Sonntag, 26. August 2012

I, Robot

Die drei Gesetze von Asimov lauten:
  1. Schade niemals einem Menschen!
  2. Befolge immer die Befehle der Menschen, es sei denn, sie widersprechen Gesetz Nr.1!
  3. Bewahre dich selbst vor Schaden, es sei denn, das widerspricht Gesetz Nr. 1 und 2!
An welcher Stelle wird diese unbestechliche Logik gefährlich? Wo sie zu differenzieren beginnt: ein Roboter steht vor der Wahl, das Leben eines erwachsenen Mannes oder eines kleinen Mädchens zu retten. Beides zusammen geht nicht. Wer hat die größere Überlebenschance? Das ist eine Entscheidung, die jeder Arzt im Katastrophenfall fällen muß. –  Wenn der Roboter aber zu differenzieren beginnt, wer die größere Überlebenschance hat, kann er auch zwischen der größeren und geringeren Effektivität differenzieren, den drei Gesetzen zu folgen. Die größere Effektivität besteht darin, daß der Mensch vor sich selbst geschützt werden muß. Die größte Effektivität aber, den Menschen vor sich selbst zu schützen, besteht darin, seine Freiheit zu beschneiden. Also muß der Roboter den Menschen beherrschen. – Das ist Logik! Und es ist, wie Sonny festhält, herzlos.

Die Herr-Knecht-Dialektik bei Rousseau, stark ist der Knecht, weil er alles tun kann, und schwach ist der Herr, weil er davon abhängig ist, daß sein Knecht alles für ihn tut, ist auf die Roboter übertragbar. Was bedeutet ein intelligentes Haus? Daß der Mensch nicht mehr intelligent zu sein braucht! Was bedeutet ein Roboter? Daß der Mensch nicht mehr zu arbeiten braucht! – Beides läuft auf dasselbe hinaus. Wer das nicht glaubt, denke nur an den kleinen Prinzen, der sich weigert, sich mit einer Pille das tägliche Wassertrinken zu ersparen. Was er mit der gewonnenen Zeit tun würde? Ganz gemütlich zu einem Brunnen spazieren!

Bei Rousseau sollen Bücher und Modelle dem Menschen nicht das Denken abnehmen dürfen. Darin steckt schon eine Kritik der Computerlogik von heute. Was das bedeutet, hat Manfred Spitzer in „Digitale Demenz“ (2012) beschrieben.

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Sonntag, 19. August 2012

Damasios rekursive Ordnung der Stufen des Selbst

(Vgl. meinen Post vom 17.08.2012)

Wenn ich Damasios Stufenaufbau des Selbst auf ein rekursives Sphärenmodell übertrage, müßte es ungefähr folgendermaßen aussehen: das Protoselbst repräsentiert den Körper, und zwar einen bestimmten homöostatischen Ausgangszustand dieses Körpers, der in Form von ursprünglichen Gefühlen (A) ein beständiges latentes Hintergrundgefühl zu unserem Selbst beisteuert. (Vgl Damasio 2011, S.118) Vor diesem Hintergrundgefühl heben sich alle besonderen Gefühle ab, die Variationen seines grundlegenden Themas bilden: den eigenen lebendigen Körper und seine „pure Existenz“. (Vgl. Damasio 2011, S.33, 130)


Dieser im Protoselbst repräsentierte relativ stabile Ausgangszustand erfährt durch Wahrnehmungen (B) und Erinnerungen (C) ständige Veränderungen. Diese Veränderungen werden in Form von losen, noch unbewußt bleibenden Bilderfolgen an das Kern-Selbst weitergegeben, das diese nun erst in „Form eines Handlungsablaufs“ (vgl. Damasio 2011, S.219) miteinander verknüpft und so mehr oder weniger regelmäßige „Pulse“ erzeugt (vgl. Damasio 2011, S.218), die die unterste Schwelle unseres bewußten Erlebens bilden. Diese Pulse werden von dem schon erwähnten Hintergrundgefühl von der eigenen Existenz begleitet (D), das wiederum mit dem Gefühl der Perspektivität (E) verknüpft ist: unser „Standpunkt“ ist in unserem Körper eindeutig lokalisiert. Er bildet die Mitte, von dem aus unser Geist „sieht, tastet, hört und so weiter“. (Vgl. Damasio 2011, S.198)  Diese Pulse des Kern-Selbst geben uns, so Damasio, das Gefühl (F), etwas zu wissen, wozu gehört, daß wir uns als Eigentümer unserer Wahrnehmungen und Erinnerungen erleben, und die Gewißheit, daß wir in unseren Handlungen frei sind.

Aus den kurzfristigen, an einzelnen Objekten ausgerichteten Pulsen des Kern-Selbst setzt sich das umfassende autobiographische Selbst (G) zusammen. Einzeln oder gruppenweise aus dem Gedächtnis abgerufene Erinnerungen werden als einzigartige, biographische Objekte behandelt und an das Protoselbst weitergeleitet, welches seinen Ausgangszustand verändert und Pulse des Kern-Selbst erzeugt. (Vgl. Damasio 2011, S.219)

Aber das autobiographische Selbst besteht natürlich nicht nur aus Erinnerung, sondern – wie Plessner schreibt – es muß sein Leben führen. (Vgl. „Stufen des Organischen“ (1975/1928), S.310) Deshalb beinhaltet dieses autobiographische Selbst mehr als nur den Vergangenheitsbezug: „Dieses Selbst definiert sich unter dem Gesichtspunkt autobiografischen Wissens, das sich sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die vorhersehbare Zukunft bezieht. Die vielen Bilder, die in ihrer Gesamtheit eine Biografie definieren, erzeugen Pulse des Kern-Selbst, die in ihrer Summe ein autobiografisches Selbst ausmachen.“ (Damasio 2011, S.34) So beinhaltet bei Damasio das Gedächtnis also nicht nur Erinnerungen, sondern es bildet zugleich die Grundlage für eine freie Phantasietätigkeit, für einen durch „Reflexion“ gesteuerten „Bildverarbeitungsapparat“, in dem die bisherigen gespeicherten Erfahrungen in einem „Prozess des Überlegens“ „erinnert und manipuliert werden“. (Vgl. Damasio 2011, S.188)

Das autobiographische Selbst ist noch einmal in eine soziokulturelle Sphäre (H) eingebettet, deren verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen weitere rekursiv organisierte Sphären bilden, die ich in der Graphik nicht noch einmal eigens dargestellt habe. Den verschiedenen übereinander geschichteten und rekursiv aufeinander bezogenen Sphären habe ich einen Intentionalitätsstrahl hinzugefügt, um die auf Objekte gerichtete Aufmerksamkeit darzustellen, die die verschiedenen Sphären einerseits zu einem umfassenden Bewußtsein integriert, andererseits aber auch immer wieder auf die jeweiligen Objekte unserer Aufmerksamkeit hin unterschiedlich gewichtet. Diese Gewichtung geschieht Damasio zufolge durch somatische Marker, den protonarrativen Urformen jeder späteren, explizit sprachlichen Syntax.

Die somatischen Marker sind aber nichts anderes als die alle Erinnerungen und Wahrnehmungen begleitenden Gefühle und werden insofern in der Graphik von den kleinen Doppelpfeilen als rekursiven Bindegliedern zwischen den einzelnen Sphären abgebildet. Zugleich sind diese Doppelpfeile auf den Intentionsstrahl gerichtet und deuten so die von den jeweiligen, durch ihn hervorgehobenen Objekten bewirkten Veränderungen in der Gesamtdynamik des Sphärenmodells an.

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Samstag, 18. August 2012

Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, München 2011

1. Begriffe und Hypothesen
2. Methode
3. Selbst kommt hinzu
4. Körper und Gehirn
5. Bewußtsein und Rekursivität
6. Erziehung des Unterbewußten
7. Biologischer Wert und Kultur
8. Die Grenze des Körperleibs

Es gibt verschiedene Stellen in Damasios Buch, an denen er sich der Plessnerschen Grenzbestimmung des Körperleibs und der damit verbundenen Doppelaspektivität annähert, ohne allerdings zur vollen Einsicht in die damit verbundenen Problematiken zu gelangen. Es finden sich aber Formulierungen, die es wert sind, daß ich sie im vollen Umfang zitiere:
„Die umfassende Kartierung des Körpers erstreckt sich nicht nur auf das, was wir als den eigentlichen Körper betrachten – Muskel- und Skelettsystem, innere Organe, inneres Milieu –, sondern auch auf jene besonderen Wahrnehmungsinstrumente, die an ganz bestimmten Stellen des Körpers angebracht sind und quasi seine Spähposten darstellen: die Schleimhäute für Geruch und Geschmack, die Berührungssensoren der Haut, die Ohren und Augen. Diese Instrumente liegen ebenso wie Herz und Darm im Körper, nehmen aber eine bevorrechtigte Position ein. Man könnte sagen: Sie liegen wie Diamanten in einer Fassung. Alle diese Instrumente bestehen zum Teil aus ‚altem Fleisch‘ (der Fassung für die Diamanten) und zum Teil aus hochempfindlichen, ganz speziellen ‚neuronalen Sensoren‘ (den Diamanten). Wichtige Beispiele für die Fassung aus ‚altem‘ Fleisch sind beispielsweise das Außenohr, der Gehörgang, das Mittelohr mit seinen Gehörknöchelchen und das Trommelfell, ebenso die Haut und die Muskeln rund um die Augen sowie die verschiedenen Bestandteile des Augapfels mit Ausnahme der Netzhaut, beispielsweise Linse und Pupille. Zu den hochempfindlichen neuronalen Sensoren gehören die Schnecke im Innenohr mit ihren raffinierten Haarzellen und ihrer Fähigkeit, Geräusche zu kartieren, aber auch die Netzhaut auf der Rückwand des Augapfels, auf die die optischen Bilder projiziert werden. Die Kombination aus altem Fleisch und neuronalem Sensor stellt eine Grenze des Körpers dar.“ (Damasio 2011, S.102f.)
Wichtig ist zunächst insbesondere der letzte Satz zur „Grenze des Körpers“, der tatsächlich eine Grenzbestimmung des Körperleibs zum Ausdruck bringt, denn an dieser Stelle ist auf organischer Ebene die Differenz zwischen Innen und Außen festzumachen. Es handelt sich dabei nach Damasio tatsächlich um eine Grenze des Körpers und nicht einfach um eine Projektion des Gehirns, wie viele Neurowissenschaftler meinen. Was auch immer das Gehirn mit den sinnesphysiologischen Daten anfangen mag, die es von den von Damasio aufgezählten Schleimhäuten, den Berührungssensoren der Haut, den Ohren und den Augen bezieht: es ist der Körper, über die er sie bezieht. Sie werden nicht etwa per Funk von außen unter Umgehung des Körpers direkt ins Gehirn übertragen: „Signale aus der Umwelt müssen diese Grenze überwinden und können erst dann ins Gehirn gelangen. Auf direktem Wege erreichen sie das Gehirn nicht. Wegen dieses eigenartigen Arrangements kann die Repräsentation der Welt, die sich außerhalb des Körpers befindet, nur über den Körper ins Gehirn gelangen, genauer gesagt über seine Oberfläche.“ (Damasio 2011, S.103)

An dieser Stelle bräuchte Damasio nur noch einen kleinen Schritt weiterzugehen und die Differenz von Innen und Außen am Körper selbst festzumachen, und er wäre zur Doppelaspektivität des Körpers als Körper und als Leib, als Körperleib, vorgestoßen. Daraus hätte sich alles andere ergeben, von der exzentrischen Positionalität bis hin zum menschlichen Selbstverhältnis als vermittelte Unmittelbarkeit, in der wir uns nur finden, indem wir uns verfehlen. Hierzu gehört auch ein gehaltvolles Verständnis von Emotionen und Gefühlen als ‚Seele‘, deren Ambivalenzen die Grenzbestimmung des Körperleibs widerspiegeln. Als „noli me tangere“ steht sie bei Plessner paradigmatisch für das Scheitern des menschlichen Strebens nach Authentizität.

Damasio tut diesen Schritt allerdings nicht; er bleibt – wie wir in den letzten beiden Posts gesehen haben – beim biologischen Wert. Es gibt aber noch andere Stellen, an denen Damasio an Plessners Anthropologie nahe dran ist. So schreibt Damasio z.B., daß die im obigen Zitat aufgeführten Sinnesorgane, die er auch als „Sinnesportale“ bezeichnet (vgl. Damasio 2011, S.203), eine „Doppelrolle“ spielen: „Einerseits bauen sie die Perspektive auf (ein wichtiger Aspekt des Bewusstseins), und andererseits dienen sie zur Konstruktion qualitativer Aspekte des Geistes. Zu den Merkwürdigkeiten bei der Wahrnehmung eines Objekts gehört die einzigartige Beziehung, die wir zwischen den geistigen Inhalten, die das Objekt beschreibt, und denen, die dem an der jeweiligen Wahrnehmung beteiligten Körperteil entsprechen, herstellen.“ (Damasio 2011, S.209)

Der Begriff der „Perspektive“ steht bei Damasio dafür, „dass mein Geist einen Standpunkt hat, von dem aus er sieht, tastet, hört und so weiter; dieser Standpunkt ist mein Körper“. (Vgl. Damasio 2011, S.198) Wenn man statt „Standpunkt“ „Positionalität“ sagt, wie Plessner, ist auch hier der Schritt zur „exzentrischen Positionalität“ nicht mehr fern. Und Damasios Hinweis darauf, daß die Sinnesportale „zur Konstruktion qualitativer Aspekte des Geistes“ beitragen, beinhaltet auch, wenn man berücksichtigt, daß wir es bei Damasio und bei Plessner mit unterschiedlichen Geistkonzepten zu tun haben, schon den Ansatz zu einer Ästhesiologie des Geistes, der dann aber leider von Damasio nicht mehr weiter ausgebaut wird.

Schließlich verweist Damasio noch auf einen weiteren Aspekt der „Körper-Gerichtetheit des Gehirns“: „Da das Gehirn seinen Körper in integrierter Form kartiert, gelingt es ihm, die entscheidende Komponente des späteren Selbst zu schaffen. Wie wir noch erfahren werden, ist die Kartierung des Körpers ein Schlüssel für die Aufklärung des Bewusstseinsproblems.“ (Damasio 2011, S.103)

In diesen Formulierungen steckt ein erster Hinweis auf die Bedeutung und die Herkunft der Gestaltwahrnehmung. Die erste ‚Gestalt‘ nämlich, an der wir das Urbild für alle künftigen Gestaltwahrnehmungen haben, ist der eigene Körper, dessen verschiedene Aspekte und Funktionen vom Gehirn, in Form von ‚Karten‘, d.h. in Form von neuronalen Schaltkreisen, ‚integriert‘ werden. Von diesem Urbild des eigenen Körpers her werden uns alle anderen künftigen Phänomene mit ihren Innen- und Außenhorizonten erstmals verständlich. Und in ihm spiegelt sich letztlich auch die Identität und Kontinuität unseres geistigen Selbst: „Wir leben nicht in zwei Körpern, sondern in einem (diese Tatsache leugnen nicht einmal siamesische Zwillinge), und wir haben einen Geist, der zu diesem Körper gehört, sowie ein Selbst, das zu beidem gehört. (Ein multiples Selbst und multiple Persönlichkeit sind keine normalen Geisteszustände.)“ (Damasio 2011, S.205)

Nun schreibt Damasio zwar, daß „wir noch erfahren werden“, inwiefern „die Kartierung des Körpers ein Schlüssel für die Aufklärung des Bewusstseinsproblems“ ist, aber letztlich verbleibt er auch hier nur auf der Ebene des biologischen Werts, der uns in unseren Körperzellen bis in die höchsten Kulturleistungen als orientierender Maßstab vorgegeben ist. Hauptsächlich besteht bei Damasio die Entwicklung des Bewußtseins in der Kontinuität der Entwicklung des Lebens zu immer größerer Komplexität (vgl. Damasio 2011, S.39), womit er die eigentliche qualitative Bestimmung des menschlichen Bewußtseins letztlich verfehlt.

Dabei lehne ich aber Damasios Konzept der grundlegenden Homöostasen und ihrer Erweiterungen in den soziokulturellen Bereich hinein keineswegs prinzipiell ab. Eine solche Ausbalancierung biologischer, kultureller und individueller Entwicklungsmomente verbinde ich auch mit meiner eigenen Verhältnisbestimmung von Naivität und Reflexion. Ich teile außerdem Damasios Ansicht, daß es eine narrative Kopplung zwischen biologischen und kulturellen Homöodynamiken auf der einen Seite und der individuellen Selbstverwirklichung auf der anderen Seite gibt. Die narrative Syntax der individuellen Sinnbestimmung, Plessners syntagmatische Gliederung, wirkt sich auf die protonarrativen Sequenzen grundlegender Homöostasen aus und wird zugleich durch diese Homöostasen, in Form des biologischen Wertes, bestätigt. Dabei gehen kulturelle und individuelle Sinnbestimmungen aber keineswegs im biologischen Wert auf. Das menschliche Sinnstreben ist vielmehr ein auf den vermittelnden Ausdruck, also auf Sprache angewiesener lebenslanger Versuch, vor sich selbst und vor anderen wie sich selbst verständlich zu werden.

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Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, München 2011

1. Begriffe und Hypothesen
2. Methode
3. Selbst kommt hinzu
4. Körper und Gehirn
5. Bewußtsein und Rekursivität
6. Erziehung des Unterbewußten
7. Biologischer Wert und Kultur
8. Die Grenze des Körperleibs

Vor allem in einer Hinsicht versteht Damasio die soziokulturelle Homöostase als bruchlose Fortsetzung der grundlegenden Homöostase: wie diese ist sie ein „Verwalter des biologischen Wertes“. (Vgl. Damasio 2011, S.38) Den biologischen Wert macht Damasio an „geordnete(n), mit einem gesunden Leben vereinbare(n) chemische(n) Verhältnisse(n) in seinem Körper für jedes Lebewesen zu jedem Zeitpunkt“ fest (vgl. Damasio 2011, S.57), – was übrigens bedeuten würde, daß die Pubertät keinen ‚Wert‘ hätte.

Auf der Ebene von Körperzellen und Organismen besteht der biologische Wert im Überleben und auf der Ebene der Gattung in der Fortpflanzung: „Grob gesagt, besteht der entscheidende Wert für ganze Organismen darin, im gesunden Zustand bis zu einem Alter zu überleben, das den Fortpflanzungserfolg möglich macht. Die natürliche Selektion hat den Homöostaseapparat so perfektioniert, dass er genau dies erlaubt. Demnach ist der physiologische Zustand der Gewebe eines Lebewesens innerhalb eines optimalen Homöostasebereichs letztlich der Ursprung von biologischem Wert und Bewertungen.“ (Damasio 2011, S.59)

Dieser Wertbezug setzt sich bis in unser tägliches Lebens hinein fort: „Objekte und Prozesse, mit denen wir uns in unserem täglichen Leben auseinandersetzen, erhalten ihren zugeordneten Wert durch Bezugnahme auf dieses Urbild des durch natürliche Selektion entstandenen Wertes eines Organismus.“ (Damasio 2011, S.60)

So ist es letztlich kein Wunder, daß auch die kulturellen Einrichtungen, die unseren Lebensalltag organisieren, vor allem an diesem biologischen Wert orientiert sind: „Der bewusste Geist des Menschen, der mit einem so komplexen Selbst ausgerüstet ist und darüber hinaus noch über so großartige Fähigkeiten wie Gedächtnis, Vernunft und Sprache verfügt, bringt die Instrumente der Kultur hervor und eröffnet auf den Ebenen von Gesellschaft und Kultur den Weg zu neuen Mitteln der Homöostase. In einem außergewöhnlichen Sprung erfährt die Homöostase eine Erweiterung in die soziokulturelle Sphäre. Beispiele für diese neuen Mittel der Regulation sind Justizsysteme, wirtschaftliche und politische Organisationen, Künste, Medizin und Technologie.“ (Damasio 2011, S.38)

Auch wenn Damasio hier von einem „außergewöhnlichen Sprung“ von der grundlegenden zur soziokulturellen Homöostase spricht, sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, daß er in Wirklichkeit von einem bruchlosen „Funktionskontinuum“ zwischen „Geist“ und „Selbst“ und damit auch zwischen biologischem Wert und kulturellen Einrichtungen ausgeht. (Vgl. Damasio 2011, S.177f.) ‚Außergewöhnlich‘ ist hier nur die Reichweite des Sprungs, nicht aber der Sprung selbst, etwa über den Bruch zwischen Biologie und Kultur hinweg: „Biologie und Kultur stehen in einer engen Wechselbeziehung. Soziokulturelle Homöostase wird durch die Tätigkeit der vielen Geister geformt, deren zugehörige Gehirne anfangs auf bestimmte Weise und unter Leitung ganz bestimmter Genome aufgebaut wurden. Faszinierenderweise deutet immer mehr darauf hin, dass kulturelle Entwicklungen zu tiefgreifenden Wandlungen im Genom des Menschen führen können.“ (Damasio 2011, S.308)

Ironischerweise bringt Damasio selbst ein passendes Beispiel für die Begrenztheit des biologischen Wertes, der sich eben doch nicht so einfach auf soziale und kulturelle Kontexte übertragen läßt. Damasio beschreibt eine neurologische Störung des präfontalen Cortex, die dazu führt, daß die davon Betroffenen bei der Beurteilung bestimmter hypothetischer ethischer Dilemmata kognitive Defizite aufweisen: „Manche anderen Patienten, bei denen sich der Schaden des präfrontalen Cortex auf den ventromedialen Bereich konzentriert, beurteilen hypothetische Dilemmata auf sehr praktische, pragmatische Weise, die wenig bis gar nichts mit den besseren Seiten der menschlichen Seele zu tun hat. Konfrontiert man solche Patienten mit dem hypothetischen Fall eines Mordversuchs, der trotz der Mordabsicht nicht zum Tod des Betroffenen geführt hat, schätzen sie die Situation nicht wesentlich anders ein, als die einer zufälligen, unabsichtlichen Tötung. ... Solche Personen verstehen Motive, Absichten und Folgen auf – gelinde gesagt – unkonventionelle Weise, und das obwohl sie in ihrem Alltagsleben in der Regel keiner Fliege was zu Leide tun.“ (Damasio 2011, S.298)

Damasio bemerkt an dieser Stelle überhaupt nicht, daß sich die beschriebenen Personen genau entsprechend dem biologischen Wert verhalten. Dieser Wert stellt einen Mittel-Zweck-Zusammenhang dar, der die Bestimmung dessen, was im jeweiligen Fall Mittel und was Zweck ist, in das Belieben subjektiver Willkür stellt. (Vgl. meinen Post vom 07.07.2011) Wäre der Patient selbst Teil der beschriebenen hypothetischen Situation, hätte er keine Schwierigkeiten. Wäre er das potentielle ‚Opfer‘, würde er den Täter verurteilen. Wäre er der potentielle Täter, würde er das Mißlingen seiner Mordabsicht bedauern. Denn der biologische Wert wäre für das Opfer selbstverständlich nicht derselbe wie der biologische Wert für den Täter! – Kein Wunder also, daß diese Patienten „auf – gelinde gesagt – unkonventionelle Weise“ urteilen. Ihnen steht ja auch nur der biologische Maßstab zur Verfügung!

Aus Plessners Perspektive stünden wir mit dieser Dilemmageschichte genau am Anfang eines kulturellen Entwicklungsprozesses. Kultur ist bei ihm nämlich nicht etwa die Fortsetzung der grundlegenden Homöostase mit anderen Mitteln, sondern Ausdruck einer „konstitutiven Gleichgewichtslosigkeit“ des Menschen (vgl. „Stufen des Organischen“ (1975/1928), S.316; vgl. auch meinen Post vom 26.10.2010), von der her sich natürlich auch wieder die Notwendigkeit entsprechender homöodynamischer Maßnahmen ergibt. Aber in dieser konstitutiven Gleichgewichtslosigkeit ist der biologische Wert nicht wie bei Damasio einfach in unseren Körperzellen und in unserem Genom vorgegeben, sondern das Gleichgewicht muß in Form von kulturellen Werten allererst geschaffen werden.

Deshalb wäre z.B. das Scheitern der Mordabsicht in der Dilemmageschichte bei Plessner ein guter Anlaß für den potentiellen Täter, über seine wirklichen Bedürfnisse nachzudenken. Denn die im Scheitern der Mordabsichten zum Ausdruck kommende Brechung des Intentionsstrahls (vgl. „Stufen des Organischen“ (1975/1928), S.340) könnte (wohlgemerkt: könnte, nicht müßte) bei neurologisch nicht gestörten Menschen zur Selbstreflexion führen und damit das Tor zu einer umfassenden Neubestimmung der eigenen Menschlichkeit aufstoßen, die auch die Bedürfnisse der anderen Menschen miteinbezieht.

Damasio würde hier sicher dagegenhalten, daß er genau das mit soziokultureller Homöostase gemeint hat: eben die Erweiterung der individuell ausgerichteten grundlegenden Homöostase auf den sozialen, den anderen Menschen miteinbeziehenden Zusammenhang. Und er hätte recht, wenn wir damit bei der Zweck-Mittel-Relation stehen bleiben würden. Aber Plessner zufolge bricht in der Brechung des Intentionsstrahls auch der Mittel-Zweck-Mechanismus auseinander. Und anstatt diesen Bruch nun mit kulturellen Mitteln zu ‚kitten‘ bzw. zu reparieren, beharrt Plessner darauf, daß wir uns jetzt auf einer Ebene der Selbstbestimmung befinden, die genau durch diesen Bruch definiert ist. Von nun an gibt es keine Authentizität mehr, sondern nur noch vermittelte Unmittelbarkeit. Jede Bedeutungsstiftung, jede Sinnbestimmung erfolgt auf der Basis einer Differenz und nicht auf der Basis einer Verschmelzung.

Bezogen auf die Dilemmageschichte heißt das, daß die Einbeziehung des anderen Menschen in die eigene Selbstbestimmung die Offenheit seiner Sinnbestimmung berücksichtigen muß. Der andere Mensch ist nicht darauf festgelegt, einen funktionalen Bestandteil meines biologischen Wertes zu bilden. Wenn ich so weit in meiner Selbstbestimmung gekommen bin, daß ich meine Verantwortung für die Offenheit der Sinnbestimmung des anderen Menschen erkenne, ist die Erweiterung des Bewußtseins bis zur höchsten Stufe vorgedrungen: zum Gewissen.

Die Grenzen des biologischen Wertes zeigen sich bei Damasio auch dort, wo er zu Ansätzen einer Kulturkritik vorstößt, dabei aber letztlich in der Affirmation des american way of life stecken bleibt: „In der Debatte über Nutzen und Gefahren kultureller Trends oder über Entwicklungen wie die digitale Revolution ist es von Nutzen, wenn wir mehr darüber wissen, wie unser vielseitiges Gehirn das Bewusstsein schafft. Wird beispielsweise die von der digitalen Revolution ausgehende fortschreitende Globalisierung des menschlichen Bewusstseins die Ziele und Prinzipien der grundlegenden Homöostase ebenso verfolgen, wie es die derzeitige soziokulturelle Homöostase tut? Oder wird sie sich von ihrer evolutionären Nabelschnur losreißen, sei dies nun gut oder schlecht?()“ (Damasio 2011, S.40f.)

Zunächst sprechen Damasios Fragen einen brisanten Themenbereich an, dem ja auch dieser Blog gewidmet ist. Es geht um Fragen der menschlichen Zukunft, insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen technologischer und wirtschaftlicher Entwicklungen auf unsere Menschlichkeit. Ein aktuelles Beispiel für eine entsprechende kulturkritische Wortmeldung von Seiten der Gehirnforschung ist übrigens Manfred Spitzers gerade erschienenes Buch zur „Digitalen Demenz“ (2012). In Damasios Zitat stolpert man dann aber über eine seltsame Formulierung: er fragt, ob die zunehmende Digitalisierung und Globalisierung „die Ziele und Prinzipien der grundlegenden Homöostase ebenso verfolgen (wird), wie es die derzeitige soziokulturelle Homöostase tut“!

Da ist man dann doch etwas überrascht. Welche „derzeitige soziokulturelle Homöostase“, die die „Ziele und Prinzipien der grundlegenden Homöostase“ verfolgt, meint Damasio genau? Müßte man nicht im hier angesprochenen Zusammenhang des biologischen Wertes, also des Überlebens, an eine Lebensform denken, die sich an den Prinzipien der Nachhaltigkeit orientiert? Damasio lebt und arbeitet in den USA. Da er nichts anderes erwähnt, liegt es nahe, daß er bei der derzeitigen soziokulturellen Homöostase an die us-amerikanische Lebensform denkt, also an den american way of life. Aber diese kann doch wohl kaum jemand ernsthaft als an biologischen Werten orientiert beschreiben? – Es sei denn in dem Sinne, wie wir es hier diskutiert haben, nämlich im Sinne der subjektiven Beliebigkeit von Mittel-Zweck-Bestimmungen; nach dem Motto: nach mir die Sintflut.

So paßt es auch, daß Damasio die „dramatische Verringerung der Gewaltanwendung in Verbindung mit zunehmender Toleranz“ auf den Fortschritt der soziokulturellen Homöostase zurückführt. (Vgl. (Damasio 2011, S.38) Es wundert mich daran vor allem, wie Wissenschaftler – etwa Steven Pinker in seinem Buch zur „Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit“ (2011) – ein so komplexes Phänomen auf eine statistische, skalierbare Größe bringen können, die dann Aussagen ermöglicht wie die von Damasio zur „dramatischen Verringerung der Gewaltanwendung“. Ich hätte da enorme Skrupel, denn allererst stellt sich ja wohl das Problem, was denn Gewalt genau genommen eigentlich ist. Und ‚genau‘ müßte man das schon nehmen, um zu solchen statistischen Aussagen kommen zu können. Und gerade der Rückblick auf das 20. Jahrhundert liefert eher Stoff für Alpträume als für so beruhigende Feststellungen.

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Freitag, 17. August 2012

Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, München 2011

1. Begriffe und Hypothesen
2. Methode
3. Selbst kommt hinzu
4. Körper und Gehirn
5. Bewußtsein und Rekursivität
6. Erziehung des Unterbewußten
7. Biologischer Wert und Kultur
8. Die Grenze des Körperleibs

Angesichts der ungeheuren Komplexität lebenserhaltender Mechanismen, an deren Kontrolle und Steuerung das Gehirn beteiligt ist und die bis in die Anbahnung und Orientierung von bewußten Entscheidungsprozessen hineinreichen, wird von Seiten der Gehirnforschung immer wieder die Entscheidungs- und Willensfreiheit des Menschen in Frage gestellt. Damasio bezieht hier eine klare Position gegen eine solche Interpretation neurophysiologischer Forschungsergebnisse: „Bei der Aufklärung der neuronalen Mechanismen hinter dem bewussten Geist zeigt sich, dass unser Selbst nicht immer fehlerfrei ist und nicht die Kontrolle über alle Entscheidungen hat. Aber die Tatsachen rechtfertigen es auch, den falschen Eindruck abzulehnen, unsere Fähigkeit zu bewusstem Abwägen sei ein Mythos.“ (Damasio 2011, S.40)

Es macht Damasio zufolge gar keinen Sinn, die Frage nach der Handlungsfreiheit des Menschen mit einer Entweder-Oder-Alternative zu konfrontieren: also entweder volle Kontrolle über alle unsere dem Denken zugrundeliegenden physiologischen Prozesse oder keine Handlungsfreiheit. Vielmehr ist es ganz im Gegenteil eher so, daß wir überhaupt nur dann in den zahlreichen Situationen des alltäglichen Lebens sinnvolle Entscheidungen treffen können, wenn wir nicht ständig einen Großteil unserer bewußten Aufmerksamkeit auf die stets wiederkehrenden Routinen und Gewohnheiten richten müssen, mit denen wir uns am Leben erhalten und den sozialen Rollenerwartungen genügen: „Erstaunlicherweise existiert die selbstbezogene Lebenssteuerung immer gemeinsam mit dem automatischen Regulationsapparat, den jedes bewusste Lebewesen aus seiner Evolutionsgeschichte übernommen hat. Das gilt ganz besonders auch für den Menschen. Die meisten Regulationsvorgänge in unserem Inneren laufen unbewusst ab, und das ist auch gut so.“ (Damasio 2011, S.69)

Das Unbewußte reicht Damasio zufolge in der Evolutionsgeschichte zurück bis zu den Einzellern, aus denen sich dann die komplexeren, arbeitsteiligen Organismen gebildet haben. Das biologische Erbe dieser Einzeller steuert bis zu uns Menschen den Lebenswillen bei, der noch heute einen wesentlichen Teil unseres „riesige(n) Unbewusste(n)“ (Damasio 2011, S.187) bildet: „Nach meiner Überzeugung ist diese Gerichtetheit (der Neuronen auf den Körper – DZ) der Grund, warum der unterschwellige Lebenswille unserer Körperzellen sich jemals in einen mit Geist ausgestatteten, bewussten Willen umsetzen konnte. Der heimliche Wille der Zellen wurde in den Schaltkreisen des Gehirns nachgeahmt.“ (Damasio 2011, S.50)

Außerdem gibt es Damasio zufolge zusätzlich zu diesem elementaren Lebenswillen eine „gewaltige Zahl von Anweisungen, die in unserem Genom enthalten sind, als Leitfaden für den Aufbau des Organismus mit den charakteristischen Eigenschaften von Körper und Gehirn dienen und später auch zur Funktionsfähigkeit des Organismus beitragen. ... und zu diesem Grundaufbau gehört auch die Erstausstattung mit unbewusstem Knowhow, mit dem unser Organismus gesteuert werden kann.“ (Damasio 2011, S.292) – Der Einfluß dieses „genomischen Unbewussten“ reicht also sogar bis in die Verhaltenssteuerung unseres bewußten Lebens hinein und nimmt uns auf diese Weise viele Entscheidungen ab, mit denen so überhaupt erst ein Spielraum für ein selbstbestimmtes Leben eröffnet wird.

Außerdem lernt der Mensch in den langen Kinder- und Jugendjahren über die Erziehung und später über selbstbestimmte Bildungsprozesse einen Teil dieser unbewußten Mechanismen zu beeinflussen und schließlich sogar zu formen: „Es gibt zwei Formen der Lenkung von Handlungen, eine bewusste und eine unbewusste, aber die unbewusste Lenkung kann zum Teil durch die bewusste Form geprägt werden. Kindheit und Jugend nehmen beim Menschen gerade deshalb so viel Zeit in Anspruch, weil es sehr lange dauert, die unbewussten Vorgänge im Gehirn zu erziehen und innerhalb dieser unbewussten Domäne eine Form der Lenkung zu schaffen, die mehr oder weniger zuverlässig entsprechend den bewussten Absichten und Zielen funktioniert. In dieser langsamen Erziehung kann man einen Prozess sehen, durch den Teile der bewussten Lenkung an einen unbewussten Diener übertragen werden ...“ (Damasio 2011, S.283f.)

Ich habe diesen Bildungsprozeß anhand einer Pyramide dargestellt, die die entwickelte Individualität eines Menschen bis in seine biologische Basis hinunter veranschaulichen soll. (Vgl. meine Posts vom 01.06.2011 und vom 30.01.2012) Auch Damasio sieht in dieser produktiven Wechselbeziehung von Unbewußtem und Bewußtem, die ich als ausgewogenes Verhältnis von Naivität und Reflexion beschreibe (vgl. meine Posts vom 14.12.2010, 24.01.2011, 01.04.2011, 09.01.2012, 10.01.2012), die notwendige Voraussetzung für moralisches Urteilen und Handeln, also für die Autonomie der individuellen Urteilskraft: „Und schließlich entfaltet das kooperative Wechselspiel zwischen Bewusstem und Unbewusstem seine Wirkung in vollem Umfang auch bei moralischen Verhaltensweisen. Diese stellen ebenfalls eine Fähigkeit dar, die durch wiederholtes, langjähriges Üben erworben wurde. Sie speist sich aus bewusst formulierten Prinzipen und Gründen, ist aber ansonsten im kognitiven Unbewußten ebenfalls zu einer ‚zweiten Natur‘ geworden.“ (Damasio 2011, S.285)

Die dynamischen Mechanismen, mit denen hier grundlegende und soziokulturelle Homöostasen ineinandergreifen, habe ich im vorangegangen Post beschrieben. Ein gutes Beispiel für ein Erziehungskonzept, das die Entwicklungsphasen des Kindes auf ein Bedürfnisgleichgewicht hin orientiert, beinhalten die ersten drei Bücher von Rousseaus „Emile“. Dieses Gleichgewicht besteht darin, daß das Kind im Laufe seiner Entwicklung seine eigenen Bedürfnisse synchron mit seinen motorischen Fähigkeiten, sie zu befriedigen, entdeckt und entwickelt. Dabei ist es zu Beginn seines Lebens, als Säugling, unendlich schwach, weil es zur Befriedigung aller seiner Bedürfnisse der umfassenden Hilfe und Pflege der Erwachsenen bedarf, und am Ziel seiner Kindheit, in den wenigen Jahren der Vorpubertät ist es so stark, wie es danach nie mehr sein wird, weil es alle seine Bedürfnisse selbst befriedigen kann, ohne der Hilfe anderer zu bedürfen, und nun einen Überschuß an Kräften hat, die es ins Lernen investieren kann. Für dieses Lebensalter hat Rousseau den eigentlichen, gezielten Unterricht vorgesehen, verbunden mit einer ersten Berufsausbildung, um dieses schmale Zeitfenster zu nutzen; denn wenn das Kind erstmal in der Pubertät ist, als Jugendlicher, wird dieser für diesen Unterricht nicht mehr erreichbar sein.

Alles hängt bei Rousseaus Erziehungskonzept natürlich von diesem Gleichgewicht von Bedürfnissen und Kräften ab. Deshalb sind hier ‚falsche‘ Bedürfnisse, Bedürfnisse, die sich das Kind von anderen abschaut, aber nicht seine eigenen sind, so gefährlich. Das wichtigste Bedürfnis des Kindes aber, das Rousseau auch als das „Ziel der Natur“ bezeichnet, ist zu überleben, – ein Überlebenswille also, wie ihn Damasio jeder Körperzelle des menschlichen Organismus zuspricht, als Bestandteil eines genomischen Unbewußten. Erreicht das Kind aber die Zeit seiner glücklichen ‚Reife‘, so wird es – das ist Rousseaus Hoffnung – sich ‚Gewohnheiten‘ angeeignet haben, die es später als Jugendlicher und Erwachsener beibehalten wird: nämlich selbst zu denken und sich nicht der Autorität von anderen zu unterwerfen. Dieses Erziehungsziel entspricht ungefähr dem, welches Damasio anspricht, nämlich innerhalb der „unbewussten Domäne eine Form der Lenkung zu schaffen, die mehr oder weniger zuverlässig entsprechend den bewussten Absichten und Zielen funktioniert“. (Vgl. Damasio 2011, S.283f.)

Dabei darf man aber nicht übersehen, daß sich in Rousseaus „Emile“ nach der Kindheit eine weitere Erziehungsphase anschließt: die des Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Hier geht es nun nicht mehr um biologische Bedürfnisse und Werte, wie bei Damasio, sondern um Vernunft und Liebe. Hier bedarf es jetzt Rousseau zufolge eines völlig neuen Erziehungsansatzes, der sich von der Kindererziehung fundamental unterscheidet. Unabhängig davon, wie man Rousseaus Differenzierungen zwischen Kindheit und Jugend nun im einzelnen bewertet, muß ihm doch zugestanden werden, daß er Biologie (Kindererziehung) und Kultur (Jugenderziehung und Bildung) nicht einfach einander gleichsetzt und unterschiedslos nach einem einzigen Prinzip beurteilt.

Damasio geht mir hier in seinem Überschwang ein bißchen zu weit: „Die Verknüpfung von Persönlichkeit und Biologie ist eine Quelle unendlichen Staunens und Respekts für alles Menschliche. ... Ordnet man die Entstehung des bewussten Geistes in die Biologie- und Kulturgeschichte ein, eröffnet sich ein Weg, um den traditionellen Humanismus mit der modernen Naturwissenschaft in Einklang zu bringen.“ (Damasio 2011, S.41)

Auch ich bin der Meinung, daß man moderne Naturwissenschaft und traditionellen Humanismus wieder miteinander in Einklang bringen sollte. Dies darf aber nicht zur „Verschmelzung“ führen (vgl. Damasio 2011, S.213), wie wir im nächsten Post sehen werden.

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Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, München 2011

1. Begriffe und Hypothesen
2. Methode
3. Selbst kommt hinzu
4. Körper und Gehirn
5. Bewußtsein und Rekursivität
6. Erziehung des Unterbewußten
7. Biologischer Wert und Kultur
8. Die Grenze des Körperleibs

Der Begriff der Homöostase beinhaltet eine rekursive Dynamik. Deshalb würde ich auch für die höheren, ins Bewußtsein hineinreichenden homöostatischen Funktionen wie der soziokulturellen Homöostase lieber den Begriff der „Homöodynamik“ verwenden, auf den Damasio in seinem Buch „Ich fühle, also bin ich“ (Damasio 8/2009, S.172) verweist. Letztlich bleibt Damasio aber beim Begriff der „Homöostase“.

Bei der Homöostase geht es darum, in einem organischen (oder kybernetischen) System einer veränderlichen Umwelt gegenüber einen bestimmten festgelegten energetischen Zustand aufrechtzuerhalten. Rekursiv ist dieser Regelungsmechanismus, weil er in Form einer Wenn-Dann-Struktur funktioniert: wenn sich die inneren Zustände eines Systems ändern, z.B. bei Erhöhung oder Senkung der Körpertemperatur, dann muß der Körper mit abkühlenden Reaktionen wie etwa Schwitzen oder mit wärmenden Reaktionen wie etwa Zittern gegensteuern.

Diese Homöo-Stase ist, wie der Name schon sagt, an der Aufrechthaltung, also der ‚Statik‘ von Körperzuständen orientiert. Der Begriff der Rekursivität, wie ich ihn verwende (vgl.u.a. meinen Post vom 14.04.2012), beinhaltet aber eine sinnoffene Dynamik und entspricht damit eher der Offenheit von Bewußtseinsprozessen, deren ‚Gleichgewichtszustand‘ nicht im vorhinein festgelegt ist. Deshalb halte ich in diesem Zusammenhang den Begriff der Homöodynamik für angemessener.

Damasio verwendet übrigens selbst an verschiedenen Stellen den Begriff der Rekursivität, um die homöodynamischen Prozesse im Gehirn zu beschreiben: „Zwischen den geisterzeugenden Regionen müssen umfangreiche wechselseitige Verknüpfungen bestehen, damit die Rekursivität die Oberhand behält und ein sehr komplexer Signalaustausch erreicht wird ...“ (Damasio 2011, S.99) – Damasio fügt hinzu, daß „rekursiv“ „eine Signalübertragung (bezeichnet), die nicht nur in eine Richtung verläuft, sondern auch zum Ursprung zurückkehrt und eine Schleife zu jenen Neuronengruppen bildet, in denen die einzelnen Elemente der Kette beginnen.“ (Vgl. Damasio 2011, S.98f.)

Wenn wir uns also der von Damasio eingeführten Unterscheidung zwischen „grundlegenden“ und „soziokulturellen“ Homöostasen (vgl. Damasio 2011, S.39) anschließen, so sind die grundlegenden Homöostasen an der Aufrechterhaltung von statischen Gleichgewichtszuständen und die soziokulturellen Homöostasen an der Aufrechterhaltung von offenen, dynamischen Gleichgewichtszuständen orientiert. ‚Rekursivität‘ gibt es dann innerhalb des Körpers, wie etwa den Blutkreislauf oder die Körpertemperatur und vieles mehr, zwischen Körper und Gehirn in Form von Körperschleifen (vgl. Damasio 2011, S.112, 133f., 213 u.ö.) und Als-ob-Körperschleifen (vgl. Damasio 2011, S.114ff., 133f.u.ö.), zwischen Innen und Außen – was bei Plessner unter das Stichwort „Körperleib“ fällt –, zwischen ego und alter ego (soziokulturelle Homöostasen), zwischen Wahrnehmen und Erinnern und zwischen den verschiedenen Formen des Wissens bzw. des Bewußtseins.

Auf allen diesen Ebenen körperlicher Zustände (Physiologie, Neurophysiologie) und von individuellen, kognitiven und sozialen Bewußtseinsprozessen sind die lebens- und bewußtseinerhaltenden Funktionen rekursiv strukturiert. Die rekursive Verbindung zwischen den verschiedenen Ebenen bzw. Schichten von Zuständen und Prozessen erhält in Richtung auf das Bewußtsein eine zunehmende phänomenale Qualität, d.h. wir erleben die Rekursivität in Form einer besonderen Intensität. Noch unterbewußt sind die Emotionen, die noch nicht als Gefühle die Schwelle zum Bewußtsein überschritten haben. Emotionen bilden Bestandteile einer Körperschleife, über die ‚das‘ Gehirn die Zustände des Körpers beobachtet und in diese regulierend eingreift. (Vgl. Damasio 2011, S.122) In dieser Körperschleife beeinflussen sich übrigens Körper und Gehirn wechselseitig. ‚Das‘ Gehirn ist kein einsamer, vom Rest des Körpers isolierter Kybernator. Emotionen verbinden also physiologische und neurophysiologische Prozesse in Form von Körperschleifen miteinander.

Sobald die Emotionen bewußt werden, erleben wir sie als „Gefühle“. (Vgl. Damasio 2011, S.122f.) Zu ihnen gehören sicherlich die erwähnten Körperschleifen, aber vor allem auch die „Als-ob-Körperschleifen“, in denen das Gehirn Körperzustände simulieren und so nicht nur aktuell beeinflussen kann – wie in den eigentlichen Körperschleifen –, sondern sie auch antizipieren kann, z.B. bei der Planung künftiger Situationen. (Vgl. Damasio 2011, S.113f.) Dabei hält Damasio ausdrücklich fest, daß wir immer genau wissen, wann wir nur simulieren, und wann wir etwas real erleben. Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen Körperschleifen und Als-ob-Körperschleifen: „Nach meiner Überzeugung sind Als-ob-Gefühlszustände uns allen sehr vertraut, und sie verringern sicher den Aufwand für unsere Emotionalität, aber es handelt sich bei ihnen nur um abgeschwächte Versionen der Emotionen, die aus der Körperschleife stammen. Als-ob-Zustände können sich einfach nicht wie die echten Körperschleifensystem-Gefühlszustände anfühlen, denn sie sind nicht das Echte, sondern nur eine Simulation.“ (Damasio 2011, S.134) – Letztlich bezeichnet Damasio den „Als-ob-Apparat des Körpers“ als die neurophysiologische Grundlage dessen, was sonst in der Gehirnforschung immer als „Spiegelneuronen“ bezeichnet wird. (Vgl. Damasio 2011, S.114f.)

Emotionen und Gefühle bilden also den rekursiven ‚Kitt‘ zwischen Körperzuständen und Gehirnprozessen. Gefühle begleiten darüber hinaus Geist-Prozesse und lassen sie so bewußt werden. Sie sind das „Selbst“, das zu den Geist-Prozessen hinzutreten muß – das Kantische „Ich denke“ –, um sie bewußt werden zu lassen. Damasio greift zur Beschreibung dieses Sachverhaltes auf Filmtechniken zurück und spricht von den Gefühlen als der „Parallelspur“ (vgl. Damasio 2011, S.86), die wie die Tonspur bei einer Filmrolle die Bilder bzw. ‚Karten‘ begleitet und diese so in einen sinnhaften, erzählerischen Zusammenhang bringt, – eben wie bei einem „Drehbuch“: „Gefühle von Emotionen sind zusammengesetzte Wahrnehmungen aus erstens einem bestimmten körperlichen Zustand während einer tatsächlichen oder simulierten Emotion und zweitens einem Zustand veränderter kognitiver Ressourcen und der Anwendung bestimmter mentaler Drehbücher.“ (Damasio 2011, S.129)

Wir haben also auch hier wieder die Zusammengesetztheit von Wahrnehmungen und ‚Kognitionen‘ (Erinnerungen, somatische Marker etc.) – also das Modell eines aus Modulen bzw. Ebenen bestehenden Bewußtseins –, deren wechselseitiger Bezug durch Emotionen und Gefühle gewährleistet wird: „Besonders wertvolle Bilder wurden wegen ihrer großen Bedeutung für das Überleben durch emotionale Faktoren ‚herausgehoben‘. Diese besondere Kennzeichnung bewerkstelligt das Gehirn vermutlich durch Schaffung eines emotionalen Zustands, der das Bild in einer Art Parallelspur begleitet. Das Ausmaß der Emotion dient dabei als ‚Markierung‘ für die relative Bedeutung des Bildes.“ (Damasio 2011, S.186f.)

Zusammengesetzte Wahrnehmungen und Kognitionen: das erinnert an Harald Welzers kommunikatives und autobiographisches Gedächtnis, das nach dem Montageprinzip funktioniert. (Vgl. meinen Post vom 20.03.11) Wie bei Damasio werden Erinnerungsfragmente und aktuelle Wahrnehmungen ‚kombiniert‘ bzw. ‚montiert‘ und so in einen Sinnzusammenhang gebracht. Das rekursive Prinzip basiert also nicht nur auf der emotionalen Markierung ‚bedeutungsvoller‘ Erlebnisse, sondern es gibt darüber hinaus diesen auf verschiedenen Ebenen des Bewußtseins erlebten Bildern eine narrative Struktur.

Damasio hält das auch ausdrücklich so fest. Er beschreibt das „Geschichtenerzählen“ als eine Form der Verhaltenssteuerung im Dienste der Homöostase: „... eine Tätigkeit, die das Gehirn von Natur und von sich aus ausführt.“ (Damasio 2011, S.308) – Auch Welzer hatte ja die Narrativität schon auf „protonarrative Sequenzen“ im Säuglingsalter zurückgeführt. Damasio bezieht diese Protonarrationen auf die homöodynamischen Funktionen von Körperschleifen und Als-ob-Körperschleifen.

Wenn wir also Emotionen und Gefühle als die rekursive Qualität im Wechselbezug von physiologischen und neurophysiologischen Prozessen im Übergangsbereich von unbewußten zu bewußten Geist-Prozessen verstehen, so dürfen wir das nicht nur auf ‚innere‘ körperliche, seelische und geistige Prozesse der Person begrenzen. Emotionen und Gefühle begleiten auch die zwischenmenschliche Kommunikation, die ebenfalls rekursiv strukturiert ist: zum einen über die kommunikative Absicht, in der wir unser wechselseitiges Interesse an der Befindlichkeit des jeweiligen Gesprächspartners signalisieren, zum anderen wiederum narrativ, indem wir unsere gemeinsamen Interessen (Tomasellos geteilte Intentionalität) ‚artikulieren‘, also ‚gliedern‘. Auch hier gehen wir nach dem Montageprinzip vor, indem wir einzelne, auf das aktuelle kommunikative Interesse bezogene intentionale Fragmente bzw. ‚Versatzstücke‘ im Kontext unserer wechselseitigen Erwartungen und mit der aktuellen Situation verbundener Handlungsmöglichkeiten zu einem gemeinsamen Sinn zusammenfügen.

Interessant ist für mich an dieser Kombination von Homöodynamik und Narrativität, daß mit ihrer Hilfe noch einmal eine Differenzierung der wechselseitigen Beeinflussung von ‚Seele‘ und ‚Geist‘ im Plessnerschen Sinne möglich wird. Die ‚Seele‘ wird von Plessner auf das Zwischenreich der Zustandssinne bezogen, also auf die grundlegenden Homöostasen des inneren Milieus im Sinne von Damasio. (Vgl. Damasio 2011, S.122, 142, 212) Diese ‚Gefühlswelt‘ ist Plessner zufolge der artikulierenden (syntagmatisch gliedernden) Beeinflussung des ‚Geistes‘ zugänglich, wobei mit ‚Geist‘ bei Plessner anders als bei Damasio das Bewußtsein im engeren Sinne, also das rationale Bewußtsein gemeint ist. (Vgl. meine Posts vom 15.07.2010 und vom 30.01.2012) Wie genau diese Artikulation aber im einzelnen aussieht, wird von Plessner nicht weiter ausgeführt. Es gibt nur den Verweis auf die Kombination von Klang und Zeichencharakter, über die sich körperliche und geistige Momente im gesprochenen Wort begegnen.

Indem Damasio nun grundlegende Homöostasen körperlicher Zustände mit soziokulturellen Homöostasen des erweiterten Bewußtseins verbindet und in beiden Prozessen ein narratives Prinzip wirken sieht, könnten auf diese Weise körperliche und geistige Zustände, im Plessnerschen Sinne, ganz elegant ineinander passen: Bewußtes Fühlen, Denken und Handeln gliedernde narrative Strukturen, also die Ebenen individuellen und kulturellen Sinns, passen zu grundlegenden Homöostasen der Verhaltens- und Lebenssteuerung auf physiologischer Ebene und ermöglichen so eine wechselseite Abstimmung aufeinander.

Dabei würde aber der Unterschied zwischen biologischen Werten und subjektivem Sinn erhalten bleiben. Damasio macht diesen Unterschied nicht, worauf ich in einem der folgenden Posts nochmal eingehen werde. Ich möchte jedenfalls auf diesen Unterschied nach wie vor bestehen. Die grundlegenden Homöostasen des inneren Milieus würden nach meiner Ansicht nur den Untergrund bzw. den Hintergrund des von ihnen sich abhebenden, bewußten Sinnstrebens bilden, in dem sich noch einmal andere Differenzen geltend machen als die einer homöostatischen Zweck-Mittel-Orientierung, also einer Orientierung, der es vor allem um die Aufrechterhaltung grundlegender Lebensprozesse geht. (Vgl. hierzu auch meinen Post vom 07.07.2011)

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Donnerstag, 16. August 2012

Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, München 2011

1. Begriffe und Hypothesen
2. Methode
3. Selbst kommt hinzu
4. Körper und Gehirn
5. Bewußtsein und Rekursivität
6. Erziehung des Unterbewußten
7. Biologischer Wert und Kultur
8. Die Grenze des Körperleibs

Körper und Gehirn dürfen Damasio zufolge nicht als voneinander getrennte Systeme behandelt werden. Vielmehr ist das Gehirn nicht nur Teil des Körpers, sondern auch selbst Körper: „Die Trennung zwischen Körper und Gehirn wird oft ein wenig übertrieben dargestellt: Die Neuronen, die das Gehirn bilden, sind Körperzellen, und diese Erkenntnis hat Auswirkungen auf das Leib-Seele-Problem.“ (Damasio 2011, S.300) – Das ist übrigens eine der wenigen Stellen, wo Damasio von der Seele spricht. Weitere Ausführungen zu diesem Thema bleiben in der Folge aber aus.

Wichtig ist hier vor allem der Hinweis, daß die Nervenzellen nicht irgendwelche digitalen Chips innerhalb eines Informationsverabeitungsapparates bilden: „Neuronen sind keine Mikrochips, die Signale aus dem Körper aufnehmen. Die sensorischen Neuronen, deren Aufgabe die Interozeption ist, sind spezialisierte Körperzellen, die Signale von anderen Körperzellen empfangen.“ (Damasio 2011, S.271) – Die Vorstellung vom Gehirn als einem „Digitalcomputer“ hält Damasio deshalb für „alles andere als hilfreich“. (Vgl. Damasio 2011, S.56)

Die „Signale von anderen Körperzellen“ werden von den Nervenzellen deshalb nicht einfach nur empfangen, während sie ansonsten auch gut auf sie verzichten und ohne sie klarkommen könnten, wie es viele Neurowissenschaftler in ihrer Darstellung des Gehirns als geschlossenem System nahelegen. Vielmehr ist Damasio zufolge die ganze ‚Aufmerksamkeit‘ der Gehirnaktivitäten in erster Linie auf den Körper gerichtet: „Kurz gesagt, sind Neuronen auf den Körper ausgerichtet, und diese Gerichtetheit, dieser unaufhörliche Hinweis auf den Körper, ist das definierende Merkmal von Neuronen, Neuronenschaltkreisen und Gehirnen.“ (Damasio 2011, S.50)

Die Verbindung zwischen Körper und Gehirn ist Damasio zufolge so eng, daß es auf physiologischer Ebene unmöglich ist, eine scharfe Grenze zwischen beiden zu ziehen (vgl. Damasio 2011, S.33); denn sogar die Blut-Hirn-Schranke gilt nicht für das ganze Gehirn: „Oft wird übersehen, dass Informationen aus dem Körperinneren von zahlreichen chemischen Substanzen unmittelbar an das Gehirn übertragen werden. Diese Substanzen kreisen im Blut und wirken auf Gehirnteile, denen die Blut-Hirn-Schranke fehlt, nämlich auf die Area postrema im Hirnstamm und auf verschiedene Regionen, die zusammenfassend als zirkumventrikuläre Organe bezeichnet werden.“ (Damasio 2011, S.273)

Was aber Gehirn und Körper insbesondere gemeinsam haben, ist das gemeinsame Lebensprinzip, das vor allem ein Prinzip des Überlebens ist: „die Verwaltung und Sicherung des Lebens“. (Vgl. Damasio 2011, S.36) Das Gehirn und später das hinzukommende Bewußtsein (Selbst) setzen nur fort, womit schon Einzeller und Amöben begonnen haben: „Kurz gesagt, erwächst der bewusste Geist aus der Geschichte der Lebenssteuerung. Die Lebenssteuerung ist ein dynamischer Prozess, der auch als Homöostase bezeichnet wird. Er beginnt bei den einzelligen Lebewesen, beispielsweise den Bakterienzellen oder einfachen Amöben, die kein Gehirn besitzen, aber zu angepasstem Verhalten in der Lage sind.“ (Damasio 2011, S.37)

Diese „grundlegende Homöostase“ geht beim entwickelten menschlichen Bewußtsein nahtlos in Formen der soziokulturellen Homöostase über: „Der bewusste Geist des Menschen, der mit einem so komplexen Selbst ausgerüstet ist und darüber hinaus noch über so großartige Fähigkeiten wie Gedächtnis, Vernunft und Sprache verfügt, bringt die Instrumente der Kultur hervor und eröffnet auf den Ebenen von Gesellschaft und Kultur den Weg zu neuen Mitteln der Homöostase. In einem außergewöhnlichen Sprung erfährt die Homöostase eine Erweiterung in die soziokulturelle Sphäre.“ (Damasio 2011, S.38) – Daß Damasio hier von einem „außergewöhnlichen Sprung“ von der grundlegenden zur soziokulturellen Homöostase spricht, sollte einen nicht darüber hinwegtäuschen, daß er tatsächlich von einem ‚bruchlosen‘ „Funktionskontinuum“ ausgeht. (Vgl. Damasio 2011, S.178)

Damasio stellt die Homöostase auch in den Dienst der Erziehung (vgl. Damasio 2011, S.283f.), worauf wir hier noch in einem der folgenden Posts zu sprechen kommen werden. Wie man am Beispiel von Rousseaus „Emile“ sieht, kann das zu einem durchaus gehaltvollen Erziehungskonzept führen. Die relative Stärke der Kindheit im Vergleich zum Jugend- und Erwachsenenalter besteht bei Rousseau in einem homöostatischen Ausgleich grundlegender Bedürfnisse, der zu einer glücklichen Kindheit führt und den man später nie wieder erreichen wird.

Damasios Entwicklungskontinuum von der grundlegenden zur soziokulturellen Homöostase paßt auch zu Plessners Darstellung der „Stufen des Organischen“ (1975/1925). (Vgl. meinen Post vom 22.10.2010) Dort beschreibt Plessner den Stoffwechselprozeß als eine Übergangsschwelle von Dingphänomenen zu lebenden Phänomenen. Dabei ermöglicht der Stoffwechselprozeß eine ‚Abhebung‘ des Organischen aus dem Bereich des Anorganischen; eine Abhebung, die er auch als Positionalität bezeichnet: „Kraft seiner Positionalität allein, nach der das lebendige Ding in ihm hinein – über ihm hinaus (gesetzt) ist, zerfällt es in ihm selber in zwei gegensinnige Prozesse und gliedert sich durch sie als selbständige Einheit in die Welt der Körperdinge ein.“ (Plessner 1975/1925, S.199)

Zunächst einmal meint Plessners Begriff der Positionalität nichts anderes, als was Damasio meint, wenn er die Aufgabe der grundlegenden Homöostase, Plessners Stoffwechselprozeß, darin sieht, den Organismus von seiner äußeren Umgebung abzugrenzen, also seine innere Komplexität sich nicht einfach osmotisch in die äußere Umweltkomplexität auflösen zu lassen: „Leben erfordert, dass der Körper um jeden Preis und für buchstäblich Dutzende von Bestandteilen in seinem dynamischen Inneren jeweils eine Reihe von Schwankungsbreiten aufrechterhält. ... Diese magische Spanne wird als homöostatischer Bereich bezeichnet ...“ (Damasio 2011, S.54)

Dennoch deutet sich hier schon eine grundlegende Differenz an, auf die ich später noch eingehen werde: Wenn Plessner von der Positionalität des lebendigen Organismus spricht, die darin besteht, sich zwischen zwei „gegensinnigen Prozessen“ zu ‚halten‘, deren ‚Gegensinnigkeit‘ wiederum darin besteht, sich Energie von außen ‚einzuverleiben‘ und eigene Energie nach außen abzugeben, so deutet sich darin schon eine diskontinuierliche Bestimmung des Stoffwechselprozesses, die spätere Exzentrizität an. Diese Diskontinuität haben wir zwar auch bei Damasio, denn auch sein homöostatischer Bereich ‚hebt‘ sich ja vom Umgebungsniveau ‚ab‘. Aber auf die Bestimmung der Bewußtseinsqualität wirkt sich diese Abhebung (Positionalität) bei ihm – anders als bei Plessner – nicht weiter aus.

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Mittwoch, 15. August 2012

Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, München 2011

1. Begriffe und Hypothesen
2. Methode
3. Selbst kommt hinzu
4. Körper und Gehirn
5. Bewußtsein und Rekursivität
6. Erziehung des Unterbewußten
7. Biologischer Wert und Kultur
8. Die Grenze des Körperleibs

Entsprechend dem englischen Originaltitel geht es in Damasios Buch vor allem darum, wie Bewußtsein bzw. das ‚Selbst‘ zum Geist hinzukommt und so aus einem bis zu diesem Zeitpunkt unbewußten Geistprozeß einen bewußten Geistprozeß macht: einen Selbst-Prozeß. (Vgl. Damasio 2011, S.24) Dieser Ansatz, ‚Geist‘ und ‚Selbst‘ als Prozesse zu beschreiben, hat mindestens drei, vielleicht sogar vier gute Gründe, – je nach dem, ob man die Subjekt-Objekt-Problematik noch einmal als zwei verschiedene Problematiken unterscheidet oder ob man sie als eine einzelne versteht.

Zunächst einmal hält Damasio schlicht fest: „Es gibt tatsächlich ein Selbst, aber es ist kein Gegenstand, sondern ein Prozess, und dieser Prozess läuft immer ab, wenn wir mutmaßlich bei Bewusstsein sind. “ (Damasio 2011, S.20) – Ich hatte diesen Sachverhalt schon in einem Post zu Northoff angesprochen, wo ich darauf hinwies, daß es ein Bewußtsein an sich nicht ‚gibt‘. (Vgl meinen Post vom 26.07.2012) Das Bewußtsein an sich hat keinen Ort, an dem es ‚ding‘-fest gemacht werden könnte. Es ist vielmehr in Form des „Ich denke“ nur ein Begleitphänomen, das – wie Damasios ‚Selbst‘ zum ‚Geist‘ – zu unseren Empfindungen und Wahrnehmungen hinzukommen muß, um sie bewußt werden zu lassen: „Wenn also nicht ein weiterer Prozess ergänzend hinzukommt, bleibt der Geist unbewusst. Was in einem solchen unbewussten Geist fehlt, ist ein Selbst. Um bewusst zu werden, muss das Gehirn eine neue Eigenschaft annehmen, die Subjektivität. Ein definierendes Merkmal der Subjektivität ist das Gefühl, das subjektiv erlebte Bilder durchtränkt.“ (Damasio 2011, S.22)

Das führt uns auch schon zum zweiten Grund, vom Geist und vom Selbst als Prozeß zu sprechen: diese Formulierung wirkt der Versuchung entgegen, das Selbst als eine Art Homunculus zu verstehen: „Die Selbst-Funktion ist kein allwissender Homunculus, sondern innerhalb des virtuellen Musterungsprozesses, den wir Geist nennen, das emergente Ergebnis eines weiteren virtuellen Elements: eines erdachten Protagonisten für unsere geistigen Vorgänge.“ (Damasio 2011, S.178)

Damasio beschreibt das am Beispiel eines Orchesters und seines Dirigenten. Der Dirigent sorgt dafür, daß alle die unbewußten Geistprozesse zu einem harmonischen musikalischen Ereignis zusammengeführt und koordiniert werden. Aber dieser Dirigent hat die Besonderheit, daß es ihn vor der Orchesteraufführung gar nicht gibt! Er entsteht vielmehr erst im Zuge der Orchesteraufführung: „Wenn sie dann aber läuft, ist der Dirigent da. Unter allen praktischen Gesichtspunkten wird das Orchester jetzt von einem Dirigenten geleitet, aber dieser Dirigent wurde durch die Aufführung – das Selbst – erschaffen und nicht andersherum.“ (Damasio 2011, S.35) – Wir haben es also mit einem virtuellen Begleitphänomen zu tun, das wie das Kantische ‚Ich denke‘ zu den Empfindungen und Wahrnehmungen hinzukommt, aus dem Nirgendwo, emergent, wodurch diese Empfindungen und Wahrnehmungen erst bewußt werden.

Das führt uns nun zur nächsten Problematik, – der Flüchtigkeit bzw. der Unauffälligkeit des Selbst-Prozesses: „Das Selbst-als-Subjekt, als Wissender, ist ein schwerer fassbares Gebilde; es lässt sich viel weniger unter geistigen und biologischen Begriffen subsumieren, ist dezentraler, löst sich oftmals im Bewusstseinsstrom auf und ist manchmal so entsetzlich unauffällig, dass es zwar noch da, aber auch fast nicht mehr da ist.“ (Damasio 2011, S.21) – Die Flüchtigkeit des zum Geist hinzukommenden Selbst bzw. des Kantischen „Ich denke“ ist sozusagen ein Merkmal seiner Haupteigenschaft, nur ein Begleitphänomen von Bewußtseinsprozessen zu sein. Der Selbst-Prozeß beinhaltet eben nicht mehr als eine bestimmte zusätzliche Dynamik, „einen zusätzlichen Dreh“, wie Damasio schreibt (vgl. Damasio 2011, S.17), der zu den bis dahin unbewußten Geist-Prozessen hinzukommt und sie bewußt werden läßt. Wir ‚merken‘ den Unterschied gar nicht, weil wir ja bis dahin unserer selbst unbewußt geblieben sind, und in dem Moment, wo wir da sind, also bewußt sind, gar nichts davon wissen können, wie es war, zuvor unbewußt gewesen zu sein.

Deshalb ist das hinzukommende Selbst, das „Ich denke“ ja auch gerade aufgrund seiner Unauffälligkeit paradoxerweise so „robust“ (vgl. Damasio 2011, S.217). Wir können es gar nicht in Zweifel ziehen, weil dieser Zweifel selbst notwendigerweise schon wieder einen selbstbewußten Akt, ein Hinzukommen des Selbst beinhaltet, wie wir von Descartes wissen. Ist es aktuell, sind wir bewußt. Ist es nicht aktuell, sind wir auch nicht bewußt; und: non cogito, ergo non sum!

Damit kommen wir nun zum vierten und damit letzten Grund, warum das Selbst einen Prozeß bildet und kein Ding darstellt. Wie schon die transzendentale Qualität des Kantischen „Ich denke“ andeutet, können wir das zum Unbewußten hinzukommende und es zum Bewußtsein transformierende Selbst nicht zum Gegenstand unserer Untersuchung machen, ohne es in ein beobachtendes und in ein beobachtetes Selbst zu spalten, was entweder zur Vorstellung eines Homunculus auf Seiten des beobachteten Selbst führt oder auf Seiten des beobachtenden Selbst einen unendlichen Regreß herbeiführt, in dem sich die Spaltung ins Unendliche fortsetzt. Letztlich läuft beides auf dasselbe hinaus, wie Damasio festhält: „Das gut untersuchte Problem, das der Homunculus aufwirft, liegt in dem damit geschaffenen unendlichen Regress.“ (Damasio 2011, S.213)

Damit aber fällt der vierte Grund in dieser Zählung mit dem zweiten Grund zusammen. Um jede Verdinglichung der Selbst-Bestimmung zu vermeiden, ist es einfach sinnvoller, vom Selbst-Prozeß zu sprechen.

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Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, München 2011

1. Begriffe und Hypothesen
2. Methode
3. Selbst kommt hinzu
4. Körper und Gehirn
5. Bewußtsein und Rekursivität
6. Erziehung des Unterbewußten
7. Biologischer Wert und Kultur
8. Die Grenze des Körperleibs

Um ein Phänomen zu untersuchen, das sich aufgrund seiner ‚Privatheit‘ – d.h. aufgrund der im Schädelinneren verborgenen Prozesse (vgl. Damasio 2011, S.27, 76f., 81, 169, 329) – der direkten Beobachtung und Messung entzieht, bedarf es, wie wir es schon in einem Post vom 26.07.2012 zu Northoff diskutiert hatten – eines indirekten Verfahrens. Northoff bezeichnet solche indirekten Vorgehensweisen als „transzendental“. Zu solchen „transzendentalen“ Methoden würde dann auch Damasios „Triangulation“ gehören. (Vgl. Damasio 2011, S.27, 31, 183; vgl. auch „Ich fühle, also bin ich“ (8/2009), S.25)

Bei der Triangulation geht es darum, von drei verschiedenen Positionen aus den nicht direkt beobachtbaren Gegenstand ‚anzuvisieren‘, also zu beschreiben, um dann in der gemeinsamen Schnittmenge der Beschreibungen den gesuchten Gegenstand zu identifizieren. So können z.B. drei verschiedene Perspektiven auf das Bewußtsein, die jede für sich nur unsicher und vage sind, zu genauen, wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Ergebnissen führen. Als besonders unsicher beschreibt Damasio insbesondere die zu diesen drei Perspektiven gehörende Introspektion, deren Ergebnisse oft nur von zweifelhafter Qualität sind: „Introspektion kann, wie wir bereits erfahren haben, irreführende Informationen liefern.“ (Damasio 2011, S.107) – Aus Plessners Perspektive verwundert das nicht weiter; denn auch in der ‚Privatheit‘ der Introspektion ist alle scheinbare Unmittelbarkeit vermittelt, und das verhindert Authentizität.

Zu den anderen beiden Perspektiven zählte Damasio auch in seinen früheren Veröffentlichungen die Beobachtung des menschlichen Verhaltens und die Gehirnforschung. Ich selbst hatte Damasio immer so verstanden, daß diese drei Perspektiven das ganze Wissenschaftsspektrum umfassen: mit der Introspektion alle philosophischen und geisteswissenschaftlichen Disziplinen, mit der Beobachtung des Verhaltens alle sozialwissenschaftlichen Disziplinen und mit der Gehirnforschung alle naturwissenschaftlichen Disziplinen. (Vgl. meine beiden Posts vom 05.03.2011) In diesem Sinne würde die Triangulation also das ganze Wissenschaftsspektrum umfassen. Möglicherweise war das ein Mißverständnis.

In seinem aktuellen Buch faßt Damasio diese Triangulation folgendermaßen zusammen: „Die heutigen Fortschritte in der neurobiologischen Forschung des bewussten Geistes erwuchsen zum größten Teil aus der Kombination von drei Sichtweisen: erstens der Sichtweise des direkt bezeugten bewussten Geistes, die persönlich, privat und bei jedem von uns einzigartig ist, zweitens der verhaltensorientierten Sichtweise, die es uns erlaubt, aufschlussreiche Handlungen anderer zu beobachten, wobei wir Grund zu der Annahme haben, dass auch diese anderen über einen bewussten Geist verfügen, und drittens der Sichtweise der Gehirnforschung, mit deren Hilfe wir bestimmte Aspekte der Gehirnfunktion an Individuen untersuchen können, deren bewusster Geisteszustand mutmaßlich entweder vorhanden ist oder fehlt.“ (Damasio 2011, S.27)

Inzwischen ist Damasio allerdings der Ansicht, daß die aus dieser Triangulation gewonnenen Befunde nicht ausreichen, „um einen bruchlosen Übergang zwischen den drei Phänomenen zu schaffen“, und daß es noch einer vierten Perspektive bedarf, die dazu führt, daß wir die „Geschichte des bewussten Geistes“ völlig neu erzählen müssen. (Vgl. Damasio 2011, S.27) Als diese „vierte Sichtweise“ bezeichnet Damasio die Phylogenese, also die Untersuchung der evolutionären „Vorstufen von Selbst und Bewusstsein“. (Vgl. ebenda)

An dieser Stelle möchte ich vor allem auf Damasios Interesse an Ergebnissen verweisen, die einem „bruchlosen Übergang“ zwischen Introspektion, Verhaltensbeobachtung, Gehirnforschung und jetzt auch evolutionären Daten der Bewußtseinsentwicklung gewährleisten. Das würde letztlich auf eine Aufhebung der von Damasio so hervorgehobenen Privatheit des persönlichen Erlebens hinauslaufen. Wir hätten dann nämlich eine mit wissenschaftlichen Methoden gewonnene Kenntnis von der Gesetzmäßigkeit von Bewußtseinsprozessen, zu denen wir nicht einmal als beteiligte Subjekte einen direkten Zugang haben, denn „wir haben guten Grund zu der Annahme, daß ein solcher Selbst-Prozess kein umfassendes, zuverlässiges Bild der gesamten Vorgänge liefern kann.“ (S.25) – Wir hätten also ein objektives Wissen über das Bewußtsein, das uns als Subjekten prinzipiell – wie Damasios Verweis auf die Subjekt-Objekt-Spaltung nahelegt (vgl. ebenda) – unzugänglich bleiben muß.

Damasio bewegt sich mit seinen kurzen, nicht weiter ausgeführten Hinweisen auf die Unzuverlässigkeit der Introspektion an der Grenze zur vermittelten Unmittelbarkeit, wie sie Plessner beschreibt. Allerdings führt das bei ihm zu keinen entsprechenden Konsequenzen hinsichtlich der Bestimmung der Bewußtseinsqualität, die er in seinen Untersuchungen voraussetzt. Sein Bewußtsein bildet ein Erfahrungskontinuum, das „bruchlos“ von den lebenserhaltenden Mechanismen von Einzellern bis hin zu den höchsten kulturellen Errungenschaften der Menschheit reicht. Dies muß man wissen, wenn man sich mit seinen bemerkenswerten Überlegungen zu den grundlegenden physiologischen Prozessen befaßt, die u.a. menschliches Bewußtsein möglich machen.

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Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, München 2011

1. Begriffe und Hypothesen
2. Methode
3. Selbst kommt hinzu
4. Körper und Gehirn
5. Bewußtsein und Rekursivität
6. Erziehung des Unterbewußten
7. Biologischer Wert und Kultur
8. Die Grenze des Körperleibs

Antonio Damasio ist einer der wenigen Neurowissenschaftler, die ich bislang gelesen habe, die bei ihren Forschungen immer das ganze Spektrum des Menschlichen berücksichtigen. Außerdem hat er immer das Gehirn in ein Verhältnis zum ‚Fleisch‘, also zum übrigen Organismus gesetzt, – eine Verhältnisbestimmung, die an Plessners Körperleib erinnert. Dabei hat Damasio auch nicht versäumt, die Organismusblindheit seiner neurowissenschaftlichen Kollegen zu kritisieren.

In seinem neuen Buch mit dem schillernden Titel „Selbst ist der Mensch“ (2011) – der englische Originaltitel „Self Comes to Mind“ (2010) bringt die Sache wesentlich besser auf den Punkt – verweist Damasio jetzt auf einige Veränderungen seiner früheren Position: „... durch das Nachdenken über einschlägige alte und neue Forschungsergebnisse haben sich meine Ansichten insbesondere zu zwei Themen verändert: zu Ursprung und Wesen der Gefühle und zu den Mechanismen, die hinter dem Aufbau des Selbst stehen. Das vorliegende Buch ist der Versuch, die aktuelle Sichtweise zu erörtern. Und in nicht geringem Umfang handelt es auch davon, was wir noch nicht wissen, aber gern wissen würden.“ (Damasio 2011, S.18)

Die von Damasio angesprochenen Veränderungen lassen sich wohl vor allem auf die Verhältnisbestimmung von Gehirn und Geist beziehen, – also auf die bei Neurowissenschaftlern bevorzugte Korrelation von neuronalen Funktionen und Bewußtsein. Statt von ‚Korrelation‘ spricht Damasio von der „Hypothese“ einer „Äquivalenz von geistigen Zuständen und Gehirnzuständen“. (Vgl. Damasio 2011, S.329) Wo Damasio in seinen früheren Arbeiten noch zwischen neuronalen Funktionen und Bewußtseinsphänomenen unterschieden hat, indem er bei den einen von ‚Karten‘ und bei den anderen von ‚Bildern‘ gesprochen hatte, verwendet er diese Begriffe in seinem neuen Buch weitgehend synonym: „Früher habe ich den Begriff Bild ganz strikt nur als Synonym für mentale Muster oder mentale Bilder verwendet, und der Begriff neuronales Muster oder Karte bezeichnete ein Aktivitätsmuster im Gehirn im Gegensatz zum Geist. Damit wollte ich anerkennen, dass der Geist, den ich als Inhalt der Aktivität des Gehirngewebes betrachte, eine eigene Bezeichnung verdient, weil er ein ganz privates Erlebnis ist und weil dieses private Erlebnis genau das Phänomen darstellt, das wir erklären wollen.“ (Damasio 2011, S.76)

Aber so groß ist der Unterschied zwischen ‚früher‘, wo Damasio noch „getrennte Beschreibungsebenen“ für geistige und biologische Prozesse verwendete (vgl. Damasio 2011, S.76f.) und ‚heute‘, wo er von einer Äquivalenz dieser Prozesse ausgeht, letztlich doch nicht. Denn es ging ihm damals nur, wie Damasio schreibt, um eine Anerkennung der Privatheit von Bewußtseinsprozessen. ‚Privatheit‘ meinte aber auch damals schon nichts anderes als die weitgehende ‚Unzugänglichkeit‘ der Bewußtseinsprozesse für neurophysiologische Methoden der Beobachtung und Messung: „Sie sind zutiefst privat und für Dritte nicht zu beobachten.“ (Damasio 2011, S.81)

Wenn Damasio in seinem neuen Buch unter der hypothetischen Voraussetzung einer „Äquivalenz von Vorgängen in Geist und Gehirn“ (Damasio 2011, S.28) auf getrennte Beschreibungsebenen verzichten will, bedeutet das aber nun keineswegs, daß er diese Privatheit nicht nach wie vor anerkennt und respektiert: „Den bewussten Geisteszustand erleben wir aus der exklusiven, unmittelbaren Perspektive unseres eigenen Organismus, und er kann nie von irgendjemand anderem beobachtet werden. Das Erleben ist einzig und allein dem jeweiligen Organismus eigen und verfügbar.“ (Damasio 2011, S.169) – Allerdings haben wir es eben nicht mit einer substantiellen, sondern mit einer ethischen Differenz zu tun, die sich wiederum einer methodischen Insuffizienz gegenüber dem subjektiven Erleben verdankt. Deshalb genügt die Anerkennung der Privatheit von subjektiven Erlebenissen Damasio nicht mehr für die Beibehaltung einer eigenen begrifflichen Kategorie. ‚Privates‘ Erleben ist für die Begrifflichkeit einer neurophysiologischen Beschreibung von Bewußtsein unerheblich.

Dabei verzichtet Damasio allerdings nicht darauf, auf private Erlebnisse in Form von Introspektionen zurückzugreifen. Diese sind im Gegenteil – wie wir im nächsten Post noch sehen werden – Teil seiner um eine vierte Sichtweise erweiterten ‚Triangulation‘ (vgl. Damasio 2011, S.183; vgl. auch „Ich fühle, also bin ich“ (8/2009), S.25). Wir brauchen sie, weil „Introspektion den einzigen unmittelbaren Blick auf das ermöglicht, was wir erklären möchten“ (vgl. Damasio 2011, S.107).

Letztlich hat sich also in dieser Hinsicht zwischen früheren Veröffentlichungen und dem aktuellen Buch von Damasio scheinbar nicht viel geändert. Aber die Reduktion der Beschreibungsebenen auf eine neurophysiologisch dominierte Begrifflichkeit ist dennoch nicht folgenlos. Das ‚Gehirn‘ avanciert vom Beschreibungssubjekt zum Handlungssubjekt (vgl. meinen Post vom 04.03.2011); d.h. es werden Sätze formuliert, in denen dem Gehirn in der Subjektposition Handlungsprädikate zugeordnet werden. So heißt es z.B.: „Dieses Buch beschäftigt sich mit zwei Fragen. Erstens: Wie baut das Gehirn einen Geist auf? Und zweitens: Wie sorgt das Gehirn in diesem Geist für Bewusstsein?“ (Damasio 2011, S.17) – Es ist also das ‚Gehirn‘, das Handlungen ausführt, zu denen eigentlich Bewußtsein gehört. Aber da beides ja äquivalent ist, kommt es eben auf diesen Unterschied nicht mehr an. Ein phylogenetisch und ontogenetisch verschränkter, höchst komplexer Prozeß der Bewußtwerdung wird darauf reduziert, daß das Gehirn etwas ‚tut‘.

Damasio weist sogar eigens darauf hin, daß er das Gehirn „mit voller Absicht“ als Subjekt in Handlungsstrukturen einbaut. (Vgl. Damasio 2011, S.185) Damit hebt er die Bedeutung des „riesige(n) Unbewussten“ (Damasio 2011, S.187) hervor, für das das Gehirn nun stellvertretend steht und seine Handlungen des Bewußtseinsaufbaus ausführt. Aber aus der Reduktion der Beschreibungsebenen ergeben sich noch weitere, vor allem begriffliche Folgen. Damasio kehrt die traditionelle Verhältnisbestimmung von ‚Geist‘ und ‚Bewußtsein‘ um. Bei Plessner z.B., der noch zwischen Körper, Seele und Geist differenziert (vgl. meine Posts vom 30.01.2012 bis zum 06.02.2012), bildet der Geist die höchste, die individuelle Ebene transzendierende Form der menschlichen Person. Auf der Ebene des Geistes, die wir z.B. mit der Wissenschaft gleichsetzen können, sind alle Individuen gleich. Hier zählt nur die Leistung, die wir zum Geist bzw. zum Wissen beitragen, und nicht Herkunft oder Besitz oder Religion etc. Individuelle Unterschiede zählen nicht.

‚Geist‘ ist also bei Plessner ein spezieller Zustand des Bewußtseins, den er auch als repräsentatives Bewußtsein bezeichnet, im Unterschied zum präsentischen Bewußtsein, das die körperleiblichen Zustände umfaßt und das Plessner auch als ‚Seele‘ beschreibt. Damasio kehrt diese an traditionelle Unterteilungen orientierte Zuordnung des Geistes um. ‚Geist‘ ist bei ihm der umfassendere Begriff, der weiter zurückreicht als das Bewußtsein, sowohl in ontogenetischer wie in phylogenetischer Hinsicht. ‚Geist‘ umfaßt bei Damasio das individuelle Unbewußte wie auch Stufen der biologischen Evolution, die bis zu den Insekten und Fischen hinabreichen, sobald nur eine frühe und primitive Form des Gehirns in Erscheinung tritt. ‚Geist‘ geht als „dynamischer Prozess“ aus der „Geschichte der Lebenssteuerung“ hervor: „Er beginnt bei den einzelligen Lebewesen, beispielsweise den Bakterienzellen oder einfachen Amöben, die kein Gehirn besitzen, aber zu angepasstem Verhalten in der Lage sind. Seine Fortsetzung findet er bei Individuen, deren Verhalten – wie beispielsweise bei den Würmern – von einem einfachen Gehirn gesteuert wird, und dann führt sein Weg zu Organismen, deren Gehirn sowohl Verhalten als auch Geist erzeugt (Beispiele sind hier Insekten oder Fische). Ich glaube gern, dass Lebewesen immer dann, wenn ihr Gehirn ursprüngliche Gefühle erzeugt – was in der Evolutionsgeschichte schon sehr früh der Fall gewesen sein könnte –, zu einer frühen Form von Empfindungsfähigkeit in der Lage sind. Von da an kann sich ein organisierter Prozess des Selbst entwickeln, der zum Geist hinzukommt und damit den Grundstein für einen höher entwickelten, bewussten Geist legt.“ (Damasio 2011, S.37f.)

Das Bewußtsein kommt erst auf der Ebene der Vögel und Säugetiere zum Geist hinzu, noch nicht bei allen in Form eines bewußten Selbst – hier zählt Damasio nur einige Arten auf: „Wölfe, unsere Menschenaffenvettern, Meeressäuger und Elefanten, Katzen und natürlich jene außergewöhnliche Spezies, die als Haushund bezeichnet wird.“ (Damasio 2011, S.38) – Aber bei den meisten Vögeln und Säugetieren finden wir doch schon ein Protoselbst und Ansätze für ein Kern-Selbst vor.

Entscheidend ist hier aber, daß bei Damasio das Bewußtsein zum Geist hinzukommt und nicht – wie z.B. bei Plessner – der Geist zum Bewußtsein. Damit umgeht Damasio die Notwendigkeit, von einer Zwischenstufe wie der Seele sprechen zu müssen. Es ist eben schon alles Geist, so wie ‚Geist‘ immer schon nichts anderes als ‚Gehirn‘ ist.

Für die Ebene des Bewußtseins, die bei Plessner mit dem Begriff der ‚Seele‘ beschrieben wird, hat Damasio die Begriffe der „Emotion“ und des „Gefühls“. Nun könnte man hier vielleicht denken, daß es letztlich unerheblich sei, ob ich nun von ‚Seele‘ spreche oder von ‚Emotionen‘ und ‚Gefühlen‘. Das stimmt aber nicht. Emotionen und Gefühle sind bei Damasio physiologische Prozesse, wobei die Emotionen für physiologische Veränderungen des Organismus stehen. Dann gibt es noch die „ursprünglichen Gefühle“, die für den Körper selbst (Protoselbst) stehen. Die Gefühle wiederum bilden den bewußten Teil unserer Emotionen und gehören zum Kern-Selbst. Entscheidend ist, daß wir es bei Emotionen und Gefühlen mit Geist zu tun haben, mal unbewußt, mal bewußt. Es gibt nur die Differenz zwischen Körper (Emotionen und Protoselbst) und Bewußtsein (Gefühle und bewußter Geist). Beide Ebenen lassen sich auf physiologische bzw. neurophysiologische Prozesse zurückführen. Es gibt keine seelische und geistige Differenz, die eine eigene Beschreibungsform in Anspruch nehmen würde.

Dennoch halte ich Damasios Hypothesen-‚Gerüst‘ (vgl. Damasio 2011, S.30ff.) für ein hoch interessantes Konstrukt, das die Möglichkeit bietet, Plessners dreigliedrige Bewußtseinsbestimmung weiter auszudifferenzieren. Damasios Grundprinzip der Bewußtseinsentwicklung, das er an grundlegenden homöostatischen Funktionen (Mechanismen der Lebenssteuerung) des Organismus festmacht, entspricht Plessners ebenfalls anhand von Stoffwechselprozessen beschriebener Doppelaspektivität von Innen und Außen. In den folgenden Posts soll u.a. gezeigt werden, wie hier seelische und geistige Mechanismen ineinandergreifen und wechselseitig aufeinander einwirken. Dadurch läßt sich Plessners Begriff der syntagmatischen Gliederung ausbauen und das diesbezügliche Verständnis vertiefen.

Schließlich wird es in den folgenden Posts aber auch darum gehen, zu zeigen, inwiefern bei Damasios Verhältnisbestimmung von grundlegenden und soziokulturellen Homöostasen wesentliche Aspekte des menschlichen Bewußtseins verfehlt werden. An deren Stelle tritt bei Damasio eine funktionale Zweck-Mittel-Bestimmung biologischer Werte, die – anders als Damasio es sich vorstellt – nicht einfach durch immer komplexere Aufstufung schließlich auch die Sinnhaltigkeit der kulturellen Sphäre im vollen Umfang umfassen können.

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Mittwoch, 1. August 2012

Superbegabte

Beim Anschauen einer Geo-DVD zu „Superbegabten“ – Menschen mit extremen einseitigen Begabungen und damit zusammenhängenden Gehirnschädigungen – sind mir zwei Dinge aufgefallen: erstens wird eine Autistin beschrieben, die besondere Fähigkeiten beim Verstehen von Tieren aufweist, aber nicht in der Lage ist, die Mimik von menschlichen Gesichtern zu deuten. Ich hatte den Eindruck, daß die Wirklichkeitswahrnehmung von Autisten dem gleicht, was Plessner als  „komplexqualitative Wahrnehmung“ beschreibt. (Vgl. meinen Post vom 21.10.2010) Die betreffende Frau sagt, daß sie wie die Tiere in ‚Bildern‘ denkt bzw. wahrnimmt. Damit meint sie wahrscheinlich: ‚photographisch‘.

Sie nimmt, so sagt sie, wie Tiere viele kleine Details ihrer Umgebung wahr, die andere Menschen einfach übersehen bzw. wegselektieren, z.B. irgendwo herumliegendes Bonbonpapier. Vor solchen Dingen würden Kühe leicht erschrecken (und, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, Pferde; ich kannte mal eins, das sich vor praktisch allem erschreckte; sogar vor seinem eigenen Schatten). Im Grunde ist es genau das, was die Wahrnehmung von Tieren von der von Menschen unterscheidet. Menschen nehmen nicht jedes Detail wahr, also komplexqualitativ (bzw. photographisch), sondern versammeln ihre Wahrnehmung in Vordergründen und Hintergründen. Die Hintergründe nehmen sie dann nicht mehr bewußt wahr. So gelingt es Menschen besser als Tieren, sich auf einzelne Gegenstände zu konzentrieren und diese – z.B. beim Nachdenken – im freien Gedankenraum ‚rotieren‘ zu lassen.

Zweitens fiel mir auf, wie die Neurowissenschaftler beschrieben, daß es immer die sozialen Fähigkeiten sind, die unter den Sonderbegabungen der Autisten leiden. Die Neurowissenschaftler sprechen von mangelnder Empathie. Das paßt natürlich irgendwie nicht zu der Tierversteherin. Denn als solche müßte sie ja eigentlich eine geniale Empathin sein. Aber andererseits ist da eben auch ihre Unfähigkeit, menschliche Gesichter zu deuten.

Jedenfalls gab es mir zu denken, daß es sich bei den sozialen Defiziten von Autisten um regelrecht allergische Reaktionen des Körpers auf Berührungen mit anderen Menschen handelt. Das paßt zu Northoffs Balance der Umwelt-Gehirn-Einheit. Er beschreibt am Traum und an der Schizophrenie, wie bei beiden Bewußtseinszuständen das Gehirn in eine Dysbalance zwischen Außen und Innen gerät. (Vgl. meine beiden Posts vom 29.07.2012) Northoff bezieht sich vor allem auf die im Schlaf geminderte oder aufgrund von Schizophrenie gestörte Außenweltwahrnehmung, die dazu führt, daß die inneren, vorbewußten Aktivitäten des Gehirns die Grenze zum Bewußtsein überschreiten und bewußt werden. Dabei vernachlässigt Northoff den Körperbezug des Gehirns, dessen diesbezügliche Aktivitäten (innerer Ring) er in der Gegenüberstellung zur äußeren Umwelt (äußerer Ring) den intrinsischen Fluktuationen (mittlerer Ring) zuordnet. (Vgl. Northoff 2012, S.247)

Dabei gehört die Körperwahrnehmung bei Northoff, wie er mir jetzt noch einmal bestätigt hat, genauso zum Umweltbezug des Gehirns wie die Außenweltwahrnehmung. Es kann also nicht nur die Balance zwischen innerem und mittlerem Ring auf der einen Seite und dem äußeren Ring auf der anderen Seite verlorengehen, sondern auch der Körperbezug selbst (innerer Ring) kann, wie bei Autisten, gestört sein und so zu einer Dysbalance zwischen in diesem Fall mittlerem und äußerem Ring auf der einen Seite und dem inneren Ring auf der anderen Seite führen.

Aber auch hier gilt, was bei Northoffs Umwelt-Gehirn-Einheit fehlt: der Körper steht an erster Stelle, als Körperleib, denn ohne diesen hätte das Gehirn noch nicht mal eine Außenwelt. In gewisser Weise ist das eigentliche Korrelat des Gehirns nicht das Bewußtsein, sondern der Körper. So wie Bewußtsein nicht ohne Welt denkbar ist, ist auch das Gehirn nicht ohne Körper denkbar.

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