„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 9. Mai 2016

Ulrich Schmid, Technologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur, Berlin 2015

(edition suhrkamp 2702, Broschur, 386 Seiten, 18,-- €)

1. Zusammenfassung
2. Methode
3. russische Postmoderne
4. Refugien des Widerstands und der Kritik

Helmuth Plessner zufolge geht das menschliche Bewußtsein aus Mißerfolgserfahrungen hervor. Weil unsere Handlungen nicht einfach und direkt zum Ziel führen, sondern nur über Umwege, werden wir uns der Welt und unserer selbst bewußt. (Vgl.u.a. meinen Post vom 24.10.2010) Das ist eine zutiefst persönliche und individuelle Erfahrung, die noch gar nicht sozial vermittelt ist. Im Gegenteil scheint es geradezu einer der Zwecke der Gruppe bzw. der Gemeinschaft zu sein, solche individuellen Mißerfolge aufzufangen und sozial abzumildern. Die Gemeinschaft gleicht individuelle Unzulänglichkeiten aus, indem andere unterstützend an unsere Seite treten und uns ihre besonderen Fähigkeiten arbeitsteilig zur Verfügung stellen.

Das bedeutet aber zugleich auch, daß uns die Gruppe ein Gefühl der Macht vermittelt und uns so potentiell an unserer Bewußtwerdung hindert. Die Welterschließung und Weltaneignung verläuft nur noch über die Gruppe und nicht mehr über das Individuum selbst. Der Bruch bzw. der Hiatus zwischen dem Individuum und seinem Körper und der Welt, von dem Plessner spricht, entzieht sich so weitgehend unserer Aufmerksamkeit.

Weitgehend, aber nicht vollständig: eine fundamentale Befindlichkeit, daß irgendetwas mit unserem Weltverhältnis nicht stimmt, ist die Angst. Sie bestimmt auch dann und gerade dann noch unser Leben, wenn wir uns gemeinschaftlich einer Auseinandersetzung mit ihr verweigern. Der Soziologe Lew Gudkow hält die Angst für eine Konstituente der russischen Identität nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion (vgl. Schmid 2015, S.317f.), und Maria Stepanowa, Chefredakteurin von colta.ru, führt das verbreitete „ängstliche() Festklammern am prekären Status quo“ auf das „allgemeine Gefühl einer brüchigen Wirklichkeitserfahrung“ zurück (vgl. Schmid 2015, S.319).

Auch hier haben wir es also mit einem Bruch in der Welterfahrung zu tun, der aber kollektiv vermittelt ist und deshalb eine individuelle Selbsterfahrung genauso verhindert wie eine positive Gruppenidentität. Für Demagogen aller Art bildet diese Befindlichkeit, also die Angst, eine dankbare Ressource, da sie die Bereitschaft erhöht, auf deren „Homogenitätsrhetorik“ (Schmid 2015, S.165) hereinzufallen. So sieht es beispielsweise das Moskauer Museum, wie es in seinem Bericht zu seiner „kulturellen Mission“ heißt, als seine Aufgabe, die „Risse der historischen Zeit und des kulturellen Raums“ durch die „Schaffung eines nationalen Selbstbewusstseins“ zu überwinden und zur „Reintegration der großen, allgemein nationalen Traditionen“ beizutragen. (Vgl. Schmid 2015, S.164) – Das große Kontinuitätsangebot einer über alle heterogenen historischen Experimente hinweg reichenden spezifisch russischen „Symphonia“ (Schmid 2015, S.188) soll den Einzelnen davon entlasten, sich mit seiner eigenen existentiellen Misere auseinandersetzen zu müssen.

Dennoch gibt es einzelne Stimmen, die sich einer solchen kollektiven Bewußtseinstrübung entgegenstellen. Ulrich Schmid zitiert den Schriftsteller Andrej Bitow: „Doch für Bitow ist nicht die Affirmation der eigenen Kultur, sondern die Fähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen, produktiv: ‚Wenn ein Mensch an irgendetwas zweifelt, dann kann man mit ihm sprechen, weil er die Existenz von etwas Anderem anerkennt.‘“ (Schmid 2015, S.124)

Wer sich der eigenen existentiellen Misere stellt und sich den allseitigen medialen Beruhigungsmitteln verweigert, vermag sich im Plessnerschen Sinne exzentrisch zu positionieren. Sein Blick öffnet sich für das Andere und für den Anderen. Das bedeutet gerade nicht, daß er einen besonderen Wahrheitsanspruch erhebt und so in Konkurrenz zu den medial vermittelten Wahrheitsansprüchen tritt, so wie es Ulrich Schmid in folgendem Zitat andeutet: „Auch heute bewegen sich Oppositionelle und Nonkonformisten in ganz anderen Begründungszusammenhängen als die Regierung, wenn sie ihre Kritik an den herrschenden Zuständen formulieren. Dabei sind sie jedoch gegenüber der staatlichen Herrschaft immer in der schwächeren Position, weil sie ihre Wahrheit nicht mit der gleichen Effizienz in den Massenmedien verbreiten können.“ (Schmid 2015, S.54)

Kritische Intellektuelle befinden sich eben nicht einfach in einer „schwächeren Position“ der staatlichen Herrschaft gegenüber, wie Schmid meint, so daß sie, wenn sie an die Macht kämen, nun die ‚Stärkeren‘ wären und einen Wahrheitsanspruch nur durch den anderen, nämlich „ihre“ eigene „Wahrheit“, ersetzen würden. Widerstand und Kritik der Dissidenten erwachsen aus einer ganz anderen Quelle als die ‚Wahrheit‘ der Ideologen. Wenn Ulrich Schmid auf die verschiedenen Bereiche zu sprechen kommt, in denen in Rußland noch Kritik möglich ist, dann handelt es sich bezeichnenderweise u.a. um die Gefängnis- und Kriegsliteratur, um Bereiche also, in denen das Individuum aus behüteten sozialen Kontexten herausgefallen ist und auf sich selbst zurückgeworfen wird. (Vgl. Schmid 2015, S.75ff. und S.78ff.)

So beobachtet z.B. der Kriegsautor Arkadi Babtschenko die am eigenen Leib erfahrene schleichende Bewußtseinsveränderung, wenn er die „leeren Worthülsen“ von „Heldentum und Aufopferung“ mit seiner eigenen Aufrechnung von militärischen Erfolgen und dafür entrichtetem „Blutzoll“ vergleicht und entdeckt, wie er an der allgemeinen „Korruption des Bewusstseins“ teilzuhaben beginnt. (Vgl. Schmid 2015, S.282f.) Hier führt der Bruch zwischen dem „politisch fabrizierten Kriegsdiskurs“ und der „krude(n) Wirklichkeitserfahrung“ des Soldaten zu einer exzentrischen Positionierung. (Vgl. ebenda)

Auch die Gefängnisse und Lager führen bei den Betroffenen zur „Entlarvung der falschen Realität“. (Vgl. Schmid 2015, S.75) Auch sie ergreifen das Wort aus einer Erfahrung heraus, die weniger in der Parteinahme für einen bestimmten Wahrheitsentwurf begründet ist, als vielmehr, wie Schmid es treffend beschreibt, als „beherzte(s) Sprechen eines Einzelnen angesichts eines übermächtigen Staatsapparats“ zu verstehen ist. (Vgl. Schmid 2015, S.76) Foucault bezeichnet dieses „beherzte Sprechen“ als „Parrhesie“, und es hat in Rußland eine lange Tradition: „Die Schilderungen der Gefängnisse und Lager, die von Dostojewski, Tschechow, Solschenizyn und Schalamow vorgelegt wurden, zeigten die entwürdigenden Haftbedingungen der Sträflinge auf. Heute gibt es bereits eine ganze Reihe von Texten, die an diese Tradition anknüpfen.“ (Schmid 2015, S.76)

Auch hier schwenkt Schmid wieder in den Wahrheitsdiskurs ein: diese „kritisch denkenden Bürger(), die ins Räderwerk der russischen Willkürjustiz geraten sind“, vertreten „eine eigene Wahrheit“. (Vgl. Schmid 2015, S.15) Tatsächlich geht es um die individuelle Würde einer subjektiven Perspektive, die aus dem kollektiven Verblendungszusammenhang herausgefallen ist und dafür Zeugnis ablegt.

Die Differenz zum Wahrheitsdiskurs, um die es mir hier geht, wird vielleicht an einem anderen Beispiel noch deutlicher. So spricht Schmid zum Beispiel von der politischen Lyrik in Rußland als einer besonderen literarischen Widerstandsform gegen den vorherrschenden Kollektivismus. (Vgl. Schmid 2015, S.269ff.) Schmid hält die Lyriker aus ästhetischen Gründen für besonders immun gegenüber den Verführungen des Putinismus: „Die lyrische Wahrheit spricht die Seele direkt an. Es gibt keine Polittechnologie, die das poetische Sprechen zu einem Zweck auf einer verborgenen Agenda herabwürdigen kann.“ (Schmid 2015, S.369f.)

Eine Lüge, so Schmid, würde sich in einem Gedicht sofort ästhetisch rächen und wäre deshalb wirkungslos. Wäre das tatsächlich so, dann gäbe es keine Nationalhymnen und keine Kriegslieder. Es sei denn, Schmid ginge davon es, daß Lieder sowieso nicht zur Lyrik gehören. Es gibt aber auch hier keine gattungsspezifische lyrische Wahrheit, der die Lüge gewissermaßen ‚wesensfremd‘ wäre.

Tatsächlich liegt das Widerstandspotenzial der Lyrik ganz woanders. So hält z.B. der Petersburger Lyriker Alexander Skidan fest: „Das Gedicht ist schon an sich eine Vertreibung aus der Welt, und wer sich dem gleichsam harmlosen Spiel der Poesie widmet, legt allein schon dadurch Zeugnis ab von seinem Willen, außerhalb des Gesetzes zu existieren, außerhalb der Wahrheitsordnung und der dazu gehörenden Kommunikation. Er ist nach draußen geworfen, auch aus sich selbst.“ (Zitiert nach Schmid 2015, S.273)

Skidan spricht also ausdrücklich die exzentrische Positionierung des Lyrikers an, dessen Gedichten eine literarische Randständigkeit zur Welt zueigen ist. Sie befinden sich explizit „außerhalb der Wahrheitsordnung“! Nur als solche können sie Zeugnis für eine individuelle Perspektive ablegen und deren Würde beglaubigen. Lyrik ist nicht per se, qua literarischer Gattung, exzentrisch positioniert. Sie kann wie jede Kunstform polittechnologisch mißbraucht werden. Wo sie aber im Dienst individuellen Sprechens steht, da befähigt sie zur Kritik an den herrschenden Verhältnissen, ohne irgendeine metaphysische Legitimität für sich in Anspruch nehmen zu müssen.

Es gibt noch eine andere Kunstform in Rußland, der Ulrich Schmid bescheinigt, sich in besonderer Weise den medialen Polittechnologien des herrschenden Regimes zu widersetzen: das Theater. (Vgl. Schmid 2015, S.345f.) Diesmal weist Schmid selbst ausdrücklich darauf hin, daß die Theatermacher auf alternative Wahrheitskonzeptionen verzichten. Theaterprojekte wie „Teatr.doc“ haben sich darauf spezialisiert, Interviews mit Obdachlosen, Drogensüchtigen und sexuellen Mißbrauchsopfern auf die Bühne zu bringen. Teatr.doc verzichtet auf die übliche Inszenierung und beschränkt sich auf die Dokumentation: „Die ästhetische und ethische Bewertung des Gesehenen sollte idealerweise dem Zuschauer überlassen werden.“ (Schmid 2015, S.345)

Der Zuschauer ist also gezwungen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Billige Fluchten in eine schöngefärbte Phantasiewelt werden nicht zugelassen. Kritik ist also möglich, auch jenseits von Wahrheit und Ästhetik.

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Sonntag, 8. Mai 2016

Ulrich Schmid, Technologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur, Berlin 2015

(edition suhrkamp 2702, Broschur, 386 Seiten, 18,-- €)

1. Zusammenfassung
2. Methode
3. russische Postmoderne
4. Refugien des Widerstands und der Kritik

Auch wenn Symbole, wie ich im letzten Post festgestellt habe, weder wahr noch falsch sind, bedeutet das noch lange nicht, daß sie nicht kritisierbar seien. Es gibt viele Gründe, bestimmte Symbole für untauglich zu halten, klar definierten gesellschaftlichen und individuellen Bedürfnissen zu genügen. Solche Gründe können historischer, ökonomischer, psychologischer und anthropologischer Art sein. So sind etwa Symbole, die aus längst vergangenen Epochen stammen und die mit großen Menschheitskatastrophen verbunden sind – etwa dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg – nicht einfach reanimierbar, so als wäre nichts geschehen. Diese menschengemachten Katastrophen haben unsere Sichtweise auf das Menschliche, auf das Humanum, radikal verändert. In Deutschland sollten das Kaiserreich und der Faschismus, in Rußland sollten Zarismus und Stalinismus eigentlich ihre symbolische Funktionalität endgültig verloren haben.

Dazu gehört allerdings eine historische, politische und eben auch anthropologische Selbstvergewisserung, in derem Zentrum die individuelle Urteilskraft steht, nicht als Instanz einer wie auch immer begründeten Wahrheit, sondern als einzige verbliebene Autorität im Kantischen Sinne: sapere aude.

Wer dennoch wieder auf Zarismus und Stalinismus zurückgreift, wie Ulrich Schmid es Putin und seinem Umfeld vorwirft, tut dies nicht mehr im guten Glauben, sondern aus ideologischem Kalkül. Mir fallen vor allem zwei historische Reminiszenzen auf: zum einen die Remystifizierung des Raums. In Deutschland hatte die Parole vom „Volk ohne Raum“ zum Zweiten Weltkrieg geführt. Auch Putins Eurasismus – eine geopolitische Denkweise, die sich Ulrich Schmid zufolge erstmals in einer Programmschrift von 1926 zu Wort gemeldet hatte (vgl. Schmid 2015, 2015) – hält den Krieg wieder für ein notwendiges Mittel der räumlichen Expansion. (Vgl. Schmid 2015, S.215 und S.158f.)

Die andere historische Reminiszenz besteht in der Wiederbelebung reformpädagogischen Gedankenguts. Die Reformpädagogik vom Anfang des 20. Jhdts. hatte auch in Deutschland eine starke völkische bzw. kollektivistische Komponente gehabt. Sowohl der Nationalsozialismus als auch der Sozialismus hatten ihre marschierende Jugend, und man phantasierte vom Übermenschen bzw. von der Schaffung eines neuen Menschen. Das findet sich auch im von Ulrich Schmid beschriebenen Putinismus wieder: „Kurz nach Putins Amtsantritt als Präsident im Jahr 2000 begann der Kreml mit der Gründung von regierungstreuen Jugendorganisationen.() 2005 wurden die ‚Unsrigen‘ aus der Taufe gehoben.“ (Vgl. Schmid 2015, S.84)

Das ganze Vokabular zur „geistig-moralischen Entwicklung und Erziehung des russischen Bürgers“, vom „nationale(n) Erziehungsideal“ eines „hochmoralische(n), kreative(n), kompetente(n) Bürger(s) Russlands“ (vgl. Schmid 2015, S.11), von der „großen Rolle der Persönlichkeitsbildung“ und der „Entwicklung des schöpferischen Potenzials der Menschen“ (vgl. Schmid 2015, S.38), von der „Bildung einer harmonisch entwickelten Persönlichkeit“ (Schmid 2015, S.46) entstammt dem reformpädagogischen Dunst. Ich habe mich jahrelang als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem historischen Forschungsprojekt damit befaßt, und die Hohlheit dieser Formeln, wie wir sie auch in Deutschland mit jeder neuen Schul- und Bildungsreform immer wieder aufgewärmt auf den Tisch serviert bekommen, ist für mich kaum noch erträglich. Ich empfinde mittlerweile einen regelrecht ästhetischen Widerwillen gegen diese Art pädagogischer Polemik. Aber oft genug ist es gerade das ästhetische Empfinden, das zur Kritik an verbrauchten Symbolen befähigt, wie übrigens auch Ulrich Schmid feststellt, wenn er meint, daß Lyriker aus ästhetischen Gründen zur Lüge nicht fähig seien. (Vgl. Schmid 2015, S.370) – Da bin ich mir dann allerdings doch wieder nicht so sicher. Das hört sich so nach „böse Menschen haben keine Lieder“ an.

Wenn Ulrich Schmid das heutige Russland als eine „postmoderne Diktatur“ bezeichnet (vgl. Schmid 2015, S.10), dann liegt dies an der historisch erwiesenen Hohlheit der ideologischen Floskeln, mit denen der Putinismus sein Regime zu rechtfertigen versucht. Ich glaube schon, daß ästhetisch sensible Menschen ein Sensorium dafür haben. Die Hohlheit dieser Floskeln zeigt sich übrigens auch am Schicksal der erwähnten Jugendorganisation, die vor allem Putins Regierung stützen sollte und unter seinem Nachfolger Medwedew schnell an Einfluß verlor. (Vgl. Schmid 2015, S.86) Sie hatte ihre Funktion erfüllt und war nun nicht mehr von Interesse.

Der Nationalsozialismus war einst, unter anderem, aus der Jugendbewegung hervorgegangen. In der russischen Postmoderne ist es andersrum: Jugendbewegungen werden nach Bedarf geschaffen, wofür es im Internetzeitalter sogar einen Begriff gibt: „Astrosurfing wird unter Medienprofis als Bezeichnung für die Simulation einer Grassroot-Bewegung verwendet – die reale Unterstützung eines Themas im Web durch engagierte User wird durch automatisierte Verfahren oder durch Manipulation ersetzt.“ (Schmid 2015, S.87)

Gibt es eine Kritik jenseits von Wahrheitsansprüchen oder ästhetischen Empfindlichkeiten? Im nächsten Post werde ich versuchen, eine Antwort darauf zu geben.

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Samstag, 7. Mai 2016

Ulrich Schmid, Technologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur, Berlin 2015

(edition suhrkamp 2702, Broschur, 386 Seiten, 18,-- €)

1. Zusammenfassung
2. Methode
3. russische Postmoderne
4. Refugien des Widerstands und der Kritik

Im Titel des von Ulrich Schmid geschriebenen Buches ist vom „Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur“ die Rede. Deshalb sind einige kritische Bemerkungen zum Wahrheitsbegriff unvermeidlich. Ulrich Schmid selbst bezieht sich bei seinem Versuch einer näheren Bestimmung des Wahrheitsbegriffs zunächst nur auf einen Aufsatz von Niklas Luhmann: „Wahrheit und Ideologie“ (1962). Auf diese Weise erfährt der Leser, daß Ideologien eine „funktionalistische Sicht“ auf die Wahrheit haben, derzufolge „ideologische Großnarrative über keinen zwingenden Inhalt verfügen“. (Vgl. Schmid 2015, S.12) Für Ideologen sind also ‚Wahrheiten‘ jederzeit durch andere ‚Wahrheiten‘ austauschbar, solange sie nur für das jeweils herrschende Regime funktional sind.

Trotz dieser ‚veritablen‘ Beliebigkeit legen Ideologien aller Art aber großen Wert auf eine strikte Rangfolge von Werten bzw. genauer: von Wörtern. Eine penible Sprachregelung – Schmid spricht von einer „Idolatrie der Wörter“ (Schmid 2015, S.13) – legt fest, was in einem totalitären Regime kritisiert werden darf und was nicht. So darf der Faschismusvorwurf im gegenwärtigen Russland gegen alles und jeden, aber niemals gegen die russische Regierung bzw. gegen ihre Vorläufer gerichtet werden:
„Bereits im Mai 2013 war die Website der linientreuen Zeitung Konsomolskaja Prawda von ‚Roskomnadsor‘ (die staatliche Zensurbehörde – DZ) verwarnt worden, weil sie ein Interview mit dem liberalen Politiker Leonid Gosman veröffentlicht hatte. Gosman hatte die provokative Meinung geäußert, dass die ‚schöne Uniform‘ das Einzige sei, was die SS von der stalinistischen Spionageabwehr ‚Smersch‘ unterschieden habe.() Beim Faschismusvorwurf kennt der Kreml kein Pardon.“ (Schmid 2015, S.48f.)
Man erfährt also einiges darüber, was eine Ideologie ist und wie sie funktioniert. Aber man erfährt nichts über den Wahrheitsbegriff. Die Zusammenstellung „Wahrheit und Ideologie“, mit der Schmid auch den betreffenden Textabschnitt übertitelt, läßt vermuten – Schmid selbst äußert sich dazu nicht –, daß die Wahrheit einen Gegenbegriff zum Ideologiebegriff bildet. Auf allen folgenden Seiten des Buches werden immer wieder verschiedene „Wahrheitsentwürfe“ bzw. „Wahrheitskonzeptionen“ der Regierung und der Opposition einander gegenübergestellt. (Vgl. Schmid 2015, S.54, 68, 84, 241u.ö.) Mal ist von der ideologischen ‚Wahrheit‘ der Regierung die Rede, mal von der ‚eigenen‘ Wahrheit der Opposition. (Vgl. Schmid 2015, S.52) Gelegentlich spricht Schmid auch von der „autonome(n) Wahrheit“ einzelner Dissidenten. (Vgl. Schmid 2015, S.76)

Hin und wieder klingen bei Schmid auch leise Zweifel an, ob es denn überhaupt Sinn macht, noch von ‚Wahrheit‘ zu reden. Er spricht mit dem Kulturwissenschaftler Michail Jampolski vom Fehlen irgendeines „Wahrheitskritieriums“ in der „russische(n) Lebenswirklichkeit“. (Vgl. Schmid 2015, S.70) Er merkt kritisch an, daß die „russische Kultur“ dazu neige, ihre wichtigen Lebensfragen „Wer sind wir? Wohin gehen wir? Was tun? Wer ist schuld?“ allzu schnell auf die „Wahrheitsfrage“ zu verkürzen (vgl. Schmid 2015, S.54), was natürlich für diejenigen, die als schuldig identifiziert werden, unangenehm enden kann. Schmid spricht mit Foucault von einem „Wettbewerb der ‚Veridiktionen‘“, des „Wahr-Sagens“, der in einer „Arena“ der „politischen Ordnung“ ausgetragen werde. (Vgl. Schmid 2015, S.53)

Aber alle diese Problematisierungen des Wahrheitsbegriffs bleiben an der Oberfläche. Nirgendwo kommt es zu einer wirklichen Klärung. Dabei ist schon die Zusammenstellung „Wahrheit und Ideologie“ fragwürdig. Eine Entgegensetzung von Wahrheit und Ideologie, wie sie hier angedeutet wird, gibt es nicht. Der Gegenbegriff zur Ideologie ist nicht die Wahrheit, sondern die Kritik. Die Ideologie dient nicht dazu ‚Wahrheit‘, sondern Kritik zu verhindern. Tatsächlich ist der Begriff der Wahrheit selbst schon ideologisch. Hier zeigt sich wieder einmal, daß Luhmann, der Theoretiker der Komplexitätsreduktion, selbst unterkomplex ist, zumindestens was die menschliche Seele betrifft. Von ihr hat er keine Ahnung.

Das wird besonders an einer anderen Stelle deutlich, wo Schmid mit Hilfe von Luhmann den Begriff der Macht erläutert:
„Niklas Luhmann hat in einer kleinen Schrift von 1975 Macht im Wesentlichen als ein Kommunikationsphänomen definiert. Macht beruht nicht auf dem Einsatz von Gewalt, sondern auf der verhaltenssteuernden Erwartung der Menschen, dass nicht(-)herrschaftskonformes Handeln sanktioniert wird. Macht hat also bereits versagt, wenn sie eingesetzt werden muss. Sogar die explizite Androhung von Gewalt ist bereits eine Form der Gewaltausübung und damit ein Zeichen von Schwäche. Wirkliche Macht dringt direkt in die menschliche Seele ein und lässt in ihr nicht einmal den Gedanken an Widerstand aufkommen. Luhmann nennt diesen Effekt ‚Generalisierung von Einfluss‘.()“ (Schmid 2015, S.288)
Diese Definition von Macht verwischt die Grenze zum Vertrauen, von dem Michael Tomasello spricht. (Vgl. meinen Post vom 25.04.2010) Kommunikation basiert auf Vertrauen. Vertrauen aber hat mit Macht nichts zu tun, allenfalls vielleicht mit Autorität. Luhmanns Definition von Macht als einem Kommunikationsmedium, das „nicht einmal den Gedanken an Widerstand aufkommen“ läßt, deckt auch den Bereich des einfachen Vertrauens ab und macht dieses begrifflich überflüssig.

Überflüssig ist aber nicht der Begriff des Vertrauens, sondern der Wahrheitsbegriff. Nur Ideologen können nicht auf ihn verzichten. Tatsächlich müssen wir von zwei grundsätzlich verschiedenen Wahrheitsdimensionen ausgehen: der Welterkenntnis und der Symbolik. Auch Schmid spricht von zwei verschiedenen Wahrheitskonzeptionen in der russischen Sprache, die zwischen ‚Prawda‘ und ‚Istina‘ unterscheidet, zwischen einer gesetzten Wahrheit und einer Seinswahrheit. (Vgl. Schmid 2015, S.76) Ich meine hier aber eine andere Unterscheidung.

Im Bereich der Welterkenntnis haben wir es mit der – immer noch problematischen – Frage nach der Adäquatheit unserer Erkenntnis mit der Realität zu tun. ‚Wahrheit‘ ist hier vor allem eine Frage der Falsifikation. Was die Symbolik betrifft, hat Hans Blumenberg darauf hingewiesen, daß wir hier nicht mehr zwischen wahr und falsch unterscheiden können. In einer seiner Interpretationen zu Platons Höhlengleichnis schlägt er vor, daß wir es bei den Schatten an der Wand möglicherweise gar nicht mit der Frage nach ihrem Realitätsgehalt zu tun haben. (Vgl. meine Posts vom 15.06. und vom 13.07.2012) Stattdessen sind die Schatten für die Höhlenbewohner längst zu Symbolen geworden, und als solche bestimmen sie ihre Lebensführung.

Symbole sind nicht wahr oder falsch. Entweder funktionieren sie oder sie funktionieren nicht. Das ist alles, was man über sie sagen kann. Und genau das ist ja auch, wie wir von Luhmann wissen, der Bereich der Ideologie! Ideologen versuchen, die Symbole, an die wir glauben oder auch nicht, zu Wahrheiten hochzustilisieren (oder sie wahlweise als Lügen zu diffamieren), um uns so manipulieren zu können. Blumenberg wendet nun gegen die Ideologen aller Art ein, daß keiner das Recht hat, den Höhlenbewohnern – und Höhlenbewohner sind wir alle – einzureden, daß das, was sie glauben, eine Lüge sei, so wie jener ‚Pädagoge‘ (hier ist der Pädagoge zugleich auch der Demagoge), der einen der Höhlenbewohner gewaltsam entfesselt und ihn nach draußen ans Sonnenlicht zwingt.

Es gibt also keine symbolische Wahrheit bzw. wahren Symbole, an die man glauben muß, und auch keine falschen bzw. ‚bösen‘ Symbole, die zu glauben uns verboten wäre. Dennoch gibt es den Unterschied zwischen richtig und falsch, auf den Blumenberg an dieser Stelle nicht weiter eingeht. Über das ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ von Symbolen läßt sich nur individuell entscheiden. Dazu bedarf es einer Anthropologie, die den Bruch im Innern jedes Menschen thematisiert, wie es Helmuth Plessner tut. Dazu in den folgenden Posts mehr.

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Freitag, 6. Mai 2016

Ulrich Schmid, Technologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur, Berlin 2015

(edition suhrkamp 2702, Broschur, 386 Seiten, 18,-- €)

1. Zusammenfassung
2. Methode
3. russische Postmoderne
4. Refugien des Widerstands und der Kritik

Mit dem Titel seines Buches „Technologien der Seele“ (2015) spielt Ulrich Schmid, Professor für Kultur und Gesellschaft Rußlands an der Universität St. Gallen, auf Foucault und auf Stalin an. (Vgl. Schmid 2015, S.9) Dabei richtete Foucault das Interesse mehr auf die individuelle Seele, so daß bei ihm vor allem „Praktiken“ wie „Gespräche“, der „Akt des Schreibens“ und die „Körperpflege“ im Mittelpunkt standen. (Vgl. ebenda) Stalin interessierte sich hingegen mehr für die kollektive Bewußtseinsverfassung der sowjetischen Gesellschaft, so daß bei ihm die Literatur vor allem ein technologisches Medium für die Schaffung eines „neuen Menschen“ bildete: „Anders als Lenin, der sich von der Kulturpolitik fernhielt, verfolgte Stalin die neuesten Entwicklungen in Literatur, Kunst, Film und Musik sehr aufmerksam. ... Berüchtigt waren seine Telefonanrufe bei führenden Künstlern wie Michail Bulgakow, Boris Pasternak oder Dmitr Schostakowitsch.()“ (Schmid 2015, S.9f.)

Das ganze umfangreiche Buch von Ulrich Schmid bildet eine detaillierte Auseinandersetzung mit der kollektiven Verfaßtheit der russischen Seele. Die Foucaultsche Komponente spielt nur am Rande eine Rolle, wenn Schmid gegen Ende seines Buches auch auf die innerrussische Kritik am Putinimus eingeht. Eine gründlichere Reflexion des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft und eine gerade in diesem Zusammenhang eigentlich auch notwendige Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsbegriff fehlt. Schmids Rückgriff auf Niklas Luhmanns Aufsatz „Wahrheit und Ideologie“ (1962) (vgl. Schmid 2015, S.12ff.), erst gegen Ende des Buches ergänzt durch Adornos und Horkheimers Analysen zur Kulturindustrie (vgl. Schmid 2015, S.353ff.), reicht nicht aus, um zu verhindern, daß das russische Desaster in Schmids Darstellung in eine allzu plakative Opposition zu den westlichen Demokratien gestellt wird. Beide Gesellschaftsformationen unterliegen, wie in den folgenden Posts noch gezeigt werden soll – und ungeachtet der geopolitischen Mystifikationen –, dem gleichen Verblendungszusammenhang.

Es ist eine Schwäche dieses Buches, daß Schmid mit seinen Analysen nur an der Oberfläche des Konflikts bleibt. Das zeigt sich z.B. an der Stelle, wo Schmid über die Werbung in Rußland spricht, als handelte es sich dabei um eine exklusive Strategie des Putinismus: „Sehr schnell verabschiedete man nach 1991 die billigen Klischees der Sowjetpropaganda und eignete sich die raffinierten Methoden des Marketings an. Werbung, die als solche erkennbar ist, verliert schon allein durch diese Tatsache ihre Wirkung.“ (Schmid 2015, S.16)

Das ist eine Binsenwahrheit, die auf beide Seiten des ehemaligen eisernen Vorhangs zutrifft, und diese Art von Werbung ist zudem eine westliche Erfindung, die auf den Neffen von Sigmund Freud, Edward Bernay, zurückgeht, der die Werbung mit Hilfe seiner Erfahrungen mit der US-amerikanischen Propaganda des Ersten Weltkriegs und der psychoanalytischen Methoden seines Onkels auf neue Füße stellte. (Vgl. meinen Post vom 28.06.2014) Es ist auch nicht zuletzt Putin selbst, der auf das Vorbild des Hollywood-Kinos verweist: „Denken wir daran, dass Hollywood das Bewusstsein mehrerer Generationen geformt hat. Dabei hat es nicht die schlechtesten Werte vermittelt – sowohl hinsichtlich der nationalen Interessen als auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Moral. ...“ (Zitiert nach Schmid 2015, S.39)

Es ist auch nicht von ungefähr, wenn Schmids Erläuterungen zum Begriff der „Polittechnologie“ an Methoden der good governance erinnern: „Der Staat profitiert von der Unterstützung durch die Bürger und gewinnt so an Stabilität, die Gesellschaft erkennt in den staatlichen Strukturen die adäquaten Bedingungen für die Verwirklichung der eigenen Zukunftskonzepte.“ (Schmid 2015, S.97) – Wikipedia beschreibt good governance als „gutes Steuerungs- und Regelungssystem einer politisch-gesellschaftlichen Einheit“. Putins Polittechnologie und good governance agieren anscheinend auf derselben Ebene, und Ulrich Schmids Kritik am Putinismus kratzt nur an der Oberfläche des Problems. Es fehlt an einer begrifflich fundierten Analyse, die die Unterschiede der Lebens- und Gesellschaftsformen trennscharf herausarbeitet.

Dabei ist es durchaus atemberaubend, wie von den russischen „Ingenieure(n) der menschlichen Seele“, den „loyale(n) Dienstschriftsteller(n)“ im Auftrag Putins (vgl. Schmid 2015, S.59), ein Werteantagonismus zwischen der russischen und westlichen ‚Zivilisation‘ konstruiert wird, in dem – mit den Worten Ivan Ilins, einem monarchistischen Philosophen aus der ersten Hälfte des 20. Jhdts. – ein „monarchistisches Rechtsbewußtsein“ mit einem „republikanischen Rechtsbewußtsein“ konfrontiert wird. (Vgl. Schmid 2015, S.32) Noch heute greift Putin, so Schmid, „gern auf Theorieangebote überzeugter Monarchisten zurück“. (Vgl. Schmid 2015, S.30) Bei der Überführung von „Ilins sterbliche(n) Überreste(n) aus der Schweiz nach Moskau“ war Putin persönlich zugegen. (Vgl. Schmid 2015, S.33)

In Ilins Werteantagonismus stehen autoritäre und kollektive Prinzipien und liberale und individuelle Prinzipien zweier disparater Wertegemeinschaften einander unversöhnlich gegenüber. An die Stelle der Reflexion tritt der Kult, an die Stelle der Vernunft tritt das Schicksal. Dabei spielen historische Verwerfungen, wie sie gerade Rußland mit den zwei Zusammenbrüchen des Zarentums und des Sowjetkommunismusses am Anfang und am Ende des 20. Jhdts. erlebt hat, keine Rolle. Vom Zaren über die Partei bis zum Putinismus steht die Kontinuität eines auf die Größe Rußlands fixierten Patriotismusses im Vordergrund. In ihrer Programmschrift von 1926 „vertraten die Eurasier sogar die Meinung, das russische Volk habe sich des Bolschewismus bedient, um sein Territorium und seine Staatlichkeit zu retten.()“ (Vgl. Schmid 2015, S.211)

Dieser geopolitisch begründete Kontinuitätspathos überdeckt die tiefreichende Korruption von Wahrheitsansprüchen, wie sie insbesondere der Zusammenbruch des Sowjetkommunismusses hinterlassen hat, ein „ideologische(s) Vakuum“, das die orthodoxe Kirche – seit der Jahrtausendwende im engen Bündnis mit Putin – „innerhalb kurzer Zeit“ mit ihren eigenen Inhalten aufzufüllen vermochte. (Vgl. Schmid 2015, S.188) Die Korruption des kollektiven Wahrheitsbewußtseins zeigt sich weniger darin, daß die russischen Bürger nun an gar nichts mehr glauben – im Gegenteil sind sie glaubensbereiter denn je –, als vielmehr darin, daß sie ungeachtet dessen, daß sie davon überzeugt sind, von den Macheliten betrogen und belogen zu werden, den Präsidenten selbst, als Person, von dieser institutionellen Verderbnis ausnehmen. Der Präsident, so Schmid mit Verweis auf den Soziologen Boris Dubin, wird „nicht als realer Amtsträger mit einem Wählerauftrag wahrgenommen, sondern als geisterhafte Verkörperung märchenhafter Wünsche, die aus angehäuften Frustrationen entstanden sind“. (Vgl. Schmid 2015, S.68)

Diese Bereitschaft der russischen Gesellschaft, zwischen den Institutionen und der Person des Machthabers zu trennen, hat eine lange, auf das Bild des „guten Zaren“ zurückgehende Tradition. (Vgl. Schmid 2015, S.29) Manche russischen Intellektuellen sprechen sogar von einem spezifischen russischen Gesellschaftsvertrag: „Der Romanautor Michail Schischkin spricht von einer Reaktivierung des sowjetischen Gesellschaftsvertrags unter Putin. Staat und Volk seien übereingekommen, dass alle lügen und weiter lügen werden, um zu überleben ... Auch der Kulturwissenschaftler Michail Jampolski warnt vor der Wiederkehr einer allgegenwärtigen Kultur der Lüge, die bereits in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts praktiziert wurde und heute dank der Omnipräsenz der Medien eine noch stärkere Macht entfalten kann ... “ (Schmid 2015, S.69)

Der Wahrheitsanspruch der russischen Gesellschaft beruht also weniger auf der Evidenz von Fakten und der sachlichen Richtigkeit von Informationen als vielmehr auf der mystischen Autorität eines Staatsoberhauptes, das für die Größe der Nation steht und sich für sie einsetzt. In einer soziologischen Untersuchung im Jahr 2000 sprachen sich 63 Prozent der Russen dafür aus, „lieber in einem großen Land (zu) leben und dafür auf Wohlstand (zu) verzichten“: „Im Jahr 2008 war der Anteil derjenigen, die sich für die erste Option entschieden, bereits auf 78 Prozent gestiegen.“ (Schmid 2008, S.118)

Zu einem ‚Gesellschaftsvertrag‘, der auf der allgemeinen Bereitschaft beruht, sich belügen zu lassen, um das individuelle Prekariat durch die Illusion der nationalen Größe Rußlands aufgewertet fühlen zu können, kommt so auch noch ein pervertierter Generationenvertrag, der an die Stelle eines Wohlstandsversprechens wenigstens für die Kinder und Kindeskinder die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg setzt: „Die Rentner haben außer diesem militärischen Erfolg wenig vorzuweisen: Das sowjetische Projekt ist kläglich gescheitert, die hehren Ideale des Sozialismus haben sich in nichts aufgelöst. Die ältere Generation ist in der Regel sogar auf finanzielle Unterstützung durch die Kinder angewiesen.“ (Schmid 2015, S.163)

Wenn die Rentner sonst nichts zu vererben haben, dann doch wenigstens dies: damals, 1943 in Stalingrad, dabeigewesen zu sein. Für die übrigen ist die „Kategorie der Zukunft“, so Schmid, „auf eine sehr kurze Periode“ geschrumpft. Nur noch 48% der Bevölkerung wagen es, auch nur zwei Jahre über ihre gegenwärtige Misere hinauszudenken. (Vgl. Schmid 2015, S.319)

Die Stärke von Schmids Buch besteht in detailreichen Erörterungen und inhaltlichen Zusammenfassungen der russischen Literatur, des Films, von Fernsehserien und Videogames. Ein ausführliches Personenregister am Ende des Buches hilft einem dabei, sich über die verschiedenen Protagonisten der russischen Polit- und Kulturszene zu informieren. Das macht die eingangs angesprochenen analytischen Schwächen wett.

Bewundernswert ist dabei, wie tapfer sich der Autor durch die politischen und kulturellen Niederungen einer amoralischen, zynischen Postmoderne hindurchliest und sich an ihnen abarbeitet. Nur an einer Stelle schimmert kurz durch, was es ihn emotional gekostet haben mag, wenn er – in einer verbalen Entgleisung – von den „schreibenden Kriegsgurgeln“ spricht (vgl. Schmid 2015, S.161), womit er die „Anti-Intelligenzija“ meint, die sich Putins Projekt verschrieben hat, von der er aber glaubt, daß sie „schon gescheitert“ ist (vgl. Schmid 2015, S.168); denn der Krieg in der Ukraine ist längst zu einem Desaster geworden und wird von der russischen Bevölkerung zunehmend „als Tragödie wahrgenommen“, so daß er seinen „Mobilisierungseffekt“ inzwischen eingebüßt hat (vgl. ebenda).

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Sonntag, 1. Mai 2016

Kontextualisierungen: Sätze contra Algorithmen

(empfohlene Zitierweise: Detlef Zöllner, Kontextualisierungen: Sätze contra Algorithmen, 01.05.2016, in: http://erkenntnisethik.blogspot.de/)

(Dieser Post wurde als Beitrag für das Franz-Fischer-Jahrbuch 2015 verfaßt, das bislang nicht erschienen ist.)

Im ersten Band seines Buches „Die Antiquiertheit des Menschen“ (7/1988 (1956)) führt Günther Anders die manipulative Macht des Fernsehens darauf zurück, daß es nicht nur über das gesprochene Wort, sondern auch über inszenierte Bilder verfügt. (Vgl. meinen Post vom 23.01.2011) Nachrichten erscheinen nur noch als Kommentare zu Bildern, die den Eindruck erwecken, das eigentliche Geschehen abzubilden. Dabei geht das Bewußtsein dafür verloren, daß auch diese Bilder nur eine bestimmte Perspektive auf die tatsächlichen Ereignisse liefern und daß sie überdies retuschiert, geschnitten und neu zusammengefügt wurden, um sie für das jeweilige Senderformat, in dem sie gesendet werden, passend zu machen.

Gesprochene und geschriebene Sätze haben Anders zufolge den Vorteil, daß sie von vornherein ihren Informationscharakter offenlegen. (Vgl. Anders 7/1988, S.157) Ihre Subjekt-Prädikat-Struktur ist offensichtlich. Der gemeinte Gegenstand bzw. das gemeinte Ereignis, über das gesprochen wird, wird durch die Sprache in seine Prädikate zerlegt, und kein Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, wird eine in Worten mitgeteilte Information für bare Münze nehmen. Wenn mir jemand mitteilt, mein Keller stände unter Wasser, werde ich erstmal nach Hause laufen, um meinen Keller persönlich in Augenschein zu nehmen, bevor ich die Feuerwehr rufe, um das Wasser abzupumpen. Vielleicht fällt mir ja unterwegs sogar ein, daß wir gerade den 1. April haben und ich nur einem Aprilscherz aufgesessen bin.

Bilder hingegen verbergen ihre S-P-Struktur. Bilder werden, so Anders, einfach geglaubt. Sie haben aber durchaus eine S-P-Struktur, insofern auch sie nur Prädikate in bezug auf ein Subjekt bilden, das ihnen äußerlich bleibt und das sie deshalb nur meinen können. Auch Bilder geben nur einzelne Aspekte der Wirklichkeit wieder.

Schon Fritz Mauthner hatte in seinem dritten Band zur „Kritik der Sprache“ (2/1913) die S-P-Struktur der Sprache an ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit festgemacht. (Vgl. Mauthner 2/1913, S.185-223; vgl. auch meine Posts vom 19.10. und vom 23.10.2013) Unabhängig vom grammatischen Subjekt eines Satzes bildet jedes Wort ein Prädikat eines dem Satz äußerlich bleibenden Subjektes, und dieses ‚Subjekt‘ besteht wiederum in den konkreten Situationen, in denen sich die miteinander sprechenden Menschen befinden. Deshalb können unsere Sprechakte grammatisch gesehen auch unvollständig sein und lediglich aus Ein-Wort-Sätzen bestehen oder es braucht sogar überhaupt nicht gesprochen zu werden und es reicht eine Geste wie ein Wink mit den Augen oder ein kurzes Nicken, um jemandem eine Information mitzuteilen. Der Gesprächspartner kann die nötigen ergänzenden Informationen, die er braucht, um die Absicht des ‚Sprechers‘ zu verstehen, dem Kontext entnehmen.

Mauthner läßt allerdings nur Außenweltsituationen gelten, weil seiner Ansicht nach die gesprochene Sprache – als Außenweltereignis – sich nur auf Außenweltereignisse beziehen kann. Dabei verwickelt er sich aber immer wieder in Widersprüche, und er kommt letztlich nicht umhin, sich auch auf Innenweltereignisse zu beziehen. Es ist offensichtlich, daß wir es bei der von Anders und Mauthner beschriebenen Subjekt-Prädikat-Struktur der Sprache mit der Differenz zwischen Innen und Außen, zwischen Meinen und Sagen zu tun haben. Das Gemeinte ist das, um mit Michael Tomasello zu sprechen, „extravagante“ Subjekt, das die prädikative Syntax der Sprache vervollständigt. (Zur extravaganten Syntax vgl. Tomasello, „Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation“ (2009), S.286 u.ö.; vgl. auch meinen Post vom 27.04.2010) Als ‚extravagant‘ bezeichnet Tomasello die Einbettung von einfachen Sätzen in einen narrativen Kontext, der es ermöglicht, auch kompliziertere Sinnzusammenhänge über verschiedene Erzählebenen hinweg zu ‚verfolgen‘.

Wie sehr Sprachen auf Kontexte angewiesen sind, beschreibt der Sprachwissenschaftler Nicholas Evans (2014) am Beispiel der Aborigines in Arnhem Land im Norden von Australien. (Vgl. Evans, „Wenn Sprachen sterben und was wir mit ihnen verlieren“ (2014), S.24ff.; vgl. auch meinen Post vom 01.12.2014) Wer in diesem Land unterwegs ist, überschreitet alle paar Kilometer eine Sprachgrenze. Wandernde Aborigines pflegen beim Wandern Lieder (Songlines) zu singen, die eng mit der Landschaft, durch die sie wandern, verbunden sind. Wechseln die Aborigines beim Wandern in den Landstrich eines anderssprachigen Clans über, singen sie ihr Lied in dessen Sprache weiter. Da das sehr oft passiert, müssen sie also sehr viele Sprachen beherrschen. Auch die Geschichten, die sie einander erzählen, werden bei den einzelnen Handlungsabschnitten in der Sprache des Landes erzählt, in dem sie sich abspielen. Die Sprache gehört also weniger zu einem Volk, das sie spricht, als vielmehr zum Land, in dem sie gesprochen wird: „Es heißt, dass viele natürliche Ressourcen, wie etwa Quellen, nur dem zugänglich sind, der sie in der jeweiligen Lokalsprache aussprechen kann. Aus diesen Gründen bestehen enge emotionale und spirituelle Verbindungen zwischen einer Sprache und dem Land, in dem sie gesprochen wird.“ (Evans 2014, S.27)

Wenn man also ein Volk aus seinem angestammten Land aussiedelt und in ein Reservat verlegt, wie das im 19. Jhdt. den nordamerikanischen Indianern widerfahren ist, wird nicht nur das Volk entwurzelt, sondern auch seine Sprache, weil im Reservat das in der Sprache aufbewahrte ökologische Wissen nicht mehr angewendet werden kann. (Vgl. Evans 2014, S.44)

Das gibt dem Wort ‚Landessprache‘ einen neuen Sinn. Es verweist direkt auf eine tiefer liegende Schicht des Sprechens: nämlich auf dessen Verwiesenheit auf Kontexte, die dem Sprechen allererst Bedeutung verleihen. Deshalb sind Sätze niemals so etwas wie Formeln. Formeln sind niemals auf Kontexte bezogen, sondern basieren auf ebenfalls kontextlosen Axiomen, die drei Bedingungen erfüllen müssen: sie müssen vollständig, widerspruchsfrei und unabhängig sein. (Vgl. Klaus Mainzer, „Die Berechnung der Welt“ (2014), S.60f.; vgl. auch meinen Post vom 29.07.2014) ‚Unabhängig‘ bedeutet, daß die zum selben mathematischen System gehörenden Axiome nicht voneinander abgeleitet werden können. Sie dürfen einander nicht widersprechen (Widerspruchsfreiheit), und sie müssen ‚vollständig‘ sein, d.h. alle möglichen Aussagen, die sich im Rahmen eines mathematischen Systems machen lassen, müssen sich aus den Axiomen ableiten lassen können.

Werden Formeln zu einer Wenn-Dann-Struktur erweitert, haben wir es mit Algorithmen zu tun. Algorithmen geben die Ausführungsbedingungen an, unter denen eine Maschine ein Programm abarbeiten kann. Auch dieses Programm muß vollständig sein. Nur wenn ein Programm mögliche Situationen, in denen eine Maschine bestimmte Aufgaben erfüllen soll, vollständig erfaßt, kann die Maschine funktionieren. Mit unvollständigen Situationsbeschreibungen kann eine Maschine nichts anfangen. Auch sie arbeitet ‚kontextblind‘, also letztlich ohne Bezug auf Kontexte.

Nun könnte man hier auf ‚lernende‘ Algorithmen hinweisen, die durch das Vergleichen von Daten aus unterschiedlichsten Kontexten lernen, bestimmte Figurationen wie z.B. Gesichter oder Wörter wiederzuerkennen. Diese Art des statistischen Lernens hat aber nichts mit der konkreten sinnstiftenden Potenz von Kontexten zu tun. Sinn und Bedeutung werden im Rahmen dieses statistischen Lernens nicht durch die Kontexte variiert und transponiert. Die betreffenden Konfigurationen werden nur auf bestimmte 1:1-Zuweisungen hin trainiert. Es geht also um das Dingfestmachen von Signalen. (Vgl. meinen Post vom 23.08.2011)

Alle diese Bedingungen, die für Formeln und Algorithmen gelten, werden von der Subjekt-Prädikat-Struktur der menschlichen Sprache nicht erfüllt. Die menschliche Sprache ist in einem fundamentalen Sinne ungenau. Sie funktioniert nicht logisch, sondern analogisch. Die fundamentale Ebene des Sprachverstehens bilden nicht Begriffe, sondern Metaphern. Hans Blumenberg hat eine „Theorie der Unbegrifflichkeit“ (2007) entwickelt, die genau diesen Aspekt von Sprache thematisiert. (Vgl. hierzu meinen Aufsatz „Räumliche Strukturen des Sinnbegriffs“ (Franz-Fischer-Jahrbuch 2012 , S.15-36; vgl. auch meine Posts vom 06.09. bis 10.09.2011) Metaphern entziehen sich prinzipiell den hierarchischen Wenn-Dann-Strukturen von Algorithmen, deren ‚Semantik‘ auf 1:1-Zuordnungen von Funktionen beruht, wie etwa den Zuordnungen des ASCII-Zifferncodes auf die Tastatur eines Keyboards: „Eine Bedeutung erhält der Term einer formalen Sprache dadurch, dass er einem Term in einer anderen Sprache zugeordnet wird. So steht z.B. eine bestimmte Folge von 0 und 1 im ASCII-Code eines Computers für ein Symbol, das auf dem Keyboard des Computers abgebildet ist.“ (Mainzer 2014, S.154)

Der Schriftsteller Raoul Schrott und der Psychologe Arthur Jacobs beschreiben in ihrem Buch „Gehirn und Gedicht“ (2011) sehr schön, wie Metaphern funktionieren. Metaphern sind ‚Bilder‘, die verschiedene Kontexte zueinander in Beziehung setzen und so einen Spielraum des Denkens eröffnen, der eine definite Festlegung auf einzelne Informationen offen läßt. (Vgl. meine Posts vom 20.07. und vom 24.07.2011) Wenn Romeo Julia als seine Sonne bezeichnet, werden wir in diesen Spielraum des Denkens und Verstehens hineinversetzt, denn anders als bei einem Simile – „Julia ist wie die Sonne!“ – werden Julia und die Sonne nicht äußerlich miteinander verglichen: „Statt A und B (wie beim Simile – DZ) perspektivische Linien zu verleihen, an denen gemeinsame Ähnlichkeiten augenfällig werden, vereinnahmt das absolut gesetzte Ist-Gleich der Metapher den Betrachter: statt von außen, besieht er sie gleichsam von innen; und um ihren Sinn zu erkennen, muss er sich in die durch sie geschaffene Welt stellen.“ (Schrott/Jacobs 2011, S.203)

Metaphern bilden also Überlagerungen von Kontexten und ermöglichen es – wie beim Betrachten eines Bildes –, innerhalb dieser Kontextüberlagerung verschiedene Vordergründe zu fokussieren. Wer einmal versucht hat, ein Photo, das er in nur drei Sekunden angesehen und erfaßt hat, nachträglich in Worten zu beschreiben, weiß, wie langsam das lineare Erfassen von Wörtern im Vergleich zum Betrachten eines Bildes ist. Metaphern funktionieren ähnlich wie Bilder. Sie umfassen in wenigen Worten eine Vielzahl von Informationen, die wir auf einen ‚Blick‘ verstehen, bei denen wir aber beim Versuch, sie in lineare Wortfolgen zu übersetzen, viel Zeit brauchen.

Bei Tomasello (2014) findet man dafür wiederum eine schöne Metapher; sozusagen eine Metapher für das Funktionieren von Metaphern. Er beschreibt das Wahrnehmen von Situationen mit einem „Stapel von Folien“. (Tomasello, „Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ (2014), S.28; vgl. auch meinen Post vom 30.10.2014) Jede Situation, die wir erleben, liefert den Hintergrund zu einer Vielzahl von möglichen Vordergründen. Ein Schimpanse, der in einem Bananenbaum eine Staude reifer Bananen entdeckt, kann diese Situation auf die unterschiedlichsten Aspekte hin prüfen, bevor er sich entscheidet, dem Impuls nachzugeben und in den Bananenbaum zu klettern: befindet sich im Baum schon ein anderer Schimpanse; hat sich in der Nähe vielleicht ein Leopard versteckt; werde ich von irgendeinem ranghöheren Schimpansen beobachtet? Alle diese möglichen Situationen vor dem Hintergrund des Bananenbaums überlagern sich Tomasello zufolge wie Folien, die aufeinander transparent sind und den Blick auf verschiedene Spielräume des Handelns freigeben.

Die wahrgenommene Situation bildet also ein Ganzes aus Vordergründen und aus Hintergründen. Jede Situation bildet den gegebenen Hintergrund für verschiedene Perspektiven, die unterschiedliche Akteure fokussieren können. Dabei beziehen soziale Lebewesen wie Schimpansen und Menschen die Perspektiven möglicher anderer Akteure mit ein, was Tomasello als Rekursivität bezeichnet. Wenn sich der Schimpanse schließlich auf den Weg zu ‚seinem‘ Bananenbaum macht, wird er sich dabei möglichst unauffällig verhalten, um keinen anderen Schimpansen aufmerksam zu machen und die Bananen in aller Ruhe allein verspeisen zu können.

Es ist letztlich also wohl doch nicht so einfach, wie Günther Anders dachte. Es ist nicht nur so, wie auch schon Anders festgestellt hatte, daß Bilder und Sätze beide eine S-P-Struktur haben. Darüberhinaus wirken  auch Sätze wie Bilder, weil wir in den seltensten Fällen wohldefinierte Begriffe verwenden oder einfach nur Informationen austauschen, wenn wir miteinander sprechen. Dennoch ist nicht zu leugnen, daß die manipulative Macht von echten Bildern enorm ist. Und dafür gibt es sogar ein Sprichwort: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ – Und wieder ein anderes Sprichwort lautet: „Sehen heißt glauben!“

Letztlich ist all unser Denken nichts anderes als das sich Abarbeiten an Bildern, der Versuch, sie in Worte zu fassen. Bilder und Situationen liefern den Kontext, in dem wir Sätze denken. Sie bilden das extravagante Subjekt in der von Anders und Mauthner beschriebenen S-P-Struktur von Sätzen. Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, daß alles Denken kontextuell ist. Die Vorstellung, diese Kontexte restlos formalisieren und auf Algorithmen zurückführen zu können, ist irrig und der Verführung durch das technologische Potential der Algorithmen geschuldet.

Literatur:
  • Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)
  • Hans Blumenberg, Theorie der Unbegrifflichkeit, Frankfurt a.M. 2007
  • Nicholas Evans, Wenn Sprachen sterben und was wir mit ihnen verlieren, München 2014
  • Klaus Mainzer, Die Berechnung der Welt. Von der Weltformel zu Big Data, München 2014
  • Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd.III: Zur Grammatik und Logik, Stuttgart/Berlin 2/1913
  • Raoul Schrott/Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeit konstruieren, München 2011
  • Michael Tomasello, Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation, Frankfurt a.M. 2009
  • Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, Berlin 2014
  • Detlef Zöllner, Räumliche Strukturen des Sinnbegriffs, in: Franz Fischer Jahrbuch 2012, S.15-36