrn der Ringe einzugehen. Man sollte Tolkiens Ablehnung von Allegorien nicht dahingehend mißverstehen, als hätte er etwas gegen eine lebensnahe Übertragung seines Werkes auf die Erfahrungswelt seiner Leser gehabt. Tolkien macht vielmehr deutlich, daß er genau dieser Phantasie seiner Leser keine Grenzen ziehen will. Allegorien, so Tolkien, tun nämlich genau das. Es ist der Autor, der eine Erzählung als Allegorie verfaßt und so festlegt, was seine Leser denken sollen: „Ich glaube, viele Leute verwechseln ‚Anwendbarkeit‘ mit ‚Allegorie‘; aber die eine ist der Freiheit des Lesers überlassen, die andere wird ihm von der Absicht des Verfassers aufgezwungen.“ (Tolkien 2008, S.13)

Der Leser ist also frei, sich beim Lesen von „Der Herr der Ringe“ das Seine zu denken, was immer ihm gerade durch den Kopf geht. Er hat dazu Tolkiens ausdrückliche Erlaubnis.

Mein roter Faden ist bei meiner Lektüre die Frage, wie sich der Ring auf die verschiedenen Charaktere auswirkt. Dabei geht es vor allem um die verschiedenen Ringträger und um ihr Verhältnis zur Macht. Dieses Thema wird von der ersten Seite an entfaltet und zeigt sich an so unterschiedlichen Charakteren wie den Hobbits, Tom Bombadil (und Gandalf) und diversen Zwergen, Elben und Menschen. Dabei haben die letzteren drei Charaktere ihre eigenen Ringe, sieben die Zwerge, drei die Elben und neun die Menschen. ‚Macht‘ erscheint hier in verschiedenen Aspekten: als Reichtum (Zwerge), als Politik bzw. als Macht über Menschen – wobei hier auch noch der Wunsch nach Unsterblichkeit mit hineinspielt – und als Wunsch nach Perfektion (Elben), die auch eine technologische Komponente beinhaltet. Es ist übrigens gerade die technologische Kompetenz von Sauron, für die die Elben bei der Herstellung der Ringe empfänglich und verführbar gewesen waren, so daß Saurons beherrschender Ring alle anderen Ringe in seinen korrumpierenden Dunstkreis hineinziehen konnte, sogar die drei großen Elbenringe, deren Macht nach der Zerstörung des Einen Rings immer geringer wird und schließlich schwindet.

Tolkien spielt ständig mit der Ähnlichkeit und der Differenz zwischen Technologie und Zauberei. Obwohl sein „Herr der Ringe“ ein neues literarisches Genre geschaffen hat, die Fantasy-Literatur, ist Tolkien selbst sehr distanziert und mißtrauisch gegenüber Zauberei. Das zeigt sich besonders am Verhältnis zwischen Hobbits und Elben. Die verstehen sich nämlich auf einer bestimmten Ebene überraschend gut: beide Charaktere haben ein positives Verhältnis zum Handwerk.

Zunächst aber noch eine Bemerkung zur Zauberei. Wenn Hobbits eine bestimmte Fähigkeit haben, die entfernt an ‚Zauberei‘ erinnert, dann ist es die, sich unsichtbar zu machen:
„Von Anfang an beherrschten sie die Kunst, rasch und geräuschlos zu verschwinden, wenn große Leute, denen sie nicht begegnen wollen, dahertrampelten; und diese Kunst haben sie weiterentwickelt, bis sie den Menschen wie Zauberei vorkam. In Wirklichkeit haben sich die Hobbits niemals mit Zauberei irgendeiner Art befasst, und ihre Fähigkeit, sich zu verflüchtigen, beruht allein auf einer durch Vererbung und Übung und innige Erdverbundenheit so vollkommenen Geschicklichkeit, dass sie für größere und plumpere Rassen unnachahmlich ist.“ (Tolkien 2008, S.17)
An dieser Stelle deutet sich schon an, daß Tolkien Zauberei generell für ziemlich überbewertet hält. Um das tägliche Leben zu meistern, bedarf es geringerer, nüchternerer Gaben, die vor allem der Ergänzung durch ‚Übung‘ bedürfen, um sich entfalten zu können, getreu dem Goetheschen Diktum: „Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!“

Zauberei hat für Tolkien Parallelen mit einer bestimmten Technologie, die vor allem dem Narzißmus des Menschen dient: Machtausübung im Sinne von unmittelbarer Wunscherfüllung, ohne dafür einen Finger krumm machen zu müssen. Nur ein bißchen mit dem Zauberstab rumwedeln und Peng! – schon hat man, was man will. An die Stelle des Zauberstabs ist heute eine Maus getreten und mit der macht man ‚Klick‘. Hobbits jedenfalls verstehen gleichermaßen wenig von Zauberei wie von Maschinen, die komplizierter sind als ein Handwebstuhl oder eine Wassermühle. (Vgl. Tolkien 2008, S.17) Sie sind geschickte Handwerker und keine Ingenieure.

Erstaunlicherweise verstehen sie sich auf dieser Ebene, wie schon angedeutet, sehr gut mit den Elben. Es gibt eine Unterhaltung zwischen Sam Gamdschie und einem Hochelben in Lorien über die Seilerei:
„‚Was ist das?‘, fragte Sam und nahm eine (Seilrolle – DZ) in die Hand, die auf dem Rasen lag. ‚Seile natürlich‘, antwortete der Elb aus den Booten. ‚Man soll niemals lange ohne ein Seil unterwegs sein! Und eins, das lang und stark und leicht ist. So wie diese sind. Sie mögen eine Hilfe sein in manchen Notlagen.‘ ‚Das braucht Ihr mir nicht zu sagen!‘, sagte Sam. ‚Ich kam ohne eins hierher und war die ganze Zeit darüber beunruhigt. Aber ich frage mich, woraus diese gemacht sind, denn ich weiß ein bisschen Bescheid mit der Seilerei: Es liegt in der Familie, wie man sagen könnte.‘ ‚Sie sind aus hithlain‘, sagte der Elb. ‚Aber jetzt ist keine Zeit mehr, dich in der Kunst ihrer Herstellung zu unterrichten. Hätten wir gewusst, dass dieses Handwerk dir Freude macht, dann hätten wir dir viel beibringen können. ...‘“ (Tolkien 2008, S.416)
An einer anderen Stelle bewundert Pippin ein paar Mäntel und fragt, ob sie mit Hilfe von Zauberei hergestellt worden seien. Die Antwort, die der Elb ihm gibt, erinnert an unsere Outdoor-Kleidungen, deren Materialeigenschaften ja gerne mit den neuesten Erkenntnissen aus Wissenschaft und Technik beworben werden:
„Es sind schöne Mäntel, und das Gewebe ist gut, denn es ist in diesem Land hergestellt worden. Gewiss sind es Elbengewänder, wenn es das ist, was du meinst. Blatt und Zweig, Wasser und Stein: Sie haben den Farbton und die Schönheit all dieser Dinge unter dem Zwielicht von Lórien, das wir lieben, denn bei allem, was wir herstellen, denken wir an all das, was wir lieben, indes sind es Kleidungsstücke, keine Panzer, und sie werden weder Speer noch Klinge abwehren. Doch sollten sie euch gute Dienste leisten. Sie sind leicht im Tragen und warm oder kühl genug, je nach Bedarf. Und ihr werdet merken, dass sie eine große Hilfe sind, wenn ihr euch dem Blick unfreundlicher Augen entziehen wollt, ob ihr nun zwischen Steinen oder unter Bäumen steht.“ (Tolkien 2008, S.414f.)
So wie der Elb die grauen Umhänge beschreibt, mit denen sie die neun Gefährten beschenken, bilden sie Metaphern auf das Land und auf das Leben der Elben. Die Umhänge bilden Gedichte, in die die Elben ihre schönsten Empfindungen und ihre edelsten Gedanken hineingewebt haben. Tatsächlich erinnern diese Umhänge sogar ein wenig an das, was Plessner ‚Seele‘ nennt: denn so sehr sie den tiefsten Empfindungen der Elben Ausdruck verleihen (Expressivität), so sehr entziehen sie – im Sinne des noli me tangere – zugleich ihre Träger den neugierigen Blicken einer zudringlichen Umwelt.

Pippins Frage nach dem ‚Zauber‘, den er in diesen Mänteln vermutet, versteht der Elb überhaupt nicht: „Gewiss sind es Elbengewänder, wenn es das ist, was du meinst.“ – Stattdessen verweist er auf die Liebe der Elben zu ihrem Land und auf die Zweckmäßigkeit der Kleidung.

Die Liebe zu ihrem Land ist eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den Elben und den Hobbits. Auch die Hobbits werden als sehr heimatverbunden dargestellt. Tolkien hebt die „innige Erdverbundenheit“ der Hobbits hervor. (Vgl. Tolkien 2008, S.17) Und Tom Bombadil, immerhin wie Gandalf ein Halbgott, lobt den Hobbitbauern Maggot:
„Er hat Erde unter seinen Füßen und Lehm an seinen Fingern: Weisheit in seinen Knochen, und beide Augen hält er offen“. (Vgl. Tolkien 2008, S.158)
Weisheit wird hier mit Erde in Verbindung gebracht, und die unter der Erde wohnenden Hobbits werden oft mit Baumwurzeln verglichen, deren tiefverwurzelte Kraft, wie Gandalf hervorhebt, eine Charaktereigenschaft der Hobbits bildet:
„Weich wie Butter können sie sein, und doch bisweilen zäh wie alte Baumwurzeln. Ich halte es für wahrscheinlich, dass manche den Ringen weit länger widerstehen können, als die meisten Weisen vermuten würden.“ (Tolkien 2008, S.67)
Und damit wären wir auch wieder beim Thema ‚Macht‘. Denn auch Tom Bombadil, der seine Sympathie für die Hobbits äußert, hat sich an ein Stück Land gebunden, den Alten Wald und die Hügelgräberhöhen, in dessen Grenzen er sich als „Meister“ erweist. Und zwar als ein Meister des Seins. Auf die Frage Frodos, wer Tom Bombadil sei, antwortet Goldbeere schlicht und einfach: „ Er ist!“ (Vgl. Tolkien 2008, S.149)

Bombadil ist nicht dies oder jenes, und er hat keine bestimmte Eigenschaft. Er ist einfach. Und deshalb hat der Ring keine Macht über ihn. Weder wird er unsichtbar, wenn er sich den Ring auf die Finger steckt, noch wird für ihn Frodo unsichtbar, als er sich den Ring auf den Finger steckt: „‚He da!‘, rief Tom und schaute ihm mit einem höchst sehenden Ausdruck in seinen leuchtenden Augen nach. ‚He! Komm, Frodo. Wohin willst du denn? So blind ist der alte Tom Bombadil doch nicht. Nimm deinen goldenen Ring ab! Deine Hand ist hübscher ohne ihn.‘ ...“ (Tolkien 2008, S.159)

Apropos Heimatverbundenheit: angesichts der Pegida und AFD sollte es nicht unerwähnt bleiben, daß die Meisterschaft von Tom über den Alten Wald (und über den Ring) keinen Besitzanspruch beinhaltet. Der ‚Meister‘ des Alten Waldes ist nicht etwa dessen ‚Herrscher‘. Auf Frodos Frage, ob Tom den Alten Wald ‚besitzt‘, antwortet Goldbeere: „‚O nein‘, ... und ihr Lächeln verblasste. ‚Das wäre wahrhaftig eine Bürde ...‘“ (Tolkien 2008, S.149)

So erdverbunden die Hobbits im Auenland, Tom Bombadil im Alten Wald und die Hochelben in Lorien auch auftreten mögen: das Land, in dem sie leben und das sie bebauen (Hobbits), bewahren (Elben) oder bewachen (Tom Bombadil), gehört ihnen nicht. Gerade die Hobbits sind nach langer Wanderschaft in ihr Auenland eingewandert. Vorher lebten andere dort und nach ihnen werden wieder andere dort leben:
„‚Aber es ist nicht euer eigenes Auenland‘, antwortete Gildor. ‚Andere lebten schon hier, ehe es Hobbits gab; und andere werden hier wieder leben, wenn Hobbits nicht mehr sind. Die weite Welt erstreckt sich rings um euch: Ihr könnt euch absperren, doch könnt ihr sie nicht für immer aussperren.‘“ (Tolkien 2008, S.106)
Was die Hobbits also zu so geeigneten Ringträgern macht – wohlgemerkt: nicht Ringbesitzern! –, ist eben ihre Erdverbundenheit und ihre Neigung, sich komplizierteren Entwicklungen der Technologie zu verweigern. Tolkien selbst mochte keine Flugzeuge, die er als Kriegsflugzeuge kennengelernt hatte und die er mit der Kriegsmaschinerie der Orks verglich. Und er mochte keine Autos, weil er noch mitangesehen hatte, wie sie die von ihm so geliebten alten Innenstädte zerstörten, um sie ‚autogerechter‘ zu machen. Als man ihm Eskapismus vorwarf – ein beliebter Vorwurf gegenüber der sogenannten Trivialliteratur, die die Menschen zum Tagträumen verleitet, anstatt sie realitätstauglicher zu machen –, entgegnete er nur trocken, daß Eskapismus auch sein Gutes habe: etwa wenn man in einem Gefängnis sitzt.

Deshalb darf hier zum Schluß auch der Hinweis auf Peter Jacksons Hobbitverfilmung nicht fehlen. Den ersten Teil hatte ich noch als einigermaßen gelungen akzeptiert. In diesem Teil wird noch eine Geschichte erzählt. Aber die beiden anderen Teile haben keine Geschichte mehr. Hier dominiert alberne Action und Jacksons technikversessene Perfektionssucht. Aber die ganze 3D- und Super-HD-Technik, mit der Jackson wohl wieder den einen oder anderen Oskar abräumen wird, kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß er sich in einen medientechnischen Ork verwandelt hat. Es ist Jacksons Technologiebesessenheit, für die der Eine, alles beherrschende Ring steht. Jackson, Saruman und Sauron reichen sich die Hand.

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