Donnerstag, 31. März 2011

Harald Welzer, Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, Frankfurt a.M. 2008

1. Prolog: Welzer und Plessner im Vergleich
2. shifting baselines
3. Arbeitsteilung und Verantwortung
4. Totale Situationen und partikulare Rationalität
5. Zur Kontinuität gesellschaftlicher Entwicklung
6. Drei Handlungsalternativen

Als die derzeitige Bundeskanzlerin noch in der großen Koalition einen gewissen politischen Ehrgeiz an den Tag legte, der über den bloßen Machterhalt hinausging, machte sie den Klimaschutz zur Chefsache und wurde dafür mit dem Titel ‚Klimakanzlerin‘ belohnt. Der Klimaschutz war und ist in aller Munde, paradoxerweise ‚angesichts‘ eine Katastrophe, von der niemand etwas merkt, außer einigen Südseebewohnern, deren Inseln immer häufiger überspült werden. Ein anderes Katastrophenpotential, das wir hier im Lande tagtäglich vor Augen haben, ist dagegen so in unseren Alltag integriert, daß wir uns wider besseren Wissens von derselben Klimakanzlerin darüber belügen lassen mußten, daß wir darauf als ‚Brückentechnologie‘ – nämlich um das Klima zu schützen – auf keinen Fall verzichten können. Jeder weiß, wovon ich spreche: von den Atomkraftwerken.

Inwiefern die Kanzlerin hier bewußt gelogen hat – alle Anzeichen sprechen dafür, denn sie ist ja nicht blöd –, ist irrelevant. In der komplexen Gemengelage sozialer, technischer und natürlicher Katastrophen, als Potential oder als tatsächliches Ereignis, haben wir es hier vielmehr mit einem Lebensweltproblem zu tun: ‚wir‘ – die wir in dieser Welt leben – glauben und wollen zugleich glauben, daß alles ‚normal‘ ist, denn in einer durch und durch falschen Lebenswelt ließe es sich eben nicht leben, – jedenfalls nicht auf Dauer. Wenn also im Rahmen dieser Lebenswelt kognitive Dissonanzen auftreten und diese Lebenswelt deshalb schon längt zerstört ist, belügen wir lieber so lange wie möglich uns selbst, um an dieser Lebenswelt, die es längst nicht mehr gibt, festzuhalten. Und dabei kriegen wir gar nicht mehr mit, wie sich die wirtschaftlich und technisch scheinbar alternativlos ‚funktionierende‘ Lebenswelt schon längst verändert hat und immer weiter verändert, – an uns und unseren Entscheidungen vorbei, uns unsere Entscheidungen, die wir eigentlich selbst treffen müßten, aus der Hand nehmend.

So geschehen in Fukushima. Was dort an sozialen, technischen und natürlichen Katastrophen potenziert zusammengekommen ist, hat uns die eigene schuldhafte Verstrickung in den alltäglichen Betrugszusammenhang von Politik, Wirtschaft und persönlichem Konsum einmal mehr schlagartig vor Augen geführt. Und zumindestens in Deutschland reiben wir uns die Augen und staunen, wie schnell plötzlich alles geht. Nach jahrzehntelangen, generationenübergreifenden Kämpfen von Bürgerinitiativen ist der begründete Zweifel an der Beherrschbarkeit der Atomtechnologie plötzlich in der Mehrheitsgesellschaft angekommen, – nicht aufgrund eines rationalen Diskurses und politischer Entscheidungsfindung, sondern weil uns die Katastrophe selbst die Entscheidung aus der Hand gerissen hat.

Dabei fällt einem aber zugleich auf, wie einzigartig die ‚typisch‘ deutsche Reaktion auf Fukushima ist. Mir steht das Beispiel eines französischen Sportlers vor Augen, der mit seiner Familie in Deutschland lebt und der in einer Talkshow nicht so recht wußte, was er antworten sollte, als er gefragt wurde, wie man in Frankreich mit dem Thema ‚Atomkraft‘ umgeht und wie man dort auf Fukushima reagiert. Der freundliche, große, junge Mann mit schulterlangen lockigen Haaren, der zugab, daß in seiner Heimat ganz in der Nähe von seinem Dorf ein Atomkraftwerk stehe, hatte sich ganz offensichtlich nie mit der damit verbundenen Gefahr für ihn und seine dortige Familie auseinandergesetzt. Ganz allgemein wußte er durchaus davon, daß Atomkraftwerke irgendwie ‚gefährlich‘ sind, aber sie sind eben auch irgendwie notwendig, denn irgendwie gibt es ja keine Alternative zu ihnen und die Deutschen seien ja traditionell immer schon etwas ängstlich.

Diese mentale Unfähigkeit, sich ernsthaft mit einem aktuellen Thema wie Fukushima auseinanderzusetzen, ist ein weiteres Beispiel für Blumenbergs These von der Unzerstörbarkeit der Lebenswelt. Und es ist ein Beispiel für shifting baselines! Denn dieser junge Franzose ist wie so viele andere Franzosen in einem Land voller Atomkraftwerke aufgewachsen und hat nie etwas anderes gekannt, weshalb er sie ja auch für ‚alternativlos‘ hält. Es gibt in seinem Gedächtnis keine Welt, in der es noch keine Atomkraftwerke gegeben hat, also hat es sie schon immer gegeben und also sind sie alternativlos, denn sonst gäbe es ja Alternativen, aber die gibt es ja nicht, weil es eben noch nie keine Atomkraftwerke gegeben hat: „... Untersuchungen zeigen, dass Menschen desto weniger Unsicherheitsgefühle artikulieren, je näher sie an einem Atomkraftwerk leben.() Je unabweisbarer eine Gefährdung ist, desto größer ist das Maß an Dissonanz und desto notwendiger ihre Reduktion durch Indolenz, Verdrängung oder Abwehr. Man kann mit Gefahren, die man nicht kontrollieren kann, sonst nicht gut leben.“ (Vgl. Welzer 2008, S.209) – Und weiter: „Die Kehrseite dieser Trägheit gegenüber Veränderungsprozessen und der Unfähigkeit, ihre Dimension einzuschätzen, ist das Phänomen der shifting baselines: Wahrnehmungen und ihre Interpretationen verschieben sich unmerklich zusammen mit einer sich verändernden Wirklichkeit.“ (Welzer 2008, S.210)

Shifting baselines beinhalten also zwei Aspekte: a) die wahrgenommene Statik des Bestehenden, also ihre scheinbare Alternativlosigkeit, und b) die aufgrund dieser vordergründigen Wahrnehmungsgewohnheiten hinter unserem Rücken tatsächlich stattfindenden Veränderungen, mit denen wir uns in unserem Habitus unbemerkt mitverändern, so daß bei tatsächlicher Veränderungsdynamik dennoch der Eindruck der Statik, der Veränderungslosigkeit dominiert. Assmann hat das als ein spezifisches Phänomen mündlicher Kulturen beschrieben, die sich ihrer eigenen ‚Gestalt‘ nicht bewußt sind und sich deshalb auch der Veränderungen nicht bewußt sind, die diese Gestalt im Laufe der Zeit erfährt.

Dieses spezifische Kennzeichen mündlicher Kulturen – und der Lebenswelt, in der wir ‚immer schon‘ leben – beinhaltet aber zugleich, daß es in schriftlichen Kulturen anders ist: in schriftlichen Kulturen wird ganz im Gegenteil der lebensweltliche Horizont aufgebrochen und der gesellschaftliche Ehrgeiz nach Innovation und nach Entwicklung geweckt. Diese soziale Dynamik ist so stark, daß es sogar eigener Kanonisierungsverfahren bedarf, um sie unter Kontrolle zu halten. Es werden bestimmte Texte für ‚heilig‘ erklärt und so zum Maßstab dafür gemacht, was in einer Gesellschaft geht und was nicht.

Welzer, der in seinem Buch „Das kommunikative Gedächtnis“ auf Assmanns Gedächtniskonzept zurückgreift, unterschlägt diese Differenz, – sowohl dort wie hier. Hat das aber in „Das kommunikative Gedächtnis“ die Folge, daß er dort die kulturelle Dynamik zu optimistisch interpretiert, so hat das nun hier, in „Klimakriege“, die Folge, daß er das Beharrungsvermögen kultureller Prägungen zu pessimistisch interpretiert. Als Beispiel dient ihm die Osterinsel: „... wenn es je eines schlagenden Beispiels bedürft hätte, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt (besonders dann, wenn er keines hat()), dann liefern es die Bewohner der Osterinsel. Hier sieht man die Verselbständigung einer kulturellen Praxis, die auch um die Gefahr der Selbstaufgabe nicht aufgegeben wird.“ (Welzer 2008, S.82)

Auf der Osterinsel haben die Bewohner die Wälder so gründlich abgeholzt und vernutzt, daß sie ihnen keine Lebensgrundlage mehr bot. Eine jahrhundertalte Kultur samt Bevölkerung verschwand aus dieser Welt. Welzer schreibt, daß die „kulturellen Wahrnehmungsformate“ der Bewohner der Osterinsel den Blick auf Alternativen verstellt haben, so daß die „Beteiligten buchstäblich nicht sehen“ konnten, was sie stattdessen hätten tun können. (Vgl. Welzer 2008, S.83)

Hinter dem Rücken der Osterinselbewohner waren die Wälder durch beständige, jahrhundertelange Abholzung so allmählich von der Oberfläche verschwunden, daß diese Veränderungen den einzelnen Generationen nicht bewußt werden konnten. In einer ähnlichen Situation befinden wir uns mit dem Klimawandel: „Ursache und Wirkung sind im Klimawandel auseinandergerissen – diejenigen, die die Folgen verursacht und diejenigen, die sie zu bewältigen haben, sind keine Zeitgenossen. Die Probleme bei den Versuchen, noch irgendetwas an seiner Entwicklung zu steuern, gehen unter anderem auf diese eingebaute Verantwortungslosigkeit zurück. Das zeitliche, regionale und biografische Missverhältnis zwischen Verursachung und Wirkung steht der Zurechnung von Verantwortung ebenso im Wege wie der Zuschreibung von Pflichten, die aus der Abwendung der möglichen Katastrophe entstehen.“ (Welzer 2008, S.202)

Zu den shifting baselines gehört der Begriff des „Referenzrahmens“, wie ihn Welzer in Anlehnung an Erving Goffman prägt. Auch hier haben wir es wieder mit dem Lebensweltthema zu tun. Wir nehmen nie die Dinge wahr, wie sie sind, also objektiv, sondern wir ordnen sie immer ein. Und den Rahmen, in den wir sie einordnen, bezeichnet Welzer als Referenzrahmen. Der Referenzrahmen bestimmt, wie die Betroffenen auf eine Situation reagieren: „Menschen treffen ihre Entscheidungen vor dem Hintergrund komplexer Annahmen, von denen nur der geringere Teil die Ebene der bewussten Reflexion erreicht ...“ (Vgl. Welzer 2008, S.64) – Insofern aber „nur der geringere Teil die Ebene der bewussten Reflexion erreicht“, haben wir es eben genau mit der Lebenswelt zu tun.

In bezug auf die shifting baselines spricht Welzer auch von „fließende(n) Referenzlinien“, mit deren Hilfe „man sich beständig in Übereinstimmung mit der Umgebung hält“. (Vgl. Welzer 2008, S.76f.) Diese fließenden Referenzlinien erinnern an Assmanns „vertikale Verankerung“ (Kulturelles Gedächtnis, S.199f.), zu denen uns die Orientierung am Mythos verhilft. Es ist dasselbe Prinzip, mit dem wir uns nicht nur in „Übereinstimmung mit der Umgebung“, sondern auch mit uns selbst ‚halten‘.

Welzer bringt nun den Referenzrahmen in Verbindung mit der ‚Kultur‘, und zwar bezeichnender Weise mit der ‚Kultur‘ von Selbstmordattentätern: „Die Kultur der menschlichen Bomben ist in einen Referenzrahmen eingebettet, in dem der Status der Familien der Attentäter sich ebenso erhöht wie ihr materieller Wohlstand.“ (Welzer 2008, S.164) – Negativer läßt sich der Kulturbegriff nicht mehr konnotieren. Anstatt daß Kultur in all ihrer Ambivalenz zur individuellen Menschwerdung beiträgt, wird sie nun ganz im Gegenteil zu einem Mittel der Selbstauslöschung.

Die Begriffe, mit denen wir es hier im Rahmen der Lebensweltthematik zu tun haben – „shifting baselines“, „Referenzrahmen“ und, wie wir in den folgenden Posts noch sehen werden, „totale Situationen“, „partikulare Rationalitäten“ –, sind allesamt in einem gewissen Sinne ‚defizitär‘. Sie beschreiben Verhängniszusammenhänge menschlichen Handelns, – man könnte auch von Schuldzusammenhängen sprechen. Diese Verhängnis- bzw. Schuldzusammenhänge sind allesamt gesellschaftlich, und sie bestimmen bzw. orientieren die individuelle Identität. Was sie nicht beschreiben, ist, in welcher Weise sich die Individuen zu diesen Verhängnis- und Schuldzusammenhängen stellen, d.h. nicht einfach nur reagieren, sondern agieren. Auch darauf wird in den folgenden Posts noch einzugehen sein.

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Mittwoch, 30. März 2011

Harald Welzer, Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, Frankfurt a.M. 2008

1. Prolog: Welzer und Plessner im Vergleich
2. shifting baselines
3. Arbeitsteilung und Verantwortung
4. Totale Situationen und partikulare Rationalität
5. Zur Kontinuität gesellschaftlicher Entwicklung
6. Drei Handlungsalternativen

Plessner verortet Geschichte auf zwei verschiedenen, zu einander völlig disparaten Ebenen. Zum einen haben wir die Ebene, auf der wir eine objektive Perspektive auf die menschliche Geschichte einzunehmen versuchen. Das ist die Geschichte der ‚objektiven‘ Daten und Jahreszahlen. Diese in Geschichtsbüchern zusammengefaßte und aufbereitete Geschichte (vgl. Einheit der Sinne, S.144f.) bietet aber letztlich nur einen winzigen, und dazu noch völlig willkürlich zusammengestellten Bruchteil der tatsächlichen Geschichte, in derem nach Epochen gegliederten Rhythmus wir uns mit unserem eigenen Lebenslauf einordnen: „Wir neigen dazu, unsere eigene Lebenserinnerung zum Bruchteil aller jemals möglich gewesenen Lebenserinnerungen von Menschen zu machen und einen fast substantiellen Strom der Vergangenheit zu substituieren.“ (Einheit der Sinne, S.148)

Dieser verbreiteten Vorstellung von Geschichte hält Plessner entgegen, daß wir es hier mit einer „Konstruktion“ von Geschichte „aus den Überresten, durch Einfügungen von Motivationsketten in freier Sinngebung des überlieferten Stoffs“ zu tun haben, also mit Geschichte nach dem Montageprinzip, wie es Welzer in „Das kommunikative Gedächtnis“ (2005/2002) beschreibt: „Geschichte hat also überhaupt keine vorgegebene Grundlage in einem intuitiv einheitlichen Ganzen. Also fehlt die letzte Kontrollmöglichkeit der historischen Reihenbildung (durch Motivationszusammenhänge) an zusammenhängenden Erscheinungen in einer Anschauung.“ (Einheit der Sinne, S.147)

Das ist im Grunde der Todesstoß für jede objektive Geschichtswissenschaft: wenn ihr keine „Anschauung“ zugrundeliegt, heißt das letztlich, daß sie keine „Gegenstände“ hat, denn Gegenstände sind immer „Phänomene“ und müssen als solche einer „Anschauung“ gegeben sein, um mehr zu sein als nur subjektive Einbildung. Allerdings bezieht Plessner hier die Geschichtswissenschaft vor allem auf die antreffende Anschauung mit ihren Möglichkeiten schematischer Darstellung, wie sie vor allem in den Naturwissenschaften gebräuchlich ist. (Vgl. Einheit der Sinne, S.154f.)

Es gibt aber noch zwei andere Ebenen der Anschauung, und hier eröffnet vor allem die innewerdende Anschauung eine völlig andere Perspektive auf die Geschichte. (Vgl. Einheit der Sinne, S.99f.u.ö.) Der ‚Gegenstand‘ der innewerdenden Anschauung sind die Gefühle und Empfindungen, und diese sind Plessner zufolge einer „syntagmatischen Gliederung“ zugänglich. (Vgl. Einheit der Sinne, S.154f., 170f.)

Was das bedeuten könnte, wird in den „Stufen des Organischen“ deutlich. Dort nämlich verknüpft Plessner die Geschichte mit der exzentrischen Positionalität des Menschen: der Mensch ist ein geschichtliches Wesen, weil er exzentrisch positioniert ist, d.h. weil er in seiner ‚Mitte‘ nur auf vermittelte Weise sein kann. Und die vermittelte Weise, in der er in seiner Mitte sein kann, ist die Geschichte, die „nur die ausgeführte Weise (ist), in der er über sich nachsinnt und von sich weiß.“ (Vgl. Stufen, S.31) In seiner Geschichte ‚drückt‘ sich der Mensch ‚aus‘, sie gehört zur expressiven Struktur seines Handelns: „Durch seine Expressivität ist er also ein Wesen, das selbst bei kontinuierlich sich erhaltender Intention nach immer anderer Verwirklichung drängt und so eine Geschichte hinter sich zurückläßt.“ (Stufen, S.338)

Wir haben also auf dieser Ebene einer Geschichtswissenschaft – mit „syntagmatischer Gliederung“ und „Expressivität“ – eine Geschichte, in der das Material der Anschauung der Mensch selbst ist, – und zwar, das scheint mir deutlich genug zu sein, in Form von ‚Erzählungen‘ gemäß dem Prinzip der Narrativität. Denn die syntagmatische Gliederung scheint mir bei Plessner genau für diese Möglichkeit zu stehen, daß nämlich das seelische Material vor allem in ‚Geschichten‘ seinen ‚Ausdruck‘ findet, so daß also ‚Geschichte‘ vor allem die erzählte Geschichte meint.

Alles das finden wir auch in Welzers „Das kommunikative Gedächtnis“. Und gerade das Montageprinzip, nach dem bei Welzer die Erinnerungssubjekte sich den jeweiligen Sinnzusammenhang mehr recht als schlecht zusammenbasteln, paßt wiederum sehr gut zu Plessners Form-Inhalt-Bestimmung der menschlichen Expressivität: daß wir nämlich in der Form des jeweils gefundenen Ausdrucks den ursprünglichen Inhalt, sowohl das, was wir selbst meinen und wollen, als auch das, was wir verstehen wollen (nämlich das, was unsere Mitmenschen meinen und wollen), notwendigerweise verfehlen. (Vgl. Stufen, S.336ff.)

Die logische Schlußfolgerung ist also, daß die Geschichte des Menschen weder einen substantiellen noch einen kontinuierlichen Entwicklungsprozeß darstellt. Es gibt keine Richtung, auf die hin Geschichte ‚stattfindet‘, und es gibt keine kulturellen ‚Ungleichzeitigkeiten‘, daß etwa manche Kulturen weniger entwickelt wären als andere: „Offensichtlich ist die Annahme falsch, dass unterschiedliche Entwicklungsverläufe von Gesellschaften lediglich unterschiedliche Entwicklungsstände in Modernisierungsprozessen widerspiegeln. Es könnte sein, dass Gesellschaftsentwicklungen ganz unterschiedlichen Pfaden folgen können, die sich klassischen Vorstellungen von Vor- und Rückentwicklungen gar nicht fügen – dass hier etwas anderes entsteht, als westliche Theorien der Gesellschaft zu denken erlauben.“ (Welzer 2008, S.106f.)

Ganz ähnlich wie Plessner hinsichtlich der scheinbaren Objektivität von Geschichte hält Welzer „Kausalität“ nicht für „eine Kategorie sozialen Handelns“. (Vgl. Welzer 2008, S.124f.) – Welzers Schlußfolgerung aus der fehlenden Kausalität sozialen Handelns für die Geschichte klingt zunächst wertneutral: „Das bedeutet aber zugleich, dass eine Geschichte nie alternativlos so verlaufen musste, wie sie tatsächlich verlaufen ist. Dass die ‚Endlösung der Judenfrage‘ in einer Radikalität ausbuchstabiert wurde, die schließlich in Menschenvernichtungsanlagen endete, war keine historische Zwangsläufigkeit ...“ (Welzer 2008, S.124)

Von hier ist also jeder Geschichtsverlauf möglich, und die Frage, die sich hier allererst stellt, ist die nach der Freiheit menschlichen Urteilens und Handelns. Welzer beantwortet diese Frage anhand der Möglichkeit, aus der Geschichte z.B. des Holocaust zu lernen, von vornherein negativ: „Warum aber, so könnte man fragen, sollte etwas ‚nie wieder‘ geschehen, wo doch die Beispiele zeigten, dass Menschen noch die radikalsten Abweichungen vom humanistischen Denken, die gegenmenschlichsten Theorien, Definitionen, Schlussfolgerungen und Handlungen sinnhaft finden und in Konzepte integrieren können, die ihnen vertraut sind – auch Menschen übrigens, deren Intelligenz und humanistisches Bildungsniveau nichts zu wünschen übrig lässt.“ (Welzer 2008, S.39)

Mit Plessner ist darauf zu verweisen, daß die Menschen aufgrund der exzentrischen Positionalität, also eben weil alles menschliche Handeln expressiv ist, „noch die radikalsten Abweichungen vom humanistischen Denken, die gegenmenschlichsten Theorien, Definitionen, Schlussfolgerungen und Handlungen sinnhaft finden und in Konzepte integrieren können“: und die Geschichte hat selbstverständlich auch an dieser Expressivität teil. Es gibt deshalb immer sehr viel aus der Geschichte zu lernen, denn in ihr begegnet sich der Mensch selbst, und nur vor ihrem Hintergrund wird er sich in seinem eigenen Sinnstreben und Handeln verständlich. Weder ein Geschichtsoptimismus (Fortschrittsgeschichte) noch ein Geschichtspessimismus (Verfallsgeschichte) ist angebracht. Denn die jeweiligen Maßstäbe, nach denen ‚Fortschritt‘ und ‚Verfall‘ zu deuten wären, hängen unmittelbar vom Handeln der geschichtlichen Subjekte in ihrer jeweiligen Gegenwart ab.

Der Grund, warum ich hier in einem eigenen Post auf dieses Thema zu sprechen komme, liegt darin, daß es in den folgenden Posts um Welzers „Klimakriege“ (2008) gehen soll. Und zwischen seinen Büchern „Das kommunikative Gedächtnis“ und „Klimakriege“ gibt es vor allem einen auffälligen Unterschied: nämlich einen mit dem Prinzip der Narrativität verbundenen evolutionären und geschichtlichen Optimismus hinsichtlich der Menschwerdung und einen mit der Katastrophenträchtigkeit menschlicher Technik verbundenen geschichtlichen Pessimismus hinsichtlich der Zukunft des Menschen. Der Pessimismus in den „Klimakriegen“ hat darüberhinaus seine an Günther Anders erinnernde umstürzende Radikalität darin, daß Welzer nunmehr davon ausgeht, daß es für den Menschen angesichts des Niedagewesenen menschengemachter Katastrophen aus der bisherigen Geschichte nichts Brauchbares mehr für seine Zukunft zu lernen gibt. (Vgl. Welzer 2008, S.36f., 200f.)

In den folgenden Posts werde ich weniger auf die im Buchtitel angesprochenen „Klimakriege“ selbst eingehen, sondern vor allem bestimmte Argumentationsstränge aufgreifen, die mir in bezug auf meine bisherigen Posts bedeutsam zu sein scheinen, und ich werde versuchen, Welzers Argumentation mit Hilfe des hier von mir entwickelten Standpunkts zu korrigieren und zu ergänzen.

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Freitag, 25. März 2011

Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)

  1. Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
  2. Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
  3. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
  4. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
  5. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
  6. Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
  7. Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
Mit Bezug auf Norbert Elias, Lev Wygotsky, Daniel Stern und Michael Tomasello schreibt Welzer, „daß Menschen nichts ‚verinnerlichen‘, wenn sie sich entwickeln“ (vgl. Welzer 2005/2002, S.120), während es an anderer Stelle dann in deutlichem Widerspruch dazu heißt, daß das „Körper-Selbst“ „klare Innen- und Außengrenzen aufweist“ und „in bezug auf die und in Abgrenzung von der Umwelt operiert.“ (Vgl. Welzer 2005/2002, S.141f.) Dieser Widerspruch wird von Welzer nicht reflektiert und wohl auch nicht bemerkt. (Vgl. meinen Post vom 22.03.11)

In seinen Darstellungen zu Damasios Konzept eines „körperbewußten Gehirns“ (vgl. Antonio Damasio, Descartes’ Irrtum (5/2007), S.298-324) zieht Welzer dann auch nicht die notwendigen Konsequenzen bei der Verhältnisbestimmung von sozialen und individuellen Erfahrungen. So besteht Welzer lediglich darauf, daß es „keine neuronalen Korrelate sozialer Austauschprozesse“ (vgl.S.162) gibt: „Uns fehlt jede Möglichkeit, in die Gehirne der Beteiligten hineinzuschauen, um festzustellen, welche Aktivitäten an welcher Stelle ihres neuronalen Apparates vonstatten gehen, wenn sie dieses oder jenes denken, fühlen oder sagen – jedenfalls nicht, während sie dies in einer sozialen Situation tun.“ (Ebenda)

Es fehlt Welzer jedes Gespür für die somatische Spezifität individueller Erfahrungen. Daß es schon auf dieser Ebene eine Differenz zwischen neuronalen Korrelaten und den anderen, ‚restlichen‘ physiologischen Prozessen unseres Körpers geben könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. Erst durch ihre Einbettung in eine soziale Situation werden die Aktivitäten des neuronalen Apparates prinzipiell undurchschaubar.

An welcher Stelle aber müßte eine andersartige, den Gesamtorganismus berücksichtigende Verhältnisbestimmung eigentlich notwendig werden? Die nötigen Informationen, um diese Frage zu klären, liefert Welzer selbst. So spricht er z.B. in Anlehnung an Damasios Körperschleifen von einem „Körperfeedback“, das einem „Baby“ bei der Nahrungsaufnahme „propriozeptiv und intrazeptiv“ signalisiert, daß sich in seinem Körperzustand etwas, „– vom Unbehagen zum Wohlbefinden – verändert hat“. (Vgl. Welzer 2005/2002, S.121) Dieses Körperfeedback wird ergänzt durch das soziale Feedback der Mutter, daß „nicht nur intrapersonal, sondern interpersonal alles wieder in Ordnung ist.“ (Vgl. Welzer 2005/2002, S.121f.)

Hier haben wir alle nötigen Informationen, um zu verstehen, wie sich im Säugling allmählich ein ‚Innen‘ in Differenz zum ‚Außen‘ herauszubilden beginnt, indem es nämlich einerseits seine Körperzustände „propriozeptiv und intrazeptiv“ zu beobachten lernt und dazu die von außen gelieferten Bewertungsangebote durch die Mutter nach und nach ‚verinnerlicht‘. Dies ist nicht einfach nur ein sozialer Formungsprozeß, der dem Säugling von außen widerfährt und dem es sich passiv anpaßt, sondern es hat sein ‚Modell‘ im körperlichen Organismus selbst: in der Wechselbeziehung von Gehirn und ‚Fleisch‘, wie es Damasio prägnant auf den Punkt bringt (Damasio 5/2007, S.19) Denn das Körperfeedback, also Damasios Körperschleifen, stellt nicht einfach nur einen neuronalen Reflexbogen dar, der von irgendwelchen Apparaten mechanisch ausgelöst werden könnte. Vielmehr wird das Gehirn durch die Körperschleifen dem Körper ‚gegenübergestellt‘, also in eine exzentrische Position versetzt: es wird durch die Körperschleifen „in das faszinierte Auditorium des Körpers verwandelt“. (Vgl. Damasio 5/2007, S.16)

Wir haben also schon im Körperleib selbst eine Grenzbestimmung von Innen und Außen vorliegen, und damit befindet sich Damasio mit seiner Beschreibung der menschlichen Anatomie auf der Höhe der Plessnerschen Anthropologie! Der Plessnerschen Grenzbestimmung des Körperleibs entspricht auch Damasios Differenzierung zwischen Körperschleifen und Als-ob-Körperschleifen. (Vgl. Damasio 5/2007, S.215f.) Denn was sind die Als-ob-Körperschleifen anderes als das Körperschema und damit der ‚Leib‘, den wir seelisch und geistig ‚kontrollieren‘, während wir die eigentlichen Körperschleifen auf den Aspekt des Körperleibs beziehen können, nach dem der ‚Körper‘ das Bewußtsein ‚kontrolliert‘? Wobei wir immer, gleichgültig, welcher Aspekt nun gerade die ‚Kontrolle‘ übernimmt, von einem grundsätzlichen Wechselverhältnis zwischen Gehirn und Körper, zwischen Als-ob-Körperschleife und Körperschleife ausgehen müssen, einem Wechselverhältnis, in dem der Körper die Priorität hat. (Vgl. Damasio 5/2007, S.19)

Wir können jedenfalls festhalten, daß es bei der Differenzierung zwischen Innen und Außen immer auch um eine Differenzierung zwischen Körper und Leib, zwischen Körper und Gehirn geht. Es sind nicht die neuronalen ‚Korrelate‘, die mit den sozialen Erfahrungen interagieren: „Der Organismus, der aus der Hirn-Körper-Partnerschaft besteht, tritt als Ganzes in Interaktion zur Umwelt, wobei weder der Körper noch das Gehirn allein für diese Wechselbeziehung verantwortlich ist.“ (Damasio 2005/2002, S.130)

Wir müssen also immer drei Ebenen auseinanderhalten, die zugleich nur zusammen den ganzen Menschen ergeben: die Ebene der biologischen Evolution, die in der Herausbildung eines zentralen Nervensystems in arbeitsteiliger Wechselbeziehung mit dem Körper (‚Fleisch‘) gipfelt, die Ebene der kulturellen Evolution mit ihren zwei Phasen der Mündlichkeit (Lebenswelt) und der Schriftlichkeit und die Ebene der individuellen Person (Ontogenese), die durch exzentrische Positionalität gekennzeichnet ist, d.h. durch einen Freiraum bzw. Spielraum des Verhaltens/Handelns.

Dieser Spielraum wird nicht durch die Statistik eröffnet, wie Welzer andeutet (vgl. Welzer 2005/2002, S.223) und wie es auch in unserem ersten Post vom 21.04.2010 anklingt, wo wir von der „Unzahl möglicher Motive“ sprechen, von einer „Komplexität“, die „eine bestimmte Grenze“ überschreitet, „die die bloße Möglichkeit individueller Urteilskraft umwendet in eine existentielle Notwendigkeit“. Zwar hatten wir damit nicht auf eine statistische Einzigartigkeit der individuellen Urteilskraft hinausgewollt, sondern auf ihre Unvertretbarkeit im Augenblick der Entscheidung, – aber dennoch spielte zumindest ich mit dem Gedanken, hier eine statistische Lücke für etwas offenzuhalten, was mir immer schon besonders am Herzen liegt: für den eigenen Verstandesgebrauch.

Aber es kann eben nicht um Statistik gehen, wenn es um den Spielraum für unser Handeln geht. Es geht vor allem um den ‚Raum‘ selbst, der sich nicht im Bereich der Wahrscheinlichkeit befindet, sondern jederzeit ‚verfügbar‘ ist, unabhängig von Gelegenheit, Herkunft und Intelligenz. Er befindet sich nicht ‚innen‘ und nicht ‚außen‘, so daß ihn Wiesings Kritik an der Verräumlichung des Ich-Welt-Verhältnisses nicht betrifft. (Vgl. meinen Post vom 04.06.2010) Aber dieser Raum hat dennoch etwas mit der Differenz von Innen und Außen zu tun, auch wenn er keins von beidem ‚ist‘, denn er ergibt sich aus ihrem Verhältnis, aus ihrer Struktur, als exzentrische Positionalität. Weil es nicht nur eine Naivität gibt, die als ‚zweite Natur‘ bzw. als ‚Kultur‘ zur ersten Natur hinzutritt, und weil der Mensch sich zu dieser Naivität ‚stellen‘ kann, so daß sie zum Werkzeug wird, zur zweiten Naivität, die über die zweite Natur verfügen kann, deshalb gibt es individuelle Urteilskraft. Jede andere Begründung läuft ins Leere.

Deshalb am dieser Stelle noch einmal in aller mir möglichen Klarheit: Es gibt eine erste und eine zweite Natur, und es gibt eine erste und eine zweite Naivität. Die erste Natur ist die Natur unserer Biologie. Die zweite Natur ist unsere Kultur bzw. die Lebenswelt. Diese ist zugleich unsere erste undurchschaute Naivität. In dem Moment, in dem wir sie durchschauen, entsteht automatisch eine zweite Naivität. Und bei dieser zweiten Naivität stellt sich nun die Frage, ob wir uns von ihr endgültig ‚einfangen‘ lassen – die meisten von uns verwandeln sich dabei in Zyniker – oder ob wir sie zum Werkzeug machen. Diesen Spielraum haben wir, denn es gäbe keine zweite Naivität, wären wir nicht exzentrisch positioniert.

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Donnerstag, 24. März 2011

Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)

  1. Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
  2. Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
  3. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
  4. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
  5. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
  6. Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
  7. Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
Ich hatte schon im ersten Post zu Welzer darauf hingewiesen, daß auch er die körperlichen Zustände in seine Analysen zum kommunikativen und autobiographischen Gedächtnis mit einbezieht. So verweist er immer wieder auf den notwendigen Zusammenhang von Emotionen und Erinnerungen (vgl. Welzer 2005/2002, S.35f.) und von Emotionen und Entscheidungen. Diese Zusammenhänge beschreibt Damasio mit dem Begriff des „somatischen Markers“: „In der Vorstellung von Damasio ist die jeweilige Aktivität immer körperlich kontextualisiert – eine bestimmte Empfindung löst einen bestimmten Handlungsimpuls aus, der seinerseits zu einer Fülle somatischer Reaktionen führt. Hier fungieren die Körper- und Gefühlszustände als bewertende Marker, die die Handlungen evaluieren und regulieren.“ (Welzer 2005/2002, S.81)

Ohne diese somatischen Marker wären die Menschen schlicht entscheidungsunfähig. (Vgl. Welzer 2005/2002, S.138) Der Begriff selbst ist schon aufschlußreich und sagt viel über Damasios wissenschaftliche Bedeutung in der Gehirnforschung aus. Wohl kaum ein anderer Gehirnforscher hätte den Zusammenhang von Emotionalität und Entscheidung vor allem auf den Körper bezogen, wie es ja im Begriff des somatischen Markers zum Ausdruck gebracht wird. Viele andere Gehirnforscher hätten die Formulierung ‚neuronaler‘ Marker verwendet. Denn obwohl Damasio sicher einer der ersten gewesen ist, der auf die Bedeutung der Gefühle für die kognitiven Funktionen hingewiesen hat, so ist er bis heute, wo so viele andere Gehirnforscher – in seiner Nachfolge – ebenfalls die unter der Schwelle des Bewußtseins liegenden, unbewußten Mechanismen für sich entdeckt haben, fast der einzige geblieben, der die Emotionalität vor allem auf die Körperlichkeit des Menschen bezieht.

Harald Welzer bezieht sich nun in seiner ausführlichen Darstellung des Ansatzes von Damasio ebenfalls auf die Körperzustände, und er beschreibt den Kern dieses Ansatzes auch korrekt als eine spezifische, der bewußten Kontrolle entzogene Form der ‚Kognition‘: „Wie wir uns verhalten, wenn wir einen entfernten Bekannten auf der Straße treffen, zu welcher Entscheidung wir in einer Konfliktsituation kommen, wie wir uns dafür entscheiden, welches Produkt wir kaufen, hängt im Kern vom Signal des somatischen Markers ab. Das heißt nicht, daß unser Verhalten von ihm determiniert wäre – schließlich kann man sich auch ‚gegen sein Gefühl‘ entscheiden (was meist die Entscheidungen sind, die man hinterher bereut) –, es heißt nur: daß wir in der Regel keine rein kognitiven Operationen vornehmen, daß also unser Geist keine Entscheidung fällt, ohne eine körperliche Information dabei berücksichtigt zu haben.“ (Welzer 2005/2002, S.138)

Aus Welzers Darstellung der Funktionsweise des somatischen Markers geht hervor, daß wir es hier mit einer Haltung zu tun haben, mit einer Form von – wie ich es an anderer Stelle formuliert habe – ‚gespeicherter Zeit‘. Frühere Erfahrungen, die wir uns erarbeitet haben, d.h. die wir reflektiert und geübt haben, wie z.B. bestimmte Techniken einer Sportart, werden zu einem organischen Bestandteil unseres Selbst. Feuerwehrleute, Polizisten, Sozialarbeiter, Pädagogen, Seelsorger etc. müssen sich jahrelang und gründlich darin ausbilden lassen, mit ihrer Klientel auf gekonnte, d.h. professionelle Weise umzugehen, damit sie dann, wenn es darauf ankommt, nicht lange überlegen müssen, was zu tun ist, sondern ‚unmittelbar‘ und ‚authentisch‘ aus dem Bauch heraus reagieren und agieren können. Damasio nennt das „rasche Kognition“. (Vgl. Antonio Damasio, Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, Berlin 5/2007, S.V) Ich nenne es „gespeicherte Zeit“, weil sie uns im Notfall hilft, Zeit zu sparen.

So anerkennenswert ich Welzers gründliche Erörterung von Damasios Ansatz finde, so muß ich doch festhalten, daß er keine Schlüsse zum Verhältnis von Gehirn und Körper daraus zieht. Für seine Verhältnisbestimmung von neuronalen Korrelaten und „erwachendem Bewußtsein“ (vgl. Welzer 2005/2002, S.82) bleiben die eigentlich recht häufigen Verweise auf die Bedeutung des Körpers letztlich folgenlos.

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Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)

  1. Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
  2. Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
  3. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
  4. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
  5. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
  6. Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
  7. Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
Zur Thematik der Lebenswelt gehören auch die sozialen Marker, wie sie Welzer im Anschluß an Damasios somatische Marker konzipiert. (Vgl. Welzer 2005/2002, S.171, 179f., 229f.) Letztlich handelt es sich bei den sozialen Markern um nichts anderes als um aus früheren kommunikativen Erfahrungen hervorgegangene, soziale Urteilsbilder, die wir nun als Vorurteile auf andere, unserer unmittelbaren Erfahrung unzugängliche Lebenszusammenhänge übertragen: Welzer verweist auf das Beispiel der Persönlichkeit ‚unseres‘ Großvaters, wie wir ihn aus eigener Erfahrung kennen und das wir auf die Geschichten übertragen, die er selbst oder andere in der Familie uns über sein früheres Leben erzählen: „In diesem Sinne wird das Bild, das sich von dieser ‚moralischen Wesensart‘ des Vorfahren an jener Zeitstelle hergestellt hat, von der aus man ihn kennt, auch auf jene vorausliegenden Abschnitte seiner Lebensgeschichte ausgedehnt, die man aus eigener Erfahrung und Anschauung nicht kennt, weil man zu dieser Zeit noch gar nicht auf der Welt war.“ (Welzer 2005/2002, S.171)

Die sozialen Marker bewirken also, daß wir das, was wir schon kennen, auf das übertragen, was wir noch nicht kennen. Insofern also haben soziale Marker etwas Lebensweltliches und zugleich – in Analogie zu den ‚somatischen‘ Markern, auf die ich im nächsten Post zu sprechen kommen werde – etwas Habituelles: „Damasio hatte ... die Möglichkeit für intuitives Handeln mit dem Wirken von ‚somatischen Markern‘ erklärt, die eine Art körperlichen Index für das Treffen von Entscheidungen liefern. Im gleichen Sinn sind solche Entscheidungen, wie ich glaube, durch ‚soziale Marker‘ bestimmt, also an kulturelle, historische und soziale Indices gebunden.“ (Welzer 2005/2002, S.229f.)

Die Trennlinie zwischen sozialen und somatischen Markern ist also unscharf, denn bei beiden läuft es wohl auf die Notwendigkeit „rascher Kognition“ hinaus, also auf die Möglichkeit einer unbewußter Entscheidungsfindung, wie wir sie in Form einer ‚inneren Haltung‘ gespeichert haben, um uns im Bedarfsfall ganz auf unsere ‚Intuition‘ verlassen zu können. (Vgl. Antonio Damasio, Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, Berlin 5/2007, S.V) Ich frage mich jedenfalls, ob es wirklich notwendig ist, den somatischen Markern noch einmal eigens soziale Marker zur Seite zu stellen, denn im Sinne einer Handlungshilfe läuft es wohl doch auf dasselbe hinaus.

Da leuchtet mir schon eher die Funktion sozialer Marker ein, wenn man sie auf die narrative Ebene bezieht. Insofern wäre es vielleicht sogar besser von ‚narrativen‘ Markern zu reden. An Familiengeschichten kann Welzer zeigen, daß es weder die Logik noch die inhaltliche Vollständigkeit ist, die eine gute Geschichte ausmacht. Insofern nämlich Familiengeschichten, in denen vom früheren Leben des schon erwähnten Großvaters die Rede ist, „unvollständig, widersprüchlich, lückenhaft, historisch disparat“ sind, kann jeder der Zuhörer „jede Bruchstelle, jeden Widerspruch dafür nutzen, seinen eigenen Sinn in die Geschichte hineinzutragen ...“ (vgl. Welzer 2005/2002, S.179f.) – Dabei sichern die sozialen Marker bei den Zuhörern das Gefühl, daß es dieselbe Geschichte ist, der sie zuhören: in diesem Fall also der Großvater heute, wie wir alle ihn kennen, und der Großvater damals, wo die Geschichte spielt. Und jeder füllt dabei die Verständnislücken auf seine Weise „nach dem Prinzip des Lücken-Auffüllens und Montierens“. (Vgl. ebenda)

Soziale Marker helfen also dabei, Sinnfragmente so zusammenzufügen, daß sich die Zuhörer der Illusion hingeben können, trotz je individueller Sinngebung dieselbe Geschichte zu hören. Insofern sind die sozialen Marker Teil der extravaganten Syntax, die Tomasello beschrieben hat und deren Aufgabe ja ebenfalls darin besteht, den Zuhörer über einen größeren Kontext hinweg, in diesem Fall die Verbindung zwischen heute und damals, bei der Referenzverfolgung, in diesem Fall der Großvater, zu unterstützen. Dabei unterstützen die sozialen Marker allerdings weniger das individuelle Verstehen – das folgt ja nach dem Prinzip der Montage seinen eigenen Bahnen –, sondern das gemeinsame, soziale Verstehen. Und da dies weitgehend intuitiv, d.h. hinter unserem Rücken geschieht, haben wir es bei den sozialen Markern mit einem lebensweltlichen Mechanismus zu tun.

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Mittwoch, 23. März 2011

Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)

  1. Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
  2. Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
  3. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
  4. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
  5. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
  6. Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
  7. Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
Von Kultur spricht Welzer im Rahmen einer Verhältnisbestimmung von kulturellern Gedächtnis („Alltagsferne“) und kommunikativem Gedächtnis („Alltagsnähe“ (vgl. Welzer 2005/2007, S.14f., 98, 235)) und im Rahmen einer Verhältnisbestimmung von „Soziogenese“ und „Ontogenese“ (vgl. Welzer 2005/2007, S.116f.) Im letzteren Sinne kennzeichnet er die Kultur als „co-evolutionäre Umwelt“ des Menschen. (Vgl. ebenda) Darin kommt zum Ausdruck, daß sich die Kultur als „Soziogenese“ und die Individuen in ihrer „Ontogenese“ in beständiger Wechselwirkung ‚entwickeln‘: „Alles, was sie (die Individuen – DZ) sich in Praxis aneignen, sind gewissermaßen symbolische Formen auf dem neuesten Stand. Sie verwenden das Material, das ihnen ihre jeweilige Vorgängergeneration zur Verfügung stellt, und modifizieren es umstandslos, weil sie ihre Umwelt aktiv erschließen und sich eben nicht an sie adaptieren.“ (Welzer 2005/2007, S.116f.)

Wenn wir also zu unserer biologischen Natur nur ein weitgehend passives, nur in epigenetischen Grenzen aktives Verhältnis haben, haben wir zur Kultur, also zu unserer ‚zweiten Natur‘ ein weitgehend aktives Wechselverhältnis. Diese „co-evolutionäre Entwicklungsumwelt“ ermöglicht es den Menschen, sich besser „an sich verändernde Umwelten“ – gemeint ist wohl die Naturumwelt – anzupassen, als es ohne sie möglich wäre: „Diese Emanzipation wurde möglich durch zwei humanspezifische Gedächtnisfunktionen: erstens durch die Fähigkeit zum autonoetischen Erinnern, das ein Arbeitsgedächtnis mit einer gewissen Kapazität voraussetzt, und zweitens durch die Auslagerung von Gedächtnis in andere Personen, in Institutionen oder in Medien. Ein Gedächtnis, das autonoetisch, also sich seiner selbst bewußt und daher reflexiv ist, ermöglicht das Warten auf bessere Gelegenheiten, das Überstehen problematischer Situationen, das Entwickeln effizienterer Lösungen, kurz, es erlaubt Handeln, das auf Auswahl und Timing geruht. Ein solches Gedächtnis schafft Raum zum Handeln und entbindet vom unmittelbaren Handlungsdruck; es schafft genaugenommen erst jenen Unterschied zum Agieren und reagieren, den wir als ‚Handeln‘ bezeichnen.“ (Welzer 2005/2007, S.111)

Was an dieser Verhältnisbestimmung von Soziogenese und Ontogenese zunächst vor allem auffällt, ist Welzers evolutionärer Optimismus: denn die Annahme, daß die kulturelle Entwicklung des Menschen, also die co-evolutionäre Entwicklungsumwelt, sich derart gutartig auf das Mensch-Naturumwelt-Verhältnis auswirkt, ist – gelinde gesagt – wenig begründet. Der Hinweis auf den durch kulturelle Institutionen geschaffenen ‚Handlungsraum‘ überzeugt nicht so recht, wenn Welzer an anderer Stelle glaubt, dem in Frage kommenden Handlungssubjekt, das diesen Handlungsraum nutzen könnte, das autobiographische Gedächtnis als „Relais“ einpflanzen zu müssen, um seine Soziabilität sicherzustellen: „Eine Spezies, die eine co-evolutionäre Entwicklungsumwelt nutzt, braucht ein Relais, das seine Mitglieder für sich erweiterende und diversifizierende soziale Gruppen anschlußfähig, ‚soziabel‘ macht. Das autobiographische Gedächtnis ist ein solches Relais, eine psychosoziale Instanz, die subjektive Kohärenz und Kontinuität sichert, obwohl die sozialen Umwelten und mit ihnen die auf das Individuum gerichteten Anforderungen fluktuieren.“ (Welzer 2005/2007, S.119)

Eine mit einer co-evolutionären Umwelt ausgestattete „Spezies“ scheint also weniger an der Ausweitung des individuellen Handlungsraums als an der sozialen Berechenbarkeit ihrer „Mitglieder“ interessiert zu sein. Die einerseits angedeutete erhöhte Entwicklungsdynamik wird also andererseits gleich wieder zurückgenommen zugunsten von Stabilität.

Von dem evolutionären Optimismus, daß die Kultur das Mensch-Welt-Verhältnis zugunsten einer besseren Anpassung an „sich verändernde Umwelten“ verändern könnte, bleibt also letztlich nicht viel übrig. Und Welzer selbst wird in seinem Buch „Klimakriege“ (2008) eine gegenteilige Auffassung vertreten, nach der die Kultur vor allem als ein Hindernis in der notwendigen Neuanpassung des Menschen an die von ihm selbst geschaffene katastrophenträchtige Umwelt dargestellt wird.

Auch an dieser Stelle habe ich den Eindruck, daß der Grund, warum Welzer zu keiner überzeugenden Klärung des menschlichen Handlungsspielraums kommt, vor allem darin liegt, daß er das Verhältnis von Ontogenese und Soziogenese auf den Kurzschluß zwischen neuronalen Korrelaten und ‚interpersonellen‘ Erfahrungszusammenhängen (vgl. Welzer 2005/2002, S.57) reduziert.

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Dienstag, 22. März 2011

Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)

  1. Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
  2. Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
  3. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
  4. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
  5. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
  6. Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
  7. Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
Nachdem ich schon in zwei Posts vom 05.02.2011 und 07.02.2011 zum Zusammenhang von Lebenswelt und kommunikativem Gedächtnis geschrieben habe, möchte ich auch hier wieder darauf zu sprechen kommen. Ich hatte schon die Differenz zwischen diesen Begriffen mit gleichem Inhalt vor allem daran festgemacht, daß man zum Lebensweltbegriff vom individuellen Bewußtsein her kommt, während das kommunikative Gedächtnis vor allem von der sozialen Mitwelt her konzipiert wird. Das wird noch einmal bei Welzers Anschlußkonzeption zu Assmanns Gedächtnisbegriff besonders deutlich. Er schließt über den Begriff des neuronalen Korrelats das Gehirn mit seiner sozialen Umwelt kurz: „Das Gehirn ist ein auf erstaunliche Weise erfahrungsabhängiges Organ. Während das neuronale Netzwerk im Erwachsenenalter beständigen Veränderungen unterliegt, die aus der Verarbeitung von körperinternen und -externen Informationen hervorgehen, liefern Signale aus der Umwelt beim Säugling, Kleinkind, Heranwachsenden und noch beim jungen Erwachsenen Modifikationsanlässe für neuronale Systeme, die in Entwicklung begriffen sind. Sie wirken damit direkt auf die sich entwickelnde Organisationsstruktur des Gehirns ein und somit auf die Möglichkeiten der sich entwickelnden Persönlichkeit zur Problembewältigung und Weltaneignung.“ (Welzer 2005/2002, S.66f.)

Welzer spricht von „körperinternen und -externen Informationen“. Der in seiner Darstellung unauffällig bleibenden Differenz zwischen Innen (körperintern) und Außen (körperextern) verleiht Welzer für die Verhältnisbestimmung von Gehirn und Umwelt keinerlei Relevanz. Das führt dazu, daß Welzers andere Äußerungen zu dieser Differenz in sich widersprüchlich bleiben. So heißt es z.B. an einer Stelle in prägnanter Formulierung – mit Bezug auf Norbert Elias, Lev Wygotsky, Daniel Stern und Michael Tomasello –, „daß Menschen nichts ‚verinnerlichen‘, wenn sie sich entwickeln, sondern daß sie im Zusammensein mit anderen praktisch lernen, was sie brauchen, um in einer gegebenen Sozialität zu funktionieren und zu einem vollwertigen Mitglied dieser Sozialität zu werden.“ (Vgl. Welzer 2005/2002, S.120) – Mit Bezug auf Damasios an Plessner erinnernde Verhältnisbestimmung von Gehirn und Körper heißt es dann aber in deutlichem Widerspruch dazu, „daß das Gehirn über eine Repräsentation des Körpers verfügen muß, daß es also die unterschiedlichen Einzelprozesse, Subsysteme, Funktionsabläufe des Organismus, die es überwacht und von denen es selbst ein Teil ist, auf eine Entität beziehen kann, die klare Innen- und Außengrenzen aufweist – in gewisser Weise also auf so etwas wie ein Körper-Selbst, das in bezug auf die und in Abgrenzung von der Umwelt operiert.“ (Vgl. Welzer 2005/2002, S.141f.)

Dieser Widerspruch, daß es einerseits im Zuge der individuellen Entwicklung keine ‚Verinnerlichung‘ (was aber bedeutet das Wort ‚Erinnerung‘ anderes als das Zurückholen von Verinnerlichtem?) gibt, daß aber das „Körper-Selbst“ andererseits „klare Innen- und Außengrenzen“ hat, wird von Welzer nicht reflektiert. Die damit verbundene Frage nach einer Grenzbestimmung von Körper und Leib spielt für seine primär soziale Konzeption des kommunikativen Gedächtnisses keine Rolle.

Der lebensweltliche Charakter des kommunikativen Gedächtnisses wird besonders deutlich bei der Bedeutung, die die „Person-Person-Objekt-Spiele“ für der Entwicklung eines „Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen“ haben. (Vgl. Welzer 2005/2002, S.74f.) Im letzten Post hatte ich auf die Bedeutung der kommentierenden Begleitung von alltäglichen Aktionen zwischen Mutter und Kind hingewiesen, aus denen schon der Säugling, noch bevor er diese verbalen Kommentare überhaupt verstehen kann, Hinweise auf die Bewertung von Emotionen als gut oder schlecht entnehmen kann.

Die vor allem in den Person-Person-Objekt-Spielen mit der Mutter und anderen zentralen Bezugspersonen mitgegebenen Informationen überschreiten zwar auch in der weiteren Entwicklung des Kindes immer sein jeweiliges entwicklungsbedingtes Fassungsvermögen: „„Der soziale Prozeß des Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen stellt grundsätzlich mehr bereit, als das Kind kognitiv und operativ bewältigen kann. Das wirkt aber nicht als Überforderung und damit entwicklungshemmend, sondern äußerst produktiv ...“ (Welzer 2005/2002, S.88)

Mit Hilfe des narrativen Prinzips der Montage (vgl. Welzer 2005/2002, S.90) ‚montiert‘ das Kind seinen eigenen Sinn in die Verständnislücken, so daß es über altersgemäße Sinnhorizonte und zahlreiche Verkürzungen und Mißverstände allmählich zu einem kompetenten, lebensweltlich orientierten Teilnehmer seiner sozialen Mitwelt, zu einem „Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen“ heranwächst: „Die Elemente seiner Mikroumwelt, die das Kind multimodal erfährt, werden durch die aktive Hinzufügung von Beiträgen zusammengeschlossen, die dafür sorgen, daß das Kind aus dem Ganzen ‚Sinn machen‘ kann. Dieser Vorgang ist in der vorsprachlichen Entwicklungsphase weder zu beobachten noch zu messen, sondern nur zu erschließen – es wird aber an späterer Stelle anhand von Interviewmaterialien gezeigt werden, daß Kommunikation darin besteht, daß die Beteiligten an jeder Stelle der sich vollziehenden Interaktion eigenen Sinn hinzufügen, so daß (wie in der Interaktion zwischen Mutter und Kind) ein gemeinsames Ergebnis erzielt wird, das in den Beteiligten unterschiedliche Repräsentationen hinterläßt.“ (Welzer 2005/2002, S.90)

Vor diesem Hintergrund einer rein sozialen, lebensweltlichen Formung verschmelzen kommunikatives und autobiographisches Gedächtnis zu „einem beständig sich wandelnden Ich, ... dessen autobiographische Gestalt genau aus jenen zahllosen Interaktionserfahrungen besteht, in denen irgendeine Form von Identität thematisiert wird. ... Das autobiographische Gedächtnis ist insofern kommunikativ, als es sich in Form eines Wandlungskontinuums über verschiedenste Ich-konkrete Interaktionssituationen herstellt und seine (fiktive) Einheit sich darüber realisiert, daß der Ich-Erzähler von allen Interaktionspartnern als authentischer und legitimer Ich-Erzähler, als Autobiograph, akzeptiert und bestätigt wird.“ (Vgl. Welzer 2005/2002, S.217f.)

Individualität droht vor dem Hintergrund dieses Entwicklungsprozesses zur Fiktion zu werden: „Die Autobiographie als situationsabhängige, asoziale, wirklich gelebte Lebensgeschichte ist ja nichts als eine Fiktion; in der autobiographischen Praxis selbst realisiert sie sich nur als jeweils zuhörerorientierte Version, als aktuell angemessene Montage lebensgeschichtlicher Erinnerung.“ (Welzer 2005/2002, S.213)

Die einzige Perspektive auf die Individualität, die sich unter diesen Bedingungen noch bietet, ist eine statistische: „Und in der Tat besteht seine (unseres Selbst – DZ) Einzigartigkeit für jeden einzelnen der Milliarden Menschen im Zusammentreffen all jener genetischen, historischen, kulturellen, sozialen und kommunikativen Bedingungen, die so, in dieser Summe und Gestalt, nur er allein erfährt.“ (Welzer 2005/2002, S.223) – Diese statistische Perspektive vermag aber keinen Raum mehr für die individuelle Urteilskraft zu bieten. Der Gebrauch des eigenen Verstandes wird zu einem bloßen Willkürakt. Alles worauf es ankommt, ist nur die Geschichte, die wir uns erzählen, zu der wir aber keine exzentrische Position mehr einnehmen können.

Insofern verdeckt das Prinzip der Montage jene Struktur von Äußerungen, wie sie Plessner beschreibt: Form und Inhalt finden ja auch Plessner zufolge in unseren Äußerungen nie zu einer vollständigen Deckung. Auch Plessner beschreibt Äußerungen als Mischungen aus Verstandenem und Unverstandenem. (Vgl. meinen Post vom 28.10.2010) Anstatt sich nun aber damit zu begnügen, diese Mischung als Montage zu beschreiben, erhebt Plessner das Mißlingen der Äußerungsform selbst zum Formprinzip: nur insofern sich der Mensch in seiner Äußerung verfehlt bzw. nur insofern ihm die Verwirklichung seiner ursprünglichen Intention mißlingt, ist die so zustandegekommene Form, ob sprachliche Äußerung oder Handlung, ‚authentisch‘.

Ich halte nun die von Welzer beschriebene Montagetechnik des kommunikativen und autobiographischen Gedächtnisses und die von Plessner beschriebene Differenz von Gesagtem und Gemeintem keineswegs für unvereinbar. Denn auch Plessners Anthropologie beinhaltet letztendlich den fiktiven Charakter jeder Identitätsbehauptung. Aber dieser fiktive Charakter ist durchschaubar, sowohl in seiner Unvermeidbarkeit wie auch in seiner Notwendigkeit. Und die Position, von der aus wir unsere Fiktionen durchschauen können, ist die exzentrische.

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Sonntag, 20. März 2011

Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)

  1. Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
  2. Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
  3. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
  4. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
  5. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
  6. Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
  7. Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
Harald Welzer zufolge besteht das autobiographische Gedächtnis aus fünf unterscheidbaren, durch das autobiographische Gedächtnis organisierten „wechselwirkenden Funktionssystemen“. (Vgl. Welzer 2005/2002, S.144) Bei diesen „Funktionssystemen“ handelt es sich um „Gedächtnissysteme“, um das episodische, das semantische, das prozedurale, das perzeptuale und um das non-deklarative Gedächtnis. Das episodische Gedächtnis ist ein explizites Gedächtnis, d.h. ein Gedächtnis, das unserem bewußten Zugriff unterliegt: „Es bildet die Basis dafür, daß einzelne Zusammenhänge aus unserer Vergangenheit und unserem biographischen Erleben als lebensgeschichtliche Episoden, als ‚meine‘ Vergangenheit konturiert werden können.“ (Welzer 2005/2002, S.24)

Das semantische Gedächtnis ist ebenfalls ein explizites, unserem bewußten Zugriff unterliegendes Gedächtnis: „Die Inhalte des semantischen Gedächtnisses, das neuerdings etwas zutreffender auch als ‚Weltwissen‘ oder ‚Wissenssystem‘ bezeichnet wird, sind ebenfalls grundsätzlich bewußt verfügbar, sind aber kontextfrei und beziehen sich auf Wissensinhalte, wie man sie in der Schule gelernt hat oder wie sie in den beliebten Quizsendungen im Fernsehen abgefragt werden.“ (Welzer 2005/2002, S.24)

Das prozedurale Gedächtnis ist ein implizites Gedächtnis und beinhaltet regelgeleitete Verhaltensroutinen. Seine Inhalte werden „allenfalls dann bewußt erinnerbar ..., wenn das Gedächtnis nicht perfekt funktioniert: wenn man also Schwierigkeiten mit den unregelmäßigen Verben in einer Fremdsprache hat, wenn man bei einem Festbankett Rotwein ins Wasserglas schüttet etc.“ (Vgl. Welzer 2005/2002, S.25)

Beim perzeptualen Gedächtnis geht es um das Wiedererkennen von Wahrnehmungsreizen. Dabei ist dieses Gedächtnis zur Verallgemeinerung fähig, indem es auch ähnliche Gegenstände ‚wiedererkennt‘ und sie so einem schon bekannten Typus zuordnet: „Dieses System nimmt eine Zwischenstufe zwischen den bewußten und unbewußten Formen des Gedächtnisses ein, da ein Wiedererkennen ja auch ein höchst absichtsvoller, also bewußter Vorgang sein kann.“ (Welzer 2005/2002, S.26)

Das nicht-deklarative Gedächtnis umfaßt alle die Erinnerungen, „die einen Menschen in der Gegenwart beeinflussen, ohne daß er sich dieses Einflusses bewußt wäre.()“ (Vgl. Welzer 2005/2002, S.26) – Dazu gehört nicht nur das prozedurale Gedächtnis, sondern auch das Priming: „Das Phänomen des ‚Priming‘ zeigt ebenfalls kein Symbolisierungspotential und damit auch keine reflexive Zugänglichkeit; es bezeichnet das verblüffende Phänomen, daß unser Gehirn offensichtlich auch dann permanent Reizwahrnehmung verarbeitet, wenn wir das überhaupt nicht bemerken: also in den Randbereichen unserer Aufmerksamkeit, aber auch in Zuständen von Bewußtlosigkeit, also im Schlaf oder in der Narkose.“ (Welzer 2005/2002, S.27)

Das nicht-deklarative Gedächtnis umfaßt einige Aspekte, die wir in unseren Posts bisher als ‚Lebenswelt‘ und als ‚Haltung‘ beschrieben haben, insbesondere die Unbewußtheit von Routinen, (Vor-)Urteilen und Fähigkeiten.

Das autobiographische Gedächtnis setzt sich Welzer zufolge also aus diesen fünf miteinander wechselwirkenden Gedächtnissystemen zusammen und sorgt für das Identitätsgefühl, für das Gefühl von Kohärenz im Lebenslauf. Die Organisationsform dieses Identitätsgefühls besteht in der Narrativität. Schon das episodische Gedächtnis ist wesentlich narrativ strukturiert. Jedes Ereignis setzt sich aus Anfang, Mittelteil und Schluß zusammen, mit denen spezifische Erregungen einhergehen, die man schon beim Säugling beobachten kann, wenn es gestillt wird: 1. Hunger und die Erwartung der Mutter, 2. das Glücksgefühl beim Anblick und Kontakt mit der Brust, 3. die wohlige Abspannung beim Beginn der Sättigung. (Vgl. Welzer 2005/2002, S.77f.) Welzer bezeichnet diese Struktur als „protonarrative Sequenz“ (vgl. Welzer 2005/2002, S.69, 77, 106), die jedem künftigen Erlebnis als strukturierendes Moment zugrundeliegt.

Diese ‚Episoden‘ werden vom Säuglingsalter an von kommentierenden Bemerkungen der Mutter begleitet, die dem Säugling eine Bewertung für das, was es erlebt und fühlt, ermöglichen. Durch die Mutter erfährt es, was gut ist und was nicht, ob etwas schmeckt oder nicht schmeckt: „‚So jetzt fühlt sich mein kleines Baby aber wieder wohl!‘“ (Welzer 2005/2002, S.107) Diese Bewertungen schreiben sich in die narrative Struktur der frühesten Episoden ein und werden zum Bestandteil des episodischen Gedächtnisses: „Denn mit der Möglichkeit, ein episodisches Gedächtnis zu bilden, liegt eben auch die Möglichkeit für eine soziale Formbestimmung des Erlebens vor, und mit dieser geht in jedes Erlebnis, in jede Erfahrung des Kindes schon immer ein reflexiver Anteil ein: nicht nur daß etwas so ist, sondern eben, daß es so gut, schlecht oder was auch immer ist.“ (Welzer 2005/2002, S.106f.)

Das über das Episodische hinausgreifende, die Episoden umfassende und zusammenfügende autobiographische Gedächtnis fügt nun dieser narrativen Struktur aus Anfang, Mittelteil und Schluß ein weiteres narratives Moment hinzu: das Prinzip der Montage. (Vgl. Welzer 2005/2002, S.90, 166, 177, 180, 189, 213) Das Kind erlebt vom frühesten Lebensalter an seine Umwelt „multimodal“: „Die Interaktion (mit seiner Umwelt – DZ) produziert eine Fülle von Randerscheinungen, die nicht im Zentrum der geteilten Aufmerksamkeit stehen, aber gleichwohl perzipiert werden ..., zweitens wird prozedurales Wissen wie etwa die wechselseitige Abstimmung beim Stillen und drittens perzeptuelles beim Anblicken auf einen Gleichklang hin vom ersten Lebensmoment an vermittelt und angeeignet, viertens wird mittels der Aneignung der Regeln sozialer Interaktion bereits prototypisches semantisches Wissen vermittelt, und fünftens praktiziert die Mutter die Interaktionen mit ihrem Kind nach Maßgabe der kontrafaktischen Annahme, dieses könnte mit ihren die Handlungen begleitenden Erklärungen und Kommentaren etwas anfangen ...“ (Welzer 2005/2002, S.107)

In der allmählichen Verknüpfung der verschiedenen Gedächtnissysteme zu einem autobiographischen Gedächtnis und in der weiteren, lebenslangen Organisation und Transformation seiner Gestalt, also des sich als Ich identifizierenden und sich gleichzeitig ständig wandelnden Selbst („Wandlungskontinuum“: vgl. Welzer 2005/2002, S.217f.), fügt bzw. ‚montiert‘ das Kind die von ihm aufgenommenen ‚Informationen‘ zu einer für sein aktuelles Fassungsvermögen nachvollziehbaren Geschichte zusammen. (Vgl. Welzer 2005/2002, S.90) Es bringt Sinn in seine Welt und es lernt so zugleich, sich selbst und die anderen zu verstehen. Kurz gesagt: das Kind erzählt sich selbst Geschichten, und bei diesen Geschichten orientiert es sich an den Geschichten, die ihm von den anderen erzählt werden. Das ist das narrative Prinzip. Wir kennen es übrigens aus der Scheibenwelt (Terry Pratchett): dort gibt es ein besonderes Element, das die Welt zusammenhält, – das Narrativium.

Wir hatten dieses Narrativium schon bei Tomasello als extravagante Syntax (vgl. meinen Post vom 27.04.2010). Tomasello bringt sie mit dem Problem der Referenzverfolgung in Verbindung, wobei es letztlich auch wieder um Identität und Kohärenz geht. Um über einen längeren Zeitraum hinweg mit wechselnden Kontexten einen Handlungszusammenhang zu erkennen, bedarf es der Fähigkeit, die verschiedenen Akteure wiederzuerkennen. Der einzige Kontext, so Tomasello, der genügend Informationen zur Verfügung stellen kann, um diese Wiedererkennung zu gewährleisten, ist eine Geschichte.

In demselben Post hatte ich auch auf die evolutionäre Funktion des Mythos bei der Humanisierung des Menschen (Blumenberg) hingewiesen. Wir bewegen uns hier bei Welzer mit der Narrativität als strukturbildendem Prinzip des autobiographischen Gedächtnisses auf derselben Ebene: „Es bedurfte phylogenetisch einer außerordentlich langen Entwicklungszeit, bis Menschen lineare, regelmäßige und abstrakte Zeitintervalle operationalisiert hatten, mit deren Hilfe sie zum einen Ordnung in experimentell oder direkt beobachtbare Abläufe bringen konnten und zum anderen jene enormen Synchronisierungsleistungen hervorbringen konnten, die unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichsten Funktionen an unterschiedlichsten Orten innerhalb einer einzigen temporalen Matrix zusammenschalten. Diese Synchronisierung erfordert auf seiten der einzelnen Subjekte ein temporal organisiertes Selbstkonzept – das autobiographische Gedächtnis.“ (Welzer 2005/2002, S.113)

Welzers Analysen zum autobiographischen Gedächtnis heben die narrative Struktur des Sinnerlebens hervor. Wir können aus seinen Analysen und den damit verbundenen Schlußfolgerungen lernen, daß es eine narrative Ebene der Sinnentfaltung gibt, die der phänomenalen Ebene der Gegenstandswahrnehmung entspricht. Der phänomenale Sinn ist also anders strukturiert als der narrative Sinn. Man könnte die Differenz vielleicht auch so beschreiben: der phänomenale Sinn ist ein ‚positionaler‘, weil raumbezogener, während der narrative Sinn ein ‚prozessualer‘, weil erlebnisbezogener Sinn ist. Allerdings schränke ich in diesem Fall den Begriff des Phänomenalen und des ‚Positionalen‘ zu sehr ein, denn Plessner hat seine phänomenalen Analysen immer auch auf prozessuale Strukturen bezogen. Plessner selbst hat übrigens eine ähnliche Ebenendifferenz im Bewußtsein beschrieben (vgl. meinen Post vom 14.07.2010): er differenziert zwischen präsentativem und repräsentativem Bewußtsein und das entspricht in etwa der hier vorgenommenen versuchsweisen Differenzierung zwischen einem phänomenalen und einem narrativen Sinn.

Jedenfalls läßt sich nicht leugnen, daß es zwischen Phänomenalität und Narrativität eine spezifische Differenz gibt, die der Differenz zwischen Außenwelt (Wahrnehmung) und Innenwelt (Erinnerung) entspricht. Ich hatte schon in meinen Posts zu Assmann vorgeschlagen, daß das Gedächtnis für das Bewußtsein eine innere ‚Welt‘ darstellt, der gegenüber sich das Bewußtsein ähnlich ‚positioniert‘ wie gegenüber der Außenwelt. Demnach bildet das Gedächtnis im prägnanten Sinne ein mentales (also eben nicht neuronales) Korrelat des Bewußtseins.

Auch hier ist die Verhältnisbestimmung wieder schwierig. Denn es gibt im Sich-Erinnern offensichtlich eine ähnliche Differenz zwischen Bewußtsein und Erinnerungsgegenstand wie zwischen Bewußtsein und Wahrnehmungsgegenstand. Zugleich aber gehen Bewußtsein und Gedächtnis ineinander über, ähnlich wie in der Lebenswelt die Trennlinie zwischen Individuellem und Sozialem diffus ist. Für um so wichtiger halte ich es, das Bewußtsein aus einer Grenzbestimmung des Körperleibs, als exzentrische Positionalität, hervorgehen zu lassen. Nur so läßt sich auch ein Freiraum für die individuelle Urteilskraft begründen. Dazu aber in den folgenden Posts mehr.

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Samstag, 19. März 2011

Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2/2008 (2005/2002)

  1. Zum Begriff des „neuronalen Korrelats“
  2. Autobiographisches Gedächtnis und das Prinzip der Narrativität
  3. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: Person-Person-Objekt-Spiele, Selbst-im-Zusammensein-mit-anderen
  4. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: zum Verhältnis von phylogenetischer Co-Evolution und Psychogenese
  5. Lebenswelt und kommunikatives Gedächtnis: soziale Marker
  6. Emotionalität und Entscheidung: somatische Marker
  7. Körperschleifen und die Entstehung von Innen und Außen
In „Das kommunikative Gedächtnis“ (Welzer 2005/2002) beschreibt Welzer das Verhältnis von kommunikativem und autobiographischem Gedächtnis. Dabei zieht Welzer Verbindungslinien zwischen neurologischen, somatischen, sozialen und historischen Befunden, – natürlich nicht ohne zu differenzieren, d.h. die begrenzte Reichweite einzelner Erklärungsmodelle zu thematisieren: „... das Gehirn hat es nur selten mit einfach gegebenen Reizen, Daten oder Werten zu tun, sondern meist mit ‚Informationen‘, die Bedeutung haben, und Bedeutungen entstehen nicht neuronal und individuell, sondern durch Kommunikation.“ (Welzer 2005/2002, S.10)

Diese Differenzierung zwischen Reizen und Informationen ist so notwendig wie schwierig. Schon die grammatische Struktur des Satzes mit dem ‚Gehirn‘ in der Subjektposition erzeugt beim genaueren Hinsehen Verwirrung. Denn auf das Gehirn wird hier in zweifacher Weise Bezug genommen: als Organ der Verarbeitung von ‚Reizen‘ und als Rezipient oder Interpret von ‚Bedeutungen‘. Diese Bedeutungen sollen aber nicht der neuronalen Struktur des Gehirns zu verdanken sein, sondern der zwischenmenschlichen Kommunikation. Das ‚Gehirn‘ ist also Organ und Bewußtsein in einem, und dennoch soll die Ebene der Bedeutung nicht mit der Ebene der Reize gleichgesetzt werden dürfen.

Welzer behilft sich zunächst mit dem philosophischen Begriff der „Substanz“, „die über all die endlosen Kilometer labyrinthischer Netzwerke geschickt wird und uns selbst und damit unser Bewußtsein ausmacht, was also der Stoff ist, den die Millionen und Abermillionen Neuronen so emsig und kreativ verarbeiten. Sowenig dieser Stoff materiell sein kann, so wenig genügt sich doch das Gehirn selbst – denn Gedanken sind etwas anderes als synaptische Verschaltungen, und das ‚Engramm‘, das neuronale Verschaltungsmuster, das etwa einen Vers aus dem ‚Faust‘ repräsentiert, ist nicht identisch mit dem Sinn, den wir diesem Vers beimessen.“ (Welzer 2005/2002, S.8) – Damit gerät Welzer gefährlich nah an einen Dualismus von Geist und Körper, auch wenn er es vermeidet, von einer geistigen Substanz zu sprechen. Welzer verwendet den Substanzbegriff an der erwähnten Stelle nur als Mittel, um die funktionale Verschiedenheit von ‚Reiz‘ und ‚Bedeutung‘, von neuronalem Verschaltungsmuster und ‚Sinn‘ hervorzuheben.

Das Problem, daß bei solchen Differenzierungsversuchen entsteht (und dem sich die meisten Neurophysiologen von vornherein gar nicht erst stellen), besteht darin, daß die jeweilige Differenzierung zwischen Gehirn und Bewußtsein auf der Grundlage einer impliziten, jeder Differenzierung unreflektiert vorausgehenden Verhältnisbestimmung von Gehirn und Bewußtsein vorgenommen wird. Gehirn und Bewußtsein werden einander gegenübergestellt wie früher Welt und Bewußtsein. Und nur bei entsprechend menschenfreundlicher Einstellung bemüht man sich dann – leider vergeblich –, das Bewußtsein nicht ganz im Gehirn und seinen Funktionen verschwinden zu lassen, sondern es irgendwie festzuhalten, was ungefähr so erfolgversprechend ist, wie Wasser mit einem Sieb zu schöpfen.

Was ich meine, läßt sich vielleicht am besten am Begriff des „neuronalen Korrelats“ festmachen. In der Gehirnforschung wird immer nach neuronalen Korrelaten von bestimmten Bewußtseinsfunktionen gesucht (früher hat man nach dem Korrelat des Bewußtseins selbst gesucht, als gäbe es irgendwo ein kleines ‚Männchen‘ zu entdecken, von dem all die geistigen Aktivitäten ausgehen). Natürlich wird in der aktuellen Gehirnforschung immer darauf hingewiesen, daß es bei den Korrelaten natürlich nicht darum geht, solche kleinen Homunculi dingfest zu machen. Dazu ist man – selbst als Gehirnforscher – inzwischen viel zu reflektiert und aufgeklärt. Aber der Begriff des neuronalen Korrelats ist dennoch nur ein Ersatzbegriff für jenen Homunculus, den man früher suchte, und er stammt nicht umsonst aus der Theologie, wo das Verhältnis zwischen Mensch und Gott als Korrelatverhältnis beschrieben wird.

Ich vermeide es, von ‚Korrelaten‘ zu sprechen. Bei Korrelaten wird die Vorstellung von den zwei Seiten einer Münze hervorgerufen, bei denen es sich eigentlich um dieselbe Sache handelt. Wenn Welzer also von „neuronalen Korrelaten“ „interpersonelle(r) Erfahrungen“ (vgl. Welzer 2005/2002, S.57) oder von „Korrelate(n) des erwachenden Bewußtseins“ (vgl. Welzer 2005/2002, S.82) spricht, gewinnt man irrigerweise den Eindruck, daß wir uns hier auf einer Ebene bewegen, daß also neuronale Schaltkreise und Bewußtsein letztlich dasselbe sind. Aber das Gehirn ist so wenig ein Korrelat des Bewußtseins wie die Leber oder das Herz oder die Hände. Man könnte sonst auch die Leber als ein Korrelat der staatlichen Zensur bezeichnen oder das Herz als ein Korrelat der Liebe. Wir können Leber und Herz allenfalls als Metaphern für diese geistigen und seelischen Phänomene verwenden.

Ich selbst habe den Begriff des Korrelats immer auf das Verhältnis von Mensch und Welt bezogen: Mensch und Welt sind zueinander korrelativ, so wie Bewußtsein und Gegenstand oder Denken und Gedanke zueinander korrelativ sind. Es handelt sich um Denknotwendigkeiten: ich kann den Menschen nicht denken ohne die Welt, und ich kann die Welt nicht denken ohne den Menschen. Dabei geht es nicht um die physische Vorausgesetztheit, also daß es keine Naturwelt ohne den Menschen geben kann, sondern um die geistige Vorausgesetztheit: eins kann ohne das andere nicht gedacht werden.

In diesem Sinne ist das Korrelat des Bewußtseins also nicht etwa das Gehirn, sondern der Gegenstand: ich kann das Bewußtsein nicht denken, ohne es auf Gegenstände zu beziehen. Und ich kann Gegenstände nicht denken, ohne sie auf ein Bewußtsein zu beziehen.

Das Gehirn ist nur ein Organ, so wie die Leber, das Herz und die Hände. Es erfüllt für das Bewußtsein eine physische Funktion. Wäre es für das Bewußtsein nicht in diesem Sinne funktional, gäbe es kein Bewußtsein. Das Gehirn ist also eine fundamentale, aber dennoch nur funktionale Voraussetzung des Bewußtseins. Es ist ein Teil der funktionellen Anatomie unseres Körpers. Wenn wir Gehirn und Bewußtsein korrelieren – und das tun wir, wenn wir von neuronalen Korrelaten sprechen –, so ist das ein Kurzschluß im prägnanten Sinne: Der ganze ‚Rest‘ des Körpers wird ausgeblendet, als hätte er für das Bewußtsein keine Bedeutung.

Auch ich will hier nicht wieder auf den alten cartesianischen Dualismus von Körper und Geist hinaus. Ich halte es für völlig ausreichend, das Bewußtsein aus der Grenzbestimmung des Körperleibs hervorgehen zu lassen und es als ein Epiphänomen oder vielleicht besser als ein ‚emergentes‘ Phänomen der Struktur der menschlichen Anatomie zu verstehen. Dazu brauche ich aber den ganzen Körper, nicht nur einen Teil, – und sei es auch das Gehirn.

Das Gehirn ist nicht das Ganze dieses Körpers, und es ist schon gar nicht die Welt, die, wie schon erwähnt, als für sich sinnhaftes Ganzes ein Korrelat des sinnbedürftigen Menschen bildet. Kurz gesagt: die neuronalen Schaltkreise sind organisch funktional für das Bewußtsein; sie sind aber nicht dessen Korrelate. Sie als Korrelate des Bewußtseins zu bezeichnen, führt dazu, aus Teilen ein Ganzes zu machen und die anderen Teile der menschlichen Anatomie, die zu diesem Ganzen dazugehören, auszublenden.

Auch Damasio spricht von neuronalen Korrelaten. (Vgl. Damasio 8/2009 (1999), S.302f.) Allerdings in einem sehr einschränkenden Sinne. Damasio bezeichnet es als „schlüssigen Befund“, daß das Bewußtsein aus „physiologischen Prozessen“ entsteht (vgl. Damasio 8/2009, S.302): „Meiner Meinung nach liefern sie die neuronalen Korrelate für die wache, aufmerksame Haltung, in der Vorstellungen gebildet und manipuliert und motorische Reaktionen organisiert werden können. Die bloße Beschreibung dieser elektrophysiologischen Muster liefert keinen Beitrag zum Selbst und Erkennen, das nach meiner Meinung die zentrale Frage des Bewusstseins ist. Diese Muster bilden nur das Schlussstück des Bewußtseinsprozesses, so wie ich ihn verstehe – den Teil des Prozesses, bei dem Objektkarten verstärkt werden und das Objekt hervorgehoben wird.“ (S.301f.)

Gerade Damasio, der wie kein anderer Gehirnforscher auf die Bedeutung des Körpers im Verhältnis zum Gehirn für das Verständnis der Entstehung von Bewußtsein hingewiesen hat, nehme ich es ab, daß er den Begriff des Korrelats nicht im abkürzenden, den Körper vergessen machenden Sinne verwendet. Ganz im Gegenteil bilden diese neuronalen Korrelate für Damasio nur das „Schlussstück des Bewußtseinsprozesses“, was eben die ganze menschliche Anatomie voraussetzt, auf deren Grundlage diese Schlußstücke erst ihre Aktivitäten entfalten.

Auch Welzer bezieht sich, wie wir noch sehen werden, immer wieder auf die körperlichen Zustände, – aber wenn es darum geht, soziale, kommunikative Prozesse auf die menschliche Anatomie zu beziehen, reduziert er diese Anatomie immer wieder auf die neuronalen Korrelate, wozu, wie ich inzwischen glaube, uns diese Begrifflichkeit selbst verleitet.

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Mittwoch, 9. März 2011

Stanislas Dehaene, Lesen. Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert, München 2010 (2009)

  1. Beschreibungssubjekt und Handlungssubjekt in der Gehirnforschung
  2. Zur Interdisziplinarität der Gehirnforschung
  3. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Bewußtsein und Verhalten
  4. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Konkurrenz versus Wechselseitigkeit
  5. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Gestaltwahrnehmung
  6. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Protobuchstaben
  7. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Schulunterricht
Das gewichtigste Argument für die Bedeutung, die die individuelle Lernfähigkeit und das kulturelle Umfeld als prägende Faktoren für die neurophysiologische Funktionalität des Gehirns haben, ist sicher der Schulunterricht. Und es ist wiederum Dehaene selbst, der das entscheidende Argument in der Verknüpfung des Lesenlernens mit der Plastizität des Gehirns liefert: „Durch die Alphabetisierung werden also die beim Hören von Sprache aktivierten Regionen verändert, aber auch die Hirnanatomie wandelt sich: Der Balken verdickt sich im hinteren Abschnitt, der die Scheitelregionen beider Hirnhälften miteinander verbindet.() Manche dieser Hirnveränderungen sind sicher für eine der wichtigsten Auswirkungen des Schulunterrichts verantwortlich: die vergrößerte Spanne des Gedächtnisses speziell für neue oder wenig vertraute Wörter.“ (Dehaene 2010, S.238) – Und weiter: „... der Erwerb des Lesens verbessert das Gedächtnis. Wenn Kinder das Lesen lernen, kommen sie buchstäblich verwandelt aus der Schule – ihr Gehirn ist nicht mehr dasselbe.“ (Dehaene 2010, S.239)

Hier haben wir alle Ebenen der menschlichen Entwicklung angesprochen, von der biologischen (Neurophysiologie) über die kulturelle (Schriftgebrauch) bis hin zur individuellen (Schulbildung). Das Thema, um das es hier geht, der Schulunterricht, ist ein weiterer Beleg dafür, wie sehr – abgesehen von der individuellen Lernfähigkeit – kulturelle Übung die Funktionalität unseres Gehirns beeinflußt und verändert: „Die tief reichenden Auswirkungen der bewussten Wahrnehmung von Phonemen unterstreichen, wie sehr der Erwerb des Alphabets die Art beeinflusst, in der wir das gesprochene Wort verarbeiten. Mit dem alphabetischen Lesen gewinnen wir eine verbale Gewandtheit, die den Analphabeten unbekannt ist.“ (Dehaene 2010, S.229) – Und weiter: „Es besteht kaum ein Zweifel, dass die Stunden, die man damit zubringt, winzige Unterschiede zwischen den Buchstaben zu erkennen, auch die analytischen Fähigkeiten unserer Sehrinde zunehmen lassen.“ (Dehaene 2010, S.241)

Die Frage, ob nun die begrenzte Plastizität des Gehirns oder das kulturelle Umfeld den größere Einfluß auf das Lesenlernen ausübt, ist ähnlich müßig, wie die uralte Frage nach dem Einfluß der Gene. Dehaenes Hinweise auf den Nutzen von Methoden, die die verschiedenen Analyseebenen von „Graphemen, Silben, Vorsilben, Nachsilben und Wortstämmen“ berücksichtigen (vgl. Dehaene 2010, S.21) und auf den beiden den „Gehirnnetzwerken für Laut und Bedeutung“ entsprechenden „Wegen des Lesens“ (S.118) aufbauen, nämlich dem Erwerb phonologischer und lexikalischer Kompetenzen, liefern sicher neue Argumente gegen die Ganzwortmethode, die den Leseanfängern aus falsch verstandener Fürsorge die Mühen alphabetischen Zergliederns und Zusammensetzen ersparen will (vgl. Dehaene 2010, S.253ff.) und sie damit zugleich der „Freiheit des Lesens“ und des „Zugang(s) zu neuen Wörtern“ beraubt (vgl. Dehaene 2010, S.258).

Aber daß es Methoden des Lesenlernens gibt, die der neurophysiologischen Funktionalität mehr entsprechen als andere, heißt eben nicht, daß die begrenzte Plastizität des Gehirns zugleich die individuelle und kulturelle Lernfähigkeit begrenzt. Welchen Nutzen wir aus einem ‚Organ‘ (und ‚Organ‘ heißt so viel wie ‚Werkzeug‘!) wie dem Gehirn ziehen, hängt nicht von diesem Organ ab, so wenig wie es von der Ausstattung meines Werkzeugkastens abhängt, ob ich einen Nagel in die Wand schlage oder nicht, sondern allein von meinem Willen.

Wenn also zwar der Nutzen, den wir für das Lesenlernen aus Dehaenes neurophysiologischen Forschungsergebnissen ziehen können, unbestreitbar ist, so müssen wir uns doch davor hüten, den Sinn und Zweck des Schulunterrichts davon abhängig zu machen. Dehaene selbst hat – wie eingangs zitiert – eine wunderbar einfache Formel für diesen Zweck gefunden: die Verwandlung der neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns in Richtung auf ein besseres Gedächtnis und auf eine größere Wortgewandtheit. Das gilt nun insbesondere für das Lesenlernen, aber das kann nur einen Teil des Kerncurriculums für den Grundschulunterricht bestimmen. Was sollen die Kinder und später die Jugendlichen über den Grundschulunterricht hinaus lernen?

Hier könnte nun Dehaenes Kernthese, daß verschiedene kulturelle Fähigkeiten miteinander um die begrenzte Plastizität des Gehirns konkurrieren (vgl. Dehaene 2010, S.195f., 241f., 245, 247), zu der bedenklichen Schlußfolgerung führen, daß man das Kerncurriculum, das seit Humboldts Zeiten am Prinzip der Vielseitigkeit orientiert ist, stattdessen auf produktive Einseitigkeit ausrichten müsse und daß wir in Deutschland noch mehr selektieren müssen, als es ohnehin schon geschieht. Zumindestens dürften sich die Befürworter einer frühen Trennung der ‚Begabungen‘ nach Schulformen durch solche Thesen bestärkt fühlen.

Solche Fragen eines Kerncurriculums dürfen keinesfalls durch die Gehirnforschung beantwortet werden. Hier geht es nicht mehr um die Frage, welche Methode ‚effizienter‘ ist, sondern darum, was überhaupt sinnvoll ist, also um Bildungsziele. Wilhelm v. Humboldts Problem war nicht, wie man den Schulunterricht an die Tatsache, daß das Handeln des Menschen begrenzt ist, anpassen könne, sondern wie man ihn gestalten muß, um diese Begrenzung zu überwinden. Daß jedes Handeln des Menschen ihn vereinseitigt, war für Humboldt eine unbestreitbare Tatsache. Dafür nannte Humboldt zwei Gründe: (a) die begrenzte Aufmerksamkeit des Menschen – er kann sich mit voller Aufmerksamkeit immer nur einem Gegenstand zuwenden und muß diese Aufmerksamkeit deshalb von allen anderen Gegenständen abwenden – und (b) die begrenzte Lebenszeit des Menschen – um so viele Interessen wie möglich zu entwickeln und zu verwirklichen und damit größtmögliche Vielseitigkeit anzustreben, steht dem Menschen nur eine begrenzte Lebenszeit zu Verfügung.

Das Mittel, die eigene begrenzte Lebenszeit zu transzendieren, lag für Humboldt im geselligen Umgang mit anderen Menschen, die jeweils eigene, je individuelle Modelle des Menschseins verwirklichen, also verschiedene Formen von Vielseitigkeit, und die uns so eine Vorstellung davon geben, was ein Mensch sein kann, jenseits dessen, was wir für uns selbst als sinnvoll und als wertvoll erachten. Den Menschen zu dieser Selbstbildung und zu diesem geselligen Umgang zu befähigen, dafür nahm Humboldt den Schulunterricht in Anspruch. Und dieser Schulunterricht war nicht nach Begabungsformen aufgeteilt auf verschiedene Schulformen. Humboldt hielt es nicht für sinnvoll, den künftigen Tischler nur tischlern lernen zu lassen und den künftigen Philologen nur antike Sprachen lernen zu lassen, abgesehen davon, daß er auch nicht glaubte, daß beim Menschen in jungen Jahren schon irgendeine künftige Bestimmung sichtbar werden könne.

Dehaenes Forschungsprogramm, eine entsprechenden Differenzierung der Plastizität des Gehirns nachzuweisen, ist auf das Ganze des menschlichen Verhaltens, seiner individuellen und kulturellen Lernfähigkeit gesehen, weniger plausibel als das Humboldtsche Konzept von der begrenzten Aufmerksamkeit und der begrenzten Lebenszeit. Wenn also geübte Spurenleser keine guten Textleser und geübte Textleser keine guten Spurenleser sind, so liegt allemal die Vermutung näher, daß sie nicht die Zeit und nicht die Gelegenheit hatten, beide Fähigkeiten gleich gut auszubilden, was dann wiederum mehr am kulturellen Umfeld und nicht zuletzt dem Schulunterricht liegt als an der begrenzten Plastizität des Gehirns. Und angesichts der Wechselseitigkeit neurophysiologischer Funktionen scheint es mir überhaupt eher so zu sein, daß verschiedene kulturelle Fähigkeiten sich wechselseitig unterstützen als miteinander zu konkurrieren. Wenn es jedenfalls um die Frage geht, welche Menschen im Alter geistig die höhere Beweglichkeit und Gesundheit an den Tag legen, so sind die einseitig Gebildeten immer im Nachteil.

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Dienstag, 8. März 2011

Stanislas Dehaene, Lesen. Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert, München 2010 (2009)

  1. Beschreibungssubjekt und Handlungssubjekt in der Gehirnforschung
  2. Zur Interdisziplinarität der Gehirnforschung
  3. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Bewußtsein und Verhalten
  4. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Konkurrenz versus Wechselseitigkeit
  5. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Gestaltwahrnehmung
  6. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Protobuchstaben
  7. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Schulunterricht
Dehaene geht davon aus, daß unsere Buchstaben, um ihre Wahrnehmung zu erleichtern, auf einen „kleinen Fundus minimaler und universeller Buchstabenformen“ zurückgehen (vgl. Dehaene 201, S.218), die er als „Protobuchstaben“ bezeichnet: „Für die Erkennung von Gegenständen spielen diese primitiven Formen die Rolle eines Alphabets, dessen Kombinationen es ermöglichen, jedes beliebige Objekt zu beschreiben. Ich bezeichne diese Formen als ‚Protobuchstaben‘ – sie funktionieren nicht nur wie ein kombinatorisches Alphabet, einige von ihnen ähneln unseren Buchstaben sogar in erstaunlichem Maß!“ (Dehaene 201, S.148) Als „universell“ bezeichnet er sie, weil er sie weltweit in allen Schriftformen wiederfindet, auch in chinesischen und japanischen Schriftzeichen.

Letzteres leuchtet mir nicht ohne weiteres ein; es sei denn man setzt einen besonders geübten Blick für die Universalität dieses Formenfundus voraus, der mir abgeht. Chinesische und japanische Schriftzeichen sind jedenfalls für mein europäisches Auge so fremd, daß ich in ihnen kein E, F, L, T, X, Y oder Z wiederfinden kann, es sei denn, ich setze dabei dasselbe Abstraktionsniveau an wie bei den Gegenständen, die Dehaene anführt, um zu zeigen, wie sich das Zusammenlaufen der Konturen bei einem Würfel und bei einer Kaffeetasse mal zu einem F, mal einem T und mal zu einem Y fügt. (Vgl. Dehaene 2010, S.152f.)

Jedenfalls ist die These, daß die Erfindung und Entwicklung des Alphabets sich an der (flächigen) Wahrnehmung von Gegenständen der Außenwelt orientiert, plausibel (vgl. Dehaene 2010, S.157), denn es leuchtet ein, daß die schon für die Wahrnehmung von Gegenständen funktionale Aktivität der Neuronen eine entsprechende Aktivität zur Erkennung von Buchstaben unterstützen würde. Weniger plausibel ist allerdings, daß dieses Prinzip offensichtlich nicht bei allen Buchstaben umgesetzt wurde, – daß es vielmehr viele dysfunktionale Gegenbeispiele gibt.

Die Flächigkeit des visuellen Systems beinhaltet nämlich eine für das Erkennen und Differenzieren von Buchstaben hinderliche Verallgemeinerungsprozedur: die Symmetriewahrnehmung (vgl. Dehaene 2010, S.320f., 329f., 333), die wir beim Lesenlernen erst mühsam lernen müssen zu unterdrücken, um zu sicheren und geübten Lesern zu werden. Die Symmetriewahrnehmung ermöglicht es uns, in der Außenwelt von links sich in unser Blickfeld hinein bewegende Objekte nicht nur einmalig zu erkennen, sondern auch dann wiederzuerkennen, wenn sie sich von rechts in unser Blickfeld hineinbewegen, also unserem flächigen Sehsystem nun eine ganz andere Seite zuwenden. Haben wir also einmal gelernt, ein Raubtier von links zu erkennen, werden wir es automatisch auch von rechts erkennen, ohne es nochmal extra lernen zu müssen. Das hat nichts mit Rotation zu tun, also mit Räumlichkeit, sondern beinhaltet lediglich eine spezifische Unempfindlichkeit für den Unterschied von rechts und links. Oben und unten unterscheidet dieses visuelle System durchaus, aber eben nicht rechts und links.

Nun gibt es aber verschiedene Buchstaben, die zueinander symmetrisch sind, wie z.B. ‚b‘ und ‚d‘ und ‚p‘ und ‚q‘. Für Leseanfänger sind diese Buchstaben identisch, so wie sie auch ein Objekt in der Außenwelt, egal ob von rechts oder von links, als identisch wahrnehmen. „Die Symmetrie ... behindert das Lesen. Sie erschwert das Lernen und verleitet uns dazu, systematisch Buchstaben wie ‚p‘ und ‚q‘ oder ‚b‘ und ‚d‘ zu verwechseln. So zeigt sich erneut, dass das Gehirn nicht wirklich für das Lesen vorgesehen ist und sich so gut wie möglich daran anpasst.“ (Dehaene 2010, S.301f.)

Es bedarf also eines langen und mühsamen Lernprozesses, um diese Symmetrie zu „brechen“, wie Dehaene schreibt: „Es (das Sehsystem) lernt, ‚b‘ und ‚d‘ nicht mehr als unterschiedliche Ansichten desselben Objekts zu betrachten. ... Damit entsteht ... eine neuronale Hierarchie, die auf die visuelle Erkennung von Wörtern spezialisiert ist und gespiegelte Bilder nicht länger miteinander verwechselt – im Gegensatz zu den auf Objekte und Gesichter spezialisierten benachbarten Neuronen.“ (Dehaene 2010, S.334)

Die Frage, die sich hier stellt, ist, wieso eine kulturelle Evolution der Schrift, in der sie durch „Versuch und Irrtum und fortwährende Selektion über mehrere Generationen hinweg ... zu einem kleinen Fundus minimaler und universeller Buchstabenformen“ gelangte (vgl.Dehaene 2010, S.218), so hartnäckig an ganz offensichtlich zum Lesen dysfunktionalen Buchstaben festhielt, die das Lesenlernen bis hin zur Legasthenie so sehr erschweren? Es ist offensichtlich nicht einfach so, wie Dehaene es immer wieder auf seine These von der begrenzten Plastizität des Gehirns verkürzend darstellt, daß das Lesen sich der neurophysiologischen Funktionalität anpaßt, sondern das Lesenlernen stellt vielmehr ein herausragendes Beispiel für die Art und Weise dar, wie wir die neurophysiologische Funktionalität des Gehirns – bis hin zur ‚Brechung‘ des Symmetrieprinzips! – einem kulturellen Zweck, nämlich dem Lesen anpassen.

Dehaene selbst weist immer wieder auf diesen Umstand hin: „Je besser die Lesefähigkeit wird, desto stärker wird die linke Schläfenregion im Hinterhaupt aktiviert – genau an den beim Erwachsenen beobachteten Koordinaten.() Diese Steigerung hängt mehr vom erreichten Leseniveau des Kindes als von seinem Alter ab. Darin spiegelt sich sicher der Leseerwerb und nicht nur eine Reifung des Gehirns.“ (Dehaene 2010, S.235) Daß Dehaene das Lesenlernen trotzdem als Beispiel für die begrenzte Plastizität des Gehirns verwendet, läßt vermuten, daß sein gegen den kulturellen Relativismus gerichtetes Interesse am Nachweis einer invarianten anthropologischen Konstante (vgl.Dehaene 2010, S.132) größer ist, als das objektive Gewicht seiner Argumente

Nach meiner Lektüre seines Buches scheint mir jedenfalls eher die These gestärkt zu sein, daß es sich bei der Lesefähigkeit um ein auf der Verhaltensebene zu verortendes und dort auch zu verstehendes Phänomen handelt und daß dieses Verhalten die Gehirnfunktionen beeinflußt, – solange jedenfalls, wie nicht pathologische Deformationen diese Gehirnfunktionen für das Lesen dysfunktional werden lassen! Wir haben es also mit einem Beleg dafür zu tun, daß es auch hier, bei der neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns, vor allem auf die Art ihrer Verwendung ankommt, nicht anders als bei der ‚Intelligenz‘ oder bei dem kulturellen Potential einer Schriftart (Assmann).

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Sonntag, 6. März 2011

Stanislas Dehaene, Lesen. Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert, München 2010 (2009)

  1. Beschreibungssubjekt und Handlungssubjekt in der Gehirnforschung
  2. Zur Interdisziplinarität der Gehirnforschung
  3. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Bewußtsein und Verhalten
  4. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Konkurrenz versus Wechselseitigkeit
  5. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Gestaltwahrnehmung
  6. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Protobuchstaben
  7. Zur neurophysiologischen Funktionalität des Gehirns: Schulunterricht
Bei der Lektüre von Dehaenes Forschungsergebnissen zur Umwandlung der Gegenstandswahrnehmung für die Wahrnehmung von Buchstaben und Wörtern ist mir aufgefallen, daß es auf visueller Ebene eine neurophysiologische Analogie zur phänomenalen Struktur der Gegenstandswahrnehmung gibt, die neben gewissen Ähnlichkeiten interessante Unterschiede zur Gestaltwahrnehmung aufweist. Das Problem, das mithilfe der neurophysiologischen Prozesse gelöst werden muß, um die Funktionalität der Gestaltwahrnehmung zu gewährleisten, besteht darin, daß die Retina als Ort, auf den die Lichtreize eintreffen, diese Lichtreize in viele verschiedene Einzelreize auflöst und so das Objekt „in viele tausend Teile zerlegt“ weiterleitet. (Vgl. Dehaene 2010, S.21, 144) Das Verfahren, in dem aus diesen Einzelteilen wieder ein zusammenhängender Gegenstand zusammengesetzt wird, ähnelt dem Zusammenfügen eines Mosaiks oder eines Puzzles. (Vgl. Dehaene 2010, S.147f.)

Ganz ähnlich wie wir beim Zusammensetzen eines Puzzles uns an den Konturen der Puzzleteile orientieren, sind auch die an der Gegenstandswahrnehmung beteiligten Neuronengruppen auf bestimmte Konturen spezialisiert, z.B. die drei Linien, die bei den Ecken eines Würfels an einem Punkt zusammenlaufen. Von der untersten Ebene einer Hierarchie von Neuronengruppen, die nur auf Striche reagieren, über die immer noch recht tiefe Ebene jener Neuronengruppen, die diese Striche zu komplexeren Konturen zusammenfügen bis hin zur Spitze der pyramidalen Hierarchie, wo ein einzelnes Neuron ausschließlich auf den Anblick der eigenen Großmutter oder auf das Gesicht von Jennifer Aniston reagiert (vgl. Dehaene 2010, S.146), wird dieses Puzzle immer konkreter, um schließlich unsere bewußte Aufmerksamkeit zu wecken.

Interessant ist hier vor allem die Flächigkeit der Gegenstandswahrnehmung. Es ist zwar irritierend, wenn Dehaene hin und wieder auf dieser Ebene von „topologischen und räumlichen Beziehungen“ der Merkmale wahrgenommener Gegenstände spricht (vgl. Dehaene 2010, S.154), aber wenn man genauer hinschaut, so scheint damit nicht die phänomenale Struktur der Gegenstände im Raum gemeint zu sein, sondern die ‚räumliche‘ Verteilung der wahrgenommenen Merkmale auf der Retina, was den flächigen Charakter dieser Wahrnehmungsebene nicht aufhebt. Dehaene hebt sogar eigens hervor, daß diese visuelle Ebene der Wahrnehmung das Erkennen des Gegenstands „von seiner Stellung im Raum“ unabhängig macht. (Vgl. Dehaene 2010, S.153) Allerdings braucht man sich hier nicht nur auf Vermutungen zu stützen, denn Dehaene konkretisiert den Befund der – offensichtlich auch vom stereoskopischen Sehen unbeeinflußten – Flächigkeit der Gegenstandswahrnehmung: „Unser Sehsystem scheint Formen in drei Dimensionen nicht zu kennen – es stützt sich allein auf die gesehenen zweidimensionalen Bilder und rechnet sie dann entsprechend um.“ (Dehaene 2010, S.320)

Die Gegenstände werden über unsere visuelle Wahrnehmung ausschließlich über das flächige, mosaikartige Zusammensetzen von Konturen identifiziert und erst nachträglich mit der dritten Dimension ausgestattet. Diese durch die neurophysiologische Funktionalität der Gegenstandswahrnehmung bestimmte zweidimensionale Ebene mit ihrer Bevorzugung von Konturen (Linien) findet sogar einen spezifisch ästhetischen Ausdruck in der Stilisierung. Dehaene führt dabei als Beispiel die Umwandlung der stilisierten Konturen eines Stierkopfs in den Buchstaben A an. (Vgl. Dehaene 2010, S.212) Mit der Stilisierung reduziert der Mensch seinen Wahrnehmungsgegenstand auf die wesentlichen Merkmale, was Dehaene zufolge eine „Form von ‚Autostimulation‘ für die Sehrinde“ ist. (Vgl. Dehaene 2010, S.203) Auch hier ist man wieder irritiert: was könnte Dehaene wohl mit „Autostimulation“ gemeint haben? Haben vielleicht die Höhlenmenschen von Lascaux beim Malen der Stiere und Pferde ihre linke untere Sehrinde im Hinterhauptschläfenbereich mit Elektroden stimuliert? Oder hat sich ihr Gehirn ‚selbst stimuliert‘, also lediglich nur simuliert, daß die Höhlenwände bemalt wurden? Dann gäbe es aber wohl kaum heute noch Höhlenbilder zu bewundern.

Natürlich verstehe ich Dehaenes Wortspiel bewußt falsch, – aber nur um zu zeigen, welche verfänglichen Konnotationen mit der leichtfertig verkürzenden Redeweise von einer Autostimulation einhergehen.

Die Gestaltwahrnehmung setzt sich also auf der Ebene ihrer neurophysiologischen Funktionalität als Mosaik zusammen. Das ist ein anderes Prinzip als die Verschachtelung innerer und äußerer Horizonte auf der Ebene der Phänomene. Dem neurophysiologischen Mosaik fehlt die Räumlichkeit und mit ihr die Dimension der Nicht-Sichtbarkeit der Rückseiten eines Phänomens. Rotierende Objekte können nicht als dasselbe erkannt werden, weil sie der Retina zu viele verschiedene ‚Seiten‘ zuwenden und andere verbergen. (Vgl. Dehaene 2010, S.320f.) Dieses Rotieren von ‚Seiten‘, dieses Ineinander und Auseinander verschachtelter Horizonte führt über die Anatomie des Gehirns hinaus und vervollständigt diese zur Anatomie des menschlichen Körpers. Denn erst an der Grenze zur eigenen Körperlichkeit entsteht eine Mitte und eine Peripherie, eine Differenz von Innen und Außen, kurz: räumliche Wahrnehmung.

Dehaene zufolge gibt es nun ein zweites, von der Gegenstandswahrnehmung unabhängiges Sehsystem (vgl. Dehaene 2010, S.328f.), und dieses Sehsystem scheint funktional zur Anatomie des Körpers und seiner Bewegung zu sein, also zur Ebene des Verhaltens: „Es gibt indessen noch einen anderen Weg der Verarbeitung visueller Informationen: Es ist der Weg über die Scheitelregion des Hinterhauptes, der sich mit der Programmierung des Handelns befasst. Es kommt allein auf seine (des Gegenstands – DZ) Entfernung, seine Position, seine Geschwindigkeit und die Ausrichtung seiner Umrisse an – all jene Parameter, die festlegen, wie wir hinsichtlich eines Gegenstandes handeln könnten.“ (Dehaene 2010, S.329)

Dieses zweite Sehsystem ermöglicht es uns, uns „rein virtuelle Gesten oder Bewegungen vorzustellen. Über diesen Weg können wir die Objekte im Geist drehen.“ (Vgl. Dehaene 2010, S.329) Das erinnert nicht von ungefähr an Husserls eidetische Variationen, dem Grundprinzip der phänomenalen Analyse. Erst mit der Möglichkeit der Rotation beginnt das eigentliche Sehen, und es ist nicht von ungefähr, daß zu diesem zweiten Sehsystem, das für Rotation empfänglich ist, auch Regionen des Gehirns gehören, die sich „für die Bewegungen der Hand, andere für die der Augen“ interessieren. (Vgl. Dehaene 2010, S.331) Das zweite Sehsystem vervollständigt also, wie ich weiter oben schon anmerkte, die Wahrnehmung mit der Einbeziehung des Körperschemas, jenem Aspekt der menschlichen Körperlichkeit, den Plessner als ‚Leib‘ bezeichnet.

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