Dienstag, 16. Oktober 2012

Verspätetes Bewußtsein

In seinem Buch „Descartes Irrtum“ (5/2007 (1994)) schreibt Damasio, daß unser Bewußtsein niemals gegenwärtig, sondern im Gegenteil „hoffnungslos verspätet“ ist. (Vgl. Damsio 5/2007, S.318f.) Ich selbst habe in verschiedenen Posts diese „Verspätung“ als einen Effekt des unterbrochenen Reflexbogens beschrieben, und ich habe die These aufgestellt, daß diese Verspätung das Bewußtsein nicht etwa widerlegt, sondern überhaupt erst ermöglicht. (Vgl. meine Posts vom 11.02.201220.04.2012 und vom 26.09.2012)

Eine Sendung des Deutschlandfunks vom 07.10.2012 berichtete nun von einer „Gedankenübersetzungsmaschine“, die meine These noch einmal auf dramatische Weise bekräftigt. Die Gedankenübersetzungsmaschine besteht in einem „Brain-Computer-Interface“, das es Locked-in-Patienten – also Patienten, die bei Bewußtsein sind, aber keinerlei Kontrolle mehr über ihren Körper haben und deshalb nicht mit ihrer Umwelt kommunizieren können – ermöglicht, mittels purer Gedankenkraft einen Computer zu bedienen. Brain-Computer-Interfaces übertragen auch Gedankenbefehle an Prothesen von bein- oder armamputierten Menschen.

Besonders interessant wurde es an der Stelle, wo in der Radiosendung vom Interesse der Kriegsindustrie an solchen Gedankenübersetzungsmaschinen berichtet wurde. Da der Gedankenbefehl zum Abfeuern einer Waffe mittels des Brain-Computer-Interfaces „ohne den Zwischenweg über die Motorik über die Hände“, also „direkt aus dem Gehirn“ zum Auslöser gelangt, lassen sich entsprechend auch Reaktionszeiten letztlich auf Null reduzieren. Mit anderen Worten: das Bewußtsein ist nicht länger verspätet bzw. hinter den Ereignissen hinterher. Bewußtseinprozesse und Handlungen laufen zeitgleich ab.

Einer der interviewten Wissenschaftler äußerte deshalb Bedenken hinsichtlich der Gedankenfreiheit. Die „Eigenverantwortung für das, was man tut“, werde durch Brain-Computer-Interfaces „unterlaufen“. Da es zwischen dem Gedanken und der Tat keinen Unterschied mehr gäbe, also keine zeitliche Differenz, sind jetzt Gedanken und Taten identisch. Es gilt jetzt nicht mehr das alt-ehrwürdige moralische Prinzip, daß in Gedanken alles erlaubt ist und nur das Handeln moralischen Regel unterliegt. Da ein Brain-Computer-Interface keinen Unterschied mehr erkennt zwischen Gedanken, die wir bloß denken, und Gedanken, die wir ausführen wollen, wird diese Differenz zwischen Denken und Tun aufgehoben.

Das verspätete Bewußtsein steht also für ein Bewußtsein, das seinem Körper exzentrisch gegenüber steht. Nur deshalb können wir denken, ohne gleichzeitig zu handeln. Erstaunlich ist dabei auch, daß die neurophysiologischen Prozesse, die den gedanklichen Vorstellungen entsprechen, exakt dieselben sind wie die neurophysiologischen Prozesse, die das körperliche Handeln begleiten. Es ist also letztlich der Körper, der diese Differenz zwischen dem Gedanken und seiner Ausführung markiert. In den neurophysiologischen Prozessen selbst gibt es diese Differenz nicht. Das verleiht dem Körper als Leib eine enorme Bedeutung. Denn ohne ihn gäbe es keine Gedankenfreiheit.

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