Freitag, 20. Januar 2017

Matthew B. Crawford, Die Wiedergewinnung des Wirklichen. Eine Philosophie des Ich im Zeitalter der Zerstreuung, Berlin 2016

(ullsteinbuchverlage, Hardcover, 429 Seiten, 24.00 €)

1. Zusammenfassung
2. Bewußtsein als geistige Repräsentation
3. Bewußtsein als Autonomie
4. Bewußtsein als Wahrnehmung
5. Bewußtsein als Wachsamkeit
6. Vortrefflichkeit: Das situierte Selbst
7. Vortrefflichkeit: Das situierte Ding

Zwar spricht Crawford an zwei Stellen von der „stumpfe(n)“ bzw. „stumpfsinnigen“ Natur, „die einfach nur da ist“. (Vgl. Crawford 2016, S.111 und S.115) Damit will er aber nur zum Ausdruck bringen, daß sie sich unseren Zugriffen nicht einfach fügt. Sie steht unserer unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung im Weg, so daß wir auf vermittelnde  Praktiken und Techniken zurückgreifen müssen, um unseren Willen umzusetzen.

Ganz im Gegenteil zur vermeintlichen Stumpfsinnigkeit der Natur und der Dinge geht es Crawford um ein erotisches Verhältnis zu den uns umgebenden Dingen. Mit ‚Erotik‘ ist die lustvolle Art und Weise unseres Verhältnisses zu den Dingen gemeint, wenn wir es geschafft haben, unseren Umgang mit ihnen zu perfektionieren. (Vgl. Crawford 2016, S.107f.) Crawford bringt das auf schöne Weise am Beispiel von Donald Duck zum Ausdruck, der nicht gerade dafür bekannt ist, irgendetwas zu können bzw. über irgendwelche besonderen Kompetenzen zu verfügen:
„Wenn wir den klassischen Donald Duck übers Eis gleiten sehen, sind wir gleichermaßen überrascht und entzückt vom Wirklichen. In solchen Augenblicken scheinen die Möglichkeiten für schönes menschliches Handeln in der wirklichen Welt – die unentdeckten Möglichkeiten der Passung – unerschöpflich. ... Denn es hat den Anschein, als sei die Welt in Bezug auf uns wohlwollend eingerichtet. Die Gesetze der Schwerkraft und des Auftriebs machen es möglich zu surfen. ... Eine solche Begegnung mit den Dingen ist im Grunde erotisch, insofern als wir aus uns selbst heraus nach Schönheit streben.“ (Crawford 2016, S.369)
Mir fällt an dieser Stelle sofort das Komikerpaar Stan Laurel und Oliver Hardy ein, wenn sie nach vielen Slapstickszenen und Mißlichkeiten plötzlich zu tanzen beginnen. In diesen seltenen Momenten beginnen sich die Dinge zu fügen und Laurel und Hardy schweben gleichsam über ihnen hinweg wie zwei glückliche Kinder.

Diese Erotik im Umgang mit der wirklichen Welt bildet Crawford zufolge den Kern von Bildung:
„Nur schöne Dinge führen uns hinaus in die Welt außerhalb unseres Kopfes.“ (Crawford 2016, S.374)
Das ist eine implizite Anspielung auf Platons Höhlengleichnis, das Crawford vom Aussagegehalt her in sein Gegenteil umkehrt. Es ist nicht mehr die gewaltsame Befreiung durch den grausamen Pädagogen, der den Troglodyten unter großen Qualen ins blendende Sonnenlicht zerrt, sondern es ist die Schönheit der Dinge um uns herum, die uns aus der Höhle herauslockt.

Die vermeintlich stumpfsinnigen Dinge machen uns Crawford zufolge ständig ‚Angebote‘, die er als „Affordanzen“ (von ‚afford‘ = anbieten) bezeichnet.
„Dieser Angebotscharakter (oder Aufforderungscharakter) der Umwelt ruft Handlungen hervor und lenkt sie ... Grundlage der Affordanzen ist die Anpassung eines Akteurs an seine Umwelt. Wird diese Beziehung von einer ‚Prothese‘ wie etwa einem Motorrad vermittelt, so ändern sich die Zusammensetzung der Objekte, die der Akteur wahrnimmt, und die Art und Weise, wie er sie wahrnimmt.“ (Crawford 2016, S.89f.)
Der Begriff der ‚Prothese‘ entspricht dem Begriff des Werkzeugs. Solche Werkzeuge sind wiederum Dinge, die wir uns auf eine Weise zurechtgemacht und angeeignet haben, daß sie zu Erweiterungen unseres eigenen Körpers geworden sind. Crawford spricht von einer „kognitiven Erweiterung“:
„Für denjenigen, der sich in einen Experten im Umgang mit einem Werkzeug verwandelt hat, kann dieses auf sehr reale Art und Weise zu einem Teil seines Körpers werden. Eine wachsende Zahl von Studien bestätigt, dass eine solche ‚kognitive Erweiterung‘ tatsächlich stattfindet: Das Gehirn, das unsere Handlungen und Wahrnehmungen organisiert, unterscheidet die durch Werkzeuge und Prothesen verliehenen neuen Fähigkeiten nicht von denen des menschlichen Körpers.() ... Wir empfinden Freude in den Augenblicken, in denen wir spüren, dass wir einen kleinen Bereich der Wirklichkeit zunehmend mit unserem Körper und mit Werkzeugen beherrschen.“ (Crawford 2016, S.77)
Prothesen und Werkzeuge erweitern nicht nur unsere körperliche Anatomie durch zusätzliche Gliedmaßen; sie fungieren auch als Ersatz für ausgefallene Sinnesorgane, wie der Stock, den der Blinde als eine Sonde benutzt, die ihm das Augenlicht ersetzt. Crawford beschreibt detailliert, wie der Blinde mit dieser Sonde zu ‚sehen‘ beginnt:
„... wenn man lernt, die Sonde zu verwenden, verwandelt sich das Bewusstsein dieses Drucks auf den Griff in etwas ganz anderes: Im Lauf der Zeit spürt man direkt und unvermittelt, wie die Spitze der Sonde die zu erkundenden Objekte berührt. Man nimmt nicht länger Empfindungen in der Hand wahr. ... Die Aufmerksamkeit wird von den Sinneseindrücken in der Hand auf die Gegenstände an der Spitze der Sonde gelenkt; der Sinneseindrücke selbst ist man sich nur noch ‚subsidiär bewusst‘. ... ‚... Wir werden uns der Empfindungen in unserer Hand in Bezug auf ihre Bedeutung bewusst, der wir unsere Aufmerksamkeit schenken.‘ Diese Bedeutung befindet sich an der Spitze der Sonde.“ (Crawford 2016, S.77f.)
Prothesen und Werkzeuge sind Crawford zufolge „Vorrichtungen“, die uns zu „Spitzenleistungen“ befähigen:
„Wenn wir einen Koch im Fluss seiner Tätigkeit sehen, sehen wir eine Person, die die Küche bewohnt. Der Raum für die Aktivität des Kochs ist in gewissem Sinn zu einer Erweiterung seiner Person geworden.“ (Crawford 2016, S.56)
„Zeugganzheiten“ (Heidegger; vgl. Crawford 2016, S.213) bilden Crawford zufolge eine Art „Aufmerksamkeitsökosystem(), in dem sich der menschliche Verstand entfalten und wirkliche Unabhängigkeit erlangen kann“ (vgl. Crawford 2016, S.46). Sie bilden unverzichtbare Bestandteile des situierten Selbst. Aber nicht nur Menschen sind situiert, sondern auch die Dinge selbst. Das wird nirgendwo deutlicher als am Beispiel der Orgelbauwerkstatt, die Crawford im dritten Teil seines Buches beschreibt:
„Mehr als jedes andere Musikinstrument ist die Pfeifenorgel ein situiertes Ding ...“ (Crawford 2016, S.319)
Crawford bezeichnet die Orgelpfeife als ein Hightechprodukt des Barockzeitalters:
„Pfeifenorgeln waren für das Barock, was die Apollo-Raketen für die sechziger Jahre waren: enorm komplexe Maschinen, die den Blick eines Volkes gen Himmel lenkten.“ (Crawford 2016, S.308)
Sicher mußten auch die Apolloraketen ein hohes Maß an Situiertheit aufweisen, um in der Lage zu sein, ihre menschlichen Besatzungen aus der Schwerkraft der Erde herauszubefördern und zum Mond zu transportieren. Auch die modernen Ingenieure brauchen einen vorurteilsfreien Blick auf die Realität, „ohne fortschrittsgläubiges Vorurteil, sowie eine kritische Haltung zur eigenen Zeit“. (Vgl. Crawford 2016, S.322) Dennoch ist die moderne Wissenschaft auf eine ungute Art methodengläubig. Ihr Grundprinzip ist nicht mehr „substanziell“, also gegenstandsbezogen, sondern „prozedural“:
Als wahr erkennen wir nur, was wir selbst gemacht haben.()“ (Crawford 2016, S.184)
Der moderne Begriff der Methode deutet Crawford zufolge „auf einen latenten Dünkel hin, besagt er doch, dass man lediglich ein Verfahren einhalten müsse, um automatisch Entdeckungen zu machen“:
„Man befolgt einfach Regeln. Die Idee der Methode verspricht, die Forschung zu demokratisieren, indem sie sie in einem generischen Selbst ansiedelt (in Kants ‚vernünftigem Wesen‘), das keinerlei Erfahrung benötigt – in einem nicht situierten Selbst.“ (Crawford 2016, S.207)
Diese Wissenschaftler glauben nicht mehr an Meisterschaft, sondern nur an ‚Gesetze‘ und an ‚Statistik‘. Das letzte, was ihre Wissenschaft sein soll, ist Handwerk.

Alles aber, was Meisterschaft bzw. Vortrefflichkeit erfordert, ist ‚situiert‘. So auch die Pfeifenorgel. Die Mitarbeiter der Orgelbauwerkstatt, die Crawford besucht, haben zwar ihre verschiedenen Aufgabenbereiche: der Intonator, der den Orgelpfeifen ihren Ton verleiht, der Sattler, der die Blasebalge herstellt, der Tischler, der für die Register zuständig ist usw. Alle möglichen Berufe bzw. Handwerke sind in der Orgelwerkstatt vereint und arbeiten interdisziplinär und zugleich transdisziplinär zusammen: interdisziplinär, weil sie verschiedene Professionen aufeinander abstimmen müssen; transdisziplinär, weil sie die Orgel auf ihren letztendlichen Zweck hin, für eine spezifische Kirche und für eine spezifische Gemeinde, für die sie bestimmt ist, einrichten müssen.

Eine Orgel ist erst ‚vollständig‘, wenn sie den Raum einer besonderen Kirche mit ihrer Architektur und ihrem Mobiliar mit ihrem Klang erfüllt. Denn die Pfeifenorgel klingt nicht aus sich selbst heraus. Sie bedarf eines Resonanzkörpers, und das ist die Kirche: „Die Kirche ist Teil des Instruments.()“ (Crawford 2016, S.326)

Alle diese Zusammenhänge lassen sich auf keine Algorithmen zurückführen. Sie lassen sich nicht rationalisieren und auf Maschinen übertragen. Dabei machen die Mitarbeiter der Orgelwerkstatt Entdeckungen; sie sind vergessenen Techniken und verlorengegangenen Klängen auf der Spur. Sie befinden sich in einer ständigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und arbeiten an Verbesserungen der Pfeifenorgel für die Zukunft, indem sie mit den alten Meistern im Gespräch bleiben. So ist ein charakteristischer Effekt der Orgelpfeifen aus dem Barock im 18. und 19. Jhdt. verlorengegangen. Durch Abnutzung der Orgelpfeifen – der Luftstrom verändert die Materialeigenschaften der Pfeifen – ist das „Anblaßgeräusch“, ein charakteristisches Zischen, verschwunden. (Vgl. Crawford 2016, S.326f.)

Da sich die Orgelbauer des 18. und 19. Jhdts. an diesen Orgeln orientierten und sie nachbauten, übernahmen sie auch diesen Abnutzungseffekt. Sie bauten Orgelpfeifen, die von vornherein nicht über dieses Anblasgeräusch verfügten. Das führte in den steinernen Kirchenhallen zu einem Chaos von für das menschliche Ohr ununterscheidbaren Tönen und Klängen, was wiederum eine ganz eigene akustische Ästhetik beinhaltet. Der Orgelbauer John Boody und seine Mitarbeiter, die Orgelwerkstatt, die Crawford besuchte, sind durch ihre historische Forschung in der Literatur und bei Reisen in Norddeutschland dem verlorenen Klang der Barockorgeln auf die Spur gekommen und bauen nun wieder Orgeln, die über das Anblasgeräusch verfügen.

Das ist nicht einfach Nostalgie. Das Anblasgeräusch ist, wie schon erwähnt, ein wichtiges Hilfsmittel für das menschliche Ohr. Überhaupt ist der technische Fortschritt in einer Orgelbauwerkstatt ganz anders zu bewerten als in unserer heutigen innovationssüchtigen Zeit. (Vgl. Crawford 2016, S.322) So baute man in den 60er Jahren des 20. Jhdts. eine Orgel mit „Bedienelemente(n) aus Plastik und ... synthetische() Dichtungen“, die dann nach wenigen Jahren des Gebrauchs schmolzen:
„Tayler und Boody“ – die beiden Meister der Orgelbauwerkstatt – „zerlegten sie (die Orgel – DZ) in ihre Einzelteile und ersetzten das Raumfahrtmaterial durch traditionelle Werkstoffe: Holz, Filz und Leder. Wenn der technologische Standard jener der Funktionalität ist, dann erwiesen sich in diesem Fall Holz und Leder als mehr ‚high-tech‘ als Kunststoff.“ (Crawford 2016, S.352)
Die Mitarbeiter der Orgelbauwerkstatt bewegen sich Crawford zufolge auf einer Grenzlinie zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie haben ein starkes individuelles Bedürfnis nach Perfektion und den Ehrgeiz, die alten Meister zu übertreffen. Sie wollen ihre persönliche Handschrift hinterlassen, an der sie künftige Orgelbauer erkennen können. Denn der Handwerker, der nach Perfektion strebt, sucht seine Bestätigung nicht beim Kunden, sondern bei den anderen Handwerkern.

Crawford beschreibt das Dilemma an seiner eigenen Mechanikerpraxis. Wenn er ein Motorrad repariert hat, muß er einen für seinen Kunden akzeptablen Preis für die Rechnung ermitteln. Dieser Kunde kann aber die verschiedenen Arbeitsschritte, die Crawford für nötig gehalten hatte, überhaupt nicht beurteilen. Crawford muß also einen Kompromiß finden zwischen dem, was sein Kunde verstehen kann, und dem, was er tatsächlich geleistet hat. (Vgl. Crawford 2016, S.236f.) Crawford kommt zu dem Schluß:
„Nur ein anderer Handwerker ist berechtigt zu sagen: ‚Gut gemacht.‘“ (Crawford 2016, S.236) 
Dabei geht es aber den Mitarbeitern der Orgelbauwerkstatt immer um die Sache, also um eine Orgel, die für ihre jeweiligen Zwecke bestmöglich geeignet ist. Es geht ihnen weder um die Befriedigung der eigenen Eitelkeit noch um sklavische Wiederholung der „Schlussfolgerungen der Tradition“. Im Gespräch mit der Tradition geht es vor allem darum, „sich auf dieselben Probleme wie die alten Meister einzulassen“. (Vgl. Crawford 2016, S.356)

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