Samstag, 29. Januar 2011

Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)

(Über prometheische Scham, S.21-95; Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen, S.97-211; Sein ohne Zeit. Zu Becketts Stück „En attendant Godot“, S.213-231; Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, S.233-308)

1. Bilder, Phantome und Informationen
2. Falsche Lebenswelten (coram publico)
3. Falsche Lebenswelten (Verbiederung)
4. Falsche Lebenswelten (Produktion)
5. Falsche Lebenswelten (Technik, A & B)
6. Falsche Lebenswelten (persönliche Verantwortung)
7. Mensch und Natur
8. homo ‚excentricus‘
9. Skizzen zu einer ästhetischen Bildung

Im letzten Post war von der Menschheit als von der Bombe geformtes Überlebenssubjekt die Rede gewesen. Die exzentrische Positionierung einzelner Generationen zu ihren Vorgänger- und Nachfolgergenerationen war im Prinzip als der exzentrischen Positionalität des einzelnen Menschen gleichartig dargestellt worden. Das war vielleicht etwas voreilig. Anders selbst war tatsächlich der Meinung gewesen, daß die Menschheit unter der Bombe keine andere Chance habe, als ‚zu sich‘ zu kommen, weil alles andere ihr sicheres Ende bedeuten würde. Dabei hat er sich aber nicht die Mühe gemacht, den Status dieser Menschheit im Unterschied zu der von „Religionen und Philosophien, ... Imperien und Revolutionen“ gemeinten näher zu differenzieren. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.308) Bei Plessner wird in diesem Zusammenhang vom Unterschied zwischen ‚Gemeinschaft‘ und ‚Gesellschaft‘ gesprochen und festgehalten, daß die Idee einer Menschheit nur im Rahmen einer gesellschaftlich orientierten Sachgemeinschaft thematisiert werden könne. Kurz: die ‚Menschheit‘ ist bei Plessner vor allem eine Angelegenheit des ‚Geistes‘ und nicht der ‚Seele‘.

Was bedeutet das für die Menschheit, von der bei Anders die Rede ist? Diese Menschheit scheint zunächst eine Sachgemeinschaft zu sein, weil es in ihr ja um die gemeinsame Sache des Überlebens geht. Wenn man näher hinschaut, so ist sie wohl doch eher eine Art Seelengemeinschaft, denn Anders entwirft so etwas wie ein ästhetisches Bildungsprogramm zur Erweiterung des emotionalen Fassungsvermögens der Seele. Nach dem Verweis auf „eine lange Reihe von geschichtlichen Erweiterungs-Beispielen ..., namentlich aus der Geschichte magischer und religiöser Praktiken und aus der Mystik“ kommt Anders auf die ‚uns‘ seiner Ansicht nach näherliegende Erweiterungstechnik der „Musik“ zu sprechen, die unsere Seele auf eine solche „Fassungsweite“ ‚auszudehnen‘ vermag, „die wir selbst ihr gar nicht verleihen könnten.“ (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.313) Mit der Musik, so erhofft es sich Anders jedenfalls, lassen sich „Gefühle“ und Stimmungen erzeugen, so daß das Prometheische Gefälle zwischen Tun und Fühlen durch eine entsprechende musikalische Gefühlsschulung womöglich verringert werden könnte. ((Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.313ff.)

Von der anderen Seite des Prometheischen Gefälles her müßte dann versucht werden, die Technik selbst wieder auf ein menschliches Maß zurückzuführen: „Wenn es unser Schicksal ist, in einer (von uns selbst hergestellten) Welt zu leben, die sich durch ihr Übermaß unserer Vorstellung und unserem Fühlen entzieht und uns dadurch tödlich gefährdet, dann haben wir zu versuchen, dieses Übermaß einzuholen.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.274) – Anders fügt hinzu: „und zwar eben ‚einzuholen‘ so wie man eine ausgeworfene Leine ‚einholt; das heißt: sie zurückzuholen.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.274) – Damit richtet sich Anders gegen den naheliegenden Gedanken eines Wettlaufs zwischen dem Menschen und der Technik und plädiert für die Rückführung der Wirtschaftsordnung auf ein menschliches Maß.

So ist es für Anders vorstellbar, daß Mensch und Technik von zwei Seiten, durch musikalische Erweiterung des gefühlsmäßigen Fassungsvermögens und durch Rückführung der Technik auf ein menschliches Maß, sich wieder einander annähern und zu einem neuen Entsprechungsverhältnis finden könnten. Die Maxime eines solchen ästhetischen Bildungsprogramms müßte dann lauten: „Habe nur solche Dinge, deren Handlungsmaximen auch Maximen deines eigenen Handelns werden können.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.298) – Eine solche Maxime könnte das auf die technischen Notwendigkeiten hin erweiterte seelische Fassungsvermögen mit einer am menschlichen Maß orientierten Technologie verbinden.

Irgendwie erinnern mich die Andersschen Überlegungen – bei allem Respekt vor Anders’ philosophischem und politischem Engagement – doch sehr an Peter Sloterdijks „Menschenpark“. Anders geht sogar so weit – trotz seiner ganzen Kritik an der Technik – von „Selbstverwandlungstechniken“ zu sprechen. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.275) Aktueller kann ein 1956 geprägter Begriff kaum sein, weil einem dazu unweigerlich Sloterdijks Buch „Du mußt dein Leben ändern“ (2009) einfällt, das mit einem scheinbar alle Verhältnisse umwälzenden Titel auftritt, unter dem es aber leider äußerst zahm zugeht. Denn in Wirklichkeit muß nichts geändert werden, weil Sloterdijk zufolge sich ja schon immer alles geändert hat und wir infolgedessen nur so weiterzumachen brauchen, um auch weiterhin alles so zu verändern wie bisher.

Natürlich ist Anders mit Sloterdijk nicht auf eine Stufe stellen, – aber auch seine Selbstverwandlungstechniken erscheinen doch angesichts der Radikalität seiner Analysen als eher niedlich. Das eigentliche Problem, wie wir vom Ich und Du einer Seelengemeinschaft zum globalen Wir einer Weltgemeinschaft, also zur Menschheit kommen sollen, die ganze Problematik des Verhältnisses von Gemeinschaft und Gesellschaft, kommt in Anders’ ästhetischem Programm nicht mehr vor. Es geht an dem eigentlichen Thema, das hier im Zentrum stehen sollte, die ‚Haltung‘ des Menschen, also wie er sich ‚hält‘, wie er sich ‚hat‘ und wie er sich ‚positioniert‘, vorbei. Bei Anders bleibt man letztlich doch ratlos zurück, und damit ergeht es mir mit ihm am Ende nicht anders als mit Sloterdijk, bei dem ich allerdings nicht weiß, inwiefern er sich überhaupt noch zu den Menschenfreunden zählen würde.

Im Sinne einer Menschenfreundschaft möchte ich jedenfalls Anders das letzte, die letzten zehn Posts abschließende Wort geben: „Und ist, was da auf dem trostlos dürren Grunde der Sinnlosigkeit sprießt: der bloße Ton der Menschlichkeit, auch nur ein winziger Trost; und weiß auch die Tröstung nicht, warum sie tröstet und auf welchen Godot sie vertröstet – sie beweist, daß Wärme wichtiger ist als Sinn; und daß es nicht der Metaphysiker ist, der das letzte Wort behalten darf, sondern nur der Menschenfreund.“ (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.231)

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Freitag, 28. Januar 2011

Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)

(Über prometheische Scham, S.21-95; Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen, S.97-211; Sein ohne Zeit. Zu Becketts Stück „En attendant Godot“, S.213-231; Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, S.233-308)

1. Bilder, Phantome und Informationen
2. Falsche Lebenswelten (coram publico)
3. Falsche Lebenswelten (Verbiederung)
4. Falsche Lebenswelten (Produktion)
5. Falsche Lebenswelten (Technik, A & B)
6. Falsche Lebenswelten (persönliche Verantwortung)
7. Mensch und Natur
8. homo ‚excentricus‘
9. Skizzen zu einer ästhetischen Bildung

„Homo ‚excentricus‘“ ist ein Kunstwort: ‚excentricus‘ habe ich als Stichwort in meinem lateinischen Wörterbuch nicht gefunden, so daß es sich um eine Rückübersetzung von aus dem aus ‚ex‘ und ‚centralis‘ zusammengesetzten ‚exzentrisch‘ ins Lateinische handelt. Eigentlich ist ‚exzentrisch‘ aber auf lat. „eccentros“ zurückzuführen, welches wiederum von griech. „èkkentros“ stammt. Mit „homo excentricus“ will ich jedenfalls zum Ausdruck bringen, daß ich die exzentrische Positionalität des Menschen für eine ‚Wesens‘-Bestimmung halte, – wobei ich eigentlich was gegen den Begriff des Wesens habe. Er ist mir zu metaphysisch, d.h. er läßt die Welt in zwei Bereiche auseinanderfallen: in einen physischen und in einen ideellen, die dann dazu verleiten, sie gegeneinander zu setzen und einander über- bzw. unterzuordnen. Nun beinhaltet aber gerade der Begriff des Exzentrischen eine solche Zweiteilung des Seins, d.h. des menschlichen Seins oder auch seiner ‚Natur‘. Eine klare Differenzierung von ‚Welt‘, ‚Sein‘ und ‚Natur‘ wäre an dieser Stelle sicher wünschenswert, aber sie ist vielleicht gar nicht möglich. Vor allem aber: ich fühle mich dazu auf meinem derzeitigen Stand nicht in der Lage.

Jedenfalls ist die angedeutete Zweiteilung des Menschen nicht etwa in dem Sinne gemeint, daß ein Moment einem anderen über- bzw. untergeordnet wird; gemeint ist vielmehr seine Stellung (Position) zur Welt: der Mensch ist der Welt gleichzeitig gegenübergestellt und befindet sich mitten in ihr, im Zentrum. Plessner spricht davon, daß der Mensch gleichzeitig Zentrum und Peripherie ist. Diese Positionalität ergibt sich aus dem spezifisch menschlichen Verhältnis zu seinem Körper, also aus der Körper-Leibgrenze. In dieser Hinsicht kann man tatsächlich von einer ‚Natur‘ des Menschen sprechen, denn diese Positionalität ist unveränderlich. Das gilt auch für den technischen Zugriff auf den Menschen, gleichgültig ob wir dabei an Cyborgs denken oder an Genexperimente. Selbst geklonte Kopien würden wieder zu Individuen heranwachsen, einfach weil sie noch einen Leib hätten und damit eine Körper-Leibgrenze. Inwiefern dies auch für geklonte Tiere gilt, will ich hier nicht entscheiden. Mir geht es an dieser Stelle vor allem um den Menschen. Nur er hat eine exzentrische Positionalität zur Welt, die sich genetisch prinzipiell nicht manipulieren läßt.

Ohne also wirklich eine klare Vorstellung von dieser exzentrischen Positionalität des Menschen zu haben, findet sich in Anders’ Analysen eine Fülle von Hinweisen darauf. Die Begriffe der Scham als Störung des Identitätsbezugs des Menschen und des prometheischen Gefälles als in der technischen Zivilisation sich öffnender „Kluft“ zwischen seinen Vermögen, die mit der technischen Entwicklung nicht mithalten, entsprechen letztlich dem von Plessner beschriebenen „Hiatus“ zwischen Leib und Körper, zwischen Haben und Sein.

Das prometheische Gefälle, auf das ich hier näher eingehen will, besteht vor allem zwischen „Machen und Vorstellen“ und zwischen „Tun und Fühlen“, woraus sich ein alles menschliche Handeln korrumpierendes Gefälle zwischen „Wissen und Gewissen“ ergibt. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.16) Bei Machen (Herstellen), Tun (Handeln), Vorstellen und Fühlen handelt es sich Anders zufolge um verschiedene Vermögen, die vor der technologisch geprägten und wachstumsorientierten Marktwirtschaft – sagen wir einfachheitshalber: vor dem Kapitalismus – noch in einem menschlichen Näheverhältnis zueinander gestanden hatten.

Dieses vorkapitalistische Näheverhältnis entsprach zwar ebenfalls keiner prästabilisierten Harmonie zwischen diesen Vermögen, insofern es immer auch eine Kluft zwischen Geist und Körper, zwischen Pflicht und Neigung gegeben hatte (und damit befinden wir uns in der Tat mitten in der von Plessner beschriebenen Grenze von Körper-Haben und Körper-Sein!), aber dabei handelte es sich immerhin um eine Differenz, innerhalb deren ein Ausgleich wenigstens noch denkbar gewesen sei: „Ob es der Antagonismus zwischen ‚Geist und Fleisch‘ war, oder zwischen ‚Pflicht und Neigung‘ – wie furchtbar der Streit in uns auch getobt haben mochte, jede Differenz war doch insofern noch immer eine humane Tatsache gewesen, als sie sich eben als Streit verwirklicht hatte ... da die Kämpfenden einander nicht aus den Augen verloren hatten, die Pflicht nicht die Neigung, und die Neigung nicht die Pflicht, war die Fühlungnahme und Zusammengehörigkeit der beiden eben noch verbürgt, war der Mensch noch dagewesen.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.272)

Mit der technischen Zivilisation ist aber nun die Fähigkeit des Machens bzw. Herstellens ins Unendliche gestiegen, während die Fähigkeit, Handlungszusammenhänge zu überblicken und Gefühle und Vorstellungen mit den Folgen des Handelns zu synchronisieren, gleichgeblieben ist: „Jedes Vermögen hat also seine Leistungsgrenze, jenseits derer es nicht mehr funktioniert, bzw. Steigerungen nicht mehr registrieren kann; die Griffweiten der Vermögen befinden sich nicht in Kongruenz.“ (Antiquiertheit Bd.1, 267)

Anders findet hierfür das schöne Bild von den Vermögen, die einander über eine Kluft hinweg zurufen: „... denn man ruft ja über die Gefälle-Kluft hinüber, so als wären die jenseits der Kluft zurückgebliebenen Vermögen Personen; und sie: die Phantasie und das Gefühl, sind es, die hören sollen, oder denen man überhaupt erst einmal ‚Ohren machen‘ will.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.275) – Hier bewegt sich Anders auf der Höhe der Plessnerschen exzentrischen Positionalität: der Mensch wird sich selbst gegenübergestellt.

Im Grunde handelt es sich bei den verschiedenen „Vermögen“, von denen Anders hier spricht, um die schon bekannte Begrifflichkeit von Körper, Seele und Geist. Und ihren Zusammenhang als Ausdruck einer Persönlichkeit habe ich in meinen Posts bislang mit dem Begriff der „Haltung“ beschrieben. Wir haben es also mit einer insgesamt gestörten ‚Homöodynamik‘ zu tun: Jede menschliche Haltung zerbricht angesichts der Bedrohung durch die Atombombe!

Letztlich beschreibt Anders hier aber ein Grundproblem der Wissenschaft, die ja zunehmend als Technologie auftritt und längst nicht mehr nach dem ursprünglichen Ziel der Aufklärung, nämlich nach einem einheitlichen System des Wissens strebt. Von diesem Ziel haben sich die deutschen Universitäten mit dem sogenannten Bolognaprozeß endgültig verabschiedet. Ulrich Beck hatte in seinem Buch zur „Risikogesellschaft“ (1986) eine Neuorientierung der Wissenschaft auf den Menschen gefordert. Der Mensch sollte wieder im Zentrum der Forschung stehen, um sein Überleben sicherzustellen. Eine solche einheitliche Problemstellung hätte bedeutet, daß die einzelnen Disziplinen wieder einen systematischen Zusammenhang erhalten, in dessen Rahmen sie ihren humanitären Beitrag leisten. Aber der entgegengesetzte Trend hat sich durchgesetzt.

Jedenfalls führt uns das technologische Wissen der Wissenschaften in Bereiche einer ‚Welt‘, die dem menschlichen Vorstellungs- und Gefühlsvermögen aufgrund von „Skalierungsproblemen“ prinzipiell fremd bleiben müssen. Mit Skalierungsproblemen sind Größenunterschiede gemeint, die die jeweiligen Gegenstände in etwas qualitativ anderes verwandeln. Das beginnt schon bei der rein mengenmäßigen Überforderung des Mitgefühls angesichts des Leidens und Sterbens Tausender von Menschen. Mit einem oder zweien kann man mitempfinden. Bei Tausenden sind wir schlicht und einfach überfordert. Tausende von Menschen sind einfach ein anderer ‚Gegenstand‘ als ein einzelnes ‚Du‘, das uns anblickt.

So geht es uns auch mit dem unendlich Kleinen und dem unendlich Großen. Welche Möglichkeiten sich z.B. mit der Nanotechnik eröffnen, grenzt nicht nur an Zauberei. Für unser Vorstellungsvermögen ist es Zauberei! Ganz zu schweigen von den gewaltigen Energiemengen, die durch die Zerstörung des kleinsten Elements, dem Atom, freigesetzt werden. Auch die astronomischen Dimensionen des Weltraums übersteigen prinzipiell unser Vorstellungsvermögen. Schon Goethe war davon ausgegangen, daß Teleskope und Mikroskope eine Gefahr für die moralische Verfassung des Menschen bedeuten, weil sie ihn in eine Welt jenseits seines Wahrnehmungsvermögens entführen.

Ein besonders treffendes Bild für diese Situation hat Philip Pullman in seinem Buch „Das magische Messer“ gefunden. Bei dem magischen Messer handelt es sich um ein Instrument, dessen Spitze unsichtbar ist. Mit dieser Spitze kann man im Gefüge von Raum und Zeit ein Fenster öffnen und in jedes beliebige Paralleluniversum schlüpfen. Im abschließenden dritten Band „Das Bernstein Teleskop“ (Hamburg 2001) wird die Gefahr beschrieben, die mit dem Gebrauch dieses Messers einhergeht:
„‚Kannst du die Spitze dieses Messers erkennen?‘
‚Nein‘, räumte Will ein, denn das Messer verjüngte sich in eine so feine Spitze, die mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen war.
‚Wie kannst du dann alles wissen, was es tut?‘“ (S.201)

Es handelt sich hier um genau dasselbe Problem, wenn wir Atomkraftwerke zur Stromerzeugung verwenden. Wir können nicht wissen, was wir tun, weil wir nicht sehen können, was wir tun. Und dieses Problem besteht, weil wir ein grundsätzliches Skalierungsproblem haben, bzw. wie Anders es ausdrückt, ein Problem mit dem prometheischen Gefälle.

Das von Anders beschriebene prometheische Gefälle führt nun zu einer weiteren neuen, so in der Geschichte noch nicht dagewesenen Kluft, die eine neue exzentrische Positionierung des Menschen bewirkt: zur Kluft zwischen den Generationen vor und nach der Entwicklung der Atombombe und ihrem partiellen Einsatz in Hiroshima und Nagasaki sowie zur Kluft zwischen den Generationen, die unter der beständigen Bedrohung dieser Atombombe leben müssen, und jenen Generationen, an die sie diese Bedrohung weitervererben.

Zunächst zur Kluft zwischen uns und unseren Eltern und Voreltern: „Das Wichtigste, was von unseren Eltern, den ‚letzten Menschen‘, gegolten hatte, ist für uns Söhne, die ‚ersten Titanen‘, ungültig geworden; ihre liebsten Gefühle sind uns fremd ...“ (Antiquiertheit Bd.1, S.240) – Hier eröffnet sich eine neue, außerleibliche Kluft, in der sich ganze Generationen exzentrisch positionieren – zur bisherigen Menschheit! Damit ist erstmals auch eine ganze Generation als solche exzentrisch positioniert, was gleichbedeutend damit ist, daß sie zum Handlungssubjekt geworden ist. Das muß man sich mal klar machen: hier tritt ein überindividuelles Handlungssubjekt auf, das existentiell ähnlich strukturiert ist wie der einzelne, individuelle Mensch!

Diese exzentrische Positionierung wird durch den Bezug dieser Generation auf die Zukunft ergänzt: „Das Jahr 1967 ist gewiß für uns ‚Zukunft‘. Aber das Jahr 2500 als Zukunft und die Menschen des Jahres 2500 als unsere Urenkel aufzufassen, sind wir unfähig.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.282) – Wir haben hier eine weitere neue, diesmal in die Zukunft gerichtete Kluft zwischen den Generationen. Allerdings verweist der Begriff der Nachhaltigkeit darauf, daß die Menschheit in früheren Zeiten kein Problem damit hatte, diese Kluft in ihrem Handeln zu berücksichtigen, wodurch sich die Radikalität dieses Zukunftsbezugs doch sehr relativiert. (Vgl. Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, München 2010) Es ist dem Menschen eben doch möglich, die Zukunft von hundert und mehr Jahren in sein Handeln einzubeziehen. Diese Fähigkeit haben wir allerdings im gegenwärtigen Wirtschaftssystem vollständig verloren, und wir müssen sie uns nun erst wieder langsam und mühsam aneignen.

Dennoch gilt, was Anders daraus schlußfolgert: „Was Religionen und Philosophien, was Imperien und Revolutionen nicht zustandegebracht haben: uns wirklich zu einer Menschheit zu machen – ihr (der Bombe – DZ) ist es geglückt.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.308) – Wir haben hier in der Tat eine nicht-idealistische, vielmehr äußerst realistische neue Perspektive auf die Menschheit als Überlebenssubjekt gewonnen. Mit Plessner könnte man sagen: die Menschheit hat sich zur Welt – ob sie es wollte oder nicht und ob sie es will oder nicht – exzentrisch positioniert. Sie muß sich nun als ganzes in einer Welt positionieren, in der es sie entweder weiterhin geben wird oder nicht.

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Donnerstag, 27. Januar 2011

Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)

(Über prometheische Scham, S.21-95; Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen, S.97-211; Sein ohne Zeit. Zu Becketts Stück „En attendant Godot“, S.213-231; Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, S.233-308)

1. Bilder, Phantome und Informationen
2. Falsche Lebenswelten (coram publico)
3. Falsche Lebenswelten (Verbiederung)
4. Falsche Lebenswelten (Produktion)
5. Falsche Lebenswelten (Technik, A & B)
6. Falsche Lebenswelten (persönliche Verantwortung)
7. Mensch und Natur
8. homo ‚excentricus‘
9. Skizzen zu einer ästhetischen Bildung

Anders legt insgesamt eine begrifflich unklare, leicht widersprüchliche Einstellung zur Frage nach der Natur des Menschen an den Tag. Ich führe das zum einen darauf zurück, daß er sich etwas darauf zugute hält, „Gelegenheitsphilosophie“ zu betreiben. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.8, 14; Bd.2 (1980), S.10) Er freut sich darüber, in seinen über mehrere Jahrzehnte hinweg verfaßten, zum Zweck ihrer Publikation im zweiten Band seines Buches zur Antiquiertheit des Menschen zusammengestellten Schriften keine Widersprüche zu finden. Er hat aber nicht vor, daraus nun nachträglich ein System zu machen: „Nichtwidersprüchlichkeit genügt durchaus.“ (Vgl. Antiquiertheit Bd.2 (1980), S.11) – Diese Freude an der Gradlinigkeit des eigenen Denkens ist ihm sehr wohl zu gönnen. Er hat sie sich durch sein nicht minder gradliniges Handeln im Widerstand gegen die atomare Aufrüstung verdient. Dennoch bleibt unter anderem eben deshalb seine Einstellung zu den Grenzen und Möglichkeiten der menschlichen Veränderbarkeit letztlich ungeklärt. Der andere Grund liegt meiner Ansicht nach in seiner Ablehnung von Tier-Menschvergleichen. Dazu aber gleich in diesem Post mehr.

Es ist nicht so, daß Anders nicht klar und deutlich zur Frage nach der Natur des Menschen Stellung nehmen würde. So spricht er von der „Unfestgelegtheit des Menschen“: „Die ‚Unfestgelegtheit des Menschen‘(), d.h.: die Tatsache, daß dem Menschen eine bestimmte bindende Natur fehlt; positiv: seine pausenlose Selbstproduktion, seine nicht abbrechende geschichtliche Verwandlung – macht die Entscheidung darüber, was ihm als ‚natürlich‘ und was als ‚unnatürlich‘ angerechnet werden solle, unmöglich. Schon die Alternative ist falsch. ‚Künstlichkeit ist die Natur des Menschen‘.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.309) – Deutlicher kann man sich wirklich nicht positionieren.

Leider stehen dieser Aussage aber eine Fülle von sie relativierenden anderslautenden Aussagen gegenüber. Mal ist im Zusammenhang der Anpassung des Menschen an die technischen Geräte vom „in seiner Adaptiertheit begrenzte(n), morphologische(n) Typ“ des Menschen die Rede, von einem „Wesen also, das weder durch andere Mächte noch durch sich selbst nach Belieben ummodeliert werden kann ...“ (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.18). Dann heißt es wiederum von unseren Gefühlen, daß sie der technischen Entwicklung „hinterherhummpeln“, weil sie „geschichtlich nicht synchronisiert sind“. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.271) Überhaupt könne „das emotionale Leben auf Grund seiner Langsamkeit geradezu als ‚Natur‘, als das Konstante und Ungeschichtliche im Menschen gelten ...“ (Ebenda, S.271) Und wieder an anderer Stelle spricht Anders von einer „ontischen Mitgift“, womit „alles Nicht-Ichhafte überhaupt“ gemeint sei: „alles Vor-Individuelle, welcher Art auch immer, an dem das Ich, ohne etwas dafür zu können, ohne etwas dagegen tun zu können, teilhat ...“ (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.69)

Angesichts solcher Aussagen zu den Grenzen der Veränderbarkeit des Menschen frage ich mich schon, wie Anders zu der starken These einer praktisch grenzenlosen Veränderbarkeit des Menschen kommt. Noch deutlicher wird die Begrenztheit der von Anders propagierten Gelegenheitsphilosophie, wenn man sich einmal überlegt, was denn wohl mit der „ontischen Mitgift“ anderes gemeint sein kann, als das biologische, also auch tierische Erbe des Menschen und Anders’ Ablehnung von Tier-Menschvergleichen danebenhält. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.69, 81f., 327, 332) Anders hält die „Folie“ des Tierreichs für „fragwürdig. Einmal deshalb, weil es philosophisch gewagt ist, für die Definition des Menschen eine Folie zu verwenden, die mit der effektiven Folie des menschlichen Daseins nicht übereinstimmt: schließlich leben wir ja nicht vor der Folie von Bienen, Krabben und Schimpansen, sondern vor der von Glühbirnfabriken und Rundfunkapparaten. Aber auch naturphilosophisch scheint mir die Konfrontation ‚Mensch und Tier‘ inakzeptabel: die Idee, die Einzelspezies ‚Mensch‘ als gleichberechtigtes Pendant den abertausenden Tiergattungen und -arten gegenüberzustellen und diese abertausende so zu behandeln, als verkörperten sie einen einzigen Typenblock tierischen Daseins, ist einfach anthropozentrischer Größenwahn.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.327)

Zum ersten Argument, daß es nicht angeht, für die Bestimmung des Menschen den Vergleich mit Tieren heranzuziehen, kann man entgegnen, daß es ja genau dieses tierische Erbe ist, das vor der angeblich ‚effektiven‘ Folie von Glühbirnfabriken und Rundfunkapparaten als das nicht Passende erscheint. Hätte Plessner den Menschen nur mit den Ansprüchen technischer Produkte verglichen, wäre er nie auf die exzentrische Positionalität des Menschen gekommen. Auf dieses spezifisch menschliche Merkmal konnte er nur im Pflanzen-Tier-Menschvergleich aufmerksam werden. Dem zweiten Argument kann man zumindestens zugute halten, daß Anders wahrscheinlich nur die unseligen Behavioristen vor Augen hatte. Bei den Behavioristen wurden tatsächlich Menschen auf Tiere reduziert. Aber nicht nur die Menschen wurden reduziert. Auch die Tiere mit ihrem komplexen Verhalten wurden auf mechanische Reflexbögen reduziert. Es geht im Tier-Menschvergleich aber nicht um unspezifische Gleichsetzungen von Menschen und Tieren, sondern um eine artspezifische, methodisch kontrollierte Suche nach Unterschieden.

Auch Plessner hat sich hier gelegentlich ungerechtfertigte Verallgemeinerungen erlaubt, von einer oder mehreren Tierarten auf alle Tiere geschlossen und diese insgesamt als Tierreich dem Menschen gegenübergestellt. Aber auch hier ging es in erster Linie um die Unterschiede, also um das, was den Menschen als Menschen ausmacht, und nicht darum, den Menschen mit ‚den‘ Tieren gleichzustellen.

Der Widerspruchsfreiheit seines Argumentationszusammenhangs, über die sich Anders so freut, schadet jedenfalls dieser Reflexionsverzicht, was allerdings der analytischen Schärfe seiner Aufsätze keinen Abbruch tut. Als schwerwiegender erscheint mir da schon, daß Anders die spezifisch menschliche Bedeutung der Leib-Körpergrenze entgeht, also eben, wie schon angemerkt, die exzentrische Positionalität.

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Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)

(Über prometheische Scham, S.21-95; Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen, S.97-211; Sein ohne Zeit. Zu Becketts Stück „En attendant Godot“, S.213-231; Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, S.233-308)

1. Bilder, Phantome und Informationen
2. Falsche Lebenswelten (coram publico)
3. Falsche Lebenswelten (Verbiederung)
4. Falsche Lebenswelten (Produktion)
5. Falsche Lebenswelten (Technik, A & B)
6. Falsche Lebenswelten (persönliche Verantwortung)
7. Mensch und Natur
8. homo ‚excentricus‘
9. Skizzen zu einer ästhetischen Bildung

Die aus der Verbindung von Technologie und wachstumsorientierter Marktwirtschaft hervorgehenden verschiedenen Formen falscher Lebenswelten, wie wir sie hier anhand der Analysen von Günther Anders zusammengestellt haben, führen nun zu einer entsprechend düsteren Beurteilung der persönlichen, individuellen Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme. Die noch ‚harmloseste‘ Begründung für eine pessimistische Diagnose ist die schon von Wilhelm von Humboldt beklagte Arbeitsteilung, in der der Mensch als mögliches Subjekt von Handlungen gar nicht mehr den Überblick über ganze Handlungszusammenhänge hat. Man kennt das schon aus den arbeitsteiligen Produktionsprozessen in der Fabrik und in der Bürokratie. Für letztere hat man den Begriff des „Schreibtischtäters“ geprägt, was einerseits noch harmlos daherkommt, da hier immerhin noch vom ‚Täter‘ die Rede ist, was aber in Wirklichkeit eine bequeme Entschuldigungsformel beinhaltet, weil die ‚eigentlichen‘ Täter doch woanders zu suchen seien.

Anders spricht hier von einer Art lebensweltlichem Handeln, also einem Handeln, das von einem Kollektivsubjekt in Gang gesetzt wird, das jeden Einzelnen zu einem ‚Mit-Subjekt‘, einem ‚Mit-Täter‘ macht, – letztlich also zu einem Mitläufer: „Die Unterscheidung (zwischen ‚Mit-Tun‘ und ‚Selber-Tun‘ – DZ) ist zweitrangig geworden, das heutige Dasein des Menschen ist zumeist weder nur ‚Treiben‘ noch nur ‚Getriebenwerden‘; weder nur Agieren noch nur Agiertwerden; vielmehr ‚aktiv-passiv-neutral‘. Nennen wir diesen Stil unseres Daseins ‚medial‘.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.287)

Die Medialität dieses Handelns wird, wie wir gesehen haben, auch durch den ‚Vor-Urteilscharakter‘ der technischen Geräte bestimmt, die über unsere eigenen Entscheidungen immer schon ‚vor-entschieden‘ haben (vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.2), so daß wir die Handlungsentscheidungen der technischen Lebenswelt nur noch nachvollziehen können. Das betrifft natürlich insbesondere auch die Folgen, die diese technische Lebenswelt für die Freiheit und die Selbstverwirklichung künftiger Generationen hat. Deshalb formuliert Anders einen kategorischen Imperativ des Habendürfens: „Habe nur solche Dinge, deren Handlungsmaximen auch Maximen deines eigenen Handelns werden können.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.298)

Das lebensweltliche ‚Handeln‘ wird von Anders also auf den Begriff der „Medialität“ gebracht. Paradigmatische Vorbilder dieser Art von Täterschaft bzw. Handeln bilden die in den Nürnberger Prozessen angeklagten Funktionäre des Nationalsozialismus: „Immer wieder konnte man in jenen Prozessen, in denen ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ verhandelt wurden, erleben, daß die Angeklagten gekränkt, bestürzt, ja zuweilen sogar empört darüber waren, daß sie überhaupt als ‚Personen‘ angesprochen, also für die Mißhandlung derer, die sie mißhandelt, und für die Ermordung derer, die sie ermordet hatten, zur Verantwortung gezogen wurden.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.287)

Dieselbe Grundhaltung finden wir übrigens auch in den Debatten über die Klimaveränderung wieder. Kaum jemand möchte in diesem Zusammenhang als verantwortliche Person angesprochen werden. Diese Weigerung finden wir sowohl auf der Ebene des ‚einfachen Mannes‘ auf der Straße als auch dort, wo die offiziell Verantwortlichen zu suchen wären: in der Politik. Auf dieser Ebene wird dann gerne auf die globale Situation verwiesen, in der einzelstaatliche Initiativen keinen Sinn machen würden. Diese Verantwortungsverweigerung vergiftet das gesamte gesellschaftliche Klima und darüberhinaus auch das Verhältnis der Generationen zueinander, weil sich das gegenseitige Mißtrauen – bewegst Du Dich nicht zuerst, bewege ich mich auch nicht – natürlich auch auf das Verhalten zueinander auswirkt. Von meinem Automechaniker, den ich übrigens sehr schätze, hatte ich mir – wir haben ja aktuell wieder einen etwas kälteren Winter – vor kurzem noch die übliche Litanei über die angeblichen Lügen zur Klimaerwärmung anhören dürfen. Dabei gehe es doch nur darum, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Die Atombombe wirkt sich natürlich nun in besonderem Maße auf die persönliche Verantwortungsfähigkeit des Menschen aus. Anders nennt insgesamt vier solche Konsequenzen für den medialen Charakter des menschlichen Handelns: erstens besteht die Existenz nicht nur des Menschen, sondern der Menschheit insgesamt nur noch auf Widerruf, also solange die Bombe eben nicht eingesetzt wird (vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.242); zweitens wird es, wenn die Bombe eingesetzt wird, so sein, als wäre die Menschheit nie gewesen, denn es wird niemanden geben, der ihr nicht-mehr-Sein noch zur Kenntnis nehmen könnte (vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.244); drittens wird es im Falle ihres Einsatzes keine Täter geben, weil die Ausführung des ‚letzten Befehls‘ so viele Vermittlungsschritte beinhaltet, daß kein Einzelner dafür haftbar gemacht werden könnte (von wem auch – es wird ja keiner mehr da sein (vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.245)); viertens führt im Falle eines Einsatzes der Atombombe die schiere Verhältnislosigkeit von Mittel und Zweck zu einem unlösbaren Rechtfertigungsproblem (vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.247ff.).

Aus all dem folgert Anders nun überraschenderweise, daß es aber durchaus eine persönliche Verantwortung der Wissenden gibt. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.256) Anders betont sogar, daß „die wirkliche Schuldfrage nun erst beginnt. Nun erst, weil wir nun wissen, was die Bombe bedeutet. Wie unschuldig bis heute einer auch gewesen sein mag, nun wird er schuldig, wenn er denen, die noch nicht sehen, die Augen nicht öffnet.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.256) – Mit dem Nihilismus der Atombombe geht also die Unschuld des Nur-Wissens – ohne den konkreten Handlungsbezug, das Überleben der Menschheit sicherzustellen – verloren. Alle Wissenden stehen in der Verantwortung, den Nicht-Wissenden die Augen zu öffnen. Man könnte in der Logik dieses Arguments sogar noch weitergehen: es gibt überhaupt kein Wissen mehr, das unabhängig von dem ultimativen Bezug auf die Atombombe noch als Wissen gerechtfertigt werden könnte. Und deshalb gibt es auch kein unschuldiges Nicht-Wissen mehr: kein unschuldiges Nicht-Bescheidwissen mit der Begründung, kein Experte zu sein, oder auch nur aus Desinteresse.

Eine solche Stellungnahme ist angesichts der Diagnose, daß alles Handeln des Menschen nur noch aktiv-passiv-neutral sei, erstaunlich, und man fragt sich, wie Anders eine solche Forderung, den Menschen die Augen zu öffnen, überhaupt begründen kann. Er kann es nicht! Denn dazu müßte er eine Vorstellung von der exzentrischen Positionalität des Menschen haben, und auf die möchte ich in einem meiner nächsten Posts zu sprechen kommen.

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Mittwoch, 26. Januar 2011

Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)

(Über prometheische Scham, S.21-95; Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen, S.97-211; Sein ohne Zeit. Zu Becketts Stück „En attendant Godot“, S.213-231; Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, S.233-308)

1. Bilder, Phantome und Informationen
2. Falsche Lebenswelten (coram publico)
3. Falsche Lebenswelten (Verbiederung)
4. Falsche Lebenswelten (Produktion)
5. Falsche Lebenswelten (Technik, A & B)
6. Falsche Lebenswelten (persönliche Verantwortung)
7. Mensch und Natur
8. homo ‚excentricus‘
9. Skizzen zu einer ästhetischen Bildung

Nachdem es im letzten Post um das mit der technologischen Verlebensweltlichung unseres Wirtschaftssystems einhergehende Verschwinden der Zwecke in den Mitteln gegangen war (A), soll es hier nun (B) mit der ultimativen Zerstörung jedes Zweck-Mittel-Verhältnisses durch die Atombombe um das Verschwinden des Mittelcharakters selbst gehen. Dabei wird es im folgenden um die serienmäßige Produzierbarkeit von Waren, um das unendliche Fortschreiten der technologischen Optionen (Fortschritt) und um das prometheische Gefälle gehen.

Ein Grundprinzip der Wirtschaftsontologie besteht darin, daß, was nur einmal ist, nicht ist: „Einmal ist keinmal; das nur Einmalige ‚ist‘ nicht; der Singular gehört noch zum Nichtsein. Das Axiom klingt widersinnig und ist tatsächlich schwer zu verstehen. Und zwar deshalb, weil, was es als ‚seiend‘ anerkennt, weder das ‚Allgemeine‘ ist, noch das ‚Einzelne‘, sondern etwas Drittes: die Serie ...“ (Antiquiertheit Bd.1, S.180) – Damit dieses Grundprinzip funktioniert, müssen alle Produkte möglichst oft reproduziert werden, um so ihre Wirtschaftlichkeit zu beweisen. Dafür muß es einen entsprechenden Bedarf geben, zu dessen Befriedigung die Produkte als Mittel dienen können, denn sonst werden sie nicht konsumiert. Und wenn sie nicht konsumiert werden, können sie nicht nachproduziert werden.

Dieses Grundprinzip wird von der Atombombe außer Kraft gesetzt. Ihre apokalyptischen Ausmaße beinhalten, daß schon ihr einmaliger Gebrauch einen solchen Schaden anrichten würde, daß danach kein ‚Konsument‘ mehr übrig bliebe, für den neue Atombomben produziert werden könnten. Selbst als ‚Mittel‘ für den zwar ultimativen, aber ebendeshalb nur einmaligen Gebrauch zur Auslöschung der Menschheit scheidet die Atombombe aus wirtschaftsontologischer Perspektive aus. Denn es macht selbst für diesen einmaligen Gebrauch keinen Sinn, die Bombe in ‚Serie‘ gehen zu lassen. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.261)

Die Produzenten der Atombombe sind nun auf den Ausweg verfallen, die Bombe ‚versuchsweise‘ einzusetzen, aus Gründen ihrer ständigen Verbesserung, um zum Beispiel mit dem technologischen Fortschritt des jeweiligen Erzfeindes mitzuhalten. Der Experimentcharakter, der dem ‚versuchsweisen‘ Einsatz von Atombomben zugesprochen wird, ignoriert aber den Umstand, daß Experimente normalerweise in einer kontrollierbaren Form und in einer kontrollierbaren Umgebung mit möglichst wenig bis gar keinem Effekt auf die Umwelt stattfinden: „Jedes Experiment hatte ein isoliertes System konstituiert, einen Vorgang in einem konstruierten Mikrokosmos, dessen Effekt auf den Makrokosmos gleich Null oder uninteressant blieb, wie weitragend auch (da das gestellte Faktum ja ein ‚Gesetz‘ etablierte) die Schlüsse sein mochten, die man aus dem Ergebnis des mikrokosmischen Modellgeschehens ziehen dürfte.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.259)

Die Geschlossenheit des Experimentierfeldes ist bei Atombombenversuchen aber nur ideologisch aufrechtzuerhalten, da hier (wie heutzutage übrigens auch in der ‚grünen‘ Gentechnik) die „Verseuchung durch die ‚Experimente‘“ „heute“ schon „allgemein“ ist. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.260) Jeder Atombombenversuch ist deshalb kein Experiment, sondern unmittelbar Geschichte: „Denn Geschichte kennt keinen Spaß und kein ‚einmal ist keinmal‘.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.261) – So ist also die Atombombe das erste und einzige technologische Produkt in einer „Welt von Mitteln“, das kein Mittel mehr ist. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.248f.)

Damit kommen wir zum zweiten Punkt: ein ‚Gerät‘ wie die Atombombe, deren serienmäßige Produktion und deren beständige technologische Verbesserung schlichtweg keinen Sinn macht, stellt nicht nur den „Geist der Industrie“ in Frage (vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.250), sondern die Grundidee der Moderne: die Fortschrittsidee: „Die Fähigkeit, uns auf ‚Ende‘ einzustellen, ist uns durch den generationenlangen Glauben an den angeblich automatischen Aufstieg der Geschichte genommen worden. Selbst denjenigen unter uns, die an Fortschritt schon nicht mehr glauben.()“ (Antiquiertheit Bd.1, S.277)

Der Begriff des Negativen ist uns nur als dialektisches Prinzip geläufig, wie es der Mephisto in Goethes Faust verkörpert: als Kraft die stets das Böse will, aber stets das Gute schafft. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.278) Ein ultimatives, absolutes Ende, aus dem nichts Neues mehr folgt, übersteigt die Grenzen unserer Vorstellungskraft, womit wir auch schon beim prometheischen Gefälle angelangt wären: unsere Vorstellungskraft hält mit dem, was wir machen können, nicht Schritt.

Der Begriff des Fortschritts ist – nebenbei gesagt – eng verwoben mit dem als unausweichliches Schicksal empfundenen Wirtschaftswachstum. Daß die Wirtschaft wachsen muß, ist trotz der letzten Bankenkrise von 2008 ja nach wie vor aus den Köpfen der Wirtschaftsexperten und der Politiker nicht herauszuoperieren. Wirtschaftswachstum liegt uns gewissermaßen – qua Evolution – in den Genen. Diese Einstellung gehört allerdings zu den Ideologien, die sich, anders als Anders es sich vorstellte, längst nicht mehr „wahrlügen“ können (siehe meinen Post vom 23.01.11), weil die Realität für offene Augen und eine ungetrübte Wahrnehmung längst eine andere ist. Dabei ginge es hier nun wirklich um ein ‚Ende‘, dem unsere Vorstellungskraft prinzipiell gewachsen ist, nämlich um ein Ende des Wachstums (was noch nicht unbedingt gleichbedeutend mit einem Ende des Fortschritts wäre), aus dem nun wirklich etwas Neues hervorgehen könnte. Um sich so etwas vorzustellen, braucht es nur etwas Phantasie.

Kommen wir zum dritten Punkt, dem prometheischen Gefälle. Anders zufolge ist aus der alten bzw. veralteten Bildungsidee der proportio humana längst eine Disproportion geworden. Demnach „sind wir, sofern die Folgen dieses Gefälles uns nicht tatsächlich vernichten, die zerrissensten, die in sich disproportioniertesten, die inhumansten Wesen, die es je gegeben hat. Verglichen mit diesem heutigen Riß, waren die Antagonismen, mit denen der Mensch sich bisher hatte abfinden müssen, tatsächlich harmlos. Ob es der Antagonismus zwischen ‚Geist und Fleisch‘ war, oder zwischen ‚Pflicht und Neigung‘ – wie furchtbar der Streit in uns auch getobt haben mochte, jede Differenz war doch insofern noch immer eine humane Tatsache gewesen, als sie sich eben als Streit verwirklicht hatte ... da die Kämpfenden einander nicht aus den Augen verloren hatten, die Pflicht nicht die Neigung, und die Neigung nicht die Pflicht, war die Fühlungnahme und Zusammengehörigkeit der beiden eben noch verbürgt, war der Mensch noch dagewesen.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.272)

Worin besteht dieses Gefälle? Die Atombombe hat Anders zufolge den Menschen – bei gleichbleibender Morphologie – in eine neue Spezies transformiert, die die Generationenfolge irreversibel unterbrochen hat. (Antiquiertheit Bd.1, S.239ff.) Ihr apokalyptisches Ausmaß, das die endgültige Vernichtung der Menschheit beinhaltet, hat dem heutigen Menschen eine unendliche Macht verliehen, wie sie seine Vorfahren und Eltern nicht besessen haben. Er ist kein Mensch mehr, auch kein Übermensch im Nietzscheschen Sinne: er ist ein Titan. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.240f.) Aber nur hinsichtlich seiner Fähigkeit, zu handeln. Nicht aber hinsichtlich seiner Fähigkeiten, sich die Folgen seines Handelns vorzustellen und Mitgefühl für die davon Betroffenen zu empfinden. Seine Fähigkeiten passen also nicht mehr zueinander: „Da die Vermögen sich von einander entfernt haben, sehen sie schon einander nicht mehr; da sie einander nicht mehr sehen, geraten sie schon nicht mehr aneinander(); da sie nicht mehr aneinander geraten, tun sie einander schon nicht mehr wehe. Kurz: der Mensch als solcher existiert überhaupt gar nicht mehr, sondern nur der Tuende oder Produzierende hier, der Fühlende dort; der Mensch als Produzierender oder als Fühlender; und Realität kommt allein diesen spezialisierten Menschfragmenten zu.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.272)

Die Fähigkeiten des Menschen sind so auseinandergeraten, daß man ihn nicht mehr einfach als bloß Handelnden zur Rechenschaft ziehen kann. Schon sein Nichthandeln macht ihn schuldig. Damit ist nicht etwa gemeint, daß man gegen die Atombombe protestieren und gewaltlosen Widerstand leisten soll. Damit sind die Besitzer der Atombombe gemeint. Von ihnen geht eine virtuelle Gewalt aus, allein dadurch, daß sie sie besitzen, ohne sie anzuwenden. (Antiquiertheit Bd.1, S.250) Denn von der Bombe geht eine Bedrohung aus, als würde sie angewendet, und diese macht alle Menschen auf dieser Erde schon jetzt zu Opfern, noch bevor sie wirklich eingesetzt wird: „Solange der Täter das Gerät (die Atombombe – DZ) nicht abschafft; solange er, einfach dadurch, daß er es hat, mit ihm droht; solange er seine Aktionen, die er zu Unrecht ‚Versuche‘ nennt, fortsetzt, so lange muß er als schuldig angesehen werden. Und zwar, da der Effekt eines Tuns in Annihilation besteht: als schuldig des Nihilismus; des Nihilismus in globalem Maßstab.“ (S.295f.)

So bekommt mit der Atombombe sogar der Nihilismus einen neuen Sinn, den der Annihilation, also den der Vernichtung der Menschheit. Und Nihilisten sind nicht mehr irgendwelche im Untergrund agierenden Einzelkämpfer gegen die jeweils Herrschenden, sondern die Herrschenden selbst, auch wenn sie selbst davon nichts wissen und sich selbst in einem ganz anderen Lichte sehen.

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Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)

(Über prometheische Scham, S.21-95; Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen, S.97-211; Sein ohne Zeit. Zu Becketts Stück „En attendant Godot“, S.213-231; Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, S.233-308)

1. Bilder, Phantome und Informationen
2. Falsche Lebenswelten (coram publico)
3. Falsche Lebenswelten (Verbiederung)
4. Falsche Lebenswelten (Produktion)
5. Falsche Lebenswelten (Technik, A & B)
6. Falsche Lebenswelten (persönliche Verantwortung)
7. Mensch und Natur
8. homo ‚excentricus‘
9. Skizzen zu einer ästhetischen Bildung

Mit dem Thema ‚Technik‘ wollen wir uns hinsichtlich zweier Aspekte beschäftigen: (A) inwiefern die ‚Welt‘ der Geräte (Produkte) den Unterschied von Zwecken und Mitteln hinter sich gelassen hat und (B) inwiefern die Atombombe, jedes Zweck-Mittel-Verhältnis ultimativ zerstört hat.

Zwei Momente führt Anders an, um Welt im eigentlichen Sinne zu kennzeichnen: zum einen muß sie ‚widerständig‘ sein, also dem Handeln des Menschen einen Widerstand entgegensetzen (vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.194), zum anderen muß sie ‚eigenständig‘ sein, d.h. den Zweck-Mittel-Charakter des menschlichen Handelns transzendieren (vgl. ebenda, S.2). Der zweite Punkt wird von Anders nicht eigens ausgeführt. Er spricht nur davon, daß die Welt etwas „kategorial anderes“ ist als bloß ein „Mittel“. Ich erlaube mir aber, dieses kategoriale Anderssein hinsichtlich ihres Transzendenzcharakters auszulegen. Was aber ist mit ‚Transzendenzcharakter‘ gemeint?

Was das erstere Moment, die Widerständigkeit der Welt betrifft, haben wir es gewissermaßen mit einem Alleinstellungsmerkmal von Welt als Gegenstand schlechthin zu tun. Das zweite Moment hingegen, nämlich mehr als nur ein Mittel zu sein, teilt sich die Welt mit der Lebenswelt. Nur müßte man bei der Lebenswelt eher von einem jede Mittelhaftigkeit übersteigenden Sinn- und Bedeutungszusammenhang sprechen. Insofern könnte man auch der Lebenswelt, bezogen auf den Zweck-Mittel-Charakter menschlichen Handelns, eine ‚transzendente‘, nämlich sinnstiftende Funktion zusprechen, während die Welt im eigentlichen Sinne, insofern sie auch nichtmenschliches Leben umfaßt, jede menschliche Sinnstiftung übersteigt.

Wird also das System der Geräte in den Status einer ‚Welt‘ erhoben, so haben wir es hier nicht etwa mit einer Welt im eigentlichen Sinne zu tun, also mit einer Welt die mehr umfaßt, als den Raum und das Material für das menschliche Handeln zur Verfügung zu stellen. Wir haben es vielmehr mit einer weiteren Form der Lebenswelt zu tun, deren notwendige bzw. nicht-notwendige Falschheit daran zu bemessen ist, wer sich im Verhältnis von ‚Gerät‘ und ‚Nutzer‘ als Meister der Sinnstiftung erweist. Dies ist aber letztlich wieder eine Frage des Verhältnisses von Naivität und Kritik. Die Gerätewelt, die Anders beschreibt, ist jedenfalls insofern über jeden Mittelcharakter hinaus, als sie selbst zum Zweck geworden ist, so daß sich jede menschliche Zwecksetzung über ihren ‚Nutzen‘, also ihren Mittelcharakter rechtfertigen muß: „Die Herstellung von Mitteln ist zum Zweck unseres Daseins geworden.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.251) / „Deshalb: eben weil sie keine Mittel sind, gelten Zwecke als zwecklos.“ (Ebenda, S.252) / „Der Zweck von Zwecken besteht heute darin, Mittel für Mittel zu sein.“ (Ebenda, S.252) – Die heutige Universitätslandschaft – insbesondere in Deutschland – bietet dafür ein trauriges Beispiel: Wissen darf nicht mehr mit seiner Selbstzweckhaftigkeit gerechtfertigt werden, sondern muß seine Nützlichkeit unter Beweis stellen. Den Disziplinen, denen das nicht gelingt, werden gnadenlos die (finanziellen) ‚Mittel‘ gestrichen.

Es sind also die technischen Mittel selbst zu Sinnstiftern geworden, was Anders mit der absurd klingenden Beschreibung von Geräten als den eigentlich „‚Begabten‘ von heute“ zum Ausdruck bringt. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.40) Das soll heißen, daß es nicht mehr darum geht, das Potential des Menschen zu entwickeln, sondern das Potential von Geräten, für die der Mensch nur noch als ‚Nutzer‘ in Betracht kommt. Die volle Ausnutzung des Gerätepotentials (ihre ‚Begabung‘) gilt nun als das Ziel gesellschaftlicher Entwicklung. So wurde z.B. in der Zeit der ersten PISA-Studie (2000) der Umstand beklagt, daß es an deutschen Schulen keine oder zu wenige Computer gebe und die Schüler deshalb nicht lernen konnten, sie zu bedienen. An das individuelle Entwicklungspotential der Schüler wurde dabei überhaupt nicht mehr gedacht. – Nebenbei: die damit verbundene pädagogische Grundeinstellung führte zur Gründung einer entsprechenden pädagogischen Subdisziplin: die Medienpädagogik!

Der lebensweltliche Charakter der technischen Mittel wird noch deutlicher an ihrem Vor-Urteilscharakter: „Daß sie (die Rundfunkmedien – DZ) noch ‚Mittel‘ darstellen, davon kann keine Rede sein. Denn zum ‚Mittel‘ gehört wesensmäßig, etwas Sekundäres zu sein; das heißt: der freien Zielsetzung nachzufolgen; ex post, zum Zwecke der ‚Vermittlung‘ dieses Ziels eingesetzt zu werden. Nicht ‚Mittel‘ sind sie, sondern ‚Vorentscheidungen‘: Diejenigen Entscheidungen, die über uns getroffen sind, bevor wir zum Zug kommen.“ (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.2) – Daß dies nicht nur für die von den Rundfunkmedien produzierten ‚Phantome‘ gilt, sondern für alle technischen Geräte schlechthin, ergibt sich schon aus der Andersschen Formel: Phantome sind Waren, Waren sind Vorurteile. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.161f.) Die Gerätewelt tritt also als Sinnressource, im Sinne von Vor-Entscheidungen über menschliches Handeln, an die Stelle der bisherigen Lebenswelt.

Zum eingangs genannten ersten Aspekt unseres Themas gehört schließlich noch, daß aufgrund des technologischen Charakters unseres Wirtschaftssystems die Welt insgesamt nur noch unter dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit wahrgenommen wird. Wo Mittel zu Zwecken geworden sind, werden nicht nur an Universitäten nutzlose ‚Orchideen‘-Fächer abgeschafft, sondern die Welt insgesamt wird zu einem Mittel. Es wird ihr kein Alleinstellungsmerkmal mehr zugestanden: „Unverwertbares ist nicht; oder nicht wert zu sein.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.184) – Dieser Satz bildet einen von zwei Axiomen einer Wirtschaftsontologie; das andere Axiom lautet: „(E)rst im Plural, erst als Serie, ist ‚Sein‘.“ (S.180) Daraus ergibt sich „Was nur ist, ist wie Nichtseiendes.“ – und: „Soll es sein, so muß es geerntet werden.“ (S.188)]

Im Rahmen dieser Wirtschaftsontologie kommt die Natur nur noch als Rohstoff vor: „In gewissem Sinne ist die Wirtschafts-Ontologie also zugleich eine Ethik; eben eine, die sich die Erlösung des Weltchaos aus seinem Zustand der Rohstofflichkeit, der ‚Sündigkeit‘, der ‚Uneigentlichkeit‘ zur Aufgabe setzt ...“ (Antiquiertheit Bd.1, S.185)

Schon in bezug auf diese technische Welt spricht Anders von einem prometheischen ‚Gefälle‘, das allerdings noch der, ebenfalls prometheischen, Scham nahesteht, und mit dem er das Ungenügen des Menschen im Umgang mit seinen perfekten Geräten bezeichnet: „Außer der, im Marxismus behandelten, Differenz zwischen Produktionsverhältnissen und (‚ideologischen‘) Theorien gibt es z.B. das Gefälle zwischen Machen und Vorstellen; das zwischen Tun und Fühlen; das zwischen Wissen und Gewissen; und schließlich und vor allem das zwischen dem produzierten Gerät und dem (nicht auf den ‚Leib‘ des Geräts zugeschnittenen) ‚Leib‘ des Menschen.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.16) – Bei dem Gefälle zwischen technischem Gerät und natürlichem Leib ging es, wie gesagt, vor allem um die Scham. Was das Gefälle zwischen Machen und Vorstellen, Tun und Fühlen, Wissen und Gewissen betrifft, kommen wir nun zum zweiten Aspekt unseres Themas: zur ultimativen Zerstörung des Zweck-Mittel-Verhältnisses schlechthin.

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Dienstag, 25. Januar 2011

Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)

(Über prometheische Scham, S.21-95; Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen, S.97-211; Sein ohne Zeit. Zu Becketts Stück „En attendant Godot“, S.213-231; Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, S.233-308)

1. Bilder, Phantome und Informationen
2. Falsche Lebenswelten (coram publico)
3. Falsche Lebenswelten (Verbiederung)
4. Falsche Lebenswelten (Produktion)
5. Falsche Lebenswelten (Technik)
6. Falsche Lebenswelten (persönliche Verantwortung)
7. Mensch und Natur
8. homo ‚excentricus‘
9. Skizzen zu einer ästhetischen Bildung

Anders spricht von der Warenproduktion als einem Systemzusammenhang (vgl. Antiquiertheit, S.2, 277f.u.ö.), ausdrücklich auch in dem Sinne einer ‚Welt‘, und er fügt hinzu: „Und ‚Welt‘ ist etwas anderes als ‚Mittel‘. Etwas kategorial anderes.“ (Ebenda, S.2) Inwiefern kategorial anders? Jedenfalls nicht im Sinne einer Welt im eigentlichen Sinne, zu der ja Widerständigkeit gehört. (Vgl. Antiquiertheit, S.194) Wir haben es vielmehr mit einer ‚Welt‘ zu tun, in der die Widerstände selbst „heute zu Produkten geworden sind.“ (Vgl. Antiquiertheit, S.200)

Die Ware in der Warenwelt „tendiert“ dazu, „so zu sein, daß sie bei Verwendung handlich, auf Bedürfnis, Lebensstil und Standard zugeschnitten, mund- oder augengerecht ist. Ihr Qualitätsgrad ist durch den Grad dieser ihrer Angemessenheit definiert; negativ ausgedrückt: er hängt davon ab, wie gering der Widerstand ist, den sie ihrem Verwendetwerden entgegensetzt; und wie wenig unverarbeitbare Fremdreste ihr Genuß übrigläßt.“ (Vgl. Antiquiertheit, S.122) – Mit anderen Worten: die Welt der Warenproduktion tendiert zu vollständigen Virtualisierung der Realität, und so gehorcht auch die Entwicklung einer digitalisierten Welt, des Web 2.0, wie wir sie in den letzten Jahren miterleben konnten, genau dieser Logik.

Auch hier haben wir es also mit einer Lebenswelt zu tun, einer Welt, die, wie Anders schreibt, dem Menschen „paßt“ wie ein „Handschuh“ und die er deshalb mit sich trägt, ohne sie zu spüren. (Vgl. Antiquiertheit, S.194) Aber die Diagnose einer zur maßgeschneiderten Kleidung gewordenen Welt (nicht ohne den ironischen Hinweis auf die Konfektionsware) geht Anders noch nicht tief genug. Nicht nur, daß wir die Produkte konsumieren, ohne daß uns noch irgendein „Fremdrest“ an ihre ursprüngliche Welthaltigkeit, an ihren Gegenstandscharakter erinnern würde, – es ist sogar so, daß wir uns über unseren Konsum am Produktionsprozeß beteiligen. (Vgl. Antiquiertheit, S.103) In der zweiten industriellen Revolution haben wir es nicht mit dem Klassenunterschied von Besitzern der Produktionsmittel und den Arbeitern zu tun, sondern alle, auch die Kapitalisten, nehmen über den Konsum am Produktionsprozeß teil, indem sie sich selbst als Produkt in dieser Produktionskette, als Teil der Welt der Produkte mitproduzieren. Das Ergebnis dieser Produktionskette ist schließlich der Konsument bzw. der Massenmensch, der die Produktionskette zu einem Kreislauf schließt, weil die von ihm konsumierten Produkte wiederum nachproduziert werden müssen.

‚Die Produkte bilden einen Systemzusammenhang‘ bedeutet jetzt, daß der Konsument nicht mehr das Zentrum des Produktionsprozesses bildet, so daß von einem bedürfnisorientierten Angebot nur noch in dem invertierten Sinne die Rede sein kann, daß die Produkte selbst zum Zentrum von Bedürfnissen geworden sind. Damit ist zunächst gemeint, daß die Produkte voneinander abhängen („Interdependenz“ (vgl. Antiquiertheit, S.178)). Zur Bedienung und zur Wartung erworbener Produkte bedarf es wiederum anderer Produkte, ohne deren Mitfunktionieren nur ein einzelnes, isoliertes Produkt nicht funktionieren würde. Das ist wie in dem alten Schottenwitz: ein Schotte beklagt sich über ein geschenktes Buch, weil er sich nun eine Leselampe dazukaufen muß. Wenn wir aber nur an unsere PCs und an die unübersehbare Vielfalt der Anwendungen denken, die wir ständig erneuern und ergänzen müssen, so wissen wir sehr genau, um wieviel trauriger die Realität der Warenproduktion inzwischen geworden.

Die Waren haben also inzwischen selbst Bedürfnisse, anstatt unsere Bedürfnisse zu befriedigen: „... unsere Bedürfnisse sind nun nichts anderes mehr als die Abdrücke oder die Reproduktionen der Bedürfnisse der Waren selbst.“ (Antiquiertheit, S.178) – Die Bedürfnisse der Produkte werden so zu Geboten, deren kategorischer Imperativ lautet: „Lerne dasjenige zu bedürfen, was dir angeboten wird!“ (Antiquiertheit, S.172) Und damit kommen wir zum Clou der Andersschen Argumentation: Produkte und Konsument passen wie Original und Kopie – Anders spricht von „Matrize“ – zusammen, wobei das Original in den Produkten besteht und der Mensch nur noch als Kopie vorkommt. (Vgl. Antiquiertheit, S.197)

Aber auch diese Darstellung ist Anders noch nicht düster genug; sie kann den Weltverlust noch nicht deutlich genug zum Ausdruck bringen. So spricht er von reliefartigen Matrizen, die wie Hoch- und Tiefrelief, also wie Zahnränder ineinander passen: „Immer ist der Konsument bereits vorverbildet, immer schon vorbildbereit, immer schon matrizenreif; mehr oder minder entspricht er immer schon der Form, die ihm aufgeprägt werden wird. Jede einzelne Seele liegt der Matrize passend auf, gewissermaßen wie ein Tiefrelief einem ihm korrespondierenden Hochrelief ... Das Hin und Her zwischen Mensch und Welt vollzieht sich also als ein zwischen zwei Prägungen sich abspielendes Geschehen, als Bewegung zwischen der matrizengeprägten Wirklichkeit und dem matrizengeprägten Konsumenten; auf höchst gespensterhafte Weise also, da in ihm Gespenster mit (von Gespenstern hergestellten) Gespenstern umgehen.“ (Antiquiertheit, S.197)

Gründlicher kann man die Kluft, den Hiatus zwischen Mensch und Welt, zwischen Innen und Außen, nicht zum Verschwinden bringen als in dem Bild eines fugenlos ineinanderpassenden Tief- und Hochreliefs. So wie Zahnräder ineinander greifen, greift bei Anders die Produktewelt in die menschliche Form und umgekehrt die menschliche Form in die Zahnräder der ‚Welt‘. Das „Hin und Her“ ist dann nur noch ein Mechanismus, der sich vollzieht, in dem sich aber nichts mehr zum Ausdruck bringt.

An dieser Stelle ist Anders sogar noch radikaler als in seinem Aufsatz über die „prometheische Scham“ (vgl. Antiquiertheit, S.21-95), wo sich der Mensch, der Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl und so schließlich den Menschen in einem langen Prozeß der Aufklärung und der Technisierung an die Stelle der Götter setzte, seiner Menschlichkeit angesichts der Perfektion seiner Produkte zu schämen beginnt. Weil er selbst in seiner Geburtlichkeit, in seiner nicht-gemachten ‚Natürlichkeit‘ unvollkommen und hinter seinen eigenen Produkten zurückbleiben muß, schämt er sich nun vor ihnen, und erweist ihnen damit eine Ehre, die früher einmal den Göttern vorbehalten gewesen war, die er dann in einem Akt der Befreiung sich selber erwies und auf die er nun in einem Akt der Selbsterniedrigung und Selbstverknechtung so leichtfertig verzichtet.

So kraß diese Entwicklung der erneuten Unterwerfung und Entmündigung des nunmehr „antiquierten“ Menschen auch erscheinen mag, – sie ist doch noch nicht so radikal, wie die Darstellung des Menschen und seiner Produkte als ineinandergreifende Zahnräder, die für ein in der prometheischen Scham zum Ausdruck kommendes technisches Ungenügen des Menschen gar keinen ‚Raum‘ mehr läßt. Umso erstaunlicher ist es, daß Anders dennoch einen ‚Rest‘ eines ungestillten Bedürfnisses auf Seiten des Menschen übrigläßt. Er spricht von einem „zweiten Hunger“: „... werden wir so befriedigt, daß die Befriedigung des ersten Bedürfnisses nicht mehr das Ergebnis unserer eigenen Tätigkeit ist, dann fühlen wir uns getäuscht ... dann bricht das ‚zweite Bedürfnis‘, der ‚zweite Hunger‘ aus: nicht Hunger nach Beute, sondern nach Mühsal, nicht nach Brot, sondern nach dessen Beschaffung; nicht nach dem Ziel; sondern nach dem, nun zum Ziel werdenden, Wege.“ (Antiquiertheit, S.199)

Aber auch durch diesen zweiten Hunger wird der Virtualisierungsprozeß von Welt und Lebenswelt nicht wirklich unterbrochen. Denn nun werden die vermißten Widerstände künstlich erzeugt; sie werden, wie schon eingangs erwähnt, selbst zu Produkten. Zu diesem Zweck gibt es Sport und Hobby, wo der Mensch stellvertretend für die verlorengegangene Welt Widerstände überwinden und selbst Dinge produzieren (basteln) kann, als wäre er nicht längst selbst ein Produkt. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.201f.)

Auch hier können wir in der Gegenwart problemlos Weiterungen, Steigerungen dieses Virtualisierungsprozesses finden. Abgesehen von Computerspielen, in denen wir auf Abenteuerreise gehen oder in virtuellen Welten virtuelle Alltagsprozesse durchspielen und durchleben, möchte ich nur auf das Web 2.0 verweisen. Dieses ist nun wirklich nicht nur an die Stelle der alten, widerständigen Welt getreten, sondern es ist sogar längst selbst eine Ersatzform der ‚alten‘ Lebenswelt geworden, in der sich Menschen noch als Menschen begegnen und nicht als Avatare.

Aber dennoch ist der von Anders beschriebene zweite Hunger, der Hunger nach Wirklichkeit, ein viel zu interessantes Phänomen, als daß man wie Anders dabei nur so kurz und relativ oberflächlich verweilen sollte. Schließlich eröffnet sich hier, wie Anders ausdrücklich festhält, „(e)ine gewisse Kluft zwischen angebotenem Produkt und Bedürfnis“; eine Kluft, die, so Anders, stets offenbleibt, denn „restlose Kongruenz der Nachfrage mit dem Angebot gibt es niemals.“ (Vgl. Antiquiertheit, S.171) Von einem nicht nur naht- und fugenlosen, sondern wie Zahnräder ineinandergreifenden Übergang zwischen Produkt und Konsument kann also keine Rede sein.

Was Anders hier entgeht, ist, daß dieser „Hiatus“, diese stets offenbleibende Kluft, so klein und fugenlos er sie sich auch denken mag, dennoch eine Kluft bleibt, eine Grenze zwischen Innen und Außen, an der sich bei Plessner die exzentrische Positionalität des Menschen zeigt. Deshalb mag die Virtualisierung der Lebenswelt noch so sehr die Welt zum Verschwinden bringen, – die Leiblichkeit des Menschen läßt sich nicht zum Verschwinden bringen, und diese wird immer als ein Stück nicht gemachter Welt in den künstlichen Produktionszusammenhang hineinragen. Wo sonst sollte der von Anders angesprochene zweite Hunger nach Selbstwirksamkeit herkommen? Dieser zweite Hunger würde sich selbst dann nicht endgültig stillen lassen, wenn wir den Menschen komplett genetisch manipulieren könnten, weil jede genetische Manipulation die Leiblichkeit des Menschen zugleich voraussetzen und erneuern würde, und der aus ihr, der genetischen Manipulation, hervorgegangene Mensch hätte wieder einen Leib und wäre damit exzentrisch positioniert.

So düster also die Virtualisierung der Lebenswelt (und ich meine Lebenswelt, nicht Welt) als Verhängnis über den Menschen gekommen sein mag, – seine Freiheit ist damit nicht beschädigt worden. Und diese Freiheit ist individuell und mit einem Niesen (Nishitani) oder mit einem Lachen oder Weinen (Plessner) jederzeit aufs Neue gegeben.

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Montag, 24. Januar 2011

Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)

(Über prometheische Scham, S.21-95; Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen, S.97-211; Sein ohne Zeit. Zu Becketts Stück „En attendant Godot“, S.213-231; Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, S.233-308)

1. Bilder, Phantome und Informationen
2. Falsche Lebenswelten (coram publico)
3. Falsche Lebenswelten (Verbiederung)
4. Falsche Lebenswelten (Produktion)
5. Falsche Lebenswelten (Technik)
6. Falsche Lebenswelten (persönliche Verantwortung)
7. Mensch und Natur
8. homo ‚excentricus‘
9. Skizzen zu einer ästhetischen Bildung

Ähnlich wie beim „coram publico“ glaubt Anders mit dem Begriff der „Verbiederung“ einen „Vorgang der Pseudofamiliarisierung“ zu beschreiben, der bislang keinen Namen gehabt hat. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.117) Ich möchte dagegen auch diesen Begriff dem Themenkomplex der Lebenswelt zuordnen, auch hier verbunden mit der Problematik einer Unterscheidung zwischen ihrer notwendigen und nicht-notwendigen Falschheit. Mein Vorschlag für ein entsprechendes Unterscheidungskriterium besteht in einer je individuellen Verhältnisbestimmung von Naivität und Kritik.

Auch Anders stellt seinem Begriff der Verbiederung einen Gegenbegriff zur Seite: den Entfremdungsbegriff, wobei Anders aber lieber von „Verfremdung“ spricht als von „Entfremdung“, da letztere inzwischen im alltäglichen Sprachgebrauch so omnipräsent ist, daß sie schon wieder eine gewisse Vertrautheit ausstrahlt. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.124ff.) Eine entsprechende Zweideutigkeit von Vertrautheit und Fremdheit kennen wir ja auch schon von Plessner, der die Lebenswelt als „von einer verschwimmenden Grenze durchzogen“ beschreibt, „die den Bereich der Vertrautheit von dem der Fremdheit scheidet.“ (Vgl. Lachen/Weinen, S.186) Was bei Plessner aber als ein Phänomenzusammenhang beschrieben ist, in dem Vertrautheit und Fremdheit lediglich als gleichwertige Aspekte einer Lebenswelt auftreten, bildet bei Anders einen Voraussetzungs- bzw. Begründungszusammenhang: Die Verbiederungsphänomene verbergen nur den eigentlichen Entfremdungsmechanismus; d.h. die Entfremdung ist das ursprünglichere, eigentliche Phänomen und die Verbiederung bildet nur eine ihrer Funktionen: „In der Tat besteht ihre (der Verbiederung – DZ) Hauptleistung darin, die Ursachen und Symptome der Verfremdung, deren ganze Misere, abzublenden; darin, den Menschen, den man seiner Welt, und dem man seine Welt entfremdet hat, der Fähigkeit zu berauben, diese Tatsache zu erkennen; kurz darin, der Verfremdung eine Tarnkappe aufzustülpen, die Realität der Verfremdung zu verleugnen, um ihr dadurch die Straße für ihre hemmungslose Tätigkeit frei zu halten ...“ (Antiquiertheit Bd.1, S.124)

„Verbiederung“ geschieht durch den Warencharakter aller täglichen Gegenstände des Gebrauchs und durch die Mediatisierung des täglichen Umgangs über die Rundfunkmedien: „Jede Ware tendiert, so zu sein, daß sie bei Verwendung handlich, auf Bedürfnis, Lebensstil und Standard zugeschnitten, mund- oder augengerecht ist. Ihr Qualitätsgrad ist durch den Grad dieser ihrer Angemessenheit definiert; negativ ausgedrückt: er hängt davon ab, wie gering der Widerstand ist, den sie ihrem Verwendetwerden entgegensetzt; und wie wenig unverarbeitbare Fremdreste ihr Genuß übrigläßt. Da nun auch die Sendung eine Ware ist, muß auch sie in augen- oder ohrengerechtem, in einem optimal genußbereiten, entfremdeten, entkernten, assimilierbaren Zustande serviert werden; also so, daß sie uns als unser Simile, nach unserem Maße Zugeschnittenes, als unsereins anspricht.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.122)

Das Urmodell dieser Welt bildet das „Schlaraffenland“ (vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.194f.). In dieser Verbiederungsutopie verliert die Welt jede Widerständigkeit: „Da die Stücke dieser Welt keinen anderen Zweck haben als den, einverleibt, verzehrt und assimiliert zu werden, besteht der Daseinsgrund der Schlaraffenwelt ausschließlich darin, ihren Gegenstandscharakter zu verlieren; also nicht als Welt dazusein. Und damit ist die heutige ‚gesendete‘ Welt beschrieben. Wenn diese in unsere Augen oder Ohren hineinfliegt, soll sie als ‚eingängige‘ widerstandslos in uns untergehen; unsere, ja sogar ‚wir selbst‘ werden.()“ (Antiquiertheit Bd.1, S.195)

Die Rundfunkmedien tragen zu dieser Verbiederung bei, indem sie alle Ereignisse in der Welt, ungeachtet wie nah oder fern sie sind, gebrauchsfertig (arrangiert) in die Wohnstube liefern. Dabei trägt allein schon die Übertragung einer Atombombenexplosion dazu bei, das apokalyptische Ausmaß eines solchen Ereignisses durch Verbiederung zu verdecken. Was grundsätzlich nicht vorstellbar ist, wird durch die bildliche Übertragung vorstellbar gemacht. Dabei muß man nur an das niedliche Format der Fünfziger-Jahre-Bildschirme denken, die noch zusätzlich durch „Proportionsunterschlagung“ (Antiquiertheit Bd.1, S.153) – Anders spricht auch von „synchronem Nippes“ (Antiquiertheit Bd.1, S.152) – zur Verniedlichung der Atombombe beitrugen, um zu verstehen, wie die von Anders beschriebene „Verbiederung“ durch die Rundfunkmedien funktioniert.

Das Problem der Verbiederungsthese besteht darin, daß sie die Entmündigung der individuellen Urteilskraft auf den geschichtlichen Prozeß der Industrialisierung zurückführt, anstatt zu verstehen, daß die Lebenswelt eine genuine Leistung des menschlichen Bewußtseins bildet. Wo immer Menschen lebten, war auch schon immer Lebenswelt! Deshalb ist die Gefährdung der individuellen Urteilskraft nicht primär geschichtlich, sondern anthropologisch begründet. Genauso wie auch das Gegenprinzip, die exzentrische Positionalität – und damit die Möglichkeit der individuellen Urteilskraft, nicht geschichtlich, sondern anthropologisch begründet ist! Deshalb geraten die Darstellungen der Situation des Menschen im 20. Jhdt. (und seiner Enkel im 21. Jhdt.), was seine individuelle Freiheit/Urteilskraft betrifft, hoffnungsloser, als sie ist.

So hält es Anders z.B. für unmöglich, den Verbiederungsprozeß zu durchschauen. Er selbst entstammt ja noch einer Zeit, in der die Welt noch nicht so durchverbiedert gewesen ist, wie die der fünfziger Jahre. Insofern kann er noch den Vergleich ziehen zwischen früher und der Gegenwart. Wer aber in dieser verbiederten Welt aufwächst, kann ihrem entmündigenden Einfluß prinzipiell nicht entgehen. „So wenig wir das bereits gebackene und geschnittene Brot zuhause noch einmal backen und schneiden können, so wenig können wir das Geschehen, das uns in ideologisch bereits ‚vorgeschnittenem‘, in vorgedeutetem und arrangiertem Zustande erreicht, ideologisch noch einmal arrangieren oder deuten; oder von dem, was ab ovo als ‚Bild‘ geschieht, uns zuhause noch einmal ‚ein Bild machen‘. Ich sage: wir können es nicht: denn ein solches ‚zweites Arrangement‘ ist nicht nur überflüssig; sondern undurchführbar.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.196)

Was Anders hier als „zweites Arrangement“ bezeichnet, nennt Plessner mit Bezug auf Nietzsche „zweite Naivität“. (Vgl. Nation, S.174) Es ist nicht einzusehen, warum eine solche zweite Naivität bzw. ein solches zweites Arrangement nicht möglich sein sollte. Anders’ Behauptung setzt voraus, daß wir dabei nur das eine falsche Bewußtsein (falsche Lebenswelt) durch ein anderes falsches Bewußtsein (falsche Lebenswelt) ersetzen, was ja in gewisser Weise auch richtig ist. Aber dieses zweite falsche Bewußtsein ist nicht mehr dasselbe wie das erste. Es hat sich in eine Gegenüberstellung verwandelt. Wir stecken nicht mehr hilflos in ihm drin und fest, sondern wir stehen ihm nun gegenüber und sind beweglich geworden. Und diese Beweglichkeit bildet unsere Freiheit; wir haben wieder eine Wahl. Das Gegenübergestelltsein des Menschen ermöglicht einen kritischen Umgang mit Naivität, und in diesem Umgang macht es keinen Unterschied, ob diese Naivität falsch ist oder richtig. Die falsche Lebenswelt, also die Verbiederung, besteht in der Weigerung, uns zu ihr in ein Verhältnis zu setzen. Ich sage bewußt Weigerung. Denn hier beginnt unsere eigene Verantwortung, und es liegt an uns, ob wir uns ihr stellen oder nicht.

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Sonntag, 23. Januar 2011

Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)

(Über prometheische Scham, S.21-95; Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen, S.97-211; Sein ohne Zeit. Zu Becketts Stück „En attendant Godot“, S.213-231; Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, S.233-308)

1. Bilder, Phantome und Informationen
2. Falsche Lebenswelten (coram publico)
3. Falsche Lebenswelten (Verbiederung)
4. Falsche Lebenswelten (Produktion)
5. Falsche Lebenswelten (Technik)
6. Falsche Lebenswelten (persönliche Verantwortung)
7. Mensch und Natur
8. homo ‚excentricus‘
9. Skizzen zu einer ästhetischen Bildung

In meinem Post vom 14.12.2010 hatte ich einige Überlegungen zum falschen Bewußtsein angestellt. Diesen Überlegungen folgen nun weitere Überlegungen zur falschen Lebenswelt. Damit möchte ich gleich zu Anfang festhalten, daß ich die Lebenswelt in erster Linie für ein Bewußtseinsphänomen halte und sie deshalb an der notwendigen Falschheit des Bewußtseins ihren nicht minder notwendigen Anteil hat. Zugleich gibt es aber – wie beim Bewußtsein – eine nicht-notwendige Falschheit der Lebenswelt, also eine Falschheit, die vom falschen Gebrauch unseres Verstandes stammt. Und auch hier gilt wiederum die Formel der Aufklärung: wir selbst und unser mangelnder Mut sind schuld an dieser falschen Lebenswelt, und es geht letztlich nur darum, uns zu ihr in ein rechtes Verhältnis zu setzen, um diese nicht-notwendige, überflüssige Falschheit zu überwinden. Daß wir diese Möglichkeit haben, trotz aller verhängten Falschheit von Bewußtsein und Lebenswelt, liegt ausschließlich in dem Umstand, daß der Mensch zu sich und zur Welt exzentrisch positioniert ist.

Es ist äußerst bemerkenswert, daß Anders – der im übrigen von Plessners anthropologischen Arbeiten keine Kenntnis zu haben scheint – gleich in seinem ersten Essay „Über prometheische Scham“ (Antiquiertheit Bd.1, S.21-95) eine Analyse der körperlichen Reaktionsweisen der Scham liefert, die stark an Plessners „Lachen und Weinen“ erinnern, – ohne dabei allerdings im mindesten zur von Plessner beschriebenen „exzentrischen Positionalität“ vorzustoßen. Erinnern wir uns: Plessner beschreibt das Lachen als die Reaktion auf einen gestörten Situationsbezug des Menschen und das Weinen als die Reaktion auf einen gestörten Weltbezug. Anders beschreibt die Scham als die Reaktion auf einen gestörten Identitätsbezug. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.65 u.ö.) Und ganz ähnlich wie Plessner führt dieser gestörte Identitätsbezug zu eine Desorientierung und zu einem Kontrollverlust über die körperlichen Prozesse: „Da nämlich der sich-Schämende mit der widerspruchsvollen Begegnung nicht ‚fertigwird‘, wird auch die Scham selbst nicht fertig.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.66) – Wir werden mit der Scham nicht fertig, und das Gefühl akkumuliert, ohne daß wir diesen Prozeß unterbrechen können. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.28f.) Der Körper übernimmt also die Herrschaft und wo wir vor Scham erst einmal rot geworden sind, werden wir mit ansteigender ‚Hitze‘ immer röter.

Bei Plessner hätte der sich-Schämende noch eine Chance, die Situation zu retten: zu lachen. Das Lachen würde ihn von der Situation lösen und von der unausweichlichen Niederlage befreien, ja, sogar die Niederlage in einen Triumph verwandeln. Und in diesem Moment hätten wir das Äußerste erreicht, was den Menschen zum Menschen macht: wir hätten uns exzentrisch positioniert!

Aber wie gesagt: so weit dringt Anders in seiner Analyse der Scham nicht vor. Seine Analyse bleibt der Scham ‚verhaftet‘. Dafür kommt Anders aber zu einer interessanten Neubestimmung von Intentionalität: als Doppelintentionalität. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.66) Diese Doppelintentionalität besteht zum einen in der schon bekannten intentionalen Ausrichtung auf einen Gegenstand und zum anderen – und das ist die Neubestimmung – in der Ausrichtung auf ein Publikum, die Anders als „coram“ bezeichnet. Coram publico bedeutet, wir schämen uns, weil wir uns immer von einem Publikum beobachtet fühlen. Und sich ‚immer‘ beobachtet fühlen, bedeutet: auch dann, wenn gar kein Publikum anwesend ist: Es gibt „wohl keinen, noch so eremitenhaften, Akt ..., der nicht, wenn auch ahnungslos oder gar modo privativo, einen Hinweis auf jene Mitwelt enthält, mit der er rechnet, vor deren Augen er sich abspielt oder deren Augen er zu vermeiden sucht. Da sich die klassische Phänomenologie Husserls (ohne sich über dieses ihr Auswahlprinzip klar zu sein) fast ausschließlich auf die Analyse derjenigen Akte beschränkte, die dieses ‚coram‘ nicht offen verrieten, mußte ihr Bewußtseinsbegriff immer hart an der Grenze des Solipsismus bleiben.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.67) – Was Husserl betrifft irrt sich Anders allerdings. Denn was beinhaltet der Begriff der Lebenswelt anderes als dieses von Anders beschriebene „coram“?

Wir können uns also auch vor der Welt schlechthin schämen, – und wir können uns sogar vor ‚toten‘ Gegenständen schämen, weil wir uns von ihnen angeblickt fühlen. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.79) Anders geht also wie Plessner davon aus, daß Gegenstände nicht einfach tot, sondern für uns lebendig sind. Wir fühlen uns also immer und überall angeblickt und können diesen Blicken nicht entgehen. Dieses andere Moment der Doppelintentionalität ist also im Unterschied zu jenem einen, direkt auf Gegenstände gerichteten Moment, wesentlich eine negative Intentionalität. Denn anstatt die Gegenstände aufzusuchen, versuchen wir nun, sie zu meiden, uns vor ihnen zu verstecken: „Was die Scham intendiert, ist weder, ihre Instanz zu sehen noch diese nicht zu sehen, sondern von ihr nicht gesehen zu werden. Und das ist eine Beziehung, die sich von dem, was gewöhnlich ‚Intentionalität‘ heißt, so fundamental unterscheidet, daß man eigentlich einen anderen Terminus für sie erfinden müßte.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.67) – Wieder befindet sich Anders ganz dicht bei Plessners Anthropologie, denn von was anderem spricht er hier als von jenem „Noli me tangere“, mit dem Plessner die Seele beschreibt?

Dieses coram publico ist jedenfalls genau die Instanz, die uns daran hindert, unseren eigenen Verstand zu gebrauchen, weil wir uns seiner – schämen, seiner Unzulänglichkeit, seiner Individualität, weswegen auch immer. Dieses coram publico ist jene „massive soziale Realität“, von der Anders an anderer Stelle (vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.204) spricht, und die eine Konkurrenzrealität zur Realität der Natur und zur individuellen Realität unserer Person darstellt. Eine weitere Realitätsebene also, die sich abhebt von jenem materiellen, organischen, psychischen und geistigen Sein, wie es Plessner in „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ beschrieben hat. In unserem Bewußtsein verschränken sich also Gegenstandsbezug und Sozialbezug zu einem Identitätsbezug, – der im Falle des sich-Schämens zusammenbricht, und immer weiter zusammenbricht, ad infinitum. Anders’ Doppelintentionalität bezeichnet letztlich genau jene Differenz zwischen individuellem und kulturellem Denken, die Michael Tomasello in seinem Buch „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens“ (2002) beschreibt.

Diese wechselseitige Verschränkung doppelter Intentionalität wird von Anders, wie schon angedeutet, in schicksalshafter Ausweglosigkeit entfaltet. Diese Ausweglosigkeit ist aber allein dem Umstand geschuldet, daß Anders offensichtlich keine Kenntnis von Plessners Anthropologie hatte. Welche Möglichkeiten sich vom Standpunkt einer exzentrischen Positionalität aus eröffnen, werden wir noch erörtern.

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Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd.1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 7/1988 (1956)

(Über prometheische Scham, S.21-95; Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen, S.97-211; Sein ohne Zeit. Zu Becketts Stück „En attendant Godot“, S.213-231; Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, S.233-308)

1. Bilder, Phantome und Informationen
2. Falsche Lebenswelten (coram publico)
3. Falsche Lebenswelten (Verbiederung)
4. Falsche Lebenswelten (Produktion)
5. Falsche Lebenswelten (Technik)
6. Falsche Lebenswelten (persönliche Verantwortung)
7. Mensch und Natur
8. homo ‚excentricus‘
9. Skizzen zu einer ästhetischen Bildung

Vergeßt Beaudrillard mit seiner „Agonie der Realität“ und die ganze Postmoderne der achtziger Jahre. Schon gut zwei Jahrzehnte vorher, in den fünfziger Jahren, hat Günther Anders mit der Antiquiertheit des Menschen derart revolutionäre, weil das bisherige Selbstverständnis des Menschen umwälzende Analysen zur proportio humana geliefert, daß sie danach von niemandem, auch nicht von Hans Jonas mit seinem Prinzip Verantwortung, überboten werden konnten. Anders’ Analysen wurden bislang auch nicht widerlegt und durch die eingetretenen Entwicklungen zumindestens teilweise bestätigt. Dabei ist es weniger erstaunlich, wie sehr Günther Anders bei aller denkerischen und analytischen Konsequenz noch den Mief der fünfziger Jahre atmet, – man denke nur an seine höchst peinlichen, seitenlangen Ergüsse zum Jazz als Epiphänomen der industriellen Fließbandproduktion. Viel erstaunlicher ist es, daß dieser Mief, den ich vielleicht weniger wertend einfach Zeitgeist nennen sollte, ihn nicht daran gehindert hat, die innere Selbständigkeit zu bewahren und Entwicklungen zu beschreiben und vorherzusagen, wie sie uns bis heute bestimmen und sich sogar noch verschärft haben. Ob er das technologische Potential, wie wir es heute vor Augen haben, im einzelnen wirklich so vorhergesehen hat, ist dabei wiederum weniger erheblich, als daß er die ihm innewohnende Absurdität, den gedankenlosen Nihilismus, klar durchschaut und auf den Begriff gebracht hat.

An den Anfang meiner folgenden Posts möchte ich Anders’ Analyse des Rundfunks (Radio und TV) stellen. Dabei steht der Begriff des Bildes im Zentrum, von dem Anders zwei weitere Begriffe ableitet, die er eng mit den Rundfunkmedien verknüpft: die Begriffe des Phantoms und der ‚Nachricht‘. Für den letzteren Begriff werde ich im folgenden den Begriff der Information verwenden. Anders definiert das Bild als Repräsentation abwesender Gegenstände. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.131) Sein ontologischer Status ist eindeutig: es selbst ist nur insofern anwesender Gegenstand, als es abwesende Gegenstände re-präsentiert. Da Anders hier aber ausdrücklich keine Ästhetik, keine Theorie des ästhetischen Gegenstandes liefern will, geht er nicht weiter auf diesen Charakter des Bildes als ästhetischen Gegenstand ein und nutzt ihn nur als Folie für seine weitere Auseinandersetzung mit dem Rundfunkmedien.

Dabei differenziert Anders zwischen Radio und TV hinsichtlich ihrer Funktion, über aktuelle Ereignisse zu berichten. Während das Fernsehen nämlich wiederum ‚Bilder‘ liefert, also nicht die Ereignisse selbst – die ‚Abwesenheit‘ der Ereignisse im TV-Bild im Vergleich zum Radio wird hier vorerst noch nicht in Zweifel gezogen –, so liefert das Radio Anders zufolge die Ereignisse selbst: „Auch das Grammophon präsentiert uns ja kein Bild der Symphonie, sondern diese selbst. Kommt eine Massenversammlung zu uns übers Radio, so ist, was wir zu hören meinen, kein ‚Bild‘ der lärmenden Menge, sondern deren Lärm, auch wenn die Menge selbst uns nicht physisch erreicht. – Außerdem aber befinden wir uns, es sei denn es werde ein Kunstwerk (etwa ein Drama) einschließlich seines Scheincharakters übertragen, als Zuhörer in einer nichts weniger als ästhetischen Haltung: Wer den Fußballmatch abhört, tut es als erregter Parteigänger ...“ (Antiquiertheit Bd.1, S.130f.)

Soweit scheint also das Radio paradoxerweise ein ‚Medium‘ der ‚Unmittelbarkeit‘ zu sein. Denn die Täuschung, daß wir es mit den im Radio präsentierten Ereignissen unmittelbar und nicht etwa mit inszenierten, arrangierten Ereignissen zu tun haben, wird ja im TV-Bild schon durch dessen Bildcharakter verhindert. Allein der Bildschirm verweist ja schon auf den medialen Charakter der gesendeten Ereignisse. Nie wäre man z.B. darauf reingefallen, daß die berühmte Invasion vom Mars in dem Orson-Welles-Hörspiel ein wirkliches Ereignis darstellte, wäre es kein Hörspiel, sondern ein Fernsehspiel gewesen.

Aber so ist es Anders zufolge eben nicht. Nicht nur Radiosendungen, sondern auch die im Fernsehen berichteten Ereignisse haben einen ontologisch zweideutigen Status. (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.131) Das liegt vor allem daran, daß auch sie den Informationscharakter der gesendeten Nachricht verbergen. Dieser Informationscharakter besteht in der Ur-Teilung jedes wahrgenommenen, also unmittelbar und als Ganzes anwesenden Gegenstandes in zwei Komponenten: in Subjekt (S) und Prädikat (p). (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.157) Subjekt ist dabei der gemeinte, also der wahrgenommene (anwesende) Gegenstand, und Prädikat ist das, was an diesem Gegenstand aktuell für uns interessant ist. Jede Radio- und Fernsehsendung vollzieht so eine Ur-Teilung des Ereignisses: wir hören und wir sehen davon nur genau das, was uns in Form einer Inszenierung davon gezeigt wird. Diese Inszenierung ist das ‚p‘ des eigentlichen Ereignisses.

Aber als Zuhörer und Zuschauer entgeht uns diese Inszenierung, dieser Urteilscharakter der gesendeten Nachricht. Wir haben den Eindruck, das ganze Ereignis als solches zu hören bzw. zu sehen. Und die Radio- und TV-Macher legen es auch genau darauf an, diesen Eindruck zu verstärken und jeden Verdacht auf die Künstlichkeit der Sendung zu unterbinden. So kommt es dazu, daß wir gar nicht mehr auf den Gedanken kommen, uns unsere eigenen Gedanken zu machen, unseren eigenen Verstand zu gebrauchen. Die ontologische Zweideutigkeit der Rundfunkproduktionen versetzt uns in einen – alles andere als ästhetischen – Zustand, „in dem die Unterscheidung zwischen Ernst und Unernst nicht mehr gilt, und in dem der Hörer die Fragen: in welcher Weise das Gesendete ihn angehe (ob als Sein oder Schein, ob als Information oder als ‚fun‘) oder als wer er die ihm eingehändigte Lieferung in Empfang nehmen solle (ob als moralisch-politisches Wesen oder als Mußekonsument) nicht mehr beantworten, ja sich nicht einmal mehr vorlegen kann.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.142f.)

Können wir also bei Bildern normalerweise sehr wohl zwischen Abwesendem und Anwesendem unterscheiden, so daß wir eine entsprechende Haltung ihnen gegenüber einnehmen, nämlich eine ästhetische, so werden die neuen ‚Bilder‘, die uns die Rundfunkmedien liefern, ontologisch zweifelhaft. Eigentlich haben wir es mit Informationen zu tun, mit deren Urteilscharakter wir eigentlich keine Probleme haben. Nie würden wir die Information „Dein Keller ist überflutet!“ für die Wirklichkeit selbst halten. Vielmehr werden wir sofort versuchen, uns selbst ein Bild darüber zu machen und natürlich auch erste Maßnahmen zur Trockenlegung einleiten, je nach dem ob es sich um einen Wasserrohrbruch oder um ein Überschwemmungsgebiet handelt. Wenn wir dann aber letztlich feststellen, daß es sich nur um einen gerademal bis an die Fußknöchel reichenden Wasserstand handelt, der unser in Regalen gelagertes Hab und Gut nicht weiter bedroht, so werden wir dem Informanten daraus sicher keinen Vorwurf machen. Unser eigenes Urteil über den möglichen Schaden deckt sich vielleicht nicht mit dem Urteil des Informanten, der uns zwischenzeitlich ganz schön in Panik versetzt haben mag; aber dennoch war die Information völlig korrekt.

So wie wir also zwischen Informationen und Ereignissen sehr wohl unterscheiden können, können wir das bei Nachrichtensendungen eben nicht so einfach. Und deshalb bezeichnet Anders die von Nachrichtensendungen übermittelten ‚Bilder‘ als ‚Phantome‘. Sie haben den Charakter von ‚Phänomenen‘, sind aber so arrangiert, daß sie weder Bilder noch Phänomene sind, sondern eben Phantome. Und das im doppelten Sinne: denn sie bringen nicht nur „die Welt unter ihrem Bilde zum Verschwinden“ (vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.153f.), sondern unter dem Diktat der Rundfunkmedien werden schon die Ereignisse selbst so arrangiert, daß sie zu Phantomen werden, noch bevor sie gesendet werden. Am Beispiel des Politikers, der ein Lächeln aufsetzt, wenn sich eine Kamera auf ihn richtet, am Beispiel des Photomodells, das ihren Körper mit Hilfe aller zur Verfügung stehenden „Selbstverwandlungstechniken“ (Antiquiertheit Bd.1, S.275 (der Ausdruck erinnert nicht von ungefähr an Sloterdijks „Du mußt dein Leben ändern“)) so zurichtet, daß er den medialen Erfordernissen entspricht, und mit vielen anderen Beispielen veranschaulicht Anders, wie die Ereignisse von vornherein so zugerichtet werden, daß sie sich überhaupt nur ereignen, wenn sie sich fernsehgerecht ereignen: „Unsere heutige Welt ist ‚post-ideologisch‘, das heißt: ideologie-unbedürftig. – Womit gesagt ist, daß es sich erübrigt, nachträglich falsche, von der Welt abweichende Welt-Ansichten, also Ideologien, zu arrangieren, da das Geschehen der Welt selbst sich eben bereits als arrangiertes Schauspiel abspielt. Wo sich die Lüge wahrlügt, ist ausdrückliche Lüge überflüssig.“ (Antiquiertheit Bd.1, S.195)

Letztlich sind also nicht nur die Fernseh-‚Bilder‘ Phantome, bei denen wir nicht mehr zwischen der Ab- und Anwesenheit der Ereignisse unterscheiden, sondern die Ereignisse selbst werden zu Phantomen, weil über ihre Anwesenheit nicht mehr unsere Wahrnehmung entscheidet, sondern die Kamera.

Die Ereignisse werden eigens für die Fernsehsendungen arrangiert, heißt letztlich, daß sie Warencharakter annehmen: sie werden produziert, um konsumiert zu werden. Und Waren sind wiederum, nach der ‚S und p‘-Formel, Vor-Urteile (vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.161ff.), die wir als Zuhörer und Zuschauer mitkonsumieren und aufgrund des damit einhergehenden Verstandverzichtes davon in unserem Denken und in unserer Wahrnehmung geprägt werden. Hier schließt sich der Kreis, der keine Lücke aufweist. Wir werden sehen, inwiefern Anders dennoch auf solche ‚Lücken‘ in der Selbstproduktion des warenförmigen, surrealen Menschen zu sprechen kommt, ohne ihnen allerdings die volle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die sie verdienen.

Abschließend möchte ich noch kurz auf die Unterscheidung zwischen Bildern und Informationen zu sprechen kommen. Anders verweist in diesem Zusammenhang auf den früheren Zeitungsleser, der noch zwischen Informationen und Ereignissen unterscheiden konnte und nur hinsichtlich des ontologischen Status seiner Erinnerungen verunsichert werden konnte, wenn z.B. „ein Inhalt in den Vorratskeller seines Wissensbestandes abgesunken ist, ... ob er diesen einer direkten oder einer indirekten Erfahrung verdanke.“ (Vgl. Antiquiertheit Bd.1, S.159) Anders’ Hinweis auf den Vorratskeller ist interessant: der Gedanke liegt nahe, daß Informationen im ‚S ist p‘-Format bei der Abspeicherung im Gedächtnis in Bilder umgewandelt werden (entsprechendes kann man bei Damasio nachlesen) und so ihren Informationscharakter verlieren! Dieser Gedanke ist deshalb naheliegend, weil es dem Bewußtsein immer auf den vollständigen Gegenstand ankommt, also auf das ‚S‘ und nicht auf das ‚p‘. Das Gedächtnis müßte also genau auf dieser Basis funktionieren: Informationen so abzuspeichern, als wären sie Gegenstände.

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Samstag, 8. Januar 2011

Ausdruck und Sinn

Waldenfels wendet sich gegen den „Dualismus eines Außen oder Innen“ (vgl. ders., Das leibliche Selbst. Vorlesungen zur Phänomenologie des Leibes, Frankfurt a.M. 2000, S.224), ohne dabei auch nur in Betracht zu ziehen, daß es noch andere, nicht-dualistische Verhältnisbestimmungen geben könnte: z.B. Innen und Außen als Wechselverhältnis bzw. als Doppelaspektivität. Dieses Wechselverhältnis stellt keinen Dualismus dar, noch nicht mal eine Dialektik, sondern lediglich Richtungen von Bezugnahmen auf den Menschen und auf die Welt. Als skurril empfinde ich es, wenn Waldenfels einerseits glaubt, „über den Gegensatz von Innen und Außen hinaus“ zu sein (vgl. Waldenfels 2000, S.219), aber andererseits ganz naiv von Stoffwechselprozessen (vgl. Waldenfels 2000, S.253) spricht, also von grundlegenden Lebensmechanismen, die ganz entschieden von der Homöodynamik zwischen Innen und Außen abhängen. Und nicht mehr nur als skurril, sondern als besonders ärgerlich empfinde ich es aber, wenn sich Waldenfels dabei auf Plessners exzentrische Positionalität bezieht (vgl. Waldenfels 2000, S.254), der nicht von ungefähr diese Doppelaspektivität von Innen und Außen unter anderem eben auch an den Stoffwechselprozessen lebendiger Organismen entwickelt hat (vgl. „Stufen“, S.197ff.).

Ich habe deshalb einige Zitate von Waldenfels und Plessner zum Begriff des Ausdrucks beispielhaft zusammengestellt, um daran die grundsätzliche Differenz zwischen Waldenfels und Plessner deutlich zu machen. Beginnen wir mit Waldenfels:
„Ausdruck bedeutet nicht einfach ein Nachaußentreten dessen, was ich innerlich bereits habe, sondern der Ausdruck ist die Realisierung des Sinnes; er bedeutet nicht das äußerliche Sichtbarwerden eines Sinnes, der innerlich schon vorhanden wäre.“ (Waldenfels 2000, S.222) / „Traditionell gesagt geht es (im ‚leiblichen Ausdruck‘ – DZ) um die Selbstdarstellung des Subjekts, obwohl ich dieses Wort nach Möglichkeit vermeide.“ (Waldenfels 2000, S.228)
Zwei wesentliche Momente sind in den zwei Zitaten von Waldenfels zum Begriff des Ausdrucks angesprochen: der Sinn geht völlig in seiner Realisierung im Ausdruck auf. Es bleibt nichts Ungesagtes zurück. Was auch immer mit ‚Sinn‘ gemeint sein mag, zwei Aspekte seiner möglichen Bedeutung bleiben hier ausgeblendet: die Differenz zwischen Gemeintem und Gesagtem (Bedeutung) und die Differenz zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem (Referentialität). Wo Sinn im ‚Ausdruck‘ voll und ganz, ohne Rest, realisiert wird, kann es Differentialität nur noch im Ausgesagten selbst geben – z.B. im Sinne einer différance (Derrida) –, aber nicht mehr zwischen Ausgesagtem und Ungesagtem.

Das zweite Moment betrifft die „Selbstdarstellung des Subjekts“ im „leiblichen Ausdruck“: Waldenfels bekundet dabei seine feste Absicht, es möglichst zu vermeiden, vom ‚Subjekt‘ zu sprechen. Was immer auch ‚sich‘ im Leib auf welche Weise auch immer zum ‚Ausdruck‘ bringen mag, es kommt dabei Waldenfels zufolge kein Inneres zum Ausdruck, „als hätten wir innen etwas, das nach außen gedrückt wird“ (vgl. Waldenfels 2000, S.223f.).

Als nächstes folgen zwei Zitate von Plessner:
„Adäquatheit der Äußerung als einer das Innere wirklich nach außen bringenden Lebensregung und ihre wesenhafte Inadäquatheit und Gebrochenheit als Umsetzung und Formung einer nie selbst herauskommenden Lebenstiefe –, diese scheinbare Paradoxie läßt sich nach dem Gesetz der vermittelten Unmittelbarkeit ebenso verstehen und als bindend für das menschliche Dasein erweisen wie die scheinbare Paradoxie des Realitätsbewußtseins auf Grund der Immanenz.“ (Stufen, S.333f.) / „Der Abstand des Zielpunktes der Intention vom Endpunkt der Realisierung der Intention ist eben das Wie oder die Form, die Art und Weise der Realisierung. Jede Lebensregung der Person, die in Tat, Sage, oder Mimus faßlich wird, ist daher ausdruckshaft, bringt das Was eines Bestrebens irgendwie, d.h. zum Ausdruck, ob sie den Ausdruck will oder nicht. ... Nicht liegt hier der Inhalt und dort die Form, wie es der Berufsmensch gewöhnt ist, der zu einem Ziel bestimmte Methoden wählt. Die Vorwegnahme der Form, ihre Berechnung ist nur da möglich, wo der Mensch über die Wirklichkeit schon Bescheid weiß und seinen Intentionen die Erfüllungen garantiert sind. Die Form dagegen, von der als dem Abstand zwischen Zielpunkt der Intention und Endpunkt der Realisierung die Rede ist, läßt sich eben deshalb nicht vorwegnehmen, vom Inhalt wegnehmen und auf den Inhalt stülpen, sie ergibt sich in der Realisierung. Sie widerfährt dem Inhalt, der nur das während der Realisierung durchgehaltene Ziel des Bestrebens ist. Und weil es auf diese Weise eine Kontinuität zwischen Intention und Erfüllung gibt trotz der vorher nicht bekannten und wesensmäßig nie für sich gegebenen Brechung des Intentionsstrahls im Medium der seelischen und körperlichen Wirklichkeit, hat das Subjekt ein Recht von einem Gelingen seines Bestrebens zu sprechen.“ (Stufen, S.337f.)
‚Ausdruck‘ bzw. ‚Äußerung‘ bedeutet bei Plessner zunächst einmal genau das, was das Wort ‚aus-drückt‘, nämlich eine das „Innere wirklich nach außen bringende() Lebensregung“. Diese Bewegung ist nun aber zugleich in sich gebrochen, da sie nie adäquat in eine Form (Äußerung) umgesetzt zu werden vermag! Diese „Inadäquatheit“ ist „wesensmäßig“, so daß der Ausdruck das Innere einer Lebensregung nur insofern ‚adäquat‘ umzusetzen vermag, daß in der mißlingenden Form, im Versagen der Äußerung, der ursprüngliche Sinn erst sichtbar werden kann, – als unauslotbare „Lebenstiefe“. Indem also der „Zielpunkt“ des zugrundeliegenden „Intentionsstrahles“ und der „Endpunkt“ der Äußerung auseinanderfallen, ist Sinn eben nicht mehr gleich Sinn, weil es nämlich zwischen Gemeintem und Gesagtem eine unendliche Differenz gibt. Darüberhinaus ist Plessner zufolge jede Lebensregung einer Person zugleich eine Lebensäußerung, „ob sie den Ausdruck will oder nicht“. Expressivität bildet also eine Grundform exzentrischer Positionalität.

Daß dennoch Inhalt und Form, Zielpunkt und Endpunkt einer Äußerung nicht einfach beziehungslos auseinanderfallen, daß es also „eine Kontinuität zwischen Intention und Erfüllung gibt“, liegt am durchgehaltenen „Intentionsstrahl“ eines Subjekts der Äußerung, das von seinen Intentionen nur weiß aufgrund der Brechung, die ihnen im „Medium der seelischen und körperlichen Wirklichkeit“ widerfährt, also als Ent-Äußerung von innen nach außen und von außen nach innen, von der ‚Seele‘ zum ‚Körper‘ (leiblicher Ausdruck) und vom Ich (Subjekt) zum Du (anderes Subjekt) und zurück.

An dieser Gegenüberstellung von Waldenfels und Plessner sollte deutlich geworden sein, daß es eine Verhältnisbestimmung von Innen und Außen jenseits des Entweder-Oder gibt und daß diese Doppelaspektivität grundlegend ist, wenn man der Leib-Körpergrenze und ihrer Bedeutung für das Menschsein auf die Spur kommen will.

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