Freitag, 29. November 2013

Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Ulrich Gumbrecht, Berlin 2013

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2073, 432 S., 18,-- €)

II. Kulturgeschichte als Mediengeschichte: Romantik – Psychoanalyse – Film: Eine Doppelgeschichte (S.93-112), Medien und Drogen in Pynchons Zweitem Weltkrieg (S.113-131), ‚Heinrich von Ofterdingen‘ als Nachrichtenfluß (S.132-159), Weltatem. Über Wagners Medientechnologie (S.160-180), Die Stadt ist ein Medium (S.181-197), Rock-Musik – ein Mißbrauch von Heeresgerät (S.198-213), Signal-Rausch-Abstand (S.214-231), Die künstliche Intelligenz des Weltkriegs: Alan Turing (S.232-252), Unconditional Surrender (S.253-271), Protected Mode (S.272-284), Es gibt keine Software (S.285-299), Il fiore delle truppe scelte (S.300-326)

1. Seele
2. Technik und Geld
3. Intelligente Infra-Struktur
4. Statistisches Generieren von ‚Sinn‘
5. Software oder nicht Software?

Vieles, was Kittler schreibt, verstehe ich einfach nicht. Nicht nur die mathematischen Formeln, sondern auch viele seiner mit Subjekten und Prädikaten ausgestatteten Behauptungen. Bei den Formeln habe ich ohnehin den Eindruck, daß sie nur dazu dienen, die ‚Leute‘ am Mitdenken zu hindern.

Einer der Sätze, die ich nicht verstehe, steht gleich im Titel des entsprechenden Aufsatzes: „Es gibt keine Software“ (1992). Bei seinen verschiedenen, unverständlichen Erörterungen zu diesem Satz, demzufolge es sich bei allen wesentlichen Computerprozessen um reine Hardware-Prozesse handelt, gewann ich allerdings den leisen Verdacht, daß es um die schlichte Binsenwahrheit geht: nämlich daß es in der ‚Natur‘ bzw. auf materieller Ebene keine Informationen gibt, sondern nur Deformation und Transformation. (Vgl. meinen Post 18.08.2011) Auch Kittler verweist auf das „Defizit der Natur“, in der – wie Kittler John von Neumann zitiert – keine „Ja-Nein-Organe im strengen Sinn des Wortes existieren.“ (Vgl. Kittler 2013/1990, S.232-252: 235)

Sicher: viele sogenannte ‚Natur‘-Wissenschaftler ignorieren diese schlichte Binsenwahrheit. Aber deshalb braucht Kittler wirklich nicht solche intellektuellen Verrenkungen zu betreiben, die letztlich nur verschleiern, daß auch Kittler mit jenen ‚Natur‘-Wissenschaftlern davon ausgeht, daß „die Natur selbst zur Universalen Turingmaschine“ geworden ist. (Vgl. Kittler 2013/1992, S.285-299: 287) – Wie das damit zusammenpaßt, daß es in dieser Natur keine Ja-Nein-Organe gibt, bleibt unerläutert.

Damit wiederholt Kittler, was er in seinem Aufsatz über Alan Turing (1990) geschrieben hat: „Künstliche Intelligenzen, statt weiter daran gemessen zu werden, was sie nicht können, eroberten die Gesamtheit dessen, was sie können. Und das war nicht Naturwissenschaft, sondern Strategie.“ (Kittler 2013/1990, S.244) – Mit diesem Satz verabschiedet Kittler die ‚alte‘ Naturwissenschaft, die noch an Naturphänomenen interessiert gewesen war, und setzt an ihre Stelle, in Kontinuität zur Herkunft der modernen Nachrichtentechniken aus dem ersten und zweiten Weltkrieg, den ‚Feind‘ und den nicht erkenntnisorientierten, sondern strategischen Umgang mit ihm. (Vgl. ebenda)

‚Strategie‘ ist nämlich genau das, was künstliche Intelligenzen ‚können‘, so Kittler/Turing, während physikalische Phänomene nicht dazu gehören, was sie können. Turing nämlich, so Kittler, mißt die künstliche Intelligenz nicht mehr am Beispiel des Menschen – ein Vergleich, der immer nur zur Feststellung von Defiziten auf Seiten der künstlichen Intelligenz führen kann –, sondern er definiert sie über das, was sie können, nämlich rechnen und simulieren. Und der bevorzugte Gegenstand dieser Berechnungsprozesse ist die Spieltheorie (vgl. Kittler 2013/1990, S.237), in der es letztlich immer um das Verhalten von Konkurrenten, also um ‚Feinde‘ geht, die mit ihren wechselseiten Erwartungserwartungen auf den jeweils größten persönlichen Vorteil aus sind.

Etwas Ähnliches hatte wohl Martin Wagenschein im Sinn gehabt, der begnadete Didaktiker der Physik und Mathematik, als er mit seinem Unterricht noch versuchte, Physik zu betreiben und nicht Kybernetik. Mit antiquiert-pädagogischem Pathos forderte er, die Phänomene zu retten (1975), um bei seinen Schülern, insbesondere bei den ‚Unbegabten‘ unter ihnen, wieder das Interesse am Fach zu wecken. Auch Norbert Bolz verweist darauf, daß die Informatik und nicht mehr die Physik die „Fremdreferenz“ der Mathematik bilde. (Vgl. meinen Post vom 25.04.2013)

Um so weniger verstehe ich, wieso Kittler stur darauf herumreitet, daß es keine Software gäbe, sondern nur Hardware. Alles, was er über Algorithmen zu sagen weiß, läuft darauf hinaus, daß sie Maschinen dazu befähigen, „bei Erfüllung einer vorgegebenen Bedingung oder Zwischenrechnung selbst über die folgenden Befehle und d.h. ihre Zukunft (zu) bestimmen“. (Vgl. Kittler 2013/1990, S.234) – Die IF-THEN-Struktur bildet demnach eine sich an wechselnde Umstände anpassende Befehlskette – Kittler spricht hier von „freiem Gehorsam“ (ebenda) –, die eine Vergangenheit berücksicht und diese im Falle von Flakgeschützen sogar auf eine Zukunft hin extrapolieren kann. Wir haben es hier also ganz und gar nicht mit bloßen Hardware-Prozessen zu tun, die auf rein synchroner Ebene Zufallsentscheidungen treffen, indem sie elektrische Ströme mal so und mal anders schalten.

Die strikte Synchronizität – und als solche funktionieren bloße Hardwareprozesse, wenn ich das richtig verstanden habe – läuft letztlich darauf hinaus, daß die Algorithmen mit ihrer rekursiven Potenz (IF-THEN-Verknüpfungen) für die Künstliche Intelligenz keine Bedeutung haben. Ohne Algorithmen, also ohne Software, kann sich Künstliche Intelligenz aber nicht mehr auf ein „IF“ zurückbeziehen. Ein schlichter Gedächtnisspeicher, der auch nicht anders als ein analoges Tonbandgerät funktionieren würde, reicht dazu nicht aus. Ohne Algorithmen würde er nur speichern, aber keine Verbindungen knüpfen. Gäbe es also tatsächlich keine Software, so gäbe es auch keine algorithmischen Prozeduren mehr. So ist es aber offensichtlich nicht. Kittler widerlegt sich selbst, wenn er einerseits von Algorithmen spricht und andererseits behauptet, es gäbe nur Hardware in Form von Schaltungen bzw. „binäre(n) Entscheidungen“. (Vgl. Kittler 2013/1990, S.236)

Alles das stelle ich natürlich mit allem gebührenden Respekt vor Kittlers technologischer Expertise fest, mit der ich einfach nicht mithalten kann. Ich schreibe nur, was ich mit meinem Laien-Verstand begriffen habe; und wahrscheinlich habe ich gar nichts begriffen.

Daß es keine Software gibt, widerspricht auch einem zentralen Vorwurf, den Kittler der Microsoft Corporation macht, die mit dem Argument der „Anwenderfreundlichkeit“ Benutzeroberflächen installiert, die den Anwender mit ihrer kryptologisch gesicherten „Einwegfunktion“ daran hindern, auf die Hardware zuzugreifen. Bezeichnenderweise gipfelt dieser Vorwurf darin, daß „die Industrie“ den Möchtegernprogrammierer „mittlerweile dazu verdammt, Mensch zu bleiben“. (Vgl. Kittler 2013/1991, S.272-284: S.273) – ‚Software‘ steht also für Bewußtsein und für Mensch. Es gibt die Software also doch. Es soll sie nur nicht geben, so wie es auch den sogenannten Menschen nicht mehr geben soll.

Die Behauptung, daß es keine Software gibt, hat also keinen empirischen, sondern einen moralischen Sinn. Es geht Kittler um den von Software unbehinderten Zugang zur Hardware. Kittler will nicht die „Froschperspektive“ (Kittler 2013/1991, S.272) einnehmen und die eigentlichen Herren der digitalen Welt, wie etwa Microsoft, von unten her blöde anquaken. Er will die jungfräuliche Hardware mit seiner eigenen Software beschreiben. Kurz gesagt: Er will sich – trotz seiner zahlreichen gegenteiligen Behauptungen – als Mensch behaupten. Eigentlich sympathisch.

Interessant wird es übrigens nochmal am Schluß des Aufsatzes zu Alan Turing. Dort schreibt Kittler 23 Jahre vor Edward Snowden – und beweist damit, wie sehr wir antiquierten Menschen mit unserer antiquierten Öffentlichkeit hinter dem tatsächlichen technologischen Prozeß hinterherhinken – über die NSA: „Ihre Spionagesatelliten fangen Telephonie, Telegraphie und Mikrowellenfunk, also die Post aller Erdteile ab, ihre Computer entschlüsseln eventuell eingeschaltete Codiermaschinen, Scrambler usw. speichern die Botschaft automatisch ab und durchforsten sie automatisch nach verdächtigen Schlüsselwörtern.“ (Kittler 2013/1990, S.252)

Was für Snowden aber Anlaß für Landesverrat und Flucht war, begrüßt Kittler als eine konkrete Utopie: „Wenn alles, was Leute auf diesem Planeten reden, in Bits aufgegangen sein wird, ist Alan Turings Universale Diskrete Maschine vollbracht.“ (Ebenda)

Gegen diese konkrete Utopie leistet Snowden seinen Widerstand: ecce homo!

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Mittwoch, 27. November 2013

Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Ulrich Gumbrecht, Berlin 2013

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2073, 432 S., 18,-- €)

II. Kulturgeschichte als Mediengeschichte: Romantik – Psychoanalyse – Film: Eine Doppelgeschichte (S.93-112), Medien und Drogen in Pynchons Zweitem Weltkrieg (S.113-131), ‚Heinrich von Ofterdingen‘ als Nachrichtenfluß (S.132-159), Weltatem. Über Wagners Medientechnologie (S.160-180), Die Stadt ist ein Medium (S.181-197), Rock-Musik – ein Mißbrauch von Heeresgerät (S.198-213), Signal-Rausch-Abstand (S.214-231), Die künstliche Intelligenz des Weltkriegs: Alan Turing (S.232-252), Unconditional Surrender (S.253-271), Protected Mode (S.272-284), Es gibt keine Software (S.285-299), Il fiore delle truppe scelte (S.300-326)

1. Seele
2. Technik und Geld
3. Intelligente Infra-Struktur
4. Statistisches Generieren von ‚Sinn‘
5. Software oder nicht Software?

Wenn ich etwas nicht denken kann, dann sind es Formeln. Ich brauche Sätze mit Subjekten und Prädikaten. In dem Text, auf den ich jetzt eingehen will – „Signal-Rausch-Abstand“ von 1988 –, sind aber über die 15 Seiten fünf Formeln verstreut, so daß ich mit ihm erhebliche Schwierigkeiten habe. Dennoch bietet mir der Text die Gelegenheit, noch einmal ein Thema aufzugreifen, über das ich mich schon in früheren Posts geärgert habe: das ‚statistische‘ Sprechenlernen von kleinen Kindern.

Ich habe die Fachliteratur zu diesem Thema nicht gelesen und kann nur von den entsprechenden Bemerkungen von Raoul Schrott und Arthur Jacobs (vgl. meine Posts vom 19.07. und vom 24.07.2011) und von Carol S. Dweck (vgl. meinen Post vom 06.06.2012) auf diese Fachliteratur rückschließen. Mein wichtigstes Argument zu diesem Thema lautet, daß die Statistik eine Methode ist und kein Bewußtseinsphänomen. Gestaltwahrnehmung funktioniert als Figur-Hintergund-Konfiguration und nicht als Berechnung von Übergangswahrscheinlichkeiten wie beim Markoffverfahren. Den Sinnbegriff ordne ich der Gestaltwahrnehmung zu. Seine Struktur, als Sinn von Sinn, entspricht der Konfiguration von Figur und Hintergrund.

Ich bestreite nicht, daß sich Kinder beim Sprechenlernen u.a. auch statistischer Hilfsmittel bedienen, wenn sie nach Versuch und Irrtum vorgehen und einfach drauflos plappern, um zu sehen, was funktioniert und was nicht. Aber das Sinnverstehen selbst ist nicht Teil dieses statistischen Experiments. Letzteres funktioniert vielmehr nur auf der Grundlage des Sinnverstehens.

Kittler beschreibt nun anhand von Markoff-Ketten (vom russischen Mathematiker Andrei Andrejewitsch Markow), wie Informationen – nicht Sinn; denn in der Informationstheorie geht es nicht um Sinn (vgl. Kittler 2013/1988, S.214) – mithilfe eines statistischen Verfahrens, der Markoff-Kette, generiert werden können. (Vgl. Kittler 2013/1988, S.219f.) Dabei geht es um ‚Approximationen‘ in Richtung auf eine größtmögliche Ähnlichkeit mit einem ‚echten‘, sinnhaltigen Satz; und zwar ohne jeden Rückgriff auf Semantik! (Vgl. Kittler 2013/1988, S.219) Bei der „Approximation erster Ordnung“ werden bloß Buchstabenpaare einer bestimmten Sprache, der englischen natürlich, zusammengewürfelt. Dabei entsteht mehr oder weniger bloßes Rauschen, also ein weitestgehend sinnleeres Buchstabengebilde.

Bei der Approximation zweiter Ordnung werden „Diachronien“ berücksichtigt. Es wird also mehrmals gewürfelt, und die früheren Ergebnisse gehen in die nachfolgenden Würfelereignisse ein. Zumindestens verstehe ich Kittlers diesbezügliche Bemerkungen so. Bei der Approximation dritter Ordnung werden nicht mehr nur beliebige Buchstabenpaare der englischen Sprache zusammengewürfelt, sondern  „Buchstabentripel“. Das Ergebnis kann, wie Kittler schreibt „mit Finnegans Wake konkurrieren“. (Vgl. Kittler 2013/1988, S.219)

Einige Zeilen weiter ergänzt Kittler, daß das statistische Generieren sinnähnlicher Satzgebilde besonders beeindruckend ausfällt, „wenn die Markoff-Ketten ihre Elemente nicht mehr aus Buchstaben, sondern Wörtern schöpfen“. (Vgl. Kittler 2013/1988, S.220) – Kittler beschließt die ganze Erörterung mit der Bemerkung: „Fortan erfahren Lettern keine bessere Behandlung als Zahlen mit ihrer schrankenlosen Manipulierbarkeit, fortan sind Signale und Geräusche nur mehr numerisch definiert.“ (Kittler 2013/1988, S.220)

Was hier angeblich „ohne Semantik“, also ohne Sinn funktionieren soll, ist also schon auf der Ebene zweiter Ordnung allein dadurch sinnhaft, daß die Übergangswahrscheinlichkeiten zwischen den Buchstabenpaaren aus einer bestehenden Sprache ausgewürfelt werden. Wir haben es eben nicht mit beliebigen Zahlenreihen zu tun, sondern mit einem historischen Gebilde. Das englische Alphabet funktioniert eben nicht wie das französische Alphabet, und schon gar nicht wie chinesische Schriftzeichen.

Die englische Sprache gibt durch die Orthographie der Wörter, also durch das Lexikon, einen Sinn vor, der die Berechnungen trägt und stützt. Bestimmte Buchstabenpaare sind eben nur im Englischen möglich. Noch deutlicher wird diese Sinnvorgabe an der Stelle, wo, wie Kittler vorschlägt, statt der Buchstabenpaare richtige Wörter verwendet werden.

Auch das sogenannte statistische Erlernen einer Muttersprache im Kindesalter geschieht nicht im luftleeren Raum. Abgesehen von der sozialen Interaktion bildet schon der Leib selbst mit seinen Sprechorganen und seiner Anatomie ein sinnhaftes Medium, das die Übergangswahrscheinlichkeiten bei den „Selektionen oder Filterungen eines Rauschens“ (Kittler 2013/1988, S.220) begrenzt.

Das ‚Rauschen‘, das das menschliche Sprechen begleitet und für ein Neugeborenes natürlich immens ist, ist also organisch bedingt bzw. determiniert. Es gibt auf der Ebene des Menschen und seines Bewußtseins kein unbegrenztes weißes Rauschen. Der Signal-Rausch-Abstand ist kein brauchbarer anthropologischer Begriff. Wer diesen Begriff wie auch den Begriff des statistischen Lernens verwendet, redet nicht mehr vom Menschen, sondern von Maschinen.

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Dienstag, 26. November 2013

Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Ulrich Gumbrecht, Berlin 2013

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2073, 432 S., 18,-- €)

II. Kulturgeschichte als Mediengeschichte: Romantik – Psychoanalyse – Film: Eine Doppelgeschichte (S.93-112), Medien und Drogen in Pynchons Zweitem Weltkrieg (S.113-131), ‚Heinrich von Ofterdingen‘ als Nachrichtenfluß (S.132-159), Weltatem. Über Wagners Medientechnologie (S.160-180), Die Stadt ist ein Medium (S.181-197), Rock-Musik – ein Mißbrauch von Heeresgerät (S.198-213), Signal-Rausch-Abstand (S.214-231), Die künstliche Intelligenz des Weltkriegs: Alan Turing (S.232-252), Unconditional Surrender (S.253-271), Protected Mode (S.272-284), Es gibt keine Software (S.285-299), Il fiore delle truppe scelte (S.300-326)

1. Seele
2. Technik und Geld
3. Intelligente Infra-Struktur
4. Statistisches Generieren von ‚Sinn‘
5. Software oder nicht Software?

Wenn bei Kittler von „Klartext“ die Rede ist, so haben wir es dabei immer mit Textstellen zu tun, die ausnahmsweise mal nichts verdoppeln, wo sonst in Kittlers Texten immer nur von Doppelgängern, Phantasmen und Phantomen die Rede ist. (Vgl. meine Posts vom 17.11. und vom 18.11.2013) Im Grunde nehmen Kittlers Klartexte auf Textebene den Status von Phänomenen ein, die ganz naiv einfach nur das zum Ausdruck bringen, was sie sind und hinter denen sich nichts verbirgt.

Als so einen Klartext empfinde ich auch eine von ihm eigentlich gar nicht so gemeinte Stelle aus Kittlers „Rock-Musik – ein Mißbrauch von Heeresgerät“ (1988). Dort heißt es über den ersten digitalen Code der modernen Medientechnik, den Morsecode, daß dieser „lange vor Saussure den Strukturalismus praktisch machte“. (Vgl. Kittler 2013/1988, S.198-213: 201)

Dieser Hinweis auf den Strukturalismus bestätigt meinen Verdacht, daß Strukturalismus und Kybernetik eine gemeinsame Geisteshaltung verbindet. Der Strukturalismus bildet insofern das anthropologische Pendant zur Kybernetik, als er als ein Amalgam aus Mathematik und Psychoanalyse verstanden werden kann, das bewußten Sinn und bewußte Wahrnehmung in „Stellenwerte“ eines Systems bzw. einer Struktur verwandelt, das bzw. die am Bewußtsein vorbei fungiert und dieses so von ‚hinten‘ bzw. von ‚unten‘ her steuert. Wahrnehmungsphänomene und Bewußtseinsinhalte werden so zu Informationen, deren ‚Werte‘ von ‚Netzplänen‘ und ‚Graphen‘ abhängen und keine subjektive Relevanz mehr haben. (Vgl. Kittler 2013/1986, S.135) Menschen werden zu Maschinen.

Eine solche Nähe von Mathematik und Psychoanalyse deutet Kittler übrigens auch in seinem Text zum „Signal-Rausch-Abstand“ (1988) an, wenn er die Psychoanalyse als eine Berechnung der „Übergangswahrscheinlichkeiten“ zwischen „Wiederholungszwängen“ beschreibt. (Vgl. Kittler 2013/1988, S.214-231: 229)

Das Morsealphabet ist zwar immer noch ein Alphabet, insofern es Worte codiert. Aber das Wort ist selbst nur ein Medium, und alle modernen Medien codieren nur noch Medien, so Kittler mit Verweis auf McLuhan: „im Fall der Schreibmaschine“ wird „die Handschrift“ verdoppelt bzw. codiert, „im Fall des Spielfilms der Roman, im Fall des Grammophons die Stimme und im Fall des Unterhaltungsradios eben die Plattenindustrie“. (Vgl. Kittler 2013/1988, S.202) – Wir haben es hier sozusagen mit dem transzendentalen Ursprung aller Verdopplungseffekte zu tun, die den eigentlichen Sender (und den eigentlichen Adressaten) vergessen machen und Phänomene in Phantasmen, Stimmen in Echos und Kommunikation in einen Rückkopplungseffekt verwandeln.

Aber dieses Vergessen beruht allererst auf einer Verschleierung: verschleiert wird, daß sich zwar die Medien verdoppeln, aber nicht die Sender und die Adressaten. Es ist nicht die Handschrift, die schreibt (sendet); es ist nicht der Roman, der erzählt (sendet); es ist nicht die Stimme, die spricht (sendet); und es ist nicht die Schallplatte, die singt (sendet).

Allerdings ist das nicht die ganze Wahrheit. Es verdoppelt sich tatsächlich noch etwas: in einer intelligenten Infrastruktur, dem Internet der Dinge, kommunizieren die Maschinen am Menschen vorbei. Ein neuer Dualismus durchschneidet die Welt.

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Sonntag, 24. November 2013

Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Ulrich Gumbrecht, Berlin 2013

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2073, 432 S., 18,-- €)

II. Kulturgeschichte als Mediengeschichte: Romantik – Psychoanalyse – Film: Eine Doppelgeschichte (S.93-112), Medien und Drogen in Pynchons Zweitem Weltkrieg (S.113-131), ‚Heinrich von Ofterdingen‘ als Nachrichtenfluß (S.132-159), Weltatem. Über Wagners Medientechnologie (S.160-180), Die Stadt ist ein Medium (S.181-197), Rock-Musik – ein Mißbrauch von Heeresgerät (S.198-213), Signal-Rausch-Abstand (S.214-231), Die künstliche Intelligenz des Weltkriegs: Alan Turing (S.232-252), Unconditional Surrender (S.253-271), Protected Mode (S.272-284), Es gibt keine Software (S.285-299), Il fiore delle truppe scelte (S.300-326)

1. Seele
2. Technik und Geld
3. Intelligente Infra-Struktur
4. Statistisches Generieren von ‚Sinn‘
5. Software oder nicht Software?

Trotz Kittlers genauer Beobachtungen zur Differenz von Wort und Sound, von Literatur und Medien, bleiben seine Äußerungen zum Verhältnis von Technik und Geld ambivalent. In seinem Aufsatz „Der Gott der Ohren“ (1982) hebt Kittler noch das enge Bündnis zwischen beiden hervor, indem er zum einen die Produktion von LPs als eine „Kapitalmaschine“ beschreibt, deren „Geldströme()“ von dem „decodierten, deterritorialisierten Strom des Wahns“ gespeist werden, „dessen unmittelbare Realisierung der elektrische ist.()“ (Vgl. Kittler 2013/1982, S.60-75: 62)

Mit der unmittelbaren Realisierung dieser Kapitalmaschine in Form von Elektrizität beschreibt Kittler einen Kreislauf von digitalisierter Technik und digitalisiertem Geld, wie ich ihn hier schon anhand von Christina von Brauns „Der Preis des Geldes“ (2/2012) diskutiert habe. (Vgl. meine Posts vom 25.11., 05.12. und vom 15.12.2012) Den mit dem nominalistischen Geld verbundenen Nihilismus bringt Kittler auf eine kurze und bündige Formel: „Denn wo Geld und Wahnsinn sind, fallen alle Einschränkungen.“ (Kittler 2013/1982, S.66)

In seinem Aufsatz „Weltatem. Über Wagners Medientechnologie“ (1986) scheint Kittler das aber anders zu sehen: „Der Ring der Nibelungen steht für Macht, nicht für Geld.() Und die einzige Macht, die nicht zugrunde geht, wenn am Ende der Tetralogie Dämmerung über die Götter kommt, ist eine technische.“ (Kittler 2013/1986, S.161) – Damit ist gemeint, daß „der große Ingenieur Alberich“ (Kittler 2013/1986, S.161), Wagners „Medientechniker“ (Kittler 2013/1986, S.167), als einziger die Götterdämmerung überlebt.

Technik und Geld werden hier voneinander unterschieden, in dem Sinne, daß Technik eine ‚Macht‘ sei und Geld irgendwie nicht. Eine seltsame, nicht so recht überzeugende Differenzierung. Das hat möglicherweise etwas mit Kittlers Entgegensetzung von Literatur und Sound zu tun. Die Alphabetisierung thematisiert Kittler nur als eine im Vergleich zum Sound minderwertige Medientechnologie, die das reale Rauschen nicht einzufangen vermag. Der Leser mußte sich von den Buchstaben in einem Roman ‚gemeint‘ fühlen (vgl. Kittler 2013/1985, S.100), um ihrer seriellen Abfolge einen inneren Phantasiefilm hinzufügen zu können, der sich dann vor unserem geistigen Auge abspulte wie ein Kinofilm: „Der Buchstabe wurde übersprungen, das Buch vergessen, bis irgendwo zwischen den Zeilen eine Halluzination erschien – das reine Signifikat der Druckzeichen.“ (Kittler 2013/1985, S.99)

Elektrische Film- und Tontechniken hingegen nehmen dem menschlichen Zuschauer und Zuhörer diese Phantasiearbeit ab, weshalb sie auch für „Dumme“ nachvollziehbar sind. (Vgl. Kittler 2013/1985, S.102, und Kittler 2013/1986, S.162) Kittler greift hier ironisch eine Argumentationsfigur auf, die seit Platon und Rousseau immer wieder neu eingeführte Medien wie eben das Alphabet und den Buchdruck, und in deren Nachfolge wieder andere das Kino und das Fernsehen, verdächtigt haben, den Menschen daran zu hindern, selber zu denken.

Was Kittler hier übersieht, ist die zeitliche Nähe der Erfindung des Alphabets und der Einführung des Geldes um 800/700 vor unserer Zeitrechnung, wie sie Christina von Braun beschrieben hat. Und Christina von Braun beschreibt auch, wie mit dem Alphabet, also mit der Vokalisierung, der ‚Sound‘ selbst in die Schrift Eingang gefunden hatte; gewissermaßen ‚geschrieben‘ wurde, wie Kittler doppeldeutig sagen würde. Kittler würde das natürlich bestreiten. Denn das Alphabet ‚schreibt‘ nicht das ‚Rauschen‘, wie die technischen Medien, sondern nur den ‚Laut‘ bzw. den ‚Klang‘.

Aber damit entgeht Kittler genau die Technizität, die schon dem Alphabet eigen ist und die zur Erfindung des nominalistischen Geldes führte, das schließlich wiederum in die modernen Technologien mündete. Diese Technizität besteht nämlich genau in der Entkörperlichung des Menschen, wie sie Kittler so genau mit den elektrischen Medien thematisiert, die die menschlichen Sinnesorgane überwinden und auf diese Weise überflüssig machen, indem sie sich, als ‚Sound‘, direkt in unserem Gehirn implementieren. (Vgl. Kittler 2013/1982, S.60-75)

Möglicherweise ist das der Grund, warum Kittler mit dem Verhältnis von Technik und Geld nicht so recht etwas anfangen kann. Ihm entgeht bei seiner genealogischen Herleitung von Seele und Geist aus einem kulturellen Prozeß der ‚Einfleischung‘ einer „Lüge“, die verschleiert, daß es andere sind, die an unserer Stelle sprechen, daß es sich hier längst nicht mehr um eine „Priestermoral“ handelt, sondern schlicht um den „Schleier des Geldes“. (Vgl. Kittler 2013/1979, S.35f. und meinen Post vom 05.12.2012)

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Samstag, 23. November 2013

Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Ulrich Gumbrecht, Berlin 2013

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2073, 432 S., 18,-- €)

II. Kulturgeschichte als Mediengeschichte: Romantik – Psychoanalyse – Film: Eine Doppelgeschichte (S.93-112), Medien und Drogen in Pynchons Zweitem Weltkrieg (S.113-131), ‚Heinrich von Ofterdingen‘ als Nachrichtenfluß (S.132-159), Weltatem. Über Wagners Medientechnologie (S.160-180), Die Stadt ist ein Medium (S.181-197), Rock-Musik – ein Mißbrauch von Heeresgerät (S.198-213), Signal-Rausch-Abstand (S.214-231), Die künstliche Intelligenz des Weltkriegs: Alan Turing (S.232-252), Unconditional Surrender (S.253-271), Protected Mode (S.272-284), Es gibt keine Software (S.285-299), Il fiore delle truppe scelte (S.300-326)

1. Seele
2. Technik und Geld
3. Intelligente Infra-Struktur
4. Statistisches Generieren von ‚Sinn‘
5. Software oder nicht Software?

Trotz seiner manischen Seelenvernichtungswut, die Kittler in allen seinen Texten ‚zum Ausdruck‘ bringt, wird er die Sehnsucht nach dieser Seele einfach nicht los. Vor allem in seinen letzten Griechenlandstudien taucht die Seele, so Gumbrecht in seinem Nachwort, als Verhältnis von „Eros und Rausch“ wieder auf, das Kittler als „Kontrast-Welt“ zur modernen Naturwissenschaft konzipiert. (Vgl. Kittler 2013, Nachwort, S.396-422: 413) – Kurz gesagt: Kittlers ‚Seele‘ thematisiert seine erotische Sehnsucht nach den „Frauen“ und nach einer Welt, die sie nicht „ausschließt“. (Vgl. Kittler 2013, Nachwort, S.396-422: 412)

Aber dieser Eros ist nicht einfach nur „das Begehren nach ihrem Begehren“ (Kittler 2013/1979, S.46), also ein seelisches Bedürfnis unter vielen anderen. Es ist die Seele selbst, die Kittler, der Seelenmörder, so sehr vermißt. Und diese Seele hat erstaunliche Parallelen zu Plessners Noli-me-tangere und der damit verbundenen Bestimmung der menschlichen Expressivität. Es ist diese Expressivität als ständiges Schwanken zwischen sich-Zeigen und sich-Verbergen, die Kittler als Verhältnis zwischen Frau und Mann beschreibt. Dabei übernimmt die Frau den Part des Verborgenen, des Stummen und ewig Abwesenden: der Muse; und der Mann den Part des red- und schreibseligen Extrovertierten: des Poeten und Dichters.

Das erotische Begehren (vgl. Kittler 2013/1986, S.140) bildet den eigentlichen Inhalt, das „transzendentale Signifikat“ (Kittler 2013/1986, S.142) jedes literarischen Werkes. Es sorgt dafür, daß „Worte nicht sind, was sie sind – nämlich leer“. (Vgl. Kittler 2013/1986, S.142) In einem Märchen verliert ein König, der „von Jugend auf die Werke der Dichter mit innigem Vergnügen gelesen“ hat, seine Tochter, die als Frau mehr musikalisch als literarisch begabt ist, an „Gesänge und Zaubersprüche“. (Vgl. Kittler 2013/1986, S.141f.) Danach erscheinen ihm seine Bücher nur trostlos und fade: „Ohne eine Frau, die als ‚sichtbare Seele‘ aller Gesänge und Zaubersprüche firmiert, fällt das Medium Literatur auf seine trostlose Buchstäblichkeit zurück.“ (Kittler 2013/1986, S.142)

Die Frau ist also die ‚Seele‘ bzw. das transzendentale Signifikat all der bloß buchstäblichen Signifikanten, wie sie (männliche) Autoren in ihren Romanen und Gedichten aneinanderreihen: „Das Idol Frau bildet die Möglichkeitsbedingung klassisch-romantischer Dichtung in ebendem Maß, wie es selber stumm bleibt.“ (Kittler 2013/1986, S.142)

Das gilt in beide Richtungen: eben als schon erwähnte Muse zu Beginn des Schreibakts, wenn dem Heinrich von Ofterdingen alias Novalis ein Kuß seiner die blaue Blume verkörpernden Mathilde ein geheimes Wort einhaucht, das stumm bleibt und dennoch fortan sein Reden und Schreiben bewirkt (vgl. Kittler 2013/1986, S.142f.): „Mithin ‚wird jedes künftige Wort der Versuch sein, das innerlich anwesende, aber selbst nicht fixierte Wort zu wiederholen‘.() Zuerst und zuletzt heißt Dichtung zur Goethezeit: Übersetzung einer elementaren und nie ergehenden Frauenrede in artikulierte Sprache.“ (Kittler 2013/1986, S.143)

Und das gilt eben auch für das druckfertige Werk, das am Ende auf die „Konsumentinnen“ nicht gut verzichten kann. (Vgl. Kittler 2013/1986, S.142)

Das Schreiben und Reden, wie gesagt, ist Teil des Mannes. Das Schweigen und Singen aber Teil der Frau: „‚Da‘ bei Frauen die ‚bloße Rede schon Gesang ist‘ ... und es nur zu ‚kaum hörbaren leisen Worten‘ bringt ..., findet ihre Rede nicht zur Schrift.()“ (Vgl. Kittler 2013/1986, S.143)

Und damit ist das Noli-me-tangere in der Rollenverteilung von Mann und Frau perfekt. Beide sind auf verschiedene Weise expressiv, die eine singend und – denken wir an den Rausch (oder auch nur an die Säuglingssprache, mit der die Mütter ihre Kinder beseelen (vgl. Kittler 2013/1978, S.9-15 und Kittler 2013/1989, S.41-59) – lallend, der andere sprechend und schreibend. ‚Abwesend‘ ist diese Frau bzw. die Seele in zweifacher Hinsicht, einmal geistig, zum anderen leiblich. Weder Frau noch Mann sind hier irgendwie ganz ‚bei sich‘.

Ein vollständiger ‚Mensch‘ könnte sich in Kittlers Texten erst aus beiden zusammen ergeben: aus Frau und Mann. Aber gerade diese Vollständigkeit verweigert Kittler seinem Personal. Wir haben es nur mit „Leuten“ zu tun, und die „reden einfach, ohne daß ihre Namen und Reden gesagt oder gar gespeichert würden.“ (Vgl. Kittler 2013/1986, S.133) Kittlers Phantasie nach einer Welt, die Frauen nicht ausschließt, reicht nicht weit genug, um auch Menschen einzuschließen. Mit diesen Menschen schließt seine Welt allerdings letztlich doch wieder auch die Frauen aus. Schade.

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Mittwoch, 20. November 2013

Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Ulrich Gumbrecht, Berlin 2013

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2073, 432 S., 18,-- €)

I. Emergenz einer historischen Sensibilität: Der Dichter, die Mutter, das Kind. Zur romantischen Erfindung der Sexualität (S.9-25), Nietzsche (1844-1900) (S.26-40), Lullaby of Birdland (S.41-59), Der Gott der Ohren (S.60-75), Flechsig/Schreber/Freud. Ein Nachrichtennezwerk der Jahrhundertwende (S.76-90)

1. Verdopplungen und Tautologien
2. Phantasmen statt Phänomene; Imagination statt Bewußtsein
3. Wahnsinn als Wahrheit der technischen Welt
4. Expressivität

In meinem Post vom 17.11.2013 hatte ich schon angemerkt, daß Kittler von Verdopplungen und Tautologien spricht, weil er die rekursive Kompetenz des ‚sogenannten‘ Menschen ignoriert. Das zeigt sich auch in seiner Feststellung, daß niemand „bei seinen eigenen Worten“ weinen könne. (Vgl. Kittler 2013/1979, S.43)

Damit widerspricht sich Kittler gleich auf doppelte Weise: zum einen, weil er kurz vor der Feststellung dieser angeblichen Unmöglichkeit die Geschichte wiedergibt, wie Goethe auf dem Kickelhahn beim Wiederlesen seines Gedichts „Wandrers Nachtlied“, das er fünfzig Jahre zuvor geschrieben hatte, in Tränen ausbricht (vgl. Kittler 2013/1979, S.41f.); zum anderen weil er noch im selbem Satz, in dem er diese Feststellung trifft, anfügt, daß es gar keine eigenen Worte gibt. Was allerdings, wie ich zugeben muß, auf absurde Weise wieder logisch ist: wenn es gar keine eigenen Worte gibt, kann man selbstverständlich auch nicht bei ihnen weinen. Welchen Sinn macht so ein Unsinn eigentlich?

Der Übergang zum mit dieser Feststellung eigentlich gemeinten Kontext ist also ziemlich mißlungen. Kittler will nämlich offensichtlich darauf hinaus, daß es Bewußtseinzustände und Zustände jenseits des Bewußtseins gibt, in denen ein Bei-sich-sein des Bewußtseins nicht möglich ist: „Denn der Satz ‚Ich ruhe‘ ist eine pragmatische Paradoxie. Kein Mund kann ihn sprechen, weil Schlaf und Tod das Sprechen ausschließen, so wie das Sprechen Schlaf und Tod ausschließt.“ (Kittler 2013/1979, S.43)

Gegen diese Feststellung gibt es keinen Einspruch; auch wenn man vielleicht nicht unerwähnt lassen sollte, daß man ‚Leute‘ schon hat im Schlaf sprechen hören, – wenn auch nicht ausdrücklich im Sinne von: „Ich spreche jetzt!“. Meyer-Drawe beschreibt das Einschlafen und das Aufwachen als einen „Vollzug“, ‚bei dem‘ wir zwar dabei sind, der aber ‚ohne uns‘ geschieht. (Vgl. meinen Post vom 10.01.2012) Das von Meyer-Drawe gemeinte ‚Dabei-sein‘ bezieht sich hier auf die bloß körperliche Anwesenheit beim Einschlafen und Aufwachen. Die Abwesenheit, das ‚ohne-uns‘, bezieht sich auf das Selbstbewußtsein. Eben das Selbstbewußtsein aber ist es, daß ein ‚Dabei-sein‘, also Rekursivität, ermöglicht. Genau deshalb ist es ja das Selbstbewußtsein.

Dennoch gibt es – wie ja auch Meyer-Drawe andeutet – auch ein Dabei-sein des Körpers, wie es Plessner als Lachen und Weinen beschrieben hat, die ‚uns‘, also unserem Selbstbewußtsein, zu Hilfe kommen, wenn wir die Kontrolle über uns und über eine Situation verlieren. (Vgl. meine Posts vom 31.12.10 bis 01.01.2011) Den Zusammenhang dieser rekursiven Mechanismen beschreibt Plessner als Körperleib.

Wir können also sehr wohl bei unseren eigenen Worten weinen. Goethe ist da keine Ausnahme. Manche nennen das despektierlich mal ‚Selbstmitleid‘, mal ‚Selbstverliebtheit‘. Es wird Zeit, beides moralisch und intellektuell ernstzunehmen.

Hinter den Worten ‚Selbstmitleid‘ und ‚Selbstverliebtheit‘ verbirgt sich die von Kittler immer wieder totgesagte Seele mit ihrem Noli-me-tangere und ihrer Expressivität, wie sie Plessner beschrieben hat. Es gibt tatsächlich auch bei Kittler Stellen, an denen er bis zu dieser Expressivität vorstößt. So spricht er von ‚Brüchen‘ und ‚symbolischen Diskordanzen‘ in den ‚Diskursordnungen‘, wie sie in den „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken von Daniel Paul Schreber“ sichtbar werden. (Vgl. Kittler 2013/1984, S.76) Damit wertet er Schreber selbst auf als jemanden, der nicht einfach nur wiederholt und verdoppelt, was ihm Paul Flechsig, sein Nervenarzt, in seinen „Privatvorlesungen“ über Hirnkrankheiten erzählt. (Vgl. Kittler 2013/1984, S.85)

Schreber ist also durchaus dazu in der Lage, trotz seiner ‚Geisteskrankheit‘, also in einem Zustand, der das normale Bewußtsein entmachtet, ‚bei sich‘ zu sein und sich seine eigenen Gedanken über das zu machen, was ihm der Neurologengott Flechsig weißzumachen versucht. Kittlers Hinweis auf Brüche und Diskordanzen entspricht Plessners Hiatus, mit dem dieser die Expressivität des Menschen begründet. (Vgl. meinen Post vom 29.10.2010) An der Grenze zwischen Innen und Außen bricht sich der Intentionsstrahl des Menschen, und so wird sich dieser Mensch allererst seines Wollens (und Weinens und Lachens) bewußt. Es entsteht Selbstbewußtsein. Er ist ‚dabei‘, weil er ‚bei sich‘ ist. Von nun an, so Plessner, ist es sein ganzes Streben, vor sich selbst und vor anderen wie sich selbst verständlich zu werden: Expressivität.

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Dienstag, 19. November 2013

Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Ulrich Gumbrecht, Berlin 2013

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2073, 432 S., 18,-- €)

I. Emergenz einer historischen Sensibilität: Der Dichter, die Mutter, das Kind. Zur romantischen Erfindung der Sexualität (S.9-25), Nietzsche (1844-1900) (S.26-40), Lullaby of Birdland (S.41-59), Der Gott der Ohren (S.60-75), Flechsig/Schreber/Freud. Ein Nachrichtennezwerk der Jahrhundertwende (S.76-90)

1. Verdopplungen und Tautologien
2. Phantasmen statt Phänomene; Imagination statt Bewußtsein
3. Wahnsinn als Wahrheit der technischen Welt
4. Expressivität

Nachdem Kittler auf beeindruckende, überaus anrührende Weise die Geburt der bürgerlichen Seele aus der Stimme der Mutter beschrieben hat (vgl. Kittler 2013/1978, S.9-25 und Kittler 2013/1979, S.41-59), widmet er sich nicht minder einfühlsam und akribisch dem technologischen Prozeß der Entseelung des Menschen (vgl. Kittler 2013/1982, S.60-71).

Dieser Entseelungsprozeß verläuft über die Ohren: „Schließlich sind Ohren im Feld des Unbewußten die einzige Öffnung, die unmöglich zu schließen ist .() ... der unaufhaltsame Fortschritt des Wahnsinns geht über die Ohren, die sich nicht wehren können. ... Kein Wort, keine Mauer, kein Damm zwischen Außen und Innen hält dem Sound stand, weil Sound das Unaufschreibbare an der Musik und unmittelbar ihre Technik ist.“ (Kittler 2013/1982, S.63)

Möglich wird dieser „Sound“ durch die neue „Raumklangtechnik“ (ebenda), wie sie Kittler zufolge erstmals von Pink Floyd umgesetzt wurde und die er minutiös an dem Song „Brain Damage“ beschreibt, der eben nicht nur den Hirnschaden zum Thema hat, den er verursacht, sondern auch die Auslöschung der Seele. (Vgl. Kittler 2013/1982, S.64) Die neue Raumklangtechnik verwandelt den menschlichen Körper in ein Medium, in dem für die Seele kein Platz mehr ist, weil alles nur noch Sound ist. „Endogen erregte Sinne“ verwandeln den Körper schon während eines Traums oder eines durch Drogen hervorgerufenen Rausches in ein Medium „im modernen Sinn“. (Vgl. Kittler 2013/1979, S.30) Dies aber noch „auf physiologische und nicht technische Weise“. (Vgl. ebenda) Auf technische Weise gelingt es aber dem Raumklang.

Kittler beschreibt minutiös, wie mit den Mitteln moderner Aufnahmetechniken die verschiedenen Instrumente und Stimmen einer Musikgruppe übereinandergelegt werden und den Raumklang erzeugen. Jede dieser einzelnen Stimmen wurde mit Stereomikrophonen aufgenommen: „Wenn Klänge, durch den ganzen Hörraum steuerbare Klänge von vorn und hinten, rechts und links, oben und unten auftauchen können, geht der Raum alltäglichen Zurechtfindens in die Luft. Die Explosion der akustischen Medien schlägt um in eine Implosion, die unmittelbar und abstandslos ins Wahrnehmungszentrum selber stürzt. Der Kopf, nicht bloß als metaphorischer Sitz des sogenannten Denkens, sondern als faktische Nervenschaltstelle, wird eins mit dem, was an Informationen ankommt und nicht bloß eine sogenannte Objektivität, sondern Sound ist. ... Hirnschaden-Musik macht alles wahr, was an dunklen Vorahnungen durch Köpfe und Irrenhäuser geisterte.“ (Kittler 2013/1982, S.67)

Wenn nun unter allen diesen Stereoaufnahmen eine einzelne Stimme mono aufgenommen wird, erscheint sie gleichsam als ortlos, und das verwirrte Gehirn hört diese Stimme, als käme sie aus seinem eigenen Innern: „Wenn unter zahllosen Stimmen, die im dreidimensionalen Hörraum zu orten sind, eine und nur eine ohne Koordinaten auftaucht, wird sie unfehlbar im implodierenden Kopf geortet.“ (Kittler 2013/1982, S.69) – Sound tritt an die Stelle der Seele; die Paranoia ist perfekt.

Das ist die „Wahrheit der technischen Welt“, die Gumbrecht in seinem Nachwort mit seinsgeschichtlichen Weihen versieht. – „Der Wahnsinn ist also technologisch und Gott, sehr anders als bei den Christen, ein Gott von Nachrichtenkanälen, wie erst Marconi oder Siemens sie gebaut haben. ... Was läuft ist das Reale des laufenden Jahrhunderts: elektrischer Datenfluß.“ (Kittler 2013/1984, S.88f.)

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Montag, 18. November 2013

Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Ulrich Gumbrecht, Berlin 2013

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2073, 432 S., 18,-- €)

I. Emergenz einer historischen Sensibilität: Der Dichter, die Mutter, das Kind. Zur romantischen Erfindung der Sexualität (S.9-25), Nietzsche (1844-1900) (S.26-40), Lullaby of Birdland (S.41-59), Der Gott der Ohren (S.60-75), Flechsig/Schreber/Freud. Ein Nachrichtennezwerk der Jahrhundertwende (S.76-90)

1. Verdopplungen und Tautologien
2. Phantasmen statt Phänomene; Imagination statt Bewußtsein
3. Wahnsinn als Wahrheit der technischen Welt
4. Expressivität

Ein weiteres Mal komme ich auf den Unterschied zwischen Strukturalismus und Phänomenologie zu sprechen. (Vgl. meine Posts vom 20.05. und vom 02.11.2013) Kittler selbst nimmt Anleihen am Lévi-Straussischen Strukturalismus vor, wenn er den „Tausch“ als eine Form der Kultivierung von Familien darstellt. (Vgl. Kittler 2013/1978, S.12) Über den Frauentausch traten Familien miteinander in Kontakt; es entstanden ‚exogame‘, also die inzestuöse Gemeinschaft transzendierende und die Familien deshalb kultivierende Beziehungen.

Die bürgerlichen Familien hingegen sexualisieren die endogenen Beziehungen auf inzestuöse Weise, indem sie, verstärkt durch die Abschaffung der Amme, die Mutter-Kind-Beziehung kurzschließen. (Vgl. Kittler 2013/1978, S.10) Ich hatte mich schon in meinem Post vom 21.10.2013 gefragt, ob die familiär-christliche Faszination von der Unschuld des Kindes nicht die Kehrseite der Pädophilie bildet.

Jedenfalls lädt Kittler zufolge die mütterliche Zuwendung zum Kind – lesenswert sind hier insbesondere die Passagen zum seelischen Potential der Stimme der Mutter (vgl. Kittler 2013/1979, S.48ff.) – dieses mit einer einzigartigen Seele auf: „... nur weil es den Zuspruch einer Mutter gehört hat, finden im Kind all die Abwesenheiten Eingang und Namen, die ihm keine Deixis zeigen kann() und ohne die es kein bürgerliches Individuum geben würde ... Also fungiert die sanfte Stimme der Mutter als perfekter Ersatz des Opiums, das ehedem die Ammen verabreichten: Wer sie einmal gehört hat, bleibt süchtig ein Leben lang ... weil sie halb ‚Athem‘ ist, durch den das Kind ‚Empfinden‘() lernt, halb Artikulation, durch die es Sprechen lernt. ... im Zwischen von Natur und Kultur, Atem und Sprache, Laut und Rede ...“ (Kittler 2013/1979, S.50f.)

Ergreifender hat meines Wissens im Zeitalter der elektronischen Medien keiner von der bürgerlichen Erfindung der Seele geschrieben. Allerdings scheint die Seele nur erfunden worden zu sein, um in eben diesem Zeitalter dem „Gott der Ohren“ geopfert zu werden und „in Sound und Phonstärke“ unterzugehen. (Vgl. Kittler 2013/1982, S.64)

Doch zurück zur sexuellen Aufladung des Kindes mit einer Seele, an der Freud seine Freude gehabt hatte. Kennzeichen einer solchen ‚Seele‘ ist es, daß keine ihrer Regungen und Äußerungen als das genommen wird, was sie sind. Statt mit Phänomenen haben wir es mit Phantasmen und mit Phantomen zu tun, und an die Stelle des Bewußtseins tritt die Imagination. Weshalb Kittler davon spricht, daß die Familie „Kinder und Imagines“ produziert (vgl. Kittler 2013/1978, S.12). Und die bedeutungsvollste Imago ist die Mutter als Seele des Kindes (vgl. Kittler 2013/1978, S.13).

Inwiefern aber sind die Phantasmen, Phantome und Imagines nicht sie selbst? Weil sie nur Zeichen sind, wie Wegweiser, die auf etwas anderes verweisen. Sie verweisen auf eine unter der Oberfläche verborgene Infra-Struktur. Was uns Imaginationen bzw. Träume zu denken geben, muß gedeutet werden. Träume sind keine Realität aus sich selbst heraus. Ihnen muß durch Deutung erst Realität verliehen werden. Träume geben sich nicht selbst, wie Phänomene, sondern etwas anderes. Die Seele des Kindes ist nicht die Seele des Kindes, sondern die Verdopplung der Stimme der Mutter.

Aber als Verdopplung dieser Stimme, als bloßes Phantasma, beinhaltet diese Seele nicht mal mehr einen Verweis auf die reale Mutter, deren beseelende Macht, wie Kittler an Klingsohrs Märchen zeigt, in ihrer Abwesenheit besteht, so daß an ihre Stelle diverse erotische Verkörperungen und Liebesbeziehungen, das Begehren nach dem Begehren treten können. (Vgl. Kittler 2013/1978, S.12f.; 2013/1979, S.46, 50f., 55)

Das Echo der Mutterstimme verweist auf nichts anderes mehr als auf sich selbst: „Die Materialität der Zeichen verknüpft Erotologie und mediale Ästhetik. Wenn Zeichen nicht auf Signifikaten oder Referenten gründen, schreibt nichts und niemand vor, was alles Zeichen und was Zeichen eines Zeichens sein kann.“ (Kittler 2013/1979, S.38)

Wo Zeichen nicht mal mehr auf Reales verweisen, auf Signifikate und Referenten, dort wird die Semiotik zur wichtigsten Bezugsdisziplin und tritt an die Stelle einer „ästhetischen Erziehung“, in der es noch um die (kindliche) Seele selbst gegangen war. (Vgl. Kittler 2013/1979, S.26) Kittler spricht von einer ‚Semiotechnik‘ wie andere von Kybernetik sprechen. (Vgl. Kittler 2013/1979,  S.28) Damit meint er die Reduktion des Körpers auf den Status eines Mediums (vgl. Kittler 2013/1979, S.30), so wie der Körper des neugeborenen Kindes die Stimme der Mutter in sich aufnimmt, als wäre er ein Tonbandgerät.

Semiotechnik und Kybernetik treten als Technologien an die Stelle einer Wissenschaft, die noch zur Kritik fähig ist, weil sie noch ans Subjekt glaubt, wie die Phänomenologie. Statt „Kritik“ will Kittler nur noch „Genealogie“ gelten lassen, also die Rückführung von Phänomenen auf (Infra-)Strukturen: „Genealogie heißt bei Nietzsche das Verfahren, Geschichte als Serien von Verboten und Übertretungen, Kämpfen und Spannungen zu lesen.()“ (Kittler 2013/1979, S.33)

Was Kittler dabei übersieht, ist, daß Nietzsches Genealogie eine Form der Kritik gewesen war, die die Kritik selbst der Naivität überführt hatte, – und daß er die Möglichkeit einer zweiten Unschuld in Betracht gezogen hatte.

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Sonntag, 17. November 2013

Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Ulrich Gumbrecht, Berlin 2013

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2073, 432 S., 18,-- €)

I. Emergenz einer historischen Sensibilität: Der Dichter, die Mutter, das Kind. Zur romantischen Erfindung der Sexualität (S.9-25), Nietzsche (1844-1900) (S.26-40), Lullaby of Birdland (S.41-59), Der Gott der Ohren (S.60-75), Flechsig/Schreber/Freud. Ein Nachrichtennezwerk der Jahrhundertwende (S.76-90)

1. Verdopplungen und Tautologien
2. Phantasmen statt Phänomene; Imagination statt Bewußtsein
3. Wahnsinn als Wahrheit der technischen Welt
4. Expressivität

Kittler hat es mit Doppelgängern und Tautologien. Das hat einerseits etwas mit seiner Medientheorie zu tun, derzufolge die elektronischen Medien den Menschen ersetzen. Das hatte auch schon Günther Anders (1956) gewußt. (Vgl. meinen Post vom 23.01.2011) Die Menschen verlieren angesichts der Realität und der Effektivität der Technik an Substanz und werden schließlich, so Anders, zu Phantomen, die nur noch ihre künstlich erzeugten Phantomdoppelgänger auf den Bildschirmen widerspiegeln.


So auch Kittler. Darüberhinaus aber agiert er selbst als ein Wiedergänger und biographischer Doppelgänger historischer Persönlichkeiten wie Paul Flechsig (1847-1929) und Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), was Gumbrechts These aus dem Nachwort zur Singularität des Kittlerschen Werkes ein weiteres Mal einschränkt. Parallelen zu Goethe gibt es hinsichtlich der Verbindung von Biographie und wissenschaftlicher Arbeit, wobei bei Goethe noch seine künstlerische Arbeit hinzukommt. Kittler bezeichnet Goethe als „Archivar seiner Autorschaft“, der seine Texte sorgfältig aufbewahrt und immer wieder gesichtet und neu geordnet, überarbeitet und unvollendet gebliebenes fortgeführt, wieder zur Seite gelegt und zum Teil erst Jahrzehnte später vollendet hatte. (Vgl. Kittler 2013/1979, S.41f.) Diese Kontinuität findet sich auch in Kittlers eigenem Werk wieder.

Diese Parallele zu Goethe ist bemerkenswert, aber nicht bedenklich. Bedenklich wird es erst bei Kittlers Darstellungen zur Person von Paul Flechsig, einem Psychiater und Hirnforscher an der Universität Leipzig. Was Friedrich A. Kittler zu Paul Flechsig zu sagen weiß, erinnert auf gespenstische Weise an ihn selbst. Er, der es selbst schon früh für nötig gehalten hatte, den Geist aus den Geisteswissenschaften auszutreiben, schreibt über Flechsig: „Flechsig, von Hause aus Anatom, kennt auch und gerade bei Psychosen nur Reales – hirnphysiologisch umschriebene und beschriebene Lokalitäten. Weshalb er dem Wort ‚Geisteskrankheit‘ stets das Wort ‚sogenannt‘ beifügt und, weil es ‚keine selbständigen Erkrankungen der Seele ohne solche des Körpers gibt‘,() das korrekte Wort Nervenkrankheit bevorzugt.“ (Kittler 2013/1984, S.81)

Es war dieses „sogenannt“, das mir ein leichtes Gruseln über die Haut laufen ließ. Denn Kittler selbst ist es, der in allen seinen Texten niemals versäumt, dem Wort ‚Mensch‘, so er es denn überhaupt verwendet und nicht stattdessen lieber von ‚Leuten‘ spricht, ein ‚sogenannt‘ beizufügen. Die weitgehende Abschaffung des Menschen, die diesen lediglich noch als Phantom und Doppelgänger elektronischer Medien zur Kenntnis nimmt, hat also bei Flechsig (und Freud) ihren Ausgang genommen, so daß wir Kittlers Menschenfeindlichkeit als späten Reflex am Ende des 20. Jhdts. auf eine Personenkonstellation zurückführen können, die er selbst als ein „Nachrichtennetzwerk der Jahrhundertwende“ bezeichnet: nämlich Paul Flechsig, Daniel Paul Schreber und Sigmund Freud. (Vgl. Kittler 2013/1984, S.76-90) Kittler ist so vernarrt in diese Doppelgängerschaft, daß er gleich Freuds Namen selbst zur „Freude Freuds“ (Kittler 2013/1984, S.86) verdoppelt und künftig immer wieder gerne positive Aussagen in tiefgründig verdoppelte Negationen kleidet, mit denen er uns z.B. mitteilt, daß man „nicht nicht“ kommunizieren und „nicht nicht“ interpretieren könne und dergleichen mehr. (Vgl.u.a. Kittler 2013/1979, S.38)

Schon bei Flechsig und Freud zeigt sich, so Kittler, daß die psychiatrische und die psychoanalytische Begrifflichkeit nicht etwa Einsichten in etwas oder Erkenntnisse über etwas vermittelt, sondern die ‚Phänomene‘, die sie zu analysieren vorgibt, lediglich verdoppelt; daß sie also letztlich nur ‚Phantasmen‘ produziert. Es läßt sich, so Kittler, nicht mehr unterscheiden, was die ‚Theorie‘ und was der ‚Wahn‘ ist. Die Theorie selbst wird zum Wahn. (Vgl. Kittler (2013/1984, S.78) Das Verfahren der Psychoanalyse kennzeichnet Kittler deshalb von vornherein als Tautologie, etwa wenn literarische Werke mit psychoanalytischen Mitteln untersucht werden (vgl. Kittler 2013/1979, S.24), oder wenn er Psychoanalyse als Wortprotokoll des auf einer Couch vorgetragenen Wahnsinns beschreibt: „Keine Wissenschaft verfährt wörtlicher als Psychoanalyse.“ (Kittler 1984, S.90)

Dabei verdoppelt die Psychoanalyse den Wahnsinn nur wegen eines methodischen Dilemmas, weil nämlich der eigentliche, reale Ort des Wahnsinns, das Gehirn, zu Lebzeiten der Patientinnen und Patienten so bedauerlich unzugänglich ist: „Schon im ‚Entwurf einer Psychologie‘ von 1895 hat Freud die Seele als Schaltwerk beschrieben, wo Neuronen, gebundene und ungebundene, Bahnungen anlegen, Hemmungen umgehen, Vorstellungen besetzen usw. Der psychische Apparat (Freuds schöne Wortschöpfung) ist neuroelektrischer Datenfluß und Freud, bevor seine Hysterikerinnen ihn zur talking cure zwingen, Hirnphysiologe.“ (Kittler 2013/1984, S.78)

Aber Tautologie ist nicht gleich Tautologie. Der von Flechsig wie Kittler so sehr verachtete Mensch, dem nicht nur Flechsig als Therapeut gerne „Privatvorlesungen“ hält (vgl. Kittler 2013/1984, S.85), sondern dem auch Kittler als bestallter Professor im Hörsaal sein „Silentium!“ entgegenschallt, – dieser Mensch und Patient, nämlich der schon erwähnte Daniel Paul Schreber, ist selbst nicht einfach nur ein Doppelgänger und Papagei des Ordinarius und Rektors Paul Flechsig. Zwar weiß er sich als Autor des Buches „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ so genau der klinischen Begriffe zu bedienen, daß sich bei Flechsig/Freud Bedenken wegen der Originalität und Priorität ihrer wissenschaftlichen Theorien einstellen (vgl. Kittler 2013/1984, S.78). Aber dabei handelt es sich eben nicht um bloße Tautologien, sondern um Rekursivität.

Während Flechsig und Freud (und Kittler) den Menschen nur noch als Phantom wahrnehmen, das das Reale nur ‚spiegeln‘ kann, ist dieser Daniel Paul Schreber tatsächlich immer noch ein Mensch und deshalb rekursiv kompetent. Er vermag zu verstehen, was Paul Flechsig ihm da über seine Geisteskrankheit vorträgt, und er vermag sich sogar Gedanken zu machen über dessen wahren Absichten, über die Flechsig wohlweißlich nichts sagt. So fragt Schreber in seinem Buch vorsichtig an, „ob der  Hochverehrte Herr Geh. Rat  seinen Patienten womöglich gar nicht therapiert habe, sondern  zum Versuchsobjekte für wissenschaftliche Experimente gemacht“ habe. (Vgl. Kittler 2013/1984) – Und Kittler ist immerhin so ehrlich, dem ‚Geisteskranken‘ zuzugestehen, daß dessen vermeintlicher Paranoia angesichts der Flechsigschen Therapie durchaus ein gewisser Realismus zugrundeliegt. (Vgl. Kittler 2013/1984, S.80)

Schrebers ‚Paranoia‘ besteht nämlich darin, mit Flechsig das Gehirn als die eigentliche Seelensubstanz zu verstehen. Alle ‚sogenannten‘ Geisteskrankheiten sind Krankheiten des Gehirns, also Nervenkrankheiten. Untersuchungen am Gehirn selbst aber sind mit den damaligen Mitteln nicht möglich. Erst an der Leiche konnte das Gehirn seziert und die Krankheit lokalisiert werden. Schreber geht also zurecht davon aus, daß Flechsig nur auf seinen Tod wartet, um an sein Gehirn heranzukommen. Beide Einsichten aber, daß es keine Seele gibt, sondern nur Gehirn, und daß erst der eigene Tod dieses Gehirn dem Zugriff des ‚Neurologengottes‘ Flechsig (vgl. Kittler 2013/1984, S.90) zugänglich macht, verbinden sich zu Schrebers erwähnter ‚Paranoia‘, daß Flechsig letztlich beabsichtigt, „Seelenmord“ zu begehen. (Vgl. Kittler 2013/1984, S.84) Kittler resümiert im Schreberschen Sinne: „In dieser Klinik haben Zurechnungsfähigkeit und Sprachkompetenz, Moral und Geist ausgespielt. ... Schreber ist luzide genug, um diese Machtergreifung und d.h. seine Ohnmacht zu erkennen.“ (Kittler 2013/ 1984, S.84)

Indem Kittler Schreber zuerkennt, in seinen Überlegungen weder paranoisch noch auch nur ‚papageyisch‘ (vgl. Kittler 2013/1979, S.50), sondern eben „luzide“ zu sein, bescheinigt er ihm an dieser Stelle eine Menschlichkeit, die an seiner bloßen Doppelgängerschaft zweifeln läßt. Überhaupt zollt Kittler Schrebers Verteidigungsmaßnahmen seine Anerkennung: „Es ist das Heroische an Schreber, daß er Denkwürdigkeiten schreibt, auch wenn ein Neurologengott ihm alles Denken auszutreiben sucht.“ (Kittler 2013/1984, S.90) – Das Buch, das Schreber schreibt, soll Flechsig als Gehirnersatz dienen, an dem Flechsig bitteschön nun anstelle von Schrebers Zentralorgan seine Untersuchungen vornehmen möge.

Es ist, um mich zu wiederholen (ohne mich zu verdoppeln), gespenstisch, zu sehen, wie Kittler an Flechsig und Freud zeigt, was er selber zunächst mit seinen Literaturanalysen und später mit seinen Medienanalysen verübt: Seelenmord. Wobei er dies nur noch als Verdopplung und Tautologie dessen tun kann, was – Kittler zufolge – ohnehin technisch längst realisiert wird oder schon realisiert worden ist. In seinen eigenen Büchern häufen sich die Leichenberge des amerikanischen Bürgerkrieges und des ersten und zweiten Weltkrieges, die nach seiner Darstellung alle im Dienste der Medienproduktion gestanden haben bzw. aus denen die elektronischen Medien als Nebenprodukte hervorgegangen sind.

Durch seine Bücher schlafwandeln seelenlose Phantome und Zombies, die alle nicht einmal mehr zu dem in der Lage sind, was Kittler als Luzidität bei Daniel Paul Schreber hervorhebt. Medien vermitteln keine Botschaften mehr, weil es niemanden gibt, an den sie adressiert werden könnten. Nicht einmal sie selbst sind noch Botschaften, wie es McLuhan (1967) sich mal gedacht hatte. Sie zeichnen nur noch das Reale auf und verdoppeln es so. An die Stelle der Rekursivität tritt die Tautologie.

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Samstag, 16. November 2013

Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Ulrich Gumbrecht, Berlin 2013

(suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2073, 432 S., 18,-- €)

I. Emergenz einer historischen Sensibilität: Der Dichter, die Mutter, das Kind. Zur romantischen Erfindung der Sexualität (S.9-25), Nietzsche (1844-1900) (S.26-40), Lullaby of Birdland (S.41-59), Der Gott der Ohren (S.60-75), Flechsig/Schreber/Freud. Ein Nachrichtennezwerk der Jahrhundertwende (S.76-90) — II. Kulturgeschichte als Mediengeschichte: Romantik – Psychoanalyse – Film: Eine Doppelgängergeschichte (S.93-112), Medien und Drogen in Pynchons Zweitem Weltkrieg (S.113-131), ‚Heinrich von Ofterdingen‘ als Nachrichtenfluß (S.132-159), Weltatem. Über Wagners Medientechnologie (S.160-180), Die Stadt ist ein Medium (S.181-197), Rock-Musik – ein Mißbrauch von Heeresgerät (S.198-213), Signal-Rausch-Abstand (S.214-231), Die künstliche Intelligenz des Weltkriegs: Alan Turing (S.232-252), Unconditional Surrender (S.253-271), Protected Mode (S.272-284), Es gibt keine Software (S.285-299), Il fiore delle truppe scelte (S.300-326) — III. Griechenland als seinsgeschichtlicher Ursprung: Eros und Aphrodite (S.329-341), Homeros und die Schrift (S.342-350), Das Alphabet der Griechen. Zur Archäologie der Schrift (S.351-359), Im Kielwasser der Odyssee (S.360-376), Martin Heidegger, Medien und die Götter Griechenlands. Ent-fernen heißt die Götter nähern (S.377-390), Pathos und Ethos. Eine aristotelische Betrachtung (S.391-395) — Nachwort: Mediengeschichte als Wahrheitsereignis. Zur Singularität von Friedrich A. Kittlers Werk (S.396-422)

Ich habe mich in diesem Blog schon in früheren Posts sehr kritisch zu Friedrich Kittlers Technologiebejahung und seiner Menschenfeindlichkeit geäußert. (Vgl. meine Posts vom 08.04. bis 14.04.2012 und vom 27.04. bis 03.05.2012) Dabei hatte ich ihn insbesondere mit Günther Anders und seinen technologiekritischen Studien in „Die Antiquiertheit des Menschen“ (1956) verglichen. Ich hätte mich auch vergleichend auf Stellungnahmen von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ (1947) beziehen können. Ich hatte u.a. darauf hingewiesen, daß Kittler zu diesen kritischen Technikanalysen eigentlich nichts neues hinzugefügt, sie allenfalls dem neusten Wissensstand angepaßt und lediglich deren negatives Vorzeichen in eine rücksichtslose, menschenfeindliche Zustimmung zum technologischen Potential umgewandelt hatte.

In dem überaus lesenswerten Nachwort des Herausgebers Hans Ulrich Gumbrecht wird Kittler selbst in seiner eigenen Menschlichkeit in ein anderes Licht gestellt, das ihn mir wieder als sympathisch erscheinen läßt. Letztlich stand er, folgt man Gumbrecht, den gleichzeitig philanthropischen wie misanthropischen Ambivalenzen der Andersschen, Adornoschen und Horkheimerschen Technikkritiken wohl doch viel näher, als es in seinen eigenen Texten insbesondere seiner zweiten Schaffensperiode in den achtziger und frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erscheint.


Gumbrecht zeichnet Kittler als eine mit sich und der Welt hadernde Persönlichkeit, deren Menschenfeindlichkeit mit einer seltsamen Haßliebe-Verbindung zur Technik einhergeht. Wenn für Günther Anders die Atombombe und für Adorno/Horkheimer Auschwitz als Geschichtszeichen für die letztlich unheilbare Korrumpierung der menschlichen Natur stehen, so ist es bei dem technikbegeisterten Kittler der Erste Weltkrieg, mit dem Gumbrecht die „Kälte“ seiner „medienhistorischen Gegenwartsdiagnostik“ verbindet, die, so Gumbrecht, für Kittler selbst „unerträglich belastend geworden war“. Das „besondere Heldentum“ der von Ernst Jünger gefeierten „Sturmtruppen“ des Ersten Weltkriegs wird so zum „Beginn eines im wörtlichen Sinn suizidalen Selbst-Entmachtungs-Prozesses der Menschen, in dessen kalter letzter Konsequenz ihre Existenz keinen Wert und kein Versprechen mehr hat ...“ (Vgl. Kittler 2013, Nachwort, S.410)

Mit einer derartig begründeten Menschenfeindlichkeit kann ich durchaus sympathisieren. Allerdings ist diese Sympathie nur über Kittlers Person vermittelt und nicht über sein Werk. Die Konsequenz, aus dem kulturellen, menschheitsgeschichtlichen Desaster des Ersten Weltkriegs – dem alsbald weitere Zivilisationsbrüche folgten – in eine uneingeschränkte Technologiebejahung zu flüchten, bedeutet nur ein peinliches Arrangement mit diesem Desaster: wenn man das Übel nicht bekämpfen kann, so scheinen es Kittlers Bücher und Aufsätze nahezulegen, muß man es eben zu einem Gut umdeklarieren und sein künftiges Leben daran ausrichten.

Gumbrecht teilt Kittlers Werk in drei Schaffensperioden ein, in denen sich Kittler zunächst mit der Literaturgeschichte (Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre), dann mit der Mediengeschichte (achtziger und neunziger Jahre) und zuletzt mit der Seinsgeschichte befaßt (neunziger und 2000er Jahre). (Vgl. Kittler 2013, Nachwort, S.399-415) Dabei verweist das Stichwort „Seinsgeschichte“ schon auf Gumbrechts Deutung des Kittlerschen Werkes als „singulär“ (vgl. Kittler 2013, Nachwort, S.400, 403, 411, 419) und als „absolut“ originär bzw. als „absolute Innovation“ (vgl. Kittler 2013, Nachwort, S.400).

Gumbrecht überhöht die historische Bedeutung Kittlers noch dadurch, daß er seinen Tod selbst als eine Art seinsgeschichtliches Wetterleuchten darstellt. Angesichts der „Reaktionen der intellektuellen deutschen Öffentlichkeit“ auf die Nachricht von Kittlers Tod habe er den Eindruck, so Gumbrecht, „daß das ja unvermeidlich monumentalisierende Ereignis des Todes zum ersten Mal – und vielleicht zunächst bloß vorübergehend – die Struktur, Komplexität und besondere Bedeutung von Kittlers Werk in der Simultaneität seiner verschiedenen Dimensionen hatte aufscheinen lassen; zunächst noch eher als Ahnung und Versprechen von einer spezifischen Wahrheit, die sich aus der Technik unserer Gegenwart und ihrer Vorgeschichte ergeben könnte, denn im Sinn einer konturierten Einsicht oder These.“ (S.396)

Wenn man ein so gewichtiges Heideggerisches Wort wie „Seinsgeschichte“ verwendet und die Wirkung des Kittlerschen Werkes mit einer „Lichtung“ gleichstellt, in der die Wahrheit der technischen Welt zur Erscheinung kommt, die „‚in die Acht zu nehmen“ den künftigen Generationen, „die auf uns folgen werden“, auferlegt wird (vgl. Kittler 2013, Nachwort, S.421), dann wird hier letztlich doch ein Kult um Kittlers Geschreibsel zelebriert, der dem armen Kerl, der den Amerikanern das Scheitern seiner Ehe vorwarf, weil er so viele amerikanische Gastprofessuren hatte übernehmen müssen (vgl. Gumbrecht 2013, Nachwort, 2013, S.405), nicht wirklich gerecht wird.

Worin aber besteht denn nun diese Seinsgeschichte, die sich durch Kittler hindurch verwirklicht? Denn er selbst kann vor diesem Hintergrund kaum als Autor und Selbstdenker begriffen werden. Eher haben wir es mit einer Seinsgeschichte in Form einer „Geisteskrankheit“ zu tun, – ein Thema, für das sich Kittler ja auch interessierte. (Vgl. Kittler 2013, Nachwort, S.402) Oder noch einmal anders formuliert: Wo dem Wetterleuchten der Seinsgeschichte nur der Standard elektronischer Medien standzuhalten vermag, treten die „Schaltpläne“ der Musikanlagen und die „Typennummern der eingesetzten Synthesizer“ an die Stelle individueller Autorschaft. (Vgl. Kittler 2013/1982, S.74)

Gumbrecht beschreibt die ‚Seinsgeschichte‘ – und das ist nun wirklich interessant – als eine mit Kittlers Biographie verknüpfte Aufdeckung von historischen und epistemischen Konstellationen. Wenn wir einmal von Heidegger und seiner Seinsgeschichte absehen, haben wir es hier mit einer mit der Person des Wissenschaftlers verbundenen transdisziplinären Konfiguration zu tun, in der Sinndimensionen der menschlichen Geschichte in den letzten hundert und meinetwegen auch den letzten zweieinhalbtausend Jahren sichtbar werden. Aber eben nur Sinn-Dimensionen und keine Seinsgeschichte!

Friedrich Kittler, von Haus aus Germanist bzw. Literaturwissenschaftler, hat sich nicht von Fachgrenzen einschränken lassen wollen und wurde letztlich zum auf allen Gebieten der Kulturgeschichte und der Technikgeschichte dilettierenden Autodidakten. Das haben die jeweiligen Fachkollegen nicht unbedingt gern gesehen, und wenn ihm „kompetente Altphilologen“ bei seinen Griechenlandstudien nicht folgen wollten, hatte das wiederum Kittler ‚irritiert‘, wie Gumbrecht schreibt (vgl. Kittler 2013, Nachwort, S.412); wobei Kittler selbst gern voller Verachtung auf jeden Geisteswissenschaftler herabblickte, der seiner Techno-Expertise nicht das Wasser reichen konnte.

Kittler war also letztlich Autodidakt und hat die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen miteinander in Verbindung gebracht, indem er die streng innerdisziplinären Diskurse mit ihren Formeln und Begriffen aufbrach und interdisziplinär frei assoziierte. Gumbrecht spricht von einem Kittlerschen „Assoziationsnetz“, das durch „Teil-Affinitäten“ und „Familienverwandtschaft“ zusammengehalten wird: „Rockmusik und Schrebers Schriften über das Motiv der Geisteskrankheit (zum Beispiel); oder Schreber und Nietzsche durch die Betonung der Körperlichkeit. Aus der erstaunlichen, stets philologisch genau dokumentierten Vielfalt solcher Beziehungen erwuchs bald ein immer komplexeres und wohl auch immer stabileres Assoziationsnetz, das Kittler in betont indikativischer, oft sogar ‚streng wissenschaftlich‘ erscheinender Sprache beschrieb, so als ob es ein materieller Gegenstand sei.“ (Kittler 2013, Nachwort, S.402f.)

Gumbrecht beschreibt hier eine Form der Interdisziplinarität, in der der semantisch-metaphorische, an Blumenbergs „Theorie der Unbegrifflichkeit“ erinnernde Zusammenhang (Familienverwandtschaft) zwischen den Disziplinen eine ‚mythographische‘ Einstellung des Wissenschaftlers erfordert. (Vgl. Kittler 2013, Nachwort, S.403) Dieser spürt in seiner Arbeit, die sich zugleich mit seiner Biographie verbindet, einer transdisziplinären ‚Wirklichkeit‘ nach und macht sie insofern auf ‚zentripetal‘-indikative Weise, wie Gumbrecht schreibt (ebenda), sichtbar, als er mit autoritärer Geste auf das Zentrum dieses „Assotziationsnetzwerkes“ hinweist.

Das Zentrum dieses Assoziationsnetzwerkes bildet aber nicht irgendeine gleichermaßen ahistorische wie seinsgeschichtliche Wahrheit, sondern die eigene Biographie. Kittler hatte über die verschiedenen Schaffensphasen hinweg niemals einmal erarbeitetes Wissen und gefundene Einsichten einfach hinter sich gelassen, sondern in seine neuen Projekte übernommen und integriert. Das verlieh seinem Eklektizismus eine innere „Kohärenz und Gestalt“ und machte so eine ansonsten verborgen bleibende „Wahrheit“ sichtbar. Diese biographische Entwicklung und Aufbewahrung von Texten und ihr Wiederaufgreifen für eine aktuelle, erneuerte Textproduktion mit ihrem steten Bezug auf die eigene, ebenfalls sich weiter entwickelnde Persönlichkeit beschreibt Kittler am Beispiel Goethes, den er als „Archivar seiner Autorschaft“ kennzeichnet. (Vgl. „Lullaby of Birdland“ (2013/ 1991), S.41-59: 42)

Das hat allerdings weniger etwas mit Seinsgeschichte zu tun, wie ich noch einmal betonen möchte; auch wenn Kittler Gumbrechts Zusammenfassung der Nachrufe auf ihn gefallen hätte. Denn auch Goethe soll, wie Kittler schreibt, die „Regeln“ einer „Literatur“ selbst dort, wo er sie selber ausformuliert hat, nicht aus freien Stücken und eigener Entschlußkraft befolgt haben. (Vgl. Kittler 2013/ 1979, S.41f.) Also auch hier wieder keine wirkliche Autorschaft.

Ich denke aber, daß es sich bei der biographischen Entwicklung und Darstellung wissenschaftlichen Wissens um eine transdisziplinäre Sinndimension handelt, die sich den einzelwissenschaftlichen Disziplinen notwendigerweise entzieht, aber deren „Kohärenz und Gestalt“ durch die Person des Autors verbürgt wird. In diesem Sinne können wir heute tatsächlich immer noch von Kittlers Studien und Analysen profitieren, ohne seine damit verbundenen Positionen und Proklamationen, die er uns mit missionarischer Geste aufzudrängen versuchte, teilen zu müssen. Es ist vielmehr seine Menschlichkeit, die uns berührt.

Die von Gumbrecht behauptete singuläre Bedeutung von Kittlers Werk sehe ich deshalb weniger in dem Ereignis einer Wahrheit, für die die Technik einen „Vorzugs-Ort“ bildet. (Vgl. Kittler 2013, S.418) Die Technik enthüllt keine Wahrheiten. Sie verschleiert sie eher, insofern sie dem Menschen seinen tatsächlichen Ort in der Welt verbirgt. (Vgl. meine Posts zu Hans Blumenberg vom 07.08.2010 und zu Norbert Bolz vom 23.04. bis zum 30.04.2013)

Es ist vielmehr die Verknüpfung seiner Person mit seinem Wissen, die sein Werk einzigartig macht und die sowohl eine transdisziplinäre Methodik für die Herausarbeitung geschichtlicher Bedeutungslinien bildet wie auch sein tragisches Scheitern an den Ambivalenzen unserer Menschlichkeit zum Ausdruck bringt. Wie sehr Kittler hier seine eigene Menschlichkeit einbringt, wird nirgendwo ergreifender deutlich als in seinem Aufsatz „Lullaby of Birdland“ (Kittler 2013/1979, S.41-59), wo er den Atemhauch, an der Grenze der Sprache zum Sprachlosen, einmal am Beispiel von „Wandrers Nachtlied“ als letzten Akt des Sterbens und ein andermal als ersten Akt der Beseelung des Neugeborenen durch die Stimme der Mutter beschreibt.

In den nächsten Tagen oder auch Wochen werde ich in lockerer Folge Einzelbesprechungen zu Kittlers Buch posten, von denen die heutige zu Gumbrechts Nachwort den Auftakt bildet.

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Freitag, 15. November 2013

Das Internet der Dinge und Lévi-Strauss

Gerade habe ich eine Konserve von der 3Sat-Sendung „Das Internet der Dinge“ gesehen, und es war wie ein Déja-vu! In meinen Posts vom 18.05.2013 und vom 03.11.2013 habe ich das „Wilde Denken“ von Lévi-Strauss beschrieben. Es besteht vor allem darin, daß die Naturwelt der Sozialwelt des Menschen ‚Nachrichten‘ sendet. Mein Lieblingsbeispiel aus Lévi-Straussens Buch ist die schwangere Frau, die beim Vorübergehen zufällig einen Blick auf eine am Wegrand liegende Melone wirft. Von nun an bestimmt diese Melone den künftigen Speiseplan ihres ungeborenen Kindes.

Lévi-Strauss stellt sich diese Verknüpfung zwischen Naturwelt und Sozialwelt als zwei Reihen vor, von denen die eine, die Naturwelt, ursprünglich und die andere, die Sozialwelt, abhängig ist. Die Naturwelt steuert und stabilisiert also die Sozialwelt des Menschen. Nichts anderes tut das Internet der Dinge. Alle ‚Dinge‘ unserer Lebenswelt, vom Aufstehen am frühen Morgen bis zum Feierabend, befinden sich über Radio Frequency Identification miteinander in Kontakt und teilen einander mit, was die Menschen in ihrer Umgebung so tun. Indem sie sich selbst mit deren Aktivitäten in Übereinstimmung bringen, bringen sie letztlich auch die Menschen selbst mit sich in Übereinstimmung und steuern und stabilisieren so ihre Lebenswelt.

Das hatte nicht einmal Günther Anders vorhergesehen.

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Samstag, 9. November 2013

Sandra Maria Geschke, Doing Urban Space. Ganzheitliches Wohnen zwischen Raumbildung und Menschwerdung, Bielefeld 2013

(transcript, 357 S., 33,80 €)

1. Prolog
2. Methode
(A) Wildes Denken
(B) Kasuistik und Meditation
3. Anthropologie
4. Identitätsräume und Kommunikationsräume
5. Raumbindungsverluste
6. Gentrifizierung
7. Stadtplanung

Das Thema der Stadtplanung erfordert eigentlich eine andere Methodik als die einer phänomenalen Strukturanalyse, wie ich sie in meinen Posts zur Methode (vom 03.11. und 04.11.2013) beschrieben habe. Für die Stadtentwicklungsprojekte bedarf es eines systemtheoretischen Ansatzes für eine an der Kybernetik orientierte gesellschaftliche Autopoiesis (Selbststeuerung). Eine phänomenale Strukturanalyse geht aber von unhintergehbaren subjektiven Betroffenenperspektiven aus, deren Wohninteressen sich nicht widerspruchsfrei im systemischen Mechanismus profitorientierter Qualitätssteigerungsprojekte integrieren lassen. Ein kybernetischer Ansatz scheint z.B. durch, wenn Sandra Maria Geschke von „Diskursen“ als einem „ Ventil der (Wieder-)Herstellung, Neujustierung und Aufrechterhaltung von Gesellschaft“ (vgl. Geschke 2013, S.141) oder von „dinggesteuerten Raumkonstruktionen“ (Geschke 2013, S.103) spricht.

Ein solches kybernetisches Denkmodell berücksichtigt die Anwohnerinteressen letztlich nur dahingehend, inwiefern sie den Interessen einer Stadtteilsanierung kompatibel gemacht werden können. Ein aktuelles Beispiel ist die Internationale Bauausstellung im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, gegen die sich die Einwohner schon sehr früh zur Wehr gesetzt haben, weil sie genau die Effekte einer Gentrifizierung fürchteten, wie sie inzwischen auch eingetreten sind. Sogar eine kritische Stadtforscherin wie Saskia Sassen, Mitglied des IBA-Kuratoriums, hat die Proteste der Einwohner nur als Störung wahrgenommen und ihnen vorgeworfen, die – aus ihrer Sicht natürlich durchweg positiven – Fakten der mit der IBA verbundenen Stadtteilentwicklung nicht zur Kenntnis zu nehmen oder nicht zu verstehen. (Vgl. den offenen Brief des Arbeitskreises Umstrukturierung Wilhelmsburg und die Antwort von Saskia Sassen)

Das ist an dieser Stelle keine Kritik an Sandra Maria Geschkes Buch, in dem ja gerade die subversive Dimension flanerischer (von ‚Flaneur‘) und nomadischer Raumerkundungen und Raumeröffnungen hervorgehoben wird (vgl. Geschke 2013, S.188, 229 u.ö.) und das Checklisten für Stadtentwicklungsprojekte enthält, die sicherstellen sollen, daß die einheimische Stadtbevölkerung nicht übergangen wird (vgl. Geschke 2013, S.263f., 268f., 278f.). Ich möchte nur auf das manipulative Potential einer stadtplanerischen Steuerung von Einwohnerinteressen verweisen, wo über den Hebel der Stadtplanung noch ganz andere Interessen bedient werden. Das wird aber durch den scheinbar menschenfreundlichen Aspekt der Steigerung von Lebensqualität erfolgreich verschleiert.

Neben einem Anhang mit einem Interview mit dem ehemaligen Intendanten des Nordharzer Städtebundtheaters (vgl. Geschke 2013, S.335-357) stellt Geschke am Ende ihres Buches noch drei Stadtentwicklungsprojekte vor: das „BuddyGuide“-Projekt im Ruhrgebiet (vgl. Geschke 2013, S.281-286) und zwei Halberstadter Projekte, in denen die Einwohner eines problematischen Stadtteils mittels eines von Straßenkünstlern und Musikgruppen veranstalteten Aktionsabends wieder auf die Straßen und Plätze ihres Stadtteils gelockt werden sollten (vgl. Geschke 2013, S.286-295) und im Rahmen eines „Vorlesepicknicks“ die großen, aufgrund der schrumpfenden Bevölkerungszahl leeren Plätze wieder mit ‚Sinn‘ erfüllt werden sollten (vgl. Geschke 2013, 296-302).

Insbesondere auf das „BuddyGuide“-Projekt möchte ich hier abschließend kurz eingehen, weil ich auch hier noch einmal auf die Wilhelmsburger IBA verweisen möchte. Bei diesem Projekt handelt es sich um ein Stadtprojekt im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet von 2010. Das Projekt wurde zweieinhalb Jahre lang geplant und vorbereitet. Dahinter verbarg sich „die Idee eines Netzwerks an Menschen, die als Ortsansässige und damit einheimische Stadtführer nach thematischen Interessen gebucht werden können und getreu ihres Persönlichkeitsprofils Besucher in individuellen Erkundungstouren durch ihr jeweiliges Stadtgebiet führen.“ (Vgl. Geschke 2013, S.281)

Die einheimischen Stadtführer sollten den Touristen in einem Mix aus persönlichen Lebensgeschichten und ortsbezogenen Anekdoten die individuelle Aura des Ruhrgebiets vermitteln. (Vgl. Geschke 2013, S.285) Das Projekt ist dann aber nicht umgesetzt geworden.

In Wilhelmsburg hat es schon lange vor der IBA ebenfalls so ein „BuddyGuide“-Projekt gegeben, das im Unterschied dazu sehr erfolgreich umgesetzt worden ist. Das Freizeithaus Kirchdorf-Süd veranstaltet schon seit etwa fünf Jahren Stadtteilführungen durch Wilhelmsburg unter dem Titel „Die Wilde 13“. Das bezieht sich auf die Buslinie 13, die für die Wilhelmsburger eine große Bedeutung hat. Die Buslinie zieht sich quer durch den Stadtteil und berührt alle wichtigen Stationen des täglichen Lebens. Alle Altersgruppen nutzen sie, um zur Schule oder zur Arbeit zu fahren oder die Einkäufe zu erledigen. Das Freizeithaus Kirchdorf-Süd bietet also von Einwohnern geführte Bus-Touren durch den Stadtteil an, und stößt damit offensichtlich auf genug Interesse, um dieses Projekt schon seit so vielen Jahren erfolgreich fortführen zu können.

Die IBA hat nun dieses Konzept übernommen – selbstverständlich ohne sich dabei mit dem Freizeithaus abzusprechen, geschweige denn es in die Planung und Durchführung einzubeziehen – und ebenfalls Busführungen unter dem Titel „Die Wilde 13“ angeboten. Unter diesem Titel wurde sogar ein von der IBA unterstützter Film zur Buslinie gedreht. Es ist fast schon überflüssig, zu ergänzen, daß in dem Film nicht auf die stadtteileigene Historie dieser Busführungen hingewiesen wird.

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Freitag, 8. November 2013

Sandra Maria Geschke, Doing Urban Space. Ganzheitliches Wohnen zwischen Raumbildung und Menschwerdung, Bielefeld 2013

(transcript, 357 S., 33,80 €)

1. Prolog
2. Methode
(A) Wildes Denken
(B) Kasuistik und Meditation
3. Anthropologie
4. Identitätsräume und Kommunikationsräume
5. Raumbindungsverluste
6. Gentrifizierung
7. Stadtplanung

Gentrifizierung kommt von ‚gentry‘, dem niederen Adel, der im 18.Jhdt. von den Stadträndern in die Zentren einzog. Heute ist damit der Verdrängungsprozeß der einheimischen, statusniedrigeren Einwohnerschaft durch den Zuzug statushöherer Mittelschichtsfamilien gemeint. Durch die kaufkräftigeren neuen Einwohner erhöhen sich die Lebenshaltungskosten, die sich die ursprünglichen Stadtteilbewohner nicht mehr leisten können und folglich wegziehen.

Sandra Maria Geschke beschreibt mit Jürgen Friedrichs (1996) insgesamt vier Phasen dieses Verdrängungsprozesses (vgl. Geschke 2013, S.38f.), die man aber auch gut auf zwei bis drei Phasen zusammenkürzen kann, weil zwei der vier Phasen nur durch eine intensivere Verdrängung der Stadtteilbevölkerung unterschieden werden. Die erste Phase besteht in einem Zuzug von „Pionieren“, die aus Studenten und Künstlern auf der Suche nach preiswertem Wohnraum bestehen. (Vgl. Geschke 2013, S.38) Indem sie sich trotz ihrer geringen finanziellen Mittel aufgrund ihrer speziellen Lebensform mit ihrer zumindestens zeitweiligen Ausrichtung auf immaterielle Lebenskonzepte in den ärmeren Stadtvierteln mit ihren alternativen Projekten des Wohnens, des Wirtschaftens und einer subversiven Öffentlichkeit einrichten können, erhöhen sie die Vielfalt der kulturellen Angebote und damit die Lebensqualität dieser Stadtteile.

Das lockt in einer zweiten Phase die „Gentrifers“ in diese Stadtteile. Die Gentrifers sind „zumeist Paare mit höherer Schulbildung und eigenem höheren Einkommen“. (Vgl. Geschke 2013, S.38) Mit dem höheren Einkommen der neuen Einwohner erhöhen sich, wie schon erwähnt, die Lebenshaltungskosten, und die Verdrängung der ursprünglichen Stadtteilbevölkerung beginnt. In einer dritten Phase werden dann auch die Pioniere verdrängt: „Es verfestigt sich ein Kreislauf der Kapitalisierung von Raum. Mieten und Grundstückspreise steigen weiter an, was zum Wegzug von Pionieren führt und durch das Ansiedeln neuer, innovativer Geschäfte weiter Menschen aus anderen Stadtteilen anlockt.“ (Geschke 2013, S.39)

Was mich an dieser Gentrifizierung ganz besonders irritiert, ist die Zwangsläufigkeit, mit der die Erhöhung der Lebensqualität zu einer Erhöhung der Lebenshaltungskosten führt. Die enge Verzahnung von Lebensqualität und Lebenshaltungskosten macht eigentlich jede Hoffnung auf einen Ausstieg aus dem Wachstumswahnsinn zunichte. In einer Gesellschaft, die sich so sehr auf eine permanente Steigerung des Profits fixiert hat, ist es anscheinend unmöglich, irgendetwas zu tun, das nicht mittelbar zu eben dieser Steigerung des Profits führt.

Das erinnert mich an eine Bemerkung meines Schwagers. Er meinte einmal, daß das Wichtigste, was wir während unseres Studiums gelernt hätten, darin bestünde, mit wenig Geld auszukommen und dabei trotzdem ein gutes Leben zu führen. Diese Bemerkung hatte etwas Utopisches. In ihr schwang eine leise Hoffnung auf die Übertragbarkeit dieser zumindestens zeitweiligen Lebensführung auf das ganze Leben und auf andere Bevölkerungsgruppen und -schichten mit. Wo einem aber in allem wie ein Schatten das Geld folgt, dort zerstört es, wie schon öfter in diesem Blog gezeigt (vgl. meine Posts vom 28.11. und 04.12.2012 und vom 17.01.2013), Gemeinschaften und Lebenswelten. Nichts anderes als das ist Gentrifizierung.

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Donnerstag, 7. November 2013

Sandra Maria Geschke, Doing Urban Space. Ganzheitliches Wohnen zwischen Raumbildung und Menschwerdung, Bielefeld 2013

(transcript, 357 S., 33,80 €)

1. Prolog
2. Methode
(A) Wildes Denken
(B) Kasuistik
3. Anthropologie
4. Identitätsräume und Kommunikationsräume
5. Raumbindungsverluste
6. Gentrifizierung
7. Stadtplanung

Die Globalisierung geht mit fundamentalen Raumbindungsverlusten einher, die mit den damit verbundenen „Wirkungsraumverlusten“ zu einer Entmündigung des Menschen beitragen, der sein Leben zu führen versucht (vgl. meinen Post vom 29.10.2010): „Zeitgenössische Gesellschaften haben zunehmend damit umzugehen, dass ihnen klassische urbane Raumbindungen verloren gehen. So gehören eine zunehmende Abwanderungsrate und damit das Phänomen der ‚schrumpfenden Städte‘, Auswirkungen einer zunehmenden Globalisierung und damit verbundene Fragen von Raumzugehörigkeiten angesichts vielfach zu verzeichnender Migrationsbewegungen, wie auch verstärkt zu beobachtende Wirkungsraumverluste an homogene Gruppen zu den sichtbaren Phänomenen.“ (Geschke 2013, S.19)

Das Empfinden der eigenen Wirksamkeit ist ein wichtiges Moment des heimatlichen Identitätsraumes, das zur Verwurzelung des Stadtbewohners beiträgt: „Lokale Entwurzelungen lassen den Raum vor der eigenen Haustür zunehmend als fremd bzw. bedrängend erscheinen und die eigene Rolle wird zunehmend als sinnentleert und überflüssig wahrgenommen.“ (Geschke 2013, S.163; vgl. auch S.129)

Das Fehlen dieses „Wirksamkeitsgefühls“ (Geschke 2013, S.264) führt zu einer „Dezentralisierung menschlicher Bezugsorte“ und zu einer „Uniformisierung städtischer Lebenswelten“. (Vgl. Geschke 2013, S.30) Das Phänomen der schrumpfenden Städte bezieht sich vor allem auf Klein- und Mittelstädte und in Deutschland vor allem auf die ostdeutschen Bundesländer. Aufgrund der Abwanderung der jüngeren Generationen führt es zu einer Überalterung der Bevölkerungsstruktur. (Vgl. Geschke 2013, S.34ff.)

Was die im ersten Zitat angesprochene „Migrantenbewegungen“ betrifft, fehlt mir eine Differenzierung zur narrativen Figur des Nomaden, mit der Geschke den öffentlichen Diskurs- und Erscheinungsraum thematisiert. Von den Migranten ist nur an einer Stelle etwas ausführlicher die Rede. Dort spricht Geschke von kulturellen „Gruppenbindungen“ in isolierten Stadtteilen, die sich weniger über diese Stadtteile als vielmehr über die gemeinsame Herkunft definieren. (Vgl. Geschke 2013, S.41f.) Eine Abgrenzung des Migrantentums vom Nomadentum findet nicht statt.

Eine solche Abgrenzung müßte den Nomaden als „Durchreisenden“ kennzeichnen, der im Unterschied zum Migranten nicht vorhat, für längere Zeit zu bleiben, was bekanntlich bei Migranten, entgegen ihrer eigenen Lebensplanung, dazu führt, daß sie sich meistens über mehrere Generationen hinweg eben doch in ihrem Gastland beheimaten.

Es fehlt auch eine geschichtliche und eine anthropologische Differenzierung des Nomadentums. Menschheitsgeschichtlich ist die nomadische Lebensweise ursprünglicher als die Seßhaftigkeit in Dörfern und Städten. Dennoch kann von diesem ursprünglichen Nomadentum nicht behauptet werden, es wäre wurzellos oder heimatlos. Die Heimat besteht hier vielmehr in den Wegen, die in jahreszeitlichen Zyklen abgewandert werden, und natürlich in der Landschaft, wie sie in den Songlines der Aborigines besungen wird.

Der postmoderne ‚Nomade‘ hingegen zieht ziellos durch die globalisierte Welt, als Straßenkünstler oder als Arbeitssuchender. Insofern verkörpert er die „Leitfigur einer Gesellschaft ..., in der Mobilität als einer der höchsten Werte gehandelt wird und das Mobilsein zu einer sozialen Norm geworden ist ...“, wie Geschke Markus Schroer (2006) zitiert. (Vgl. Geschke 2013, S.226f.)

Die Globalisierung dezentralisiert die Welt, weil sie die Menschen entwurzelt. Die Städte sind zu Knotenpunkten weltweiter Migrationsströme geworden, zu „Nicht-Orten“ (Marc Augé) und „Orten ohne Selbst“, durchstreift von Menschen „ohne Ort“ (Peter Sloterdijk; vgl. Geschke 2013, S.31f.). Die Menschen schreiben sich nicht mehr in die Dingwelten ihrer näheren und weiteren Stadtumgebung ein. Sie erkennen sich in den Fassaden und Schaufenstern der Straßen, die sie flexibel, mobil und überbeschäftigt durcheilen, nicht mehr wieder. An die Stelle einer dauerhaften Bindung treten „konsumierbare Designs und Konsumobjekte“, eine „konsumptorische() Bedürfnisbefriedigung“ mit ihrer vorübergehenden, flüchtigen „konsum- und güteraneignungsbezogene(n)“ Sinnstiftung. (Vgl. Geschke 2013, S.33, 42f.) Das mit der Dingwelt verbundene Versprechen von Dauerhaftigkeit verwirklicht sich paradox über einen immer schnelleren Verbrauch und dem Anwachsen eines dafür umso dauerhafteren Müll- und Giftberges.

Die Stadt als Bestandteil einer globalen Infrastruktur ist also Ziel- und Durchgangsstation zugleich, für Migranten das eine, für Nomaden das andere. Ihre Straßen dienen „lediglich dem Zwecke des Transportes“ von Gütern und Personen und „können keine identitätsstiftenden Bindungen hervorrufen.“ (Vgl. Geschke 2013, S.201) Um Straßen wieder als Lebensraum zurückzuerobern, bedarf es einer Rückverwandlung der Stadtteile in „Dörfer“, wie Geschke mit Ruth Beckermann (2001) festhält: „... damit man das aushält“, nämlich ständig „unkonzentriert zu sein, ständig assoziativ zu sein, sich permanent entäußern zu können, ständig aufmerksam zu sein, schaffen sich die Leute in allen Städten der Welt wahrscheinlich Dörfer. Und wer halt Pech hat, gehört zu keinem Dorf in der Stadt. Und wer halt Glück hat, der gehört doch zu einem Dorf.“ (Vgl. Geschke 2013, S.222)

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Mittwoch, 6. November 2013

Sandra Maria Geschke, Doing Urban Space. Ganzheitliches Wohnen zwischen Raumbildung und Menschwerdung, Bielefeld 2013

(transcript, 357 S., 33,80 €)

1. Prolog
2. Methode
(A) Wildes Denken
(B) Kasuistik
3. Anthropologie
4. Identitätsräume und Kommunikationsräume
5. Raumbindungsverluste
6. Gentrifizierung
7. Stadtplanung

Sandra Maria Geschke spricht mit Hannah Arendt von drei „Grundtypen menschlicher Tätigkeit“, der „Leiblichkeit“, „Heimatlosigkeit“ und „Pluralität“. (Vgl. Geschke 2013, S.61) Diesen drei Grundtypen entspricht eine triadische Raumstruktur: der atmosphärisch gestimmte Weiteraum (vgl. Geschke 2013, S.63-90), der kulturelle Identitätsraum (vgl. Geschke 2013, S.90-121) und der kommunikative Erscheinungsraum (vgl. Geschke 2013, S.122-157). Dabei bildet die Leiblichkeit mit ihrem atmosphärisch gestimmten Weiteraum mit seinen Polen beklemmender Enge und offener Weite das Zentrum und zugleich die Voraussetzung der anderen beiden Raumtypen. (Vgl. Geschke 2013, S.260)

Die Leiblichkeit beinhaltet sowohl Natalität wie auch Doppelaspektivität im Plessnerschen Sinne. Schon die Natalität beschreibt Geschke mit Gernot Böhme (2003) als „eine Art des immer wieder ‚Zur Welt-Kommen(s)‘ im Sinne eines ‚schwebenden Zustand(s)‘()“. (Vgl. Geschke 2013, S.63f.) Insofern sich der Mensch im Laufe seines Leben immer nur situationsbezogen erleben und verwirklichen kann, macht er an sich selbst die Erfahrung einer „intrasubjektive(n) Plutalität“ des „Erscheinens von Teilen seines Selbst“ (vgl. Geschke 2013, S.64 und S.124), wie sie Herbart positiv als „Vielseitigkeit des Interesses“ beschrieben hat (vgl. Geschke 2013, S.304). Zugleich ist diese ‚Pluralität‘ natürlich auch die Kehrseite seiner Heimatlosigkeit, die gewissermaßen den Doppelaspekt zur Vielseitigkeit bildet.

Besonders prägnant bringt Geschke die Plessnersche Doppelaspektivität zum Ausdruck, wenn sie von der Leiblichkeit als einer „symbiotische(n) Schnittstelle von Außen- und Innensicht eines Menschen“ spricht. (Vgl. Geschke 2013, S.68; vgl. auch meine Posts vom 21.10. und vom 22.10.2010) Speziell diese Doppelaspektivität führt zu den zwei anderen Raumtypen, dem kulturellen Identitätsraum und dem kommunikativen Erscheinungsraum. Der kulturelle Identitätsraum entspricht als Heimat dem Plessnerschen Begriff der Gemeinschaft und bildet im Vergleich zum kommunikativen Erscheinungsraum, der dem Plessnerschen Begriff der Gesellschaft entspricht, ein Innen gegenüber einem Außen.

Die schroffe Entgegensetzung von Gemeinschaft und Gesellschaft, wie wir sie von Plessner kennen (vgl. meine Post vom 14.11. bis zum 17.11.2010), wird hier aber durch das räumliche Ineinander von Identitätsraum und Erscheinungsraum überwunden. Der Mensch ‚bewohnt‘ nicht nur seinen Leib, sondern auch die anderen beiden Räume, die geographisch identisch sind und sich über Wohnung, Haus, Straße und Stadtteil erstrecken.

Ansonsten haben wir hier aber die gleichen Funktionen, mit denen der Identitäts- bzw. Heimatraum der Gemeinschaftsbildung dient, und umgekehrt, und der kommunikative Erscheinungsraum Pluralität im demokratischen Umgang mit Differenz und Fremdheit ermöglicht. Ganz ähnlich wie Plessner die gesellschaftlichen Maskenspiele beschreibt, bildet die gesellschaftliche Bühne auch bei Geschke die Grundlage für eine individuelle Identitätsbildung, „was bedeutet, dass sich die Bildung von Identität rollen- und situationsbezogen vollzieht, so dass man personenbezogen von diversen nebeneinander existierenden Teilidentitäten respektive im Hallschen oder Krotzschen Sinne von fragmentarischen Identitäten() sprechen muss, deren Andeutungen und Ausprägungen sich situations- und vor allem interaktionsbezogen vollziehen. Auch hier kann von einem individuellen Basteln und Bedienen aus dem gesellschaftlichen Pool an Handlungs- und Seinsmöglichkeiten, existenten Diskursen und verfügbaren Geschichten gesprochen werden.“ (Vgl. Geschke 2013, S.25f.)

Aber Grundlage dieser individuellen Bewegungsfreiheit im kommunikativen Erscheinungsraum der Stadt ist eben die heimatliche Verwurzelung in einem Identitätsraum, so daß der Plessnersche Gegensatz zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft zu einem individuelle Bildsamkeit ermöglichenden Wechselverhältnis zwischen Innen und Außen wird; ein Wechselverhältnis, das Plessner als Expressivität und als ‚Seele‘ beschreibt. ‚Gemeinschaft‘ bzw. ‚Heimat‘ bildet nicht mehr nur, wie bei Plessner, das unterschiedliche Verschmelzen mit und Abtauchen in einem kollektiven Ich, einer Gruppenidentität, sondern im Wechselspiel mit dem kommunikativen Erscheinungsraum der Gesellschaft einen „Raum zur menschlichen Entfaltung“: „‚Heimat ist da, wo ich handlungsfähig bin‘() ... Heimat wäre somit ein Ergebnis der wechselseitigen Einflussnahme von Umgebung und Mensch aufeinander, ein kontinuierliches Sich-in-die-Umwelt-Einschreiben und Von-der-Umgebung-Beschrieben-Werden.“ (Geschke 2013, S.111)

Umgekehrt dient wiederum der kommunikative Erscheinungsraum als Diskursraum dem Einbringen von spezifischen Einwohnerinteressen, was deren Handlungsfähigkeit bestätigt und ein positives „Wirksamkeitsgefühl“ fördert, was wiederum die heimatliche Raumbindung stärkt: „Damit kann die qua Pluralität zu leistende Aufgabe der Konstruktion eines Erscheinungsraumes als basaler Vorgang für die Herstellung und Aufrechterhaltung einer Gemeinschaft und damit auch einer individuellen wie kollektiven Identität angesehen werden. Diese ist mit Sinnkonstitution verbunden, welche sich wiederum bewusstseinsbezogen immer in Bezug auf und in Abhängigkeit von Menschen und/oder Dingen vollzieht.“ (S.129)

Die narrativen Figuren, mit denen Geschke die unterschiedlichen Bewegungsweisen von heimatlichem Identitätsraum und kommunikativem Erscheinungsraum beschreibt, sind der „Flaneur“ (vgl. Geschke 2013, S.187-224) und der „Nomade“ (vgl. Geschke 2013, S.224-260). Der Flaneur steht für den kulturellen Identitätsraum. Er ist ein „Wandler zwischen den Welten“ (Geschke 2013, S.192), ein „Schwellenkundiger“ (Geschke 2013, S.209), ein Zeitreisender, der „zwischen Vertrautheit und Fremdheit, zwischen alt und neu, zwischen gestern, heute und morgen“ vermittelt (vgl. Geschke 2013, S.192) und Wege zu einer menschenfreundlicheren Stadt eröffnet.

Der Nomade steht für die Pluralität und für den kommunikativen Erscheinungsraum. Er ist eine „Figur der Innovation, der Irritation“ (Geschke 2013, S.224) und bildet die „Leitfigur einer Gesellschaft ..., in der Mobilität als einer der höchsten Werte gehandelt wird und das Mobilsein zu einer sozialen Norm geworden ist.‘()“ (Vgl. Geschke 2013, S.226f.) Zugleich ist er aber eine Figur der Öffentlichkeit, ein „Public Man“ (Geschke 2013, S.234), und ermöglicht dem Einheimischen aus dem lebensweltlichen „Immer-so-weiter“ auszubrechen. Er verleiht den ewig Wurzelschlagenden Flügel. (Vgl. Geschke 2013, S.303ff.)

Atmosphärisch gestimmter Weiteraum, heimatlicher Identitätsraum und kommunikativer Erscheinungsraum ermöglichen es also dem Menschen, in der Welt wohnhaft zu werden. Den Raum wieder als eine „menschenfreundliche() Bezugsgröße“ zu verstehen, beinhaltet also eine humane Rückeroberung des rein physikalischen Raumbegriffs und der damit verbundenen technologischen Globalisierung. In diesem Sinne konfrontiert Geschke auch die Wissenschaften mit einem „didaktischen Imperativ“, der eine neue „Orchestrierung von Transdisziplinarität im wissenschaftlichen Forschungsraum“ einfordert. (Vgl. Geschke 2013, S.17) An die Stelle von „matters of fact“ sollen „matters of concern“ treten, in deren Zentrum wieder die Menschwerdung steht.

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